Menschen mit Bluthochdruck, erhöhtem Cholesterin, Herzinfarkt oder koronarer Herzkrankheit gaben in einer großen US-Umfrage an, ganzes Obst etwas seltener zu essen als Menschen ohne diese Diagnosen. Das zeigt eine Auswertung von Daten aus dem Jahr 2019 mit 371.038 Erwachsenen, die 2026 in der Fachzeitschrift Current Developments in Nutrition erschienen ist. Die Unterschiede sind klein, und die Studie ist eine Querschnittsanalyse: Sie kann weder belegen, dass wenig Obst Herzkrankheiten verursacht, noch das Gegenteil. Dieser Beitrag erklärt, was die Daten zeigen, wie sie einzuordnen sind und was Leitlinien zu Obst und Fruchtsaft empfehlen.
Wie die Studie aufgebaut ist
Die Forschenden der University of North Dakota, unter Beteiligung des Agricultural Research Service des US-Landwirtschaftsministeriums, werteten Daten des Behavioral Risk Factor Surveillance System (BRFSS) aus. Das ist eine telefonische Gesundheitsbefragung in den USA. 2019 nahmen 418.268 Erwachsene teil; nach dem Ausschluss unvollständiger Datensätze und Extremwerte blieben 371.038 übrig.
Die Teilnehmenden gaben selbst an, ob bei ihnen Bluthochdruck, hohes Cholesterin, ein Herzinfarkt, Angina pectoris oder koronare Herzkrankheit (KHK) oder ein Schlaganfall ärztlich festgestellt wurde. Zudem beantworteten sie, wie oft sie Obst (ohne Säfte) essen und wie oft sie 100-Prozent-Fruchtsaft trinken. Erfasst wurde die Häufigkeit, nicht die Menge pro Verzehr.
Ungewöhnlich ist die Fragestellung. Üblicherweise untersucht man, ob der Obstverzehr spätere Erkrankungen beeinflusst. Hier wurde umgekehrt verglichen, wie sich der Verzehr zwischen Menschen mit und ohne Diagnose unterscheidet. Die Autorinnen und Autoren räumen selbst ein, dass die Analyse nicht darauf ausgelegt ist, die vorhandene Evidenz zu Obst und Herzgesundheit zu erweitern.
Die wichtigsten Ergebnisse
Ganzes Obst
Im Durchschnitt aßen die Befragten 1,06 Mal pro Tag Obst. Vor der statistischen Bereinigung war der Verzehr bei Bluthochdruck, hohem Cholesterin, Herzinfarkt, KHK und Schlaganfall jeweils geringer als in den Vergleichsgruppen.
Nach Berücksichtigung von Alter, Bildung, Einkommen und Rauchstatus blieb der Unterschied für Bluthochdruck, hohes Cholesterin, Herzinfarkt und KHK bestehen. Beim Schlaganfall war er nicht mehr statistisch signifikant.
Die Abstände sind gering: Die bereinigten Schätzwerte unterschieden sich um etwa 0,05 bis 0,09 Mal pro Tag. Rechnerisch entspricht das einem Verzehrzeitpunkt weniger alle elf bis 20 Tage.
Fruchtsaft
Beim Saft ist das Bild uneinheitlich. Die Teilnehmenden tranken im Schnitt 0,30 Mal pro Tag Saft. Ohne Bereinigung war der Konsum bei Bluthochdruck, Herzinfarkt, KHK und Schlaganfall höher, bei hohem Cholesterin niedriger.
Nach der Bereinigung blieben zwei Unterschiede: Wer hohes Cholesterin angab, trank etwas seltener Saft (etwa 0,02 Mal pro Tag). Wer einen Herzinfarkt angab, trank etwas häufiger Saft (etwa 0,04 Mal pro Tag). Bei Bluthochdruck, KHK und Schlaganfall blieb kein signifikanter Unterschied.
Das Team hatte erwartet, dass Menschen mit ungünstigeren Herz-Kreislauf-Werten häufiger Saft trinken. Bestätigt hat sich das nur in Teilen.
Warum sich keine Ursache ableiten lässt
Eine Querschnittsstudie erfasst nur einen Zeitpunkt. Sie kann nicht zeigen, ob ein Verhalten der Diagnose vorausging oder darauf folgte. Denkbar ist, dass Menschen nach einer Diagnose ihre Ernährung umstellen. Die Autoren nennen das als mögliche Erklärung, geprüft haben sie es nicht.
Weitere Einschränkungen nennt die Studie selbst:
- Alle Angaben beruhen auf Selbstauskunft und Erinnerung.
- Erfasst wurde nur die Häufigkeit, nicht die Menge.
- Gesüßte Getränke könnten fälschlich als Saft angegeben worden sein.
- Die Cholesterinfrage unterscheidet nicht zwischen LDL-, HDL- und Gesamtcholesterin.
- Die Teilnehmenden sind nicht repräsentativ für die US-Bevölkerung.
- Körperliche Aktivität, Body-Mass-Index sowie der Verzehr von Vollkorn und Gemüse wurden nicht berücksichtigt, Begleiterkrankungen nicht erfasst.
Zur Transparenz: Der Erstautor ist laut Studie bei dem Unternehmen VDF FutureCeuticals angestellt und hat Zuschüsse zu Studiengebühren erhalten. Die übrigen Autoren erklären keine Interessenkonflikte. Das ist kein Beleg für eine Verzerrung, gehört aber zur vollständigen Einordnung.
Was die übrige Forschung nahelegt
Die Umfrage liefert keinen neuen Beleg dafür, dass Obst das Herz schützt. Dazu gibt es andere Arbeiten. Eine Meta-Analyse prospektiver Studien (Aune et al., 2017) fand, dass ein höherer Verzehr von Obst und Gemüse mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Gesamtsterblichkeit einherging. Die Analyse betrachtet Obst und Gemüse gemeinsam, in Teilanalysen auch einzelne Gruppen. Es handelt sich um Beobachtungsdaten: Sie zeigen einen Zusammenhang, aber keinen bewiesenen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.
Für Fruchtsaft ist die Datenlage differenzierter. Eine Meta-Analyse aus 21 prospektiven Studien und 35 randomisierten Studien (D’Elia et al., 2021) fand keinen Hinweis auf ein höheres Herz-Kreislauf-Risiko durch 100-Prozent-Fruchtsaft. Bei geringem bis moderatem Konsum (bis 170 Milliliter pro Tag für Herz-Kreislauf-Ereignisse insgesamt, bis 200 Milliliter für Schlaganfälle) lag das Risiko sogar niedriger als bei Verzicht. In den randomisierten Studien sank der Blutdruck im Mittel um 3,14 mmHg (systolisch) und 1,68 mmHg (diastolisch). Die Autoren halten es für wahrscheinlich, dass dieser Effekt die Risikosenkung erklärt.
Die Studie aus North Dakota vermutet, dass Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe ganzes Obst von Saft unterscheiden. Beim Entsaften geht ein Großteil der Ballaststoffe verloren; als Beispiel nennt die Studie 0,5 Gramm pro Tasse Orangensaft gegenüber 3,6 Gramm pro Tasse Orangenspalten (USDA-Daten). Gemessen haben die Autoren weder Ballaststoffe noch Polyphenole. Es bleibt eine Hypothese.
Was Leitlinien empfehlen
Die US-Ernährungsleitlinien 2025–2030 nennen für eine Ernährung mit 2.000 Kilokalorien zwei Portionen Obst pro Tag. Sie raten, 100-Prozent-Saft nur in begrenzten Mengen oder verdünnt zu trinken.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse täglich; eine Portion entspricht 110 Gramm. Die frühere getrennte Angabe von drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst führt die DGE seit ihrer Überarbeitung 2024 nicht mehr auf.
Die DGE-Empfehlungen gelten für gesunde Erwachsene und ersetzen keine individuelle Beratung. Wer eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hat, sollte Ernährungsfragen mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprechen.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Beweist die Studie, dass zu wenig Obst Herzkrankheiten verursacht?
Nein. Die Analyse ist eine Querschnittsstudie mit Selbstauskünften. Sie zeigt, dass Menschen mit bestimmten Diagnosen im Schnitt etwas seltener Obst angaben. Ob der geringere Verzehr der Erkrankung vorausging, eine Folge davon ist oder beides von anderen Faktoren abhängt, kann sie nicht klären.
Wie groß sind die Unterschiede im Obstverzehr?
Gering. Nach der Bereinigung lagen die geschätzten Werte um etwa 0,05 bis 0,09 Mal pro Tag auseinander, bei einem Durchschnitt von gut einem Verzehr täglich. Da nur die Häufigkeit erfasst wurde, lassen sich daraus keine Mengen ableiten.
Ist Fruchtsaft schlechter für das Herz als ganzes Obst?
Das kann diese Studie nicht beantworten, weil sie nicht untersucht hat, ob Saft oder Obst Erkrankungen beeinflussen. Die Saft-Ergebnisse waren uneinheitlich. Eine Meta-Analyse fand bei geringem bis moderatem Konsum kein erhöhtes Risiko, die US-Leitlinien raten dennoch, Saft zu begrenzen oder zu verdünnen.
Wie viel Obst empfehlen Fachgesellschaften?
Die DGE empfiehlt mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag, eine Portion entspricht 110 Gramm. Die US-Leitlinien 2025–2030 nennen bei 2.000 Kilokalorien zwei Portionen Obst täglich.
Lassen sich die Ergebnisse auf Deutschland übertragen?
Das lässt sich anhand dieser Studie nicht bestätigen. Sie beruht auf einer US-Befragung, deren Teilnehmende laut den Autoren nicht repräsentativ für die US-Bevölkerung sind. Vergleichbare deutsche Daten habe ich in den geprüften Quellen nicht gefunden.
Quellen
Aune, D., Giovannucci, E., Boffetta, P., Fadnes, L. T., Keum, N., Norat, T., Greenwood, D. C., Riboli, E., Vatten, L. J., & Tonstad, S. (2017). Fruit and vegetable intake and the risk of cardiovascular disease, total cancer and all-cause mortality—A systematic review and dose-response meta-analysis of prospective studies. International Journal of Epidemiology, 46(3), 1029–1056. https://doi.org/10.1093/ije/dyw319
D’Elia, L., Dinu, M., Sofi, F., Volpe, M., & Strazzullo, P. (2021). 100% fruit juice intake and cardiovascular risk: A systematic review and meta-analysis of prospective and randomised controlled studies. European Journal of Nutrition, 60, 2449–2467. https://doi.org/10.1007/s00394-020-02426-7
Deutsche Gesellschaft für Ernährung. (o. D.). Lebensmittelbezogene Ernährungsempfehlungen der DGE: Ausgewählte Fragen und Antworten. https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/faq/lebensmittelbezogene-ernaehrungsempfehlungen-dge/
Deutsche Gesellschaft für Ernährung. (o. D.). DGE-Ernährungskreis. https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/gut-essen-und-trinken/dge-ernaehrungskreis/
Kesler, B. J., Hess, J. M., Bodensteiner, A., Palmer, D. G., & Tande, D. (2026). Examining the differences in frequency of whole fruit or 100% fruit juice intake among United States adults with and without cardiovascular disease risk factors: Analysis of 2019 Behavioral Risk Factor Surveillance System data. Current Developments in Nutrition, 10(9). https://doi.org/10.1016/j.cdnut.2026.109517
Sai Lomte, T. (2026, 28. September). A survey of 371,000 adults links heart disease to eating whole fruit less often. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20260928/A-survey-of-371000-adults-links-heart-disease-to-eating-whole-fruit-less-often.aspx
U.S. Department of Health and Human Services & U.S. Department of Agriculture. (2026). Dietary Guidelines for Americans, 2025–2030. https://cdn.realfood.gov/DGA.pdf






