Darmbakterien und psychopathische Züge: Was eine neue Studie zeigt

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 4. Oktober 2026, Lesezeit: 8 Minuten

Bei Menschen mit stärker ausgeprägten psychopathischen Persönlichkeitszügen haben Forschende bestimmte Bakterien im Darm und im Mund häufiger oder seltener gefunden als bei Menschen mit schwächer ausgeprägten Zügen. Das berichtet ein Team um die Erstautorin Carolina Costa von der Universität Porto, an dem auch Forschende der Universität Oxford beteiligt waren, in der Fachzeitschrift Translational Psychiatry. Die Querschnittsstudie mit 200 Teilnehmenden zeigt statistische Zusammenhänge, kann aber nicht klären, ob Bakterien Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen oder ob es umgekehrt ist. Sie reiht sich in die Forschung zur Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse ein, in der Zusammenhänge bislang deutlich besser belegt sind als ursächliche Mechanismen.

Was die Forschenden untersucht haben

Psychopathie beschreibt ein Persönlichkeitskonstrukt, das durch emotionale Distanz, Impulsivität und antisoziale Tendenzen gekennzeichnet ist. Die klinische Prävalenz liegt nach Angaben der Autorinnen und Autoren bei etwa einem Prozent. Die biologischen Grundlagen sind bislang kaum verstanden.

In der Studie ging es nicht um klinische Diagnosen, sondern um subklinische Merkmale. Gemeint sind Eigenschaften, die in unterschiedlicher Stärke auch bei Menschen ohne Diagnose vorkommen. Die 200 freiwilligen Teilnehmenden beantworteten Fragebögen zu psychopathischen Zügen (Self-Report Psychopathy Scale Short Form), zu Empathie (Affective and Cognitive Empathy Questionnaire, Interpersonal Reactivity Index) und zu Angst (State-Trait Inventory for Cognitive and Somatic Anxiety).

Zusätzlich analysierte das Team die Bakterienzusammensetzung in Stuhlproben und in Proben aus dem Mundraum. In Blutplasma und Stuhl untersuchten die Forschenden außerdem Stoffwechselprodukte, sogenannte Metabolite. Mit einem Clustering-Verfahren (K-means) bildeten sie Gruppen mit unterschiedlichen psychopathiebezogenen Profilen. Die weiteren Analysen zu den individuellen Punktwerten bezeichnen die Autorinnen und Autoren selbst als explorativ.

Gleiche Vielfalt, andere Zusammensetzung

Die Vielfalt der Bakterien unterschied sich zwischen den Gruppen nicht. Das gilt für die Alpha-Diversität (Vielfalt innerhalb einer Probe) wie für die Beta-Diversität (Unterschiede zwischen Proben), sowohl im Darm als auch im Mund.

Ein Detail verdient dennoch Beachtung: Beta-Diversitätsanalysen zeigten signifikante Zusammenhänge mit den individuellen Psychopathie-Punktwerten. Die Gesamtzusammensetzung der Mikrobiota hing in dieser Analyse also mit den Werten zusammen, obwohl sich die Gruppen insgesamt nicht klar voneinander trennten.

Welche Bakterien auffielen

Fünf Bakterientaxa unterschieden sich in ihrer relativen Häufigkeit zwischen den Gruppen: im Darm Allisonella, Prevotella, Ruminococcaceae DTU089 und Cloacibacillus evryensis, im Mund Treponema vincentii. Mit den individuellen Punktwerten hingen vier davon statistisch signifikant zusammen:

  • Allisonella (Darm): positiver Zusammenhang, höhere Werte gingen mit größerer Häufigkeit einher
  • Prevotella (Darm): positiver Zusammenhang
  • Cloacibacillus evryensis (Darm): positiver Zusammenhang
  • Treponema vincentii (Mund): negativer Zusammenhang, höhere Werte gingen mit geringerer Häufigkeit einher

Für Ruminococcaceae DTU089 nennt die Zusammenfassung der Studie keinen signifikanten Zusammenhang mit den Punktwerten. Zur Stärke der übrigen Zusammenhänge macht sie ebenfalls keine Angaben. Wie groß die Unterschiede im Alltag tatsächlich sind, lässt sich daher aus der Zusammenfassung nicht beurteilen.

Glukose und Taurin im Stuhl

Bei den Stoffwechselprodukten fielen zwei Substanzen auf: Glukose und Taurin im Stuhl. Ihre Konzentrationen unterschieden sich zwischen den Gruppen und hingen positiv mit den Psychopathie-Punktwerten zusammen.

Glukose ist ein zentraler Energieträger des Körpers. Taurin ist ein körpereigener Stoff, der unter anderem an Gallensäuren gebunden wird. Warum beide Substanzen bei höheren Werten vermehrt im Stuhl auftauchen, geht aus den verfügbaren Angaben nicht hervor. Eine belastbare Erklärung gibt es nach dem aktuellen Stand der Studie nicht.

Was biologisch denkbar ist und was nicht belegt ist

Die Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse gilt als Denkrahmen dafür, wie Körpersysteme außerhalb des Gehirns Hirnfunktion und Verhalten beeinflussen könnten. Eine 2026 erschienene Übersichtsarbeit nennt als mögliche Wege Immunsignale, die Stressachse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse), Nervenbahnen wie den Vagusnerv sowie die Durchlässigkeit von Darm- und Blut-Hirn-Schranke.

Dieselbe Übersichtsarbeit hält fest, dass die Belege für Verbindungen zwischen Darmmikrobiom und psychiatrischen Erkrankungen überwiegend assoziativ sind. Direkte ursächliche Mechanismen beim Menschen seien nur unvollständig gesichert. Querschnittsstudien nennt sie ausdrücklich als Design mit begrenzter Aussagekraft für Ursache und Wirkung.

Ein Beispiel für biologische Plausibilität liefert Allisonella. Die Gattung wurde erstmals aus dem Pansen von Rindern beschrieben und bildet Histamin (Garner et al., 2002). Histamin ist ein Botenstoff, der an Entzündungsreaktionen beteiligt ist. Ob Histamin aus Darmbakterien beim Menschen Stimmung oder Verhalten beeinflusst, ist damit nicht gezeigt. Die vorliegende Studie hat diese Frage nicht geprüft.

Grenzen der Studie

Mehrere Punkte schränken die Aussagekraft ein:

  • Querschnittsdesign: Alle Daten stammen aus einem Zeitpunkt. Ursache und Wirkung lassen sich daher nicht trennen. Denkbar ist ebenso, dass Verhalten, Stress oder Lebensumstände die Mikrobiota verändern.
  • Selbstauskunft: Die Psychopathie-Skala beruht auf Angaben der Teilnehmenden selbst.
  • Subklinische Merkmale: Die Ergebnisse betreffen Persönlichkeitszüge in einer Gruppe freiwilliger Teilnehmender und erlauben keine Aussagen über klinische Diagnosen.
  • Explorativer Charakter: Ein Teil der Analysen war explorativ. Solche Befunde sind Hinweise, die in unabhängigen Stichproben bestätigt werden müssen.
  • Störfaktoren: In Mikrobiom-Studien am Menschen erschweren Störfaktoren und große individuelle Schwankungen die Interpretation.
  • Vorläufige Fassung: Die Arbeit erschien am 7. August 2026 als akzeptierte Vorabfassung. Die endgültige Version kann davon abweichen.

Einordnung

Die Studie liefert einen ersten Hinweis darauf, dass Zusammensetzung und Stoffwechselprodukte der Mikrobiota mit subklinischen psychopathischen Zügen zusammenhängen können. Mehr als ein Hinweis ist es nicht: Es fehlen Bestätigungen durch unabhängige Studien, Längsschnittdaten und experimentelle Belege.

Für den Alltag folgt daraus nichts. Weder lassen sich Ernährungs- oder Behandlungsempfehlungen ableiten, noch erlauben die Ergebnisse Rückschlüsse auf einzelne Personen.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Verursachen Darmbakterien psychopathische Züge?

Das zeigt die Studie nicht. Sie beschreibt Zusammenhänge zwischen Bakterienhäufigkeiten und Fragebogenwerten zu einem einzigen Zeitpunkt. Auch die umgekehrte Richtung oder gemeinsame Einflussfaktoren sind nicht ausgeschlossen.

Kann man psychopathische Züge anhand einer Stuhlprobe erkennen?

Aus den Ergebnissen lässt sich kein Test für einzelne Personen ableiten. Die Studie vergleicht Gruppen und Punktwerte und liefert keine Diagnostik.

Was bedeutet subklinisch in diesem Zusammenhang?

Subklinisch bezeichnet Merkmale, die unterhalb einer klinischen Diagnose liegen und in der allgemeinen Bevölkerung unterschiedlich stark vorkommen. Die Studie betrifft daher Persönlichkeitszüge und keine diagnostizierten Störungen.

Welche Rolle spielt Histamin?

Allisonella ist als histaminbildendes Bakterium beschrieben, ursprünglich aus dem Rinderpansen. Ob diese Eigenschaft im menschlichen Darm für Persönlichkeitszüge eine Rolle spielt, ist unbekannt. Die Studie hat das nicht untersucht.

Was versteht man unter der Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse?

Der Begriff bezeichnet einen Denkrahmen dafür, wie Körpersysteme außerhalb des Gehirns Hirnfunktion und Verhalten beeinflussen könnten. Als mögliche Wege nennt eine 2026 erschienene Übersichtsarbeit Immunsignale, die Stressachse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse), Nervenbahnen wie den Vagusnerv sowie die Durchlässigkeit von Darm- und Blut-Hirn-Schranke. Stoffwechselprodukte von Mikroorganismen und Botenstoffe des Immunsystems gelten dabei als wichtige Vermittler. Direkte ursächliche Mechanismen beim Menschen sind laut derselben Arbeit aber nur unvollständig belegt.

Welche Forschung wäre nötig, um Ursache und Wirkung zu klären?

Die genannte Übersichtsarbeit verweist auf drei Ansätze: Längsschnittstudien, die dieselben Personen über längere Zeit begleiten, experimentelle Modelle und humangenetische Verfahren. Erst wenn Ergebnisse aus mehreren dieser Richtungen in dieselbe Richtung weisen, lässt sich ein ursächlicher Zusammenhang besser beurteilen. Die vorliegende Querschnittsstudie liefert dafür einen ersten Ausgangspunkt, ersetzt solche Untersuchungen aber nicht.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Almarzooqi, S., Yassin, L. K., Alnuaimi, F., Alketbi, S., Skrabulyte-Barbulescu, J., AlAhbabi, N., Alremeithi, D., Almarashda, R., Almazrouei, S., Shehab, S., Statsenko, Y., & Hamad, M. I. K. (2026). From association to causality: mechanistic pathways linking the gut microbiome to psychiatric disorders. Translational Psychiatry. https://doi.org/10.1038/s41398-026-04305-x

Costa, C. F. F. A., Radford-Smith, D., Figueiredo, A. R. T., Ribeiro, R. C. M., Pinto, S., Probert, F., Barros, R., Serrão, P., Barreiros, L., Segundo, M. A., Anthony, D. C., Barbosa, F., Burnet, P. W. J., & Sampaio-Maia, B. (2026). Gut and oral microbiota composition is associated with psychopathic personality: a cross-sectional study. Translational Psychiatry. https://doi.org/10.1038/s41398-026-04052-z

Garner, M. R., Flint, J. F., & Russell, J. B. (2002). Allisonella histaminiformans gen. nov., sp. nov. A novel bacterium that produces histamine, utilizes histidine as its sole energy source, and could play a role in bovine and equine laminitis. Systematic and Applied Microbiology, 25(4), 498–506. https://doi.org/10.1078/07232020260517625

Petrova, K. (2026, 2. Oktober). Gut bacteria and digestive metabolites are linked to psychopathic traits. PsyPost. https://www.psypost.org/gut-bacteria-and-digestive-metabolites-are-linked-to-psychopathic-traits/

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