Lange Instagram-Nutzung, Beauty-Filter und der ständige Vergleich mit bearbeiteten Gesichtern könnten nicht nur das Körperbild beeinflussen, sondern auch grundlegende Prozesse der Körperwahrnehmung verändern, also jene Mechanismen, mit denen das Gehirn entscheidet, ob ein Gesicht, ein Körper oder eine Bewegung als „mein“ erlebt wird.
Eine neue Frage in der Social-Media-Forschung
Die Debatte über soziale Medien und Körperbild konzentrierte sich lange auf Unzufriedenheit mit Gewicht, Figur, Haut oder Aussehen. Studien zeigten wiederholt, dass bildzentrierte Plattformen mit Körperunzufriedenheit, sozialem Vergleich und Essstörungssymptomen verbunden sein können, besonders wenn Nutzerinnen und Nutzer viele idealisierte Bilder sehen oder selbst häufig Fotos hochladen (Holland & Tiggemann, 2016; Fioravanti et al., 2022).
Eine neue Studie in Computers in Human Behavior setzt jedoch tiefer an. Sie fragt nicht nur, ob Instagram Menschen kritischer auf ihren Körper blicken lässt, sondern ob langjährige Instagram-Nutzung die multisensorische Körperidentität beeinflusst, also die innere Sicherheit, dass der eigene Körper tatsächlich „zu mir“ gehört (Sansoni et al., 2026).
Was die Studie untersucht hat
Das Forschungsteam um Maria Sansoni und Giuseppe Riva untersuchte 95 junge Erwachsene. Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt 25,8 Jahre alt; 64 Prozent waren Frauen, 36 Prozent Männer. Im Mittel nutzten sie Instagram seit 7,66 Jahren und verbrachten täglich 62,84 Minuten auf der Plattform. Nur 12,6 Prozent gaben an, Beauty-Filter zu verwenden (Sansoni et al., 2026).
Die Forschenden betrachteten drei Dimensionen der Instagram-Nutzung:
- tägliche Nutzungsdauer,
- Jahre der Instagram-Nutzung,
- Nutzung von Beauty-Filtern.
Gemessen wurden nicht nur klassische Körperbild-Sorgen, sondern auch Interozeption und Embodiment. Interozeption beschreibt die Wahrnehmung innerer Körpersignale, etwa Herzschlag oder körperliche Anspannung. Embodiment meint das Erleben, dass ein Körper oder Gesicht zum eigenen Selbst gehört.
Virtuelle Realität als Test für Körperidentität
Die Teilnehmenden durchliefen Virtual-Reality-Aufgaben, die in der Neurowissenschaft als Körperillusionen bekannt sind. Dabei wird die Wahrnehmung gezielt irritiert: Eine Person sieht etwa ein fremdes Gesicht oder einen virtuellen Körper, während Berührungen synchron oder asynchron zur visuellen Darstellung erfolgen.
Wenn visuelle und taktile Informationen genau zusammenpassen, kann kurzfristig das Gefühl entstehen, ein fremdes Gesicht oder ein virtueller Körper gehöre zum eigenen Selbst. Diese Reaktion gilt als Hinweis darauf, wie flexibel oder stabil die Grenze zwischen Selbst und Anderen im Körpererleben ist.
Die Studie untersuchte unter anderem:
- ob ein fremdes Gesicht als „mein Gesicht“ erlebt wurde,
- ob ein virtueller Körper als eigener Körper empfunden wurde,
- ob die Person sich räumlich in diesem Körper verortete,
- ob sie Handlungskontrolle über den virtuellen Körper empfand.
Die wichtigsten Ergebnisse
Die Ergebnisse waren differenziert und sollten nicht überinterpretiert werden. Die Forschenden fanden keine signifikante Verbindung zwischen den Instagram-Variablen und klassischen Körperbild-Sorgen. Auch Interozeption, also die Genauigkeit oder Sicherheit bei der Wahrnehmung innerer Körpersignale, war nicht signifikant mit Instagram-Nutzung verbunden (Sansoni et al., 2026).
Auffällig war jedoch ein anderer Befund: Je länger Menschen Instagram bereits nutzten, desto stärker war ihre Anfälligkeit dafür, ein fremdes Gesicht in der virtuellen Realität als eigenes zu erleben. Die Jahre der Instagram-Nutzung sagten sowohl das Gefühl von Gesichtseigentum als auch die räumliche Selbstverortung im fremden Gesicht signifikant voraus.
Beauty-Filter standen zudem mit einer erhöhten empfundenen Handlungskontrolle über einen virtuellen Körper in Zusammenhang. Da jedoch nur zwölf Personen in der Stichprobe Filter nutzten, sollte dieser Befund besonders vorsichtig gelesen werden.
Was „digitale Erosion der Körperidentität“ bedeutet
Die Autorinnen und Autoren sprechen von der Hypothese einer „Digital Erosion of Bodily Identity“. Gemeint ist nicht, dass Instagram automatisch psychische Erkrankungen auslöst. Gemeint ist ein möglicher Mechanismus: Wer über Jahre hinweg standardisierte, gefilterte und idealisierte Gesichter sieht, könnte eine weniger scharfe Wahrnehmungsgrenze zwischen eigenem Gesicht und fremdem Gesicht entwickeln.
Das Gesicht ist dabei zentral. Es ist der Teil des Körpers, über den Menschen sich selbst im Spiegel erkennen und von anderen sozial erkannt werden. Wenn digitale Räume immer stärker auf ähnliche Gesichter, ähnliche Posen, ähnliche Hauttexturen und ähnliche Schönheitsnormen ausgerichtet sind, könnte das Gehirn wiederholt mit homogenisierten Selbstbildern trainiert werden.
Die Studie schlägt daher vor, dass Instagram-Nutzung möglicherweise nicht nur das äußere Körperbild beeinflusst, sondern auch tiefer liegende Prozesse der Selbstwahrnehmung.
Was die Studie nicht beweist
Die wichtigste Einschränkung lautet: Die Studie beweist keine Kausalität. Es handelt sich um ein querschnittliches Design. Das bedeutet, dass Instagram-Nutzung und Körperwahrnehmung zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessen wurden, ohne über Jahre hinweg zu verfolgen, was zuerst kam.
I cannot confirm that Instagram allein die Körperidentität verändert oder psychische Erkrankungen verursacht. Die Daten zeigen eine statistische Verbindung zwischen längerer Instagram-Nutzung und stärkerer Anfälligkeit für bestimmte Gesicht-Embodiment-Effekte, aber nicht den Beweis eines direkten Ursache-Wirkung-Zusammenhangs.
Weitere Einschränkungen sind wichtig:
- Die Stichprobe war mit 95 Personen relativ klein.
- Die Mehrheit war weiß, europäisch oder kaukasisch.
- Viele Teilnehmende waren Studierende.
- Beauty-Filter-Nutzung war in der Stichprobe selten.
- Personen mit psychischen Problemen wurden teilweise über Selbstangaben erfasst.
Für belastbare Schlussfolgerungen braucht es größere, diversere und längsschnittliche Studien.
Warum der Befund trotzdem relevant ist
Trotz dieser Grenzen ist die Studie wissenschaftlich interessant, weil sie die Social-Media-Debatte erweitert. Bisher ging es oft um Fragen wie: Macht Instagram unzufrieden? Fördern Likes sozialen Vergleich? Verstärken Beauty-Filter unrealistische Schönheitsideale?
Diese Studie fragt subtiler: Verändert jahrelange Nutzung bildzentrierter Plattformen die Art, wie das Gehirn Selbst und Andere körperlich trennt?
Das passt zu einem größeren Forschungsfeld. Die Weltgesundheitsorganisation berichtet, dass weltweit etwa jede siebte Person zwischen 10 und 19 Jahren eine psychische Störung erlebt; Depressionen, Angststörungen und Verhaltensstörungen gehören zu den häufigsten Ursachen von Krankheit und Einschränkung in dieser Altersgruppe (World Health Organization, 2025). Körperbild, Selbstwert und soziale Vergleichsprozesse sind dabei keine Nebenthemen, sondern zentrale Faktoren psychischer Entwicklung.
Praktische Hinweise für Nutzerinnen und Nutzer
Die Studie liefert keinen Grund zur Panik, aber sie unterstützt einen bewussteren Umgang mit Instagram, Beauty-Filtern und körperbezogenen Inhalten.
Hilfreich können sein:
- den eigenen Feed aktiv vielfältiger machen, etwa mit Gesichtern, Altersgruppen, Körperformen und Hautstrukturen, die nicht einem einzigen Schönheitsideal folgen;
- Beauty-Filter seltener verwenden und gelegentlich bewusst ungefilterte Bilder betrachten;
- nach längerem Scrollen kurz prüfen, ob man sich entspannter oder kritischer gegenüber dem eigenen Körper fühlt;
- Accounts entfolgen, die regelmäßig Scham, Vergleich oder Selbstabwertung auslösen;
- körperbezogene Aufmerksamkeit nach innen richten, etwa durch Atemübungen, Bewegung, Körper-Scan oder achtsames Gehen;
- bei starkem Leidensdruck professionelle Hilfe suchen, besonders wenn Essen, Gewicht, Spiegelkontrolle oder Selbstwert den Alltag dominieren.
Entscheidend ist nicht, Instagram pauschal zu meiden. Entscheidend ist, ob die Plattform Vielfalt, Ausdruck und soziale Verbindung stärkt oder ob sie den eigenen Blick auf Gesicht, Körper und Selbstwert verengt.
Was Plattformen daraus lernen könnten
Die Autorinnen und Autoren der Studie sehen auch Verantwortung bei digitalen Plattformen. Algorithmen könnten dazu beitragen, Schönheitsnormen zu vervielfältigen statt sie zu vereinheitlichen. Das würde bedeuten: weniger Wiederholung standardisierter Gesichter, mehr Diversität, mehr Inhalte über Fähigkeiten, Interessen, Wissen, Humor, Beziehungen und Alltag.
Auch Hinweise auf langfristige Nutzung könnten wichtiger werden als reine Tageslimits. Die neue Studie deutet darauf hin, dass nicht nur Minuten pro Tag relevant sein könnten, sondern die kumulative Dauer über Jahre.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Verändert Instagram nachweislich das Gehirn?
Die Studie zeigt eine Verbindung zwischen längerer Instagram-Nutzung und veränderter Anfälligkeit für bestimmte Körperillusionen. Sie beweist aber nicht, dass Instagram allein das Gehirn kausal verändert.
Sind Beauty-Filter gefährlich?
I cannot confirm that Beauty-Filter grundsätzlich gefährlich sind. Die Studie fand einen Zusammenhang zwischen Filter-Nutzung und stärkerem Full-Body-Embodiment, aber die Zahl der Filter-Nutzenden war klein.
Betrifft das nur Frauen?
Nein. Die Studie untersuchte Männer und Frauen. Frühere Forschung zeigt zwar oft stärkere Körperbildbelastungen bei Frauen, aber soziale Medien können auch Männer und nicht-binäre Menschen betreffen.
Wann sollte man Hilfe suchen?
Wenn Körperbild, Essen, Spiegelkontrolle, Angst vor Fotos oder ständiger Vergleich den Alltag belasten, ist professionelle Unterstützung sinnvoll. Das gilt besonders bei Essstörungssymptomen, Depression, Angst oder starkem Selbstwertverlust.
Quellen
Fioravanti, G., Bocci Benucci, S., Ceragioli, G., & Casale, S. (2022). How the exposure to beauty ideals on social networking sites influences body image: A systematic review of experimental studies. Adolescent Research Review. doi: 10.1007/s40894-022-00179-4
Holland, G., & Tiggemann, M. (2016). A systematic review of the impact of the use of social networking sites on body image and disordered eating outcomes. Body Image, 17, 100–110. doi: 10.1016/j.bodyim.2016.02.008
News-Medical. (2026, June 19). Prolonged Instagram use may change how the brain perceives our bodies. News-Medical.net.
Sansoni, M., Portingale, J., De Gaspari, S., Brizzi, G., Chorzępa, M., & Riva, G. (2026). Blurring the boundaries of the self: Instagram’s impact on bodily identity and multisensory experience among young adults. Computers in Human Behavior, 183, 109054. doi: 10.1016/j.chb.2026.109054
World Health Organization. (2025). Mental health of adolescents. WHO.






