Eine Krebsdiagnose stellt Patientinnen und Patienten nicht nur vor medizinische, sondern auch vor erhebliche psychische Herausforderungen. Schätzungen zufolge leidet etwa jeder vierte Krebspatient in den USA an einer Depression, die wiederum mit einem höheren Risiko für Behandlungsabbrüche und bei Brustkrebs mit einem ungünstigeren Krankheitsverlauf in Verbindung gebracht wird. Eine neue Pilotstudie aus Texas hat nun untersucht, ob sich mit einfachen hydroponischen Gartensystemen für die Wohnung die psychische Gesundheit und die Lebensqualität von Krebspatienten verbessern lassen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Frontiers in Public Health veröffentlicht.
Warum psychische Gesundheit bei Krebs eine zentrale Rolle spielt
Eine Krebserkrankung betrifft nicht nur den Körper. Depressionen können die Bereitschaft zur Fortsetzung einer Therapie beeinträchtigen und stehen bei Brustkrebs mit einem laut einer Metaanalyse um 24 Prozent erhöhten Rückfallrisiko und einer um 29 Prozent erhöhten krebsspezifischen Sterblichkeit in Zusammenhang. Wichtig ist dabei: Es handelt sich um einen statistischen Zusammenhang aus Beobachtungsdaten, nicht um einen belegten ursächlichen Effekt der Depression selbst. Hinzu kommt, dass rund zwei Drittel aller Krebspatienten unter Schmerzen leiden, deren Wahrnehmung stark von emotionalen und kognitiven Faktoren beeinflusst wird.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, setzen Mediziner zunehmend auf sogenanntes „Social Prescribing“, also die Empfehlung nicht-klinischer Aktivitäten zur Unterstützung des Wohlbefindens. Klassische Gartenarbeit im Freien gilt hier als bewährter Ansatz: Sie kann Stress reduzieren, zu gesünderer Ernährung anregen und über moderate körperliche Aktivität sowie den Kontakt zur Natur die Stimmung heben.
Hydroponik als Alternative für drinnen
Outdoor-Gartenarbeit setzt jedoch einen Garten, körperliche Belastbarkeit und günstiges Wetter voraus. Für Menschen in Städten, Mehrfamilienhäusern oder während einer erschöpfenden Chemotherapie ist das oft keine realistische Option. Genau hier setzt das Forschungsteam um Taehyun Roh von der Texas A&M University sowie Kollegen des Houston Methodist Hospital an. Sie untersuchten, ob hydroponische Systeme, bei denen Pflanzen in Wasser statt in Erde wachsen und über eine Nährlösung sowie künstliches Licht versorgt werden, eine praktikable Alternative darstellen. Dieser Ansatz kommt ohne Erde, Unkraut oder Pestizide aus und funktioniert unabhängig von Jahreszeit und Wetter.
Wie die Studie aufgebaut war
An der Pilotstudie nahmen 36 erwachsene Krebspatientinnen und -patienten des Houston Methodist Cancer Center teil, die mindestens einen Chemotherapiezyklus abgeschlossen hatten. Das Durchschnittsalter lag bei 57,5 Jahren. Da keine separate Kontrollgruppe gebildet wurde, diente jeder Teilnehmende über die Zeit hinweg als eigener Vergleichsmaßstab (sogenanntes Case-Crossover-Design).
Jede Person erhielt ein handelsübliches Hydroponik-Set namens AeroGarden, bestehend aus einem Anzuchtbehälter, einer LED-Wachstumsleuchte, flüssigem Pflanzendünger und zwölf Samenkapseln für Salatpflanzen. Über acht Wochen pflanzten, pflegten und ernteten die Teilnehmenden die Pflanzen eigenständig zu Hause. Zu Studienbeginn, nach vier und nach acht Wochen füllten sie standardisierte Fragebögen zu psychischem Wohlbefinden, psychischer Belastung, Lebensqualität, Ernährungsgewohnheiten und Schmerzempfinden aus.
Was die Forscher fanden
Verbessertes psychisches Wohlbefinden
Über den Studienzeitraum hinweg stiegen die Werte für psychisches Wohlbefinden kontinuierlich an, ein statistisch signifikanter Trend. Gleichzeitig nahmen die selbstberichteten Depressionssymptome deutlich ab. Die Autoren betonen, dass der beobachtete Anstieg des Wohlbefindens die Schwelle überschritt, die in der Forschung als klinisch bedeutsam gilt.
Bessere Lebensqualität
Auch bei der allgemeinen Lebensqualität zeigte sich eine signifikante Verbesserung. Die Teilnehmenden berichteten von einer besseren emotionalen und sozialen Funktionsfähigkeit, das heißt, sie fühlten sich eher in der Lage, mit ihren Gefühlen umzugehen und soziale Kontakte zu pflegen. Auch der Appetitverlust, ein häufiges Symptom bei Krebspatienten, ging im Studienverlauf signifikant zurück.
Gesündere Ernährung
Bis zum Ende der acht Wochen aßen die Teilnehmenden mehr Obst und dunkelgrünes Blattgemüse als zu Studienbeginn. Die Forscher vermuten, dass die direkte Erfahrung, selbst etwas anzubauen und zu ernten, eine Rolle dabei gespielt haben könnte, gesündere Essgewohnheiten beizubehalten. Da diese Angaben jedoch auf Selbstauskünften beruhten, lässt sich ein möglicher Verzerrungseffekt nicht ausschließen.
Keine signifikanten Effekte bei Schmerz, Angst und Stress
Nicht alle untersuchten Bereiche veränderten sich. Die Werte für Schmerzmanagement zeigten zwar einen leicht rückläufigen Trend, dieser war jedoch statistisch nicht signifikant. Auch bei Angst- und Stresswerten ließen sich über die acht Wochen keine signifikanten Veränderungen feststellen.
Grenzen der Studie
Die Autoren selbst weisen auf mehrere wichtige Einschränkungen hin. Mit nur 36 Teilnehmenden war die Stichprobe klein, was die statistische Aussagekraft begrenzt. Da es keine Kontrollgruppe gab, lässt sich nicht sicher sagen, ob die beobachteten Verbesserungen tatsächlich auf die Gartenarbeit zurückzuführen sind oder auf andere Faktoren wie erhöhte Aufmerksamkeit durch die Studienteilnahme selbst. Zudem besteht die Möglichkeit einer Selbstselektion: Wer sich für eine Gartenstudie anmeldet, könnte bereits eine positivere Einstellung zu Pflanzen mitbringen. Die Nutzung der Sets wurde ausschließlich über Selbstauskunft erfasst, eine unabhängige Überprüfung fand nicht statt. Auch der Beobachtungszeitraum von acht Wochen ist zu kurz, um etwas über langfristige Effekte auszusagen.
Einordnung für Patienten
Die Ergebnisse deuten auf einen möglichen Nutzen von hydroponischer Gartenarbeit für das psychische Wohlbefinden von Krebspatienten hin, sie belegen ihn jedoch nicht abschließend. Es handelt sich um eine erste, explorative Pilotstudie, keine kontrollierte klinische Studie. Die Forscher selbst fordern größere, kontrollierte Studien mit längerer Beobachtungsdauer, bevor sich verlässlichere Aussagen treffen lassen. Wer an einer Krebserkrankung leidet und über Aktivitäten zur Unterstützung der psychischen Gesundheit nachdenkt, sollte das am besten im Gespräch mit dem behandelnden Ärzteteam besprechen.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Beweist die Studie, dass Gartenarbeit Depressionen bei Krebspatienten verringert?
Nein. Die Studie zeigt einen zeitlichen Zusammenhang zwischen der Nutzung der Hydroponik-Sets und einer Verbesserung der Depressionswerte. Da es keine Kontrollgruppe gab, lässt sich eine ursächliche Wirkung nicht sicher nachweisen.
Warum wurde gerade hydroponische statt klassischer Gartenarbeit untersucht?
Weil viele Krebspatienten aufgrund von Wohnsituation, körperlicher Erschöpfung oder fehlendem Zugang zu einem Garten nicht outdoor gärtnern können. Hydroponik-Systeme lassen sich ganzjährig in der Wohnung nutzen und erfordern keine Vorerfahrung.
Welche Vorteile zeigten sich am deutlichsten?
Am klarsten belegt waren Verbesserungen beim psychischen Wohlbefinden, bei Depressionssymptomen, bei der emotionalen und sozialen Funktionsfähigkeit sowie beim Verzehr von Obst und dunkelgrünem Gemüse.
Half die Gartenarbeit auch gegen Schmerzen oder Angst?
Nein, hier zeigten sich in dieser Studie keine statistisch signifikanten Effekte.
Kann ich als Krebspatient einfach selbst ein Hydroponik-Set ausprobieren?
Die in der Studie verwendeten haushaltsüblichen Systeme galten als sicher und leicht zu bedienen. Wer gesundheitliche Einschränkungen hat oder unsicher ist, sollte dies dennoch vorab mit dem Behandlungsteam abklären.
Wie schnell zeigten sich erste Effekte?
Bereits nach vier Wochen ließen sich erste Verbesserungen bei den Depressionswerten feststellen, die sich nach acht Wochen weiter verstärkten. Bei anderen Werten, etwa der Lebensqualität, war die Verbesserung erst nach acht Wochen statistisch eindeutig nachweisbar.
Lassen sich die Ergebnisse auf andere Patientengruppen übertragen?
Das ist unklar. Die Studie wurde an einem einzigen Krebszentrum in Houston mit einer kleinen, spezifischen Gruppe von 36 Personen durchgeführt. Ob sich die Effekte bei anderen Krebsarten, in anderen Altersgruppen oder kulturellen Kontexten in gleicher Weise zeigen, müssten größere, multizentrische Studien erst noch klären.
Quellen
Mejareh, Z. N., Abdollahi, B., Hoseinipalangi, Z., Jeze, M. S., Hosseinifard, H., Rafiei, S., et al. (2021). Global, regional, and national prevalence of depression among cancer patients: A systematic review and meta-analysis. Indian Journal of Psychiatry, 63, 527–535. https://doi.org/10.4103/indianjpsychiatry.indianjpsychiatry_77_21
Roh, T., Verzwyvelt, L. A., Aggarwal, A., Satkunasivam, R., Hasan, N. T., Trisha, N. F., & Hall, C. (2025). Indoor hydroponic vegetable gardening to improve mental health and quality of life in cancer patients: A pilot study. Frontiers in Public Health, 13, 1670698. https://doi.org/10.3389/fpubh.2025.1670698
van den Beuken-van Everdingen, M. H., Hochstenbach, L. M., Joosten, E. A., Tjan-Heijnen, V. C., & Janssen, D. J. (2016). Update on prevalence of pain in patients with cancer: Systematic review and meta-analysis. Journal of Pain and Symptom Management, 51, 1070–1090. https://doi.org/10.1016/j.jpainsymman.2015.12.340
Wang, X., Wang, N., Zhong, L., Wang, S., Zheng, Y., Yang, B., et al. (2020). Prognostic value of depression and anxiety on breast cancer recurrence and mortality: A systematic review and meta-analysis of 282,203 patients. Molecular Psychiatry, 25, 3186–3197. https://doi.org/10.1038/s41380-020-00865-6






