Wer in der Lebensmitte viel Bauchfett trägt, weist Jahrzehnte später häufiger erhöhte Blutwerte für Alzheimer auf, wie eine große norwegische Langzeitstudie zeigt. Bemerkenswert ist dabei eine Umkehrung im hohen Alter: Ab etwa 70 Jahren ist ein höheres Körpergewicht plötzlich mit niedrigeren Alzheimer-Biomarkern verbunden. Die Ergebnisse liefern neue Hinweise darauf, wie sich Körperzusammensetzung und Gehirnalterung über ein Menschenleben hinweg gegenseitig beeinflussen.
Was die Studie untersucht hat
Ein Forschungsteam um Ekaterina Zotcheva vom norwegischen Nationalen Zentrum für Alterung und Gesundheit wertete Daten der Trøndelag-Gesundheitsstudie (HUNT) aus, einer der größten bevölkerungsbasierten Kohortenstudien Europas. Die Analyse umfasste 8.797 Teilnehmende mit einem Durchschnittsalter von knapp 78 Jahren zum Zeitpunkt der letzten Untersuchung.
Der Body-Mass-Index der Teilnehmenden wurde zwischen 1984 und 2019 viermal erhoben, das Verhältnis von Taillenumfang zu Körpergröße dreimal zwischen 1995 und 2019. Dieses Taille-Größe-Verhältnis gilt als aussagekräftigerer Indikator für Bauchfett als der Body-Mass-Index allein, da Letzterer nicht erfasst, wie sich Fettgewebe im Körper verteilt.
Der Blutmarker p-tau217
Frühere Studien zum Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Demenzrisiko stützten sich meist auf klinische Diagnosen anhand von Gedächtnistests. Die norwegische Arbeitsgruppe ging einen Schritt weiter und maß direkt einen Biomarker der Krankheit selbst: p-tau217, ein Fragment des Tau-Proteins, das bei krankhafter Veränderung im Gehirn ins Blut übertritt.
Erhöhte p-tau217-Werte gelten als eng korreliert mit der Bildung von Tau-Verklumpungen und Amyloid-Plaques, den beiden zentralen biologischen Kennzeichen der Alzheimer-Krankheit. Bislang ließ sich diese Pathologie meist nur über teure Bildgebung oder eine Lumbalpunktion nachweisen. Bluttests auf p-tau217 machen die frühen, noch symptomlosen Krankheitsstadien nun deutlich zugänglicher für die Forschung.
Im Rahmen der letzten HUNT-Erhebungswelle (2017 bis 2019) wurde den Teilnehmenden Blut für die p-tau217-Messung entnommen, ergänzt durch standardisierte klinische Untersuchungen zur Erfassung kognitiver Beeinträchtigungen. Nur wer sowohl einen positiven Biomarkerbefund als auch eine klinische Demenzdiagnose aufwies, galt in der Studie als Fall von biomarker-bestätigter Alzheimer-Demenz.
Bauchfett in der Lebensmitte und spätere Biomarker
Die Auswertung ergab ein klares Muster: Teilnehmende, die in der Lebensmitte ein hohes Taille-Größe-Verhältnis aufwiesen (ab 0,60), hatten Jahrzehnte später im Schnitt einen um 12,8 Prozent höheren p-tau217-Wert im Blut als Personen mit einem niedrigeren Verhältnis (unter 0,50). Das Risiko für eine biomarker-bestätigte Alzheimer-Demenz war in dieser Gruppe um 84 Prozent erhöht.
Auch der Body-Mass-Index zeigte ein ähnliches Muster: Adipositas in der Lebensmitte ging mit höheren p-tau217-Werten und einem erhöhten Demenzrisiko im späteren Leben einher. Die Forschenden berücksichtigten in ihren statistischen Modellen unter anderem Bildung, körperliche Aktivität, Rauchen, psychische Symptome sowie den genetischen Risikofaktor APOE ε4, um den spezifischen Zusammenhang von Körpergewicht und Biomarkern zu isolieren.
Wichtig ist: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt eine statistische Assoziation, keinen bewiesenen ursächlichen Mechanismus. Dass Bauchfett in der Lebensmitte spätere Alzheimer-Biomarker direkt auslöst, lässt sich aus diesen Daten allein nicht ableiten.
Eine überraschende Umkehrung im Alter
Der auffälligste Befund der Studie betrifft das späte Lebensalter. Ab etwa 70 Jahren drehte sich der Zusammenhang um: Wer zu diesem Zeitpunkt ein hohes Körpergewicht oder ein hohes Taille-Größe-Verhältnis hatte, wies deutlich niedrigere p-tau217-Werte auf, nämlich rund 15,6 Prozent weniger, und ein reduziertes Risiko für eine biomarker-bestätigte Alzheimer-Demenz im Vergleich zu gleichaltrigen, schlankeren Personen.
Die Autorinnen und Autoren erklären dies nicht als Schutzwirkung von Übergewicht im Alter. Stattdessen deutet die rückblickende Analyse der individuellen Verläufe auf einen anderen Mechanismus hin: Menschen, die später an Alzheimer erkrankten, hatten in der Lebensmitte mehr Körperfett als kognitiv gesund gebliebene Personen. Näherten sie sich jedoch dem Beginn der Erkrankung, sank ihr Körpergewicht spürbar unter das ihrer gesunden Altersgenossen.
Dieser ungewollte Gewichtsverlust vor dem Auftreten deutlicher Gedächtnisprobleme ist aus der Demenzforschung bekannt. Frühe Veränderungen in Hirnregionen, die Appetit und Stoffwechsel steuern, können Jahre vor der klinischen Diagnose zu Gewichtsverlust führen. Hinzu kommen praktische Schwierigkeiten beim Einkaufen oder Kochen, die bei beginnender kognitiver Beeinträchtigung häufig auftreten.
Mögliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern
Der Studie zufolge gab es moderate Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Bei Frauen war Adipositas in der Lebensmitte demnach stärker mit einem frühen, noch nicht voll ausgeprägten Krankheitsstadium verknüpft, bei Männern eher mit der vollständig entwickelten, biomarker-bestätigten Alzheimer-Demenz. Diese Detailauswertung war anhand der öffentlich zugänglichen Zusammenfassung der Studie nicht unabhängig zu verifizieren, weshalb sie hier als vorläufige, sekundär berichtete Beobachtung eingeordnet wird. Das übergeordnete Muster, Risiko in der Lebensmitte und Umkehrung im Alter, blieb den Angaben zufolge bei beiden Geschlechtern bestehen.
Grenzen der Studie
Die Forschenden selbst benennen mehrere Einschränkungen. Die untersuchte Bevölkerung stammt ausschließlich aus Norwegen und ist demografisch relativ einheitlich, was die Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungsgruppen begrenzt. Zudem mussten Teilnehmende mindestens bis zum Alter von 70 Jahren überleben, um in die Analyse einzugehen. Da Adipositas mit einer höheren Sterblichkeit in jüngeren Jahren verbunden ist, könnten die untersuchten älteren Teilnehmenden über nicht erfasste gesundheitliche Vorteile verfügen, ein Effekt, der als Überlebensverzerrung bezeichnet wird.
Der p-tau217-Wert wurde außerdem nur einmal am Ende der 35-jährigen Beobachtungszeit gemessen. Ohne wiederholte Blutmessungen lässt sich nicht genau bestimmen, wann der Biomarker im individuellen Verlauf tatsächlich anzusteigen begann. Das könnte laut den Studienautoren dazu führen, dass die tatsächliche Krankheitslast bei älteren Teilnehmenden mit höherem Körpergewicht sogar unterschätzt wird.
Was als Nächstes untersucht werden sollte
Die Forschungsgruppe schlägt vor, künftig wiederholte Blutmessungen über mehrere Jahrzehnte einzusetzen, um zu erfassen, wie Veränderungen des Körperfetts zeitlich mit steigenden Biomarker-Werten zusammenhängen. Offen bleibt zudem, über welche biologischen Mechanismen Bauchfett und Gehirngesundheit tatsächlich verbunden sind, etwa über systemische Entzündungsprozesse oder Insulinresistenz. Die Kombination mit genetischen Daten und bildgebenden Verfahren könnte künftig erklären, warum manche Menschen anfälliger für einen gewichtsbezogenen kognitiven Abbau sind als andere.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Bedeutet das, dass Bauchfett Alzheimer verursacht?
Nein. Die Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang zwischen Bauchfett in der Lebensmitte und späteren Alzheimer-Biomarkern, liefert aber keinen Beweis für eine direkte Ursache. Beobachtungsstudien wie diese können Assoziationen aufdecken, aber keine Kausalität belegen.
Warum ist Gewichtsverlust im Alter dann ein Warnsignal statt gut?
Weil ungewollter Gewichtsverlust im höheren Alter häufig eine frühe Folge beginnender neurodegenerativer Veränderungen ist, nicht deren Ursache. Er kann Jahre vor spürbaren Gedächtnisproblemen auftreten und sollte medizinisch abgeklärt werden.
Was ist p-tau217 und warum ist dieser Wert wichtig?
p-tau217 ist ein Bruchstück des Tau-Proteins, das ins Blut übertritt, wenn im Gehirn krankhafte Eiweißablagerungen entstehen. Der Wert korreliert eng mit den beiden Hauptmerkmalen der Alzheimer-Pathologie und lässt sich, anders als frühere Diagnoseverfahren, über eine einfache Blutentnahme bestimmen.
Heißt das, ich sollte im mittleren Alter aktiv Gewicht verlieren, um mein Demenzrisiko zu senken?
Die Studie liefert dafür keine direkte Handlungsempfehlung, da sie keine Intervention untersucht hat, sondern nur Beobachtungsdaten. Ein gesundes Körpergewicht in der Lebensmitte gilt aus anderen Gründen ohnehin als günstig für die allgemeine Gesundheit; eine individuelle Einschätzung des persönlichen Demenzrisikos sollte jedoch ärztlich erfolgen.
Ab welchem Wert gilt das Taille-Größe-Verhältnis in der Studie als riskant?
Als hohes Risiko wurde ein Taille-Größe-Verhältnis von 0,60 oder mehr eingestuft, verglichen mit einem Wert unter 0,50. Ein Verhältnis um 0,5 gilt in der Forschung allgemein als grobe Orientierung für ein metabolisch günstiges Verhältnis von Taillenumfang zu Körpergröße, auch wenn feste Grenzwerte je nach Studie variieren können.
Lässt sich der Zusammenhang auch auf jüngere Erwachsene übertragen, die noch weit von der Lebensmitte entfernt sind?
Das lässt sich aus dieser Studie nicht ableiten. Die früheste Körpergewichtsmessung stammt aus dem Jahr 1984, und alle Teilnehmenden waren zum Studienende mindestens 70 Jahre alt. Wie sich Bauchfett bei sehr jungen Erwachsenen langfristig auswirkt, wurde hier nicht untersucht.
Quellen
Zotcheva, E., Strand, B. H., Sunde, A., Deckers, K., Aarsland, D., Ashton, N. J., Zetterberg, H., Skirbekk, V. F., Borda, M. G., Livingston, G., Singh-Manoux, A., & Selbaek, G. (2026). Associations of anthropometry measures across 35 years with late-life plasma p-tau217 and dementia: The HUNT study. Neurology, 106(12), e218093. https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000218093
Petrova, K. (2026, 25. September). Midlife belly fat is linked to elevated Alzheimer’s biomarkers decades later. PsyPost. https://www.psypost.org/midlife-belly-fat-is-linked-to-elevated-alzheimer-s-biomarkers-decades-later/






