Mit dem ersten Brei beginnt für Säuglinge nicht nur ein neuer Ernährungsabschnitt, auch die Bakterien im Darm stellen sich um. Eine irische Studie, die am 22. September 2026 in Scientific Reports erschien, hat bei 125 Säuglingen Stuhlproben vor und nach der Einführung von Beikost per Metagenomsequenzierung untersucht. Die Forschenden beobachteten, dass sich das Stoffwechselpotenzial der Darmbakterien hin zum Abbau komplexer Kohlenhydrate verschob, und dass die Stilldauer dabei stärker mit der bakteriellen Vielfalt zusammenhing als der Zeitpunkt der ersten festen Nahrung. Die Ergebnisse sind aufschlussreich, belegen aber weder Ursache und Wirkung noch einen gesundheitlichen Vorteil oder Nachteil.
Was mit Beikost und Darmmikrobiom gemeint ist
Beikost ist feste oder breiige Nahrung, die zusätzlich zu Muttermilch oder Säuglingsanfangsnahrung gegeben wird. Das Darmmikrobiom umfasst alle Mikroorganismen im Darm.
Die Metagenomsequenzierung liest das Erbgut aller Mikroorganismen einer Probe aus. Damit lässt sich bestimmen, welche Bakterien vorkommen (Taxonomie) und welche Stoffwechselfähigkeiten ihr Erbgut erwarten lässt (funktionelles Potenzial). Das Potenzial ist nicht dasselbe wie die tatsächliche Produktion von Stoffwechselprodukten.
Wie die Studie aufgebaut war
Die Daten stammen aus der Kohortenstudie COMBINE (Cork Nutrition and Development Maternal-Infant Cohort Study) in Irland. Ausgewertet wurde eine Teilgruppe von 125 Säuglingen, von denen je zwei Stuhlproben vorlagen: eine in der reinen Milchphase, eine nach Beginn der Beikost.
Laut einer Zusammenfassung von News-Medical lagen die Kinder bei den Proben im Mittel bei etwa 86 und etwa 222 Tagen. Mehr als 80 Prozent der Mütter führten Beikost zwischen dem vierten und sechsten Lebensmonat ein. Nach Angaben der Autoren wurden 16,8 Prozent der Kinder noch gestillt, 12,8 Prozent erhielten gemischte Nahrung und 69,6 Prozent Säuglingsanfangsnahrung.
Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie: Die Familien wurden keiner Ernährungsweise zugeteilt. Die Publikation ist zudem eine frühe Onlineversion des angenommenen Manuskripts, die vor der endgültigen Fassung noch überarbeitet werden kann.
Was sich im Darm verändert hat
Die Autorinnen und Autoren beschreiben mehrere Veränderungen nach dem Beginn der Beikost:
- Die mikrobielle Vielfalt nahm zu, und die Gemeinschaft verschob sich hin zu einem stärker sauerstoffarmen (anaeroben) Milieu.
- Der Kohlenhydratstoffwechsel verlagerte sich vom Abbau einfacher Zucker zum Abbau komplexer Polysaccharide und zur Fermentation zu kurzkettigen Fettsäuren.
- Laut News-Medical nahmen Stoffwechselwege für Stärke, Mannan, Butyrat und Acetat zu.
Kurzkettige Fettsäuren entstehen, wenn Darmbakterien Nahrungsbestandteile vergären, die der Körper nicht selbst verdaut. Gemessen wurden in der Studie jedoch Gene und Stoffwechselwege, nicht die Fettsäuren selbst.
Laut News-Medical stieg auf Kohortenebene auch die Häufigkeit von Stoffwechselwegen zur Herstellung von Vitamin B1, B7 und B9, während Wege für Vitamin K2 und B6 abnahmen. Das sagt nichts über die tatsächliche Vitaminversorgung eines Kindes aus.
Stilldauer als möglicher Taktgeber
Die Autoren beschreiben einen „Pacing-Effekt“ des Stillens, also eine Art Taktgeber für die Entwicklung der Darmgemeinschaft. Nach der Zusammenfassung von News-Medical hing die Dauer des Stillens mit Artenvielfalt und Artenreichtum zusammen, das Alter bei der ersten festen Nahrung dagegen nicht.
Kinder mit Säuglingsanfangsnahrung hatten zu Beginn eine höhere Artenvielfalt. Nach der Beikost zeigten sie laut News-Medical 162 veränderte Stoffwechselwege, gestillte Kinder nur 7. Die einzelnen Veränderungen fielen dabei relativ klein aus.
Diesen Zahlenvergleich sollte man vorsichtig lesen. Nur ein kleiner Teil der Kinder wurde noch gestillt, und ob die Gruppengrößen den Unterschied beeinflussen, lässt sich aus den verfügbaren Angaben nicht beurteilen.
Was die Studie nicht zeigen kann
Mehrere Einschränkungen begrenzen die Aussagekraft:
- Alter und Ernährung sind verflochten. Beide waren stark miteinander korreliert. Die Studie kann deshalb die natürliche Reifung des Mikrobioms nicht sicher von den Folgen der Beikost trennen.
- Potenzial statt Produktion. Untersucht wurde, welche Stoffwechselleistungen das Erbgut erwarten lässt, nicht, was tatsächlich gebildet wurde.
- Lücken in den Datenbanken. Große Teile des funktionellen Potenzials konnten mit vorhandenen Datenbanken nicht zugeordnet werden.
- Keine gesundheitlichen Endpunkte. Die Studie prüfte keine klinischen Folgen und zeigt nicht, dass ein Muster gesünder ist als ein anderes.
- Begrenzte Übertragbarkeit. Es handelt sich um eine Kohorte aus einer Region mit 125 Kindern. Ob sich die Ergebnisse auf andere Länder übertragen lassen, geht aus den Angaben nicht hervor.
In der Zusammenfassung sprechen die Autoren von einem starken Einfluss der Ernährungsform auf den mikrobiellen Stoffwechsel. Das Design belegt jedoch Zusammenhänge, keine Kausalität. Die Autoren halten es für möglich, dass die Ergebnisse Strategien der öffentlichen Gesundheit und Ernährungsempfehlungen mitprägen können.
Was die Empfehlungen zur Beikost sagen
WHO und UNICEF empfehlen, Säuglinge sechs Monate lang ausschließlich zu stillen und danach angemessene, sichere Beikost einzuführen, während bis zum Alter von zwei Jahren oder länger weitergestillt wird. Der sechste Monat gilt dabei als Empfehlung für die öffentliche Gesundheit, die anerkennt, dass manche Säuglinge von einer früheren Einführung profitieren könnten.
In Deutschland gilt ein Zeitfenster: Beikost soll frühestens mit Beginn des fünften und spätestens mit Beginn des siebten Monats eingeführt werden, und auch danach soll weitergestillt werden. Die Empfehlung gilt für reif geborene Säuglinge, die gestillt oder mit Säuglingsanfangsnahrung gefüttert werden.
Innerhalb dieses Fensters entscheidet die Reife des Kindes. Typische Zeichen sind, dass das Baby den Brei nicht mehr mit der Zunge herausschiebt, den Kopf halten und mit etwas Hilfe aufrecht sitzen kann. Die vorgestellte Studie hat keinen dieser Zeitpunkte getestet.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Verändert Beikost das Darmmikrobiom tatsächlich?
Dass sich das Darmmikrobiom im ersten Lebensjahr verändert, ist gut beschrieben, und die Beikost fällt genau in diese Phase. Ob die feste Nahrung selbst die Ursache ist oder die zeitgleiche Reifung des Kindes, lässt sich mit dieser Studie nicht klären.
Ist das Mikrobiom gestillter Kinder besser als das von Kindern mit Säuglingsanfangsnahrung?
Das wurde nicht untersucht. Die Studie beschreibt Unterschiede zwischen den Gruppen, hat aber keine gesundheitlichen Folgen geprüft und nicht gezeigt, dass ein Muster günstiger ist.
Wer hat die Studie finanziert?
Nach den Angaben der Autoren stammen die Mittel von Science Foundation Ireland und aus dem Wellcome-LEAP-1KD-Programm. Die Geldgeber hatten keine Rolle bei Design, Analyse oder Verfassen des Artikels, und die Autoren erklären keine Interessenkonflikte.
Woran erkennt man, dass ein Baby bereit für Beikost ist?
Der richtige Zeitpunkt hängt von Wachstum, Entwicklung und der Bereitschaft des Kindes ab, neben Milch auch andere Nahrung zu essen. Als Reifezeichen gelten unter anderem, dass das Baby den Brei nicht mehr direkt mit der Zunge aus dem Mund schiebt, den Kopf halten und mit etwas Hilfe aufrecht sitzen kann, sich selbstständig Dinge in den Mund steckt und Interesse daran zeigt, was andere essen. Diese Zeichen gelten als Orientierung innerhalb des empfohlenen Zeitfensters. Bei Unsicherheit können Kinderärztinnen, Kinderärzte oder Hebammen beraten.
Gilt das empfohlene Zeitfenster auch für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko?
Ja. Das Netzwerk Gesund ins Leben empfiehlt auch für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko, Beikost je nach individueller Bereitschaft frühestens mit Beginn des 5. Monats und spätestens mit Beginn des 7. Monats einzuführen. Die untersuchte Mikrobiomstudie hat weder Allergien noch Allergierisiken betrachtet und lässt dazu keine Aussage zu.
Warum reicht Milch allein ab einem bestimmten Alter nicht mehr aus?
Nach Angaben der Verbraucherzentrale benötigt der Organismus von Babys ab dem zweiten Lebenshalbjahr eine größere Menge an Nährstoffen wie Eisen, Calcium, Zink und Vitamin B6, die sich durch alleiniges Stillen nicht sicher decken lässt. Deshalb wird Beikost zusätzlich zur Milch empfohlen. Dieser Nährstoffbedarf ist der Hauptgrund für das empfohlene Zeitfenster und hat mit den Veränderungen im Darmmikrobiom, die die Studie beschreibt, nichts unmittelbar zu tun.
Quellen
Joos, R., Das, A., Ahern, G., et al. (2026). Functional maturation of the infant gut microbiome during dietary transition in the first year of life. Scientific Reports. https://doi.org/10.1038/s41598-026-71325-4
Francisco de Souza, H. (2026, 24. September). First foods bring an early functional shift in the infant gut microbiome. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20260924/First-foods-bring-an-early-functional-shift-in-the-infant-gut-microbiome.aspx
Netzwerk Gesund ins Leben. (o. J.). Beikosteinführung. https://www.gesund-ins-leben.de/fuer-fachkreise/bestens-unterstuetzt-durchs-1-lebensjahr/handlungsempfehlungen/beikost/beikosteinfuehrung/
Netzwerk Gesund ins Leben. (o. J.). Reif für die Beikost. https://www.gesund-ins-leben.de/fuer-familien/das-1-lebensjahr/reif-fuer-die-beikost/
World Health Organization. (o. J.). Infant and young child feeding [Fact sheet]. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/infant-and-young-child-feeding
World Health Organization. (o. J.). Recommendations: WHO guideline for complementary feeding of infants and young children 6–23 months of age. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK596423/
Verbraucherzentrale. (o. J.). Beikost für Ihr Baby: bereit für den Brei. https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/gesund-ernaehren/beikost-fuer-ihr-baby-bereit-fuer-den-brei-62024






