Fünf Gesichter der Depression: Neue Studie zeigt unterschiedliche Gehirnmuster

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Dr. Amalia Michailov, Veröffentlicht am: 23.09.2026, Lesezeit: 8 Minuten

Depression gilt oft als eine einzige Krankheit, doch die Symptome zweier Betroffener können kaum unterschiedlicher sein. Eine neue Studie der Universität Helsinki liefert nun einen möglichen biologischen Grund dafür: Bei der Messung der Hirnaktivität fanden Forschende fünf deutlich unterschiedliche Muster, die jeweils mit einem eigenen Symptomprofil einhergehen. Die Ergebnisse könnten erklären, warum frühere Studien zur Depression teils widersprüchliche Befunde lieferten, und sie deuten auf einen möglichen Weg zu individuelleren Behandlungsansätzen hin.

Eine Diagnose, viele Gesichter

Depression gehört laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit; die WHO geht von mehr als 332 Millionen Betroffenen aus. In Finnland zählen psychische Störungen, allen voran Depressionen, zu den häufigsten Ursachen für längere Krankschreibungen und Invaliditätsrenten.

Trotz dieser Häufigkeit ist die Diagnose „Depression“ klinisch sehr breit gefasst. Zwei Personen mit derselben Diagnose können völlig unterschiedliche Beschwerden haben, von starker Erschöpfung über Angst bis hin zu Substanzproblemen. Forschende der Universität Helsinki wollten deshalb herausfinden, ob sich diese Vielfalt auch in der Hirnaktivität widerspiegelt.

Die Untersuchung: Hirnaktivität mit Millisekundengenauigkeit

Für die Studie, die in Nature Mental Health veröffentlicht wurde, maß das Team um Wenya Liu und Satu Palva die Hirnaktivität von 263 Personen mit diagnostizierter Major Depression sowie 75 gesunden Kontrollpersonen. Zum Einsatz kam die Magnetoenzephalographie (MEG), ein Verfahren, das die schwachen Magnetfelder misst, die durch elektrische Aktivität im Gehirn entstehen.

„MEG ermöglichte es uns, die elektrische Hirnaktivität mit Millisekundengenauigkeit zu verfolgen und damit näher an das heranzukommen, was im Gehirn tatsächlich in einem bestimmten Moment geschieht. Bisherige Untersuchungen zu Depressionsphänotypen nutzten Methoden mit langsameren Reaktionszeiten“, erklärt Palva, Direktorin des Neuroscience Center der Universität Helsinki.

Die Forschenden analysierten die sogenannte funktionelle Konnektivität, also wie gut verschiedene Hirnregionen zeitlich koordiniert aktiv sind. Diese Koordination gilt als ein Maß dafür, wie effektiv Regionen miteinander kommunizieren.

Fünf unterschiedliche Verbindungsmuster

Basierend auf Stärke und Frequenz der Konnektivität zwischen Hirnregionen unterschied das Team fünf Gruppen innerhalb der Depressionsstichprobe:

  • Gruppe 1: recht starke Konnektivität zwischen Hirnregionen, verbunden mit insgesamt schweren Symptomen wie ausgeprägter Depression, Angst, Grübeln und eingeschränkter Funktionsfähigkeit.
  • Gruppe 2: schwache Konnektivität, im Vergleich zu den anderen Gruppen mildere Symptomatik.
  • Gruppe 3: schwache Konnektivität in großen Teilen des Gehirns, mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) als besonders ausgeprägtem Symptom.
  • Gruppe 4: uneinheitliches Muster mit teils schwachen, teils starken Verbindungen; im Vordergrund standen Schwere der Depression, Substanzmissbrauch und geringes Wohlbefinden.
  • Gruppe 5: die stärkste Konnektivität aller Gruppen, mit Substanzmissbrauch als auffälligstem Symptom, dafür aber vergleichsweise wenigen traumabezogenen Beschwerden.

Alle fünf Gruppen unterschieden sich außerdem von den gesunden Kontrollpersonen, und zwar nicht nur in der Stärke der Konnektivität, sondern auch darin, welche Hirnregionen betroffen waren und bei welcher Frequenz die Verbindungen auftraten.

Wichtig ist dabei die Einordnung: Es handelt sich um eine einzelne, neue Studie mit einem Querschnittsdesign. Das bedeutet, dass die gefundenen Zusammenhänge zwischen Konnektivitätsmuster und Symptomen Assoziationen sind, keine belegten Ursachen. Die Autorinnen und Autoren selbst beschreiben die fünf Phänotypen als Kandidaten, die in künftigen Studien noch bestätigt werden müssen.

Ein möglicher Grund für widersprüchliche frühere Befunde

Besonders bemerkenswert war laut Palva, dass sich unter derselben Depressionsdiagnose gegensätzliche Aktivitätsmuster zeigten. Bei manchen Betroffenen war die funktionelle Konnektivität zwischen Hirnregionen stärker als üblich, bei anderen schwächer.

Eine Gruppe zeichnete sich durch besonders starke Konnektivität zwischen Regionen aus, die mit ausgeprägterem Substanzmissbrauch einherging. In einer anderen Gruppe mit schwacher Konnektivität stand hingegen die PTBS-Symptomatik im Vordergrund.

Dieser Befund könnte erklären, warum frühere Studien zur Depression teils widersprüchliche Ergebnisse lieferten: Dieselbe Diagnose kann offenbar auf sehr unterschiedlichen, teils gegensätzlichen Veränderungen der Hirnaktivität beruhen. Das unterstützt die Vorstellung, dass Depression biologisch keine einheitliche Erkrankung ist, sondern ein Sammelbegriff für unterschiedliche zugrunde liegende Prozesse sein könnte.

Noch kein Weg zur individuellen Therapieauswahl

So vielversprechend die Befunde erscheinen, betont Palva, dass die Hirnmessung allein noch nicht ausreicht, um Patientinnen und Patienten die passende Behandlung zuzuweisen.

„Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem Hirnmessungen genutzt werden können, um für Patientinnen und Patienten die richtige Behandlung auszuwählen. Aber die Studie zeigt einen möglichen Weg dorthin“, so Palva.

Langfristiges Ziel der Forschungsgruppe, an der auch die Aalto-Universität sowie der Krankenhausbezirk Helsinki und Uusimaa (HUS) beteiligt waren, ist es, die Symptome von Patientinnen und Patienten mit der Funktionsweise ihres Gehirns zu verknüpfen. In Zukunft könnten Messungen der Hirnaktivität dabei helfen, geeignete Therapien schneller zu finden, als es die heutige Praxis erlaubt, die sich stark auf Ausprobieren stützt.

Was das für Betroffene bedeutet

Für Menschen mit einer Depressionsdiagnose ändert sich durch diese Studie zunächst nichts an der Behandlung. Die Ergebnisse liefern jedoch einen wissenschaftlichen Hinweis darauf, warum sich Depression bei verschiedenen Menschen so unterschiedlich äußern kann, und warum ein Behandlungsansatz nicht bei allen gleich gut wirkt. Sollte sich die Einteilung in weiteren, unabhängigen Studien bestätigen, könnte sie langfristig dazu beitragen, Therapien gezielter auf einzelne Patientengruppen abzustimmen.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Bedeutet das, dass es jetzt fünf verschiedene Arten von Depression gibt?
Die Studie liefert erste Hinweise auf fünf unterschiedliche biologische Muster innerhalb der Diagnose Depression. Es handelt sich aber um eine einzelne, neue Untersuchung, die noch von unabhängigen Studien bestätigt werden muss, bevor daraus offizielle Subtypen der Erkrankung abgeleitet werden können.

Was ist Magnetoenzephalographie (MEG) und wie unterscheidet sie sich von einer MRT?
MEG misst die sehr schwachen Magnetfelder, die durch elektrische Aktivität von Nervenzellen im Gehirn entstehen. Anders als eine strukturelle Magnetresonanztomographie (MRT), die vor allem die Anatomie des Gehirns abbildet, erfasst MEG die zeitliche Dynamik der Hirnaktivität mit Millisekundengenauigkeit. Das erlaubt es, sehr schnelle Kommunikationsmuster zwischen Hirnregionen zu erfassen, die mit langsameren Verfahren kaum sichtbar wären.

Was bedeutet „funktionelle Konnektivität“ in diesem Zusammenhang?
Funktionelle Konnektivität beschreibt, wie stark und wie regelmäßig zwei Hirnregionen gleichzeitig aktiv sind. Eine hohe Konnektivität deutet auf eine enge zeitliche Koordination zwischen Regionen hin, eine niedrige auf eine schwächere Abstimmung. Der Begriff sagt zunächst nichts darüber aus, ob mehr oder weniger Konnektivität „besser“ oder „schlechter“ ist, sondern beschreibt lediglich ein Muster.

Wer hat an der Studie teilgenommen?
An der Untersuchung nahmen 263 Personen mit diagnostizierter Major Depression sowie 75 gesunde Kontrollpersonen teil. Die Daten wurden im Rahmen einer Kooperation der Universität Helsinki mit der Aalto-Universität und dem Krankenhausbezirk Helsinki und Uusimaa (HUS) erhoben.

Können die Ergebnisse erklären, warum frühere Depressionsstudien widersprüchliche Befunde lieferten?
Die Forschenden sehen darin eine mögliche Erklärung. Da unter derselben Diagnose teils gegensätzliche Konnektivitätsmuster auftraten, also bei manchen Betroffenen stärkere, bei anderen schwächere Verbindungen zwischen Hirnregionen, könnten frühere Studien, die Depression als einheitliche Gruppe untersuchten, unterschiedliche und sich teils aufhebende Effekte gemessen haben.

Zeigen die Ergebnisse, dass bestimmte Hirnmuster bestimmte Symptome verursachen?
Nein. Die Studie hat ein Querschnittsdesign, das heißt, Hirnaktivität und Symptome wurden zu einem einzigen Zeitpunkt gemessen. Das erlaubt Aussagen über Zusammenhänge, etwa dass eine bestimmte Gruppe häufiger von Substanzmissbrauch oder PTBS-Symptomen betroffen war, nicht aber über Ursache und Wirkung. Ob die Hirnaktivität die Symptome auslöst, deren Folge ist oder beides auf gemeinsame Faktoren zurückgeht, bleibt offen.

Kann man mit dieser Methode Depression diagnostizieren oder das eigene Risiko messen lassen?
Nein. Die MEG-Messungen wurden in dieser Studie ausschließlich zu Forschungszwecken bei Personen mit bereits gestellter klinischer Diagnose eingesetzt. Es handelt sich nicht um ein Diagnoseinstrument für den klinischen Alltag, und es gibt derzeit kein Angebot, mit dem sich Privatpersonen auf diese Weise untersuchen lassen könnten.

Ändert diese Studie bereits jetzt, wie Depression behandelt wird?
Nein, noch nicht. Studienleiterin Satu Palva betont ausdrücklich, dass Hirnmessungen derzeit noch nicht genutzt werden können, um für einzelne Patientinnen und Patienten die passende Behandlung auszuwählen. Die Studie zeigt lediglich einen möglichen Weg dorthin, weitere Forschung zur Validierung ist notwendig.

Was müsste als Nächstes passieren, damit diese Erkenntnisse in die Praxis kommen?
Die Autorinnen und Autoren selbst bezeichnen die fünf Phänotypen als Kandidaten, die künftig in unabhängigen Studien bestätigt werden müssen. Erst danach ließe sich untersuchen, ob eine Zuordnung zu einer dieser Gruppen tatsächlich dabei hilft, wirksamere oder schneller passende Behandlungen auszuwählen.

Quellen

Liu, W., Vesterinen, M., Andersson, A., Partanen, P., Knapič, S., et al. (2026). Magnetoencephalography oscillation-based functional connectivity identifies clinically relevant depression phenotypes. Nature Mental Health. https://doi.org/10.1038/s44220-026-00723-4

University of Helsinki (2026, September 23). Researchers identify five brain profiles of depression. Helsingin yliopisto. https://www.helsinki.fi/en/news/brain/researchers-identify-five-brain-profiles-depression

World Health Organization, Regional Office for the Eastern Mediterranean. Depression (overview page). https://www.emro.who.int/health-topics/depression/

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