Nach einer anstrengenden Denkaufgabe sinkt der Puls bei einer klassischen Rückenmassage deutlich stärker als beim bloßen Ausruhen. Gleichzeitig bleibt ein anderes Körpersignal, die Hautleitfähigkeit, während der Massage erhöht, statt wie in Ruhe abzufallen. Eine neue, explorative Pilotstudie aus Polen zeigt damit, dass Herz und Haut auf Berührung unterschiedlich reagieren und nicht ohne Weiteres als austauschbare Zeichen von Entspannung gelten können.
Was in der Studie untersucht wurde
Ein Team um Maciej Lachowicz von der Wrocław University of Health and Sport Sciences und der University of Lower Silesia wollte wissen, wie sich der Körper unmittelbar nach einer geistig fordernden Aufgabe erholt, je nachdem, ob er dabei massiert wird oder einfach ruht. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Frontiers in Physiology veröffentlicht.
Kognitive Belastung beschreibt den geistigen Aufwand, der für eine Aufgabe nötig ist, etwa wenn Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und schnelle Entscheidungen gleichzeitig gefordert sind. Steigt diese Belastung über die eigene Kapazität hinaus, zeigt sich das häufig auch körperlich, etwa an Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit. Die Herzfrequenz gibt an, wie schnell das Herz schlägt, und reagiert auf körperliche Anstrengung, Emotionen und Atmung. Die Hautleitfähigkeit misst winzige Veränderungen der Schweißdrüsenaktivität und wird direkt vom sympathischen Nervensystem gesteuert, das auf Stress, emotionale Erregung und Berührung reagiert.
Wie der Körper sich während einer anstrengenden Aufgabe aktiviert, ist relativ gut erforscht. Weniger bekannt ist, wie sich die Erholung direkt danach abspielt, obwohl reales geistiges Arbeiten meist aus wiederholten Phasen von Anstrengung und Pause besteht. Massagen werden häufig zur Stressbewältigung eingesetzt, weshalb sich die Forschungsgruppe für diesen Zusammenhang interessierte.
Der Studienaufbau: Belastung, dann Erholung
An der Untersuchung nahmen 48 gesunde junge Erwachsene im Durchschnittsalter von etwa 19,5 Jahren teil, die vorab auf gesundheitliche Ausschlusskriterien geprüft wurden. Sie wurden in zwei gleich große Gruppen zu je 24 Personen aufgeteilt: Die eine erhielt später eine klassische Rückenmassage, die andere ruhte passiv.
Nach einer fünfminütigen Ausgangsmessung im Sitzen absolvierten alle Teilnehmenden einen achtminütigen Computertest, den sogenannten Determinationstest. Dabei mussten sie auf wechselnde visuelle und akustische Signale mit bestimmten Tastendrücken reagieren; die Schwierigkeit passte sich fortlaufend an das eigene Leistungsniveau an, sodass ein gleichbleibend hohes Belastungsniveau entstand.
Anschließend legten sich die Teilnehmenden für eine 15-minütige Erholungsphase auf eine Massageliege. Die Experimentalgruppe erhielt eine standardisierte klassische Rückenmassage mit Vitamin-Massageöl, ausgeführt von geschulten Therapeutinnen und Therapeuten mit identischer Technikabfolge. Die Kontrollgruppe lag im gleichen Zeitraum ohne jede Berührung auf dem Tisch. Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit wurden während der gesamten Sitzung fortlaufend gemessen und die Erholungsphase in drei Fünf-Minuten-Abschnitte unterteilt.
Wichtig für die Einordnung der Ergebnisse: Beide Gruppen unterschieden sich während der Aufgabe weder in ihrer Leistung noch im empfundenen mentalen Aufwand. Das spricht dafür, dass die Aufgabe bei beiden Gruppen eine vergleichbare Ausgangsbelastung erzeugte.
Herzfrequenz: deutlicher Rückgang unter Massage
Während der Aufgabe stieg die Herzfrequenz in beiden Gruppen an, was die erfolgreiche Belastungsinduktion bestätigte. In der anschließenden Erholungsphase sank sie bei allen Teilnehmenden, jedoch deutlich stärker in der Massagegruppe. In allen drei Fünf-Minuten-Fenstern lag die Herzfrequenz der Massagegruppe signifikant niedriger als in der Ruhegruppe: Der Unterschied betrug etwa 15 Schläge pro Minute im ersten Abschnitt und wuchs bis zum letzten Abschnitt auf rund 20 Schläge pro Minute an.
„Die durchschnittliche Herzfrequenz war in der Massagegruppe über die drei Fünf-Minuten-Erholungsphasen hinweg etwa 15 bis 20 Schläge pro Minute niedriger“, erklärte Lachowicz. Er mahnte zugleich zur Vorsicht bei der Interpretation: Diese unmittelbaren Unterschiede würden keine langfristigen gesundheitlichen Vorteile oder eine verbesserte geistige Leistungsfähigkeit belegen.
Hautleitfähigkeit: ein gegenläufiges Muster
Die Hautleitfähigkeit verhielt sich anders. In der Ruhegruppe sank sie im Laufe der Erholung stetig und fiel in den beiden späteren Abschnitten sogar unter das Ausgangsniveau. In der Massagegruppe dagegen blieb sie während der gesamten 15 Minuten oberhalb des Ausgangswerts, auch wenn sie über die Zeit langsam abnahm.
In den mittleren und letzten fünf Minuten war die Hautleitfähigkeit der Massagegruppe um etwa 3,3 bis 3,5 Mikrosiemens höher als in der Ruhegruppe; dieser Unterschied war statistisch signifikant. In den ersten fünf Minuten der Erholung war der Unterschied zwar in dieselbe Richtung erkennbar, erreichte nach statistischer Korrektur für Mehrfachvergleiche aber keine Signifikanz.
Die Forschenden interpretieren dieses Muster nicht als Zeichen von Stress. Da die Hautleitfähigkeit sehr empfindlich auf sensorische Reize reagiert, dürfte die anhaltende Reibung und der Druck der Massage die Schweißdrüsenaktivität schlicht aufrechterhalten haben, selbst während sich das Herz gleichzeitig beruhigte.
Was diese Unterschiede bedeuten
„Der zentrale Befund ist, dass Massage nicht zwangsläufig mit einem umfassenden Zustand körperlicher Entspannung einhergeht“, sagte Lachowicz. Verschiedene Körpersysteme könnten während einer Massage unterschiedlich reagieren, weshalb ein langsamerer Herzschlag nicht automatisch bedeute, dass sich der gesamte Körper in einen entspannten Zustand versetzt habe.
Die Autorinnen und Autoren betonen zudem, dass ihr Studiendesign nicht zwischen den spezifischen Effekten der Massagetechnik und der allgemeinen Erfahrung einer menschlichen Berührung unterscheiden kann. Die Kontrollgruppe lag ohne jeglichen Körperkontakt auf dem Tisch, weshalb offen bleibt, ob die beobachteten Unterschiede auf die klassische Massagetechnik selbst, auf Berührung im Allgemeinen, auf die Anwesenheit einer therapierenden Person oder auf Erwartungseffekte zurückgehen.
Wichtige Einschränkungen der Studie
Mehrere methodische Punkte begrenzen, wie weit sich die Ergebnisse verallgemeinern lassen. Die Zuteilung der Teilnehmenden zu den Gruppen erfolgte nach einer festgelegten alternierenden Abfolge und nicht durch echte Randomisierung, was die interne Validität einschränkt. Es handelte sich außerdem um eine einzelne Sitzung bei gesunden jungen Erwachsenen; wie ältere Personen, Menschen mit chronischem Stress oder wiederholte Massage-Anwendungen über mehrere Wochen reagieren würden, bleibt offen.
Die Hautleitfähigkeit wurde ausschließlich während der laufenden Massage gemessen, nicht danach. Ob sie nach Ende der Berührung ebenfalls zum Ausgangswert zurückgekehrt wäre, lässt sich aus den Daten nicht ableiten. Die Forschenden selbst bezeichnen ihre Arbeit als explorative Pilotstudie, deren Befunde vorläufigen, hypothesenbildenden Charakter haben und durch künftige Studien mit echter Randomisierung und einer aktiven Berührungskontrollgruppe, etwa leichtem Streicheln oder einer Scheinmassage, überprüft werden sollten.
Frühere Übersichtsarbeiten stützen die Grundannahme, dass Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit unterschiedliche Aspekte mentaler Belastung erfassen und deshalb nicht ineinander austauschbar sind. Eine randomisierte Vergleichsstudie aus dem Jahr 2020 zeigte zudem, dass kurze Massagen im Labor zuverlässig entspannungsbezogene Veränderungen der Herzfrequenzvariabilität hervorrufen können, wobei auch einfaches Ruhen bereits einen gewissen Entspannungseffekt zeigte.
Lachowicz sieht bereits einen möglichen nächsten Schritt: zu untersuchen, ob eine Massage vor einer anspruchsvollen Aufgabe helfen könnte, diese besser zu bewältigen, statt nur die Erholung danach zu betrachten.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Bedeutet eine niedrigere Herzfrequenz während der Massage automatisch, dass der Körper insgesamt entspannter ist?
Nicht zwangsläufig. Die Studie zeigt, dass Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit in entgegengesetzte Richtungen ausschlagen können. Ein sinkender Puls sagt daher nichts Verlässliches über den Zustand anderer Körpersysteme aus.
Warum blieb die Hautleitfähigkeit während der Massage erhöht?
Die naheliegendste Erklärung ist, dass die Hautleitfähigkeit sehr empfindlich auf laufende sensorische Reize reagiert. Die anhaltende Berührung, Reibung und der Druck der Massage könnten die Schweißdrüsen fortlaufend aktiviert haben, unabhängig von Stress oder Entspannung.
Lässt sich aus der Studie ableiten, dass Massage generell gesund oder wirksam gegen Stress ist?
Das lässt sich aus dieser einzelnen, explorativen Pilotstudie nicht ableiten. Sie beschreibt kurzfristige physiologische Unterschiede bei einer einzigen Sitzung mit gesunden jungen Erwachsenen und wurde nicht echt randomisiert; belastbare Aussagen zu gesundheitlichen Effekten erfordern weitere, kontrollierte Studien.
Wurde in der Studie unterschieden, ob die Effekte von der Massagetechnik selbst oder von der Berührung allgemein stammen?
Nein. Die Kontrollgruppe erhielt keinerlei Körperkontakt, sodass sich Massagetechnik, allgemeine Berührung, die Anwesenheit einer therapierenden Person und Erwartungseffekte in den Ergebnissen nicht voneinander trennen lassen.
Quellen
Charles, R. L., & Nixon, J. (2019). Measuring mental workload using physiological measures: A systematic review. Applied Ergonomics, 74, 221–232. https://doi.org/10.1016/j.apergo.2018.08.028
Lachowicz, M., Wilk, I., Hrehorowicz, I., Bałamucki, S., Lisowski, M., Jamro, D., Żurek, G., & Andrzejewski, W. (2026). Classical back massage is associated with lower heart rate and sustained mean skin conductance during recovery after cognitive load: An exploratory controlled pilot study. Frontiers in Physiology, 17, Article 1917630. https://doi.org/10.3389/fphys.2026.1917630
Meier, M., Unternaehrer, E., Dimitroff, S. J., Benz, A. B. E., Bentele, U. U., Schorpp, S. M., Wenzel, M., & Pruessner, J. C. (2020). Standardized massage interventions as protocols for the induction of psychophysiological relaxation in the laboratory: A block randomized, controlled trial. Scientific Reports, 10, Article 14774. https://doi.org/10.1038/s41598-020-71173-w






