Macht Sport das Gehirn wirklich jünger?

Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 21. September 2026, Lesezeit: 9 Minuten

Jahrzehntelang galt sportliche Aktivität als eine der verlässlichsten Strategien, um das Gehirn im Alter gesund zu halten. Eine neue Analyse von mehr als 2.500 deutschen Erwachsenen liefert nun ein deutlich komplizierteres Bild. Die Forschenden fanden keine statistisch belastbaren Hinweise darauf, dass körperliche Aktivität zu einem jünger wirkenden Gehirn oder zu besseren kognitiven Leistungen führt. Stattdessen deutet die Studie in die andere Richtung: Menschen mit einem gesünderen Gehirn scheinen eher in der Lage zu sein, aktiv zu bleiben, nicht umgekehrt.

Die Grundannahme: Bewegung als Schutzfaktor fürs Gehirn

Die Idee, dass Bewegung das Gehirn schützt, stützt sich auf ein umfangreiches Fundament früherer Forschung. Tierstudien haben wiederholt gezeigt, dass Laufen und andere Bewegungsformen die Produktion von Wachstumsfaktoren im Gehirn anregen, die das Überleben von Nervenzellen und die Bildung neuer Verbindungen unterstützen können. Auf Basis dieser Mechanismen richten sich viele Humanstudien auf Hirnregionen, die als besonders altersanfällig gelten, etwa den Hippocampus, eine seepferdchenförmige Struktur tief im Gehirn, die für Gedächtnis und Lernen zentral ist.

Ein weiteres gängiges Maß für die Hirngesundheit ist der sogenannte Brain Age Gap Estimate (BrainAGE). Dabei schätzt ein maschinelles Lernmodell das Alter einer Person allein anhand der Struktur ihres Gehirns. Die Differenz zwischen geschätztem und tatsächlichem Alter ergibt einen Wert: Ein positiver Wert bedeutet, dass das Gehirn älter wirkt, als es chronologisch ist.

Trotz der Popularität dieser Annahme haben einige große Bevölkerungsstudien in den letzten Jahren widersprüchliche Ergebnisse geliefert. Eine 2023 im International Journal of Epidemiology veröffentlichte Studie an Menschen mittleren und höheren Alters fand kaum einen Effekt körperlicher Aktivität auf kognitive Testergebnisse. Diese Diskrepanz nährte den Verdacht einer umgekehrten Kausalität: Möglicherweise führen unbemerkte, frühe Verschlechterungen der Hirngesundheit dazu, dass Menschen sich erschöpft fühlen und weniger Sport treiben, statt dass fehlende Bewegung das Gehirn schädigt.

Die neue Studie: Eine breite Stichprobe statt einer Sportler-Auswahl

Um dieser Frage nachzugehen, analysierten Polona Kalc und Kolleginnen und Kollegen des Universitätsklinikums Jena Daten der LIFE-Adult-Studie, eines großen Forschungsprojekts, das die Gesundheit von Einwohnerinnen und Einwohnern Leipzigs über Jahre verfolgt. Anders als viele frühere Untersuchungen, die sich auf Freiwillige stützten, die sich gezielt für ein Sportprogramm angemeldet hatten, wollte das Team einen möglichen positiven Effekt körperlicher Aktivität in einem breiten Bevölkerungsquerschnitt nachweisen.

Ausgewertet wurden die Ausgangsdaten von 2.576 Teilnehmenden. Die körperliche Aktivität wurde vor allem über einen standardisierten Fragebogen erfasst, der abfragte, wie viel Zeit die Befragten in der vorangegangenen Woche mit Gehen sowie moderater und intensiver Bewegung verbracht hatten. Da Selbstauskünfte häufig ungenau sind, erhob das Team zusätzlich objektive Daten: Eine Untergruppe von 227 Personen trug eine Woche lang einen Beschleunigungssensor am Arm, der die tatsächliche Bewegung aufzeichnete.

Zur Erfassung der Hirnstruktur durchliefen die Teilnehmenden eine Magnetresonanztomographie. Aus den Aufnahmen berechneten die Forschenden das Hippocampusvolumen sowie den BrainAGE-Wert. Die kognitive Leistungsfähigkeit wurde mit dem Trail Making Test gemessen: Im ersten Teil verbinden die Teilnehmenden möglichst schnell aufsteigend nummerierte Punkte, was die grundlegende Verarbeitungsgeschwindigkeit misst. Im zweiten Teil wechseln sie zwischen Zahlen und Buchstaben, was exekutive Funktionen wie kognitive Flexibilität und Arbeitsgedächtnis prüft.

Eine kleinere Untergruppe der ursprünglichen Teilnehmenden kam Jahre später zu einer Nachuntersuchung zurück: Rund 340 absolvierten erneut die kognitiven Tests, etwa 250 erhielten ein zweites MRT. Bei dieser Nachuntersuchung schätzten die Teilnehmenden zudem ein, wie belastbar sie sich körperlich fühlten, bevor Erschöpfung eintrat. Alle statistischen Modelle wurden für Alter, Rauchverhalten, Alkoholkonsum und sozioökonomischen Status kontrolliert.

Was die Daten zeigten

Bei der Auswertung der Ausgangsdaten fand das Forschungsteam keine statistisch signifikanten positiven Effekte von selbstberichteter Gesamtaktivität oder moderater bis intensiver Bewegung auf Hippocampusvolumen oder BrainAGE. Höhere selbstberichtete Aktivität ging sogar mit leicht schlechteren Werten im Test der exekutiven Funktionen einher, ein Zusammenhang, der als Assoziation zu verstehen ist und keinen ursächlichen Schluss zulässt.

Die objektiven Beschleunigungssensor-Daten lieferten ein ähnliches Bild: In der allgemeinen erwachsenen Stichprobe zeigte sich kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen gemessener Bewegung und Hippocampusgröße oder BrainAGE.

Auffällig war eine altersbedingte Verzerrung bei der Selbsteinschätzung: Vor allem Menschen über 60 überschätzten ihre tatsächliche Aktivität im Vergleich zu den Sensordaten deutlich. In einer kleinen Teilgruppe von 70 Personen zwischen 30 und 60 Jahren fand sich zudem ein Zusammenhang zwischen höherer gemessener Aktivität und einem jünger wirkenden Gehirn. Dieser Effekt zeigte sich bei den über 60-Jährigen, die den Großteil der Stichprobe ausmachten, nicht. Angesichts der geringen Gruppengröße ist dieser Einzelbefund als vorläufig einzustufen und bedarf weiterer Bestätigung.

Die Langzeitdaten lieferten Hinweise auf eine umgekehrte Kausalität: Wie viel Bewegung eine Person zu Studienbeginn angab, sagte nicht voraus, wie ihr Gehirn Jahre später aussah. Stattdessen berichteten Teilnehmende, deren BrainAGE zu Studienbeginn bereits erhöht war, bei der Nachuntersuchung eine geringere körperliche Belastbarkeit. Die Autorinnen und Autoren vermuten, dass altersbedingte Prozesse wie zelluläre Energieprobleme oder leichte Entzündungen die Hirngesundheit stillschweigend beeinträchtigen und gleichzeitig die körperliche Erschöpfung verursachen könnten, die Aktivität einschränkt.

Einordnung durch unabhängige Fachleute

Ben Singh, Forschungsmitarbeiter für Gesundheit an der University of Adelaide, der nicht an der Studie beteiligt war, ordnete die Ergebnisse gegenüber PsyPost ein: Die Studie liefere keinen durchgängigen Beleg dafür, dass körperlich aktivere Menschen eine bessere Hirnstruktur oder kognitive Funktion aufwiesen, zumindest nicht für die untersuchten Messgrößen. Er betonte, dass der Zusammenhang zwischen Bewegung und Hirngesundheit vermutlich komplexer und möglicherweise wechselseitig sei, als oft dargestellt.

Zugleich warnte Singh ausdrücklich davor, die Ergebnisse als Beleg dafür zu lesen, dass Sport dem Gehirn grundsätzlich nicht nütze, das gehe weit über das hinaus, was die Studie zeigen könne. Wichtig sei der Unterschied zwischen einem statistisch nicht nachweisbaren Zusammenhang und dem Nachweis, dass tatsächlich kein Effekt bestehe.

Diese Ergebnisse stehen in Spannung zu anderen Arbeiten: Eine 2025 veröffentlichte Übersichtsarbeit zu strukturierten Bewegungsprogrammen kam zu dem Schluss, dass gezielte Interventionen kognitive Leistungen und exekutive Funktionen über verschiedene Altersgruppen hinweg verbessern können, ein grundsätzlich anderer Studientyp als die beobachtende LIFE-Adult-Studie. Auch eine 2025 erschienene Arbeit, die objektiv gemessene Bewegung mit einem größeren Hippocampusvolumen bei jungen Erwachsenen in Verbindung brachte, widerspricht den neuen Befunden teilweise, konzentrierte sich jedoch auf einzelne Hippocampus-Unterregionen bei einer jüngeren Population, was die Ergebnisse nur eingeschränkt vergleichbar macht.

Grenzen der Studie

Die Forschenden selbst benennen mehrere Einschränkungen. Da der Großteil der Stichprobe auf Selbstauskünften beruhte, waren Messfehler wahrscheinlich, wie die Überschätzung der eigenen Aktivität durch ältere Teilnehmende zeigt. Die objektiven Sensordaten umgingen dieses Problem zwar, stammten aber nur von einer vergleichsweise kleinen Gruppe mit insgesamt eher niedrigem Aktivitätsniveau. Es ist möglich, dass die Teilnehmenden schlicht nicht intensiv oder ausdauernd genug trainierten, um jene biologischen Mechanismen auszulösen, die die Hirnstruktur nachweislich verändern können.

Zudem beschränkte sich die Studie ausschließlich auf Hippocampusvolumen und BrainAGE. Bewegung könnte dem Gehirn auf Wegen nützen, die diese beiden Messgrößen nicht erfassen, etwa über die Integrität der weißen Hirnsubstanz oder die funktionelle Vernetzung verschiedener Hirnregionen. Auch verglich die Langzeitanalyse unterschiedliche Konzepte, Aktivität zu Studienbeginn und körperliche Belastbarkeit bei der Nachuntersuchung, was die genaue Erfassung von Veränderungen erschwert.

Nach eigener Einschätzung von eLife legen die Ergebnisse nahe, dass Hirngesundheit eher eine Ursache als eine Folge körperlicher Aktivität sein könnte, wobei die Fachredaktion zugleich einräumt, dass methodische Grenzen der Daten mögliche Vorteile von Bewegung verdecken könnten.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Bedeutet die Studie, dass Sport dem Gehirn nicht hilft?
Nein. Die Studie zeigt lediglich, dass sich in dieser bestimmten, beobachtenden Stichprobe kein statistisch nachweisbarer Zusammenhang zwischen alltäglicher körperlicher Aktivität und den untersuchten Hirnmaßen fand. Das ist nicht gleichbedeutend mit einem Nachweis, dass Bewegung keinen Effekt hat, insbesondere strukturierte Trainingsprogramme haben in anderen Studien positive Effekte auf Kognition gezeigt.

Warum unterscheiden sich die Ergebnisse von früheren Studien, die Sport positiv bewerteten?
Viele frühere positive Befunde stammen aus kontrollierten Interventionsstudien mit gezielten Trainingsprogrammen oder aus kleineren, oft jüngeren Stichproben. Die neue Studie untersuchte dagegen alltägliches Bewegungsverhalten in einer breiten, überwiegend älteren Bevölkerungsstichprobe, was andere Ergebnisse erklären kann.

Was ist BrainAGE und warum ist es wichtig?
BrainAGE ist ein aus MRT-Daten berechneter Schätzwert für das biologische Alter des Gehirns. Ein höherer Wert als das tatsächliche Alter gilt als möglicher Hinweis auf beschleunigte Hirnalterung, wird in der Forschung aber vor allem als statistisches Werkzeug und nicht als individuelle Diagnose verwendet.

Was bedeutet „umgekehrte Kausalität“ in diesem Zusammenhang?
Damit ist gemeint, dass nicht mangelnde Bewegung zu einem alternden Gehirn führt, sondern dass ein bereits weniger gesundes Gehirn dazu führen könnte, dass Menschen sich erschöpfter fühlen und weniger aktiv sind. Die Langzeitdaten der Studie stützen eher dieses Muster als die umgekehrte Richtung.

Sollte ich aufgrund dieser Studie meine Sportgewohnheiten ändern?
Die Studie liefert keine Grundlage für individuelle Ratschläge. Bewegung bleibt aus zahlreichen anderen Gründen, etwa für das Herz-Kreislauf-System oder die Stimmung, gut belegt gesundheitsrelevant. Wer Fragen zu seiner persönlichen Aktivität hat, sollte sich an medizinisches Fachpersonal wenden.

Quellen

Kalc, P., Dahnke, R., Sander, C., Beyer, F., Zülke, A., Riedel-Heller, S. G., Witte, A. V., & Gaser, C. (2026). The effect of physical activity on brain structure and cognitive function in the population-based cohort of LIFE-Adult-Study. eLife, 15, RP109461. https://doi.org/10.7554/eLife.109461

Dolan, E. W. (2026, September 22). Does exercise really slow brain aging? A new study complicates the narrative. PsyPost. https://www.psypost.org/does-exercise-really-slow-brain-aging-a-new-study-complicates-the-narrative/

Herzkrankheiten: Warum LDL-Cholesterin nicht das ganze Risiko erklärt

Herzkrankheiten: Warum LDL-Cholesterin nicht das ganze Risiko erklärt

Neue Erkenntnisse zeigen, dass LDL-Cholesterin allein nicht das Risiko von Herzkrankheiten erklärt. Lesen Sie mehr dazu....

Kreatin und Darmentzündung Rattenstudie zum Schutz des Hippocampus bei chronischer Colitis

Kreatin und Darmentzündung: Was eine Rattenstudie zum Gehirn zeigt

Kreatin und Darmentzündung: Erfahren Sie, wie eine Tierstudie zeigt, dass Kreatin das Gehirn schützen kann....

Olivenöl vor Kohlenhydraten: Mäusestudie zu Blutzucker, Magenentleerung, Glukagon und Inkretinhormone

Olivenöl vor Kohlenhydraten: Was eine Mäusestudie zum Blutzucker zeigt

Studie beleuchtet die Auswirkungen von Olivenöl vor Kohlenhydraten auf den Blutzucker. Was bedeutet das für Diabetiker?...

Zwei Menschen im Gespräch am Welttag der psychischen Gesundheit 2026 Zuhören und Erfahrungen Betroffener im Fokus

Welttag der psychischen Gesundheit 2026: Betroffene im Fokus

Entdecken Sie den Welttag der psychischen Gesundheit 2026 und die Bedeutung betroffener Stimmen für Veränderungen in der Versorgung....

Blutprobe und Laborröhrchen zur Untersuchung von Entzündungsproteinen als Biomarker bei Zöliakie

Zöliakie: Blutproteine könnten Aufschluss über Darmschäden geben

Neuartige Ansätze zur Diagnose von Zöliakie: Blutproteine könnten wichtige Informationen über Ihren Darm geben....