Ein Marathon verlangt von Menschen mit Typ-1-Diabetes, Insulindosis, Kohlenhydratzufuhr und Energieverbrauch über Stunden aufeinander abzustimmen. Ein Team der Medizinischen Universität Posen hat dazu beim Posener Marathon 2025 zehn Amateurläufer mit Typ-1-Diabetes und zehn Läufer ohne Diabetes verglichen; die Ergebnisse sollen auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Mailand vorgestellt werden. Alle Läufer mit Diabetes erreichten das Ziel, und ihre Zeiten unterschieden sich nicht signifikant von denen der Kontrollgruppe. Die Glukosesensoren wichen allerdings deutlich von den Messwerten aus dem Fingerblut ab, was die Annahme relativiert, Sensoren allein reichten für eine sichere Steuerung aus.
Wer lief, und wie wurde betreut?
Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie mit 20 Teilnehmenden. Zehn hatten seit mindestens einem Jahr Typ-1-Diabetes, zehn dienten als Kontrollen. Die Gruppen waren vergleichbar: Das Alter lag bei 35,4 beziehungsweise 39,7 Jahren, und beide bestanden aus acht Männern und zwei Frauen.
Die Läufer mit Diabetes hatten im Median seit 16,5 Jahren die Erkrankung und einen HbA1c-Wert von 6,4 Prozent, ihre Stoffwechseleinstellung war also gut. Fünf nutzten Insulininjektionen (MDI), drei eine Insulinpumpe (CSII) und zwei ein System zur automatisierten Insulinabgabe (AID).
Protokoll vor und während des Rennens
Vor dem Start galt ein Zielbereich von 140 bis 200 mg/dL. Die Basalinsulindosis wurde bei Injektionen um 25 Prozent und bei Pumpen ohne Automatik um 50 Prozent gesenkt; AID-Nutzer stellten einen Zielwert von 150 mg/dL ein. Dies beschreibt das Studienprotokoll und ist keine allgemeine Dosisempfehlung.
Bei Kilometer 0, 10, 19, 30 und im Ziel wurde die Glukose mit einem Blutzuckermessgerät bestimmt und mit zwei Sensorsystemen verglichen: einem intermittierend gescannten (isCGM) und einem Echtzeitsystem (rtCGM). Bei Bedarf gaben die Forschenden Kohlenhydrate oder Insulin. Die Läufer waren also nicht auf sich allein gestellt.
Ergebnisse: Alle im Ziel, eine Person mit Unterzuckerungswerten
- Zielankunft: Alle zehn Läufer mit Typ-1-Diabetes beendeten den Marathon.
- Laufzeit: 228 Minuten in der Diabetesgruppe, 248 Minuten bei den Kontrollen; der Unterschied war statistisch nicht signifikant.
- Kohlenhydrate: im Median 53,5 Gramm pro Stunde, insgesamt 2,61 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht.
- Glukose (Median, Blutzuckermessgerät): 183,5 mg/dL am Start, 119,5 mg/dL bei 10 km, 142,5 mg/dL bei 19 km, 121,5 mg/dL bei 30 km und 108,5 mg/dL im Ziel.
- Unterzuckerung: zwei Messwerte im Unterzuckerungsbereich bei derselben Person, die dennoch ins Ziel kam.
Diese Person nahm 49,5 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde auf. Laut den Autoren war sie mit einem Glukosewert unter 140 mg/dL gestartet; aus einem Einzelfall lässt sich jedoch keine allgemeine Regel ableiten.
Was „vergleichbare Zeiten“ bedeutet
Ein nicht signifikanter Unterschied ist kein Nachweis von Gleichwertigkeit. Mit je zehn Teilnehmenden kann eine Studie kleinere Unterschiede kaum erkennen. Die Daten sind mit ähnlicher Leistung vereinbar, beweisen sie aber nicht.
Sensorwerte wichen stark von Blutmessungen ab
Die Genauigkeit der Sensoren war während des Rennens eingeschränkt. Gemessen am mittleren absoluten relativen Unterschied (MARD) lagen die Sensorwerte im Durchschnitt um etwa 43 Prozent (isCGM) beziehungsweise 37 Prozent (rtCGM) neben den Werten des Blutzuckermessgeräts. Sie überschätzten die Glukose im Mittel um 32,2 beziehungsweise 50,4 mg/dL.
Zum Vergleich: Kulecki und Kollegen (2025) nennen unter Verweis auf das Positionspapier von Moser und Kollegen (2020) einen mittleren MARD von rund 13,6 Prozent während körperlicher Belastung. Die Zeitverzögerung zwischen Blut- und Sensorwert wächst demnach von etwa fünf Minuten in Ruhe auf 12 bis 24 Minuten bei Belastung.
Überschätzt ein Sensor die Glukose, kann eine Unterzuckerung unentdeckt bleiben. In einer früheren Pilotstudie derselben Arbeitsgruppe mit fünf Läufern übersah der Sensor bei einem Teilnehmer eine länger andauernde Unterzuckerung. Ein weiterer Läufer entwickelte zwischen zwei Messpunkten Symptome; insgesamt hatten drei der fünf Läufer symptomatische Unterzuckerungen.
Die Autoren der aktuellen Studie raten deshalb, bei langen Ausdauerwettkämpfen zusätzlich mit dem Blutzuckermessgerät zu messen, besonders wenn der Sensorwert nicht zum Körpergefühl passt.
Was die Studie nicht belegen kann
- Kleine Stichprobe: Zehn Läufer mit Typ-1-Diabetes, verteilt auf drei Therapieformen (fünf, drei und zwei Personen), erlauben keine Aussagen zu einzelnen Behandlungsarten.
- Ausgewählte Gruppe: Amateurläufer mit guter Stoffwechseleinstellung sind nicht repräsentativ für alle Menschen mit Typ-1-Diabetes.
- Betreuung: Da Forschende bei Bedarf Kohlenhydrate oder Insulin gaben, lässt sich nicht sagen, ob die Läufe ohne diese Unterstützung ebenso verlaufen wären.
- Messlücken: Bei nur fünf Messzeitpunkten können Unterzuckerungen dazwischen unbemerkt bleiben.
- Datenlage: Bislang liegt eine Mitteilung der Fachgesellschaft zu einem angekündigten Kongressbeitrag vor. Eine vollständige Fachveröffentlichung konnte nicht geprüft werden.
Einordnung: Bisherige Empfehlungen und Studien
Ein internationales Konsenspapier (Riddell et al., 2017) beschreibt, dass die Glukosereaktion auf Bewegung stark schwankt. Das Management beruht demnach auf häufigen Glukosemessungen, angepassten Insulindosen und zusätzlichen Kohlenhydraten. Das Positionspapier von EASD und ISPAD (Moser et al., 2020) empfiehlt sichere Sensorschwellenwerte unter Berücksichtigung der Zeitverzögerung; diese dienen als Ausgangspunkt und sind individuell anzupassen.
Nach der Darstellung von Kulecki und Kollegen begleiteten Thuillier und Kollegen (2022) zwölf Läufer mit Typ-1-Diabetes beim Pariser Marathon. Alle erreichten das Ziel ohne Unterzuckerung; der Startbereich von 140 bis 200 mg/dL stammt aus diesem Vorgehen. Die Posener Ergebnisse passen zu dem Bild, dass ein Marathon mit guter Vorbereitung möglich ist, zeigen aber auch die Grenzen der Sensortechnik.
Die Einschätzung der Autoren
Die Forschenden betonen, dass Läufer mit Typ-1-Diabetes vor einem Marathon mit ihren behandelnden Ärzten einen individuellen Plan für Glukose, Kohlenhydrate und Flüssigkeit besprechen sollten. Am wichtigsten sei eine passende Insulinstrategie, etwa mit verringerter Basal- oder Mahlzeiteninsulindosis. Ausgangswerte, Lauferfahrung, Diabetesdauer und Folgeerkrankungen spielten eine Rolle; manche Menschen sollten vor einem Ausdauertraining kardiologisch untersucht werden. Dies ist eine Expertenmeinung und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Können Menschen mit Typ-1-Diabetes einen Marathon laufen?
Berichte und kleine Beobachtungsstudien zeigen, dass es bei sorgfältiger Planung möglich ist. In Posen erreichten alle zehn Läufer das Ziel. Die Evidenz stammt jedoch aus kleinen, betreuten Gruppen und erlaubt keine Aussage über jeden Einzelnen.
Warum sind Sensoren beim Laufen ungenauer?
Sensoren messen die Glukose im Gewebewasser, nicht direkt im Blut. Ändert sich der Wert schnell, hinkt die Anzeige hinterher; bei Belastung kann die Verzögerung nach dem Positionspapier von 2020 (zitiert nach Kulecki et al., 2025) 12 bis 24 Minuten betragen.
Was bedeutet der MARD-Wert?
Er gibt an, um wie viel Prozent die Sensorwerte im Durchschnitt von einem Referenzwert abweichen, hier von den Messungen des Blutzuckermessgeräts. Ein niedrigerer Wert steht für höhere Genauigkeit. In der Posener Studie lag er bei etwa 37 bis 43 Prozent.
Warum meiden viele Menschen mit Typ-1-Diabetes körperliche Belastung?
Die Angst vor Unterzuckerungen war in einer Befragung von 100 Erwachsenen (Brazeau et al., 2008) die am stärksten ausgeprägte Hürde. Besseres Wissen über die Insulinwirkung ging mit weniger wahrgenommenen Hindernissen einher. Das ist ein Zusammenhang und kein Beleg für Ursache und Wirkung.
Sollten Läufer mit Typ-1-Diabetes vor einem Marathon ärztlichen Rat einholen?
Nach Einschätzung der Studienautoren ja. Ein individueller Plan hängt von Stoffwechseleinstellung, Erfahrung, Diabetesdauer und möglichen Folgeerkrankungen ab. Konkrete Dosierungen gehören in ärztliche Hände.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
Brazeau, A.-S., Rabasa-Lhoret, R., Strychar, I., & Mircescu, H. (2008). Barriers to physical activity among patients with type 1 diabetes. Diabetes Care, 31(11), 2108–2109. https://doi.org/10.2337/dc08-0720
European Association for the Study of Diabetes. (2026, 18. September). Type 1 diabetes runners can safely complete marathons with careful glucose management. News-Medical.Net. https://www.news-medical.net/news/20260918/Type-1-diabetes-runners-can-safely-complete-marathons-with-careful-glucose-management.aspx
Kulecki, M., Daroszewski, M., Birula, P., Bonikowska, A., Kreczmer, A., Pietrzak, M., Adamska, A., Michalak, M., Sroczyńska, A., Michalski, M., Zozulińska-Ziółkiewicz, D., & Gawrecki, A. (2025). Management and medical care for individuals with type 1 diabetes running a marathon. Journal of Clinical Medicine, 14(7), Article 2493. https://doi.org/10.3390/jcm14072493
Moser, O., Riddell, M. C., Eckstein, M. L., Adolfsson, P., Rabasa-Lhoret, R., van den Boom, L., Gillard, P., Nørgaard, K., Oliver, N. S., Zaharieva, D. P., Battelino, T., de Beaufort, C., Bergenstal, R. M., Buckingham, B., Cengiz, E., Deeb, A., Heise, T., Heller, S., Kowalski, A. J., . . . Mader, J. K. (2020). Glucose management for exercise using continuous glucose monitoring (CGM) and intermittently scanned CGM (isCGM) systems in type 1 diabetes: Position statement of the European Association for the Study of Diabetes (EASD) and of the International Society for Pediatric and Adolescent Diabetes (ISPAD) endorsed by JDRF and supported by the American Diabetes Association (ADA). Diabetologia, 63(12), 2501–2520. https://doi.org/10.1007/s00125-020-05263-9
Riddell, M. C., Gallen, I. W., Smart, C. E., Taplin, C. E., Adolfsson, P., Lumb, A. N., Kowalski, A., Rabasa-Lhoret, R., McCrimmon, R. J., Hume, C., et al. (2017). Exercise management in type 1 diabetes: A consensus statement. The Lancet Diabetes & Endocrinology, 5, 377–390. https://doi.org/10.1016/S2213-8587(17)30014-1
Thuillier, P., Domun, N., Sonnet, E., Le Ven, F., Roudaut, C., Kergus, A., Kerlan, V., & Roudaut, N. (2022). Prevention of exercise-induced hypoglycemia in 12 patients with type 1 diabetes running the Paris Marathon using continuous glucose monitoring: A prospective, single-center observational study. Diabetes & Metabolism, 48, Article 101321. https://doi.org/10.1016/j.diabet.2022.101321






