Forschung: Wie Zwangsstörungen (OCD) entstehen

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Torsten Lorenz, Beitrag vom 10. September 2022

Wie kommt es zu einer Zwangsstörung? Eine neue wissenschaftliche Forschungsarbeit der University of Cambridge stellt die gängige Vorstellung in Frage, dass die für Zwangsstörungen (auch Obsessive–Compulsive disorder, OCD) genannt) charakteristischen Verhaltensweisen, wie das wiederholte Händewaschen als Reaktion auf beunruhigende zwanghafte Ängste ausgeführt werden.

OCD: Zwänge vs. Zwangsvorstellungen

Aus der Studie, die an der University of Cambridge in Zusammenarbeit mit der University of Amsterdam durchgeführt wurde, geht hervor, dass bei Zwangsstörungen die Verhaltensweisen selbst (die Zwänge) die Vorläufer der Störung sein könnten und dass die Zwangsvorstellungen lediglich die Art und Weise sind, wie das Gehirn diese Verhaltensweisen rechtfertigt.

Die Forschungsergebnisse liefern somit wichtige Erkenntnisse darüber, wie das lähmende, sich wiederholende Verhalten einer Zwangsstörung (OCD) entsteht, was zu wirksameren Behandlungen und Präventivmaßnahmen für diese psychische Erkrankung führen könnte.

In der Cambridge-Studie, die in dem Fachblatt American Journal of Psychiatry veröffentlicht wurde, wurden 20 Patientinnen und Patienten, die an einer Obsessive–Compulsive Disorder (OCD) leiden, und 20 gesunde Probandinnen und Probanden (ohne Zwangsstörung) in einer Aufgabe getestet, die die Tendenz zur Entwicklung gewohnheitsmäßigen Verhaltens untersuchte.

Die Aufgabe der Testpersonen war es, einfache Assoziationen zwischen Reizen, Verhaltensweisen und Ergebnissen lernen, um bei einer Aufgabe Punkte zu gewinnen.

Die Forscher unter der Leitung von Claire Gillan und Trevor Robbins vom der Cambridge University und Sanne de Wit von der Universität Amsterdam stellten bei ihren Untersuchungen fest, dass Menschen, die an einer solchen Verhaltensstörung leiden, dazu neigen, weiterhin zu reagieren, unabhängig davon, ob ihr Verhalten zu einem erwünschten Ergebnis führt oder nicht.

  • Anders ausgedrückt: Dieses Verhalten war gewohnheitsmäßig.

Die Entdeckung, dass zwanghaftes Verhalten – der unwiderstehliche Drang, eine Aufgabe auszuführen – im Labor beobachtet werden kann, ohne dass damit Zwänge verbunden sind, lässt darauf schließen, dass Zwänge und nicht die Zwangsvorstellungen das entscheidende Merkmal einer Zwangsstörung sein könnten.

Wirksame Behandlung für Zwangsstörungen

Tatsächlich ist eine der wirksamsten Behandlungsmethoden für Zwangsstörungen die kognitive Verhaltenstherapie, die in der Regel eine Methode beinhaltet, die als „Expositions- und Reaktionsvermeidung“ bekannt ist.

Bei dieser Technik werden die Betroffenen aufgefordert, die zwanghafte Reaktion einzustellen und zu lernen, dass die gefürchtete Konsequenz nicht eintritt, egal ob das Verhalten ausgeführt wird oder nicht.

  • Dass diese Behandlung so wirksam ist, entspricht der Vorstellung, dass die Zwänge und nicht die Zwangsvorstellungen für die Zwangsstörung (OCD) entscheidend sind. Wenn die Zwänge aufhören, verschwindet auch die Obsession (Zwangsvorstellung) in der Regel von selbst.

Dass Menschen dazu neigen, „Lücken zu füllen“, wenn es um Verhaltensweisen geht, die sich nicht logisch erklären lassen, ist seit langem bekannt, so Claire Gillan, Doktorandin an der University of Cambridge.

Bei einer Zwangsstörung (Obsessive–Compulsive Disorder, OCD) könnte der überwältigende Drang, ein Verhalten grundlos zu wiederholen, ausreichen, um eine sehr reale, zwanghafte Angst zu erzeugen, um es zu erklären, so die Forscherin.

Gehirnmuster mit genetischem Risiko für Zwangsstörungen verbunden

Wie kommt es zu einer Zwangsstörung? In einer weiteren Studie haben Cambridge-Forscher herausgefunden, dass von Zwangsstörung (Obsessive–Compulsive Disorder, OCD) betroffene Menschen und ihre engen Familienangehörigen besondere Muster in ihrer Gehirnstruktur aufweisen.

Risiko einer Zwangsstörung besser vorhersagen

Damit haben Wissenschaftler zum ersten Mal ein anatomisches Merkmal mit dem familiären Risiko für die Störung in Verbindung gebracht.

Mithilfe dieser neuen Forschungsergebnisse, die in der Fachzeitschrift Brain veröffentlicht wurden, ließe sich besser vorhersagen, ob Menschen ein Risiko haben, an einer Zwangsstörung zu erkranken, und die Krankheit könnte genauer diagnostiziert werden.

Zwangsstörung (Obsessive–Compulsive Disorder, OCD) kommen bekanntermaßen in der Familie vor.

  • Die komplexen Gene, die dieser Vererbbarkeit zugrunde liegen, und die genaue Art und Weise, wie die Gene zur Krankheit beitragen, sind bislang allerdings noch unbekannt.

Das Risiko für eine Zwangsstörung könnte darin bestehen, dass die Gene die Gehirnstruktur beeinflussen (wie zum Beispiel die Menge und Lage der grauen Substanz im Gehirn), was sich wiederum auf die Fähigkeit einer Person auswirkt, geistige Aufgaben zu erfüllen.

Risikofaktoren: Der Einfluss der genetischen Erbanlagen

Um diesem Gedanken nachzugehen, untersuchten die Forscherinnen und Forscher anhand von kognitiven und hirnbezogenen Messungen, ob es biologische Marker für das genetische Risiko der Entwicklung einer Zwangsstörung gibt.

Die Cambridge Forscherinnen und Forscher nahmen mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) Bilder von Gehirnen von OCD-Patientinnen und -Patienten sowie von gesunden nahen Verwandten (Geschwister, Eltern oder Kinder) und einer Gruppe nicht verwandter gesunder Menschen auf.

Außerdem nahmen die Teilnehmer an einem Computertest teil, bei dem sie so schnell wie möglich eine linke oder rechte Taste drücken mussten, wenn Pfeile erschienen.

Sobald ein Signalton ertönte, mussten die Probanden versuchen, ihre Reaktionen zu stoppen. Diese Aufgabe diente der objektiven Messung der Fähigkeit, sich wiederholende Verhaltensweisen zu unterbrechen.

Bei der Computeraufgabe schnitten sowohl Patienten mit Zwangsstörungen als auch ihre nahen Verwandten schlechter ab als die Kontrollgruppe.

Damit verbunden war eine Abnahme der grauen Substanz in Gehirnregionen, die für die Unterdrückung von Reaktionen und Gewohnheiten wichtig sind.

Nach Aussage von Lara Menzies von der Brain Mapping Unit der Universität Cambridge könnte eine beeinträchtigte Hirnfunktion in den Bereichen des Gehirns, die mit der Unterdrückung motorischer Reaktionen verbunden sind, zu den zwanghaften und sich wiederholenden Verhaltensweisen beitragen, die für die Zwangsstörung charakteristisch sind.

Solche Hirnveränderungen scheinen familiär gehäuft aufzutreten und könnten einen genetischen Risikofaktor für die Entwicklung der Krankheit darstellen.

Deshalb kann das Wissen um die zugrunde liegenden Ursachen zu einer besseren Diagnose und letztlich zu einer besseren klinischen Behandlung führen.

Es ist jedoch noch ein weiter Weg bis zur Identifizierung der Gene, die zu der besonderen Gehirnstruktur von Zwangsstörungspatienten und ihren Angehörigen beitragen.

Zudem müssen weitere Faktoren identifiziert werden, die zur Entstehung der Zwangsstörung (Obsessive–Compulsive Disorder, OCD) beitragen, um zu verstehen, warum nahe Verwandte, die ähnliche Hirnstrukturen aufweisen, nicht immer an der Störung erkranken.

Was ist eine Zwangsstörung – Beispiel?

Zwangsstörungen (Obsessive-Compulsive Disorder, OCD) sind eine weit verbreitete schwere psychische Erkrankung, von der etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung betroffen sind.

Patienten mit Zwangsstörungen leiden unter Obsessionen, wie zum Beispiel unerwünschte, wiederkehrende Gedanken, Sorgen über Verunreinigungen und „Keime“, die Notwendigkeit, Haushaltsgegenstände im Falle eines Brandes oder Einbruchs zu überprüfen, die symmetrische Anordnung von Gegenständen oder die Angst, sich selbst oder anderen zu schaden.

Zudem leiden die Betroffen unter Zwängen, wie beispielsweise sich wiederholende Verhaltensweisen, die mit den Obsessionen zusammenhängen, wie etwa das Waschen und die Durchführung von Sicherheitsüberprüfungen im Haushalt.

Was sind die häufigsten Zwangsstörungen (Obsessive-Compulsive Disorder, OCD)? Die am häufigsten vorkommenden Zwänge sind der Kontrollzwang (Kontrollsucht), der Waschzwang (Reinigungszwang), der Ordnungszwang und der Sammelzwang.

Solche OCD-Symptome können das Leben des betroffenen Menschen teils stark einschränken und zu großem Leid, Entfremdung und Ängsten führen.

Quellen

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Der Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

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