Eine aktuelle randomisierte kontrollierte Studie aus Kopenhagen liefert erstmals direkte Belege dafür, dass eine gezielte Fischöl-Supplementierung während der Schwangerschaft messbare Veränderungen im Gehirnstoffwechsel von Kindern hervorrufen kann, die noch ein Jahrzehnt später mittels moderner Magnetresonanztomographie nachweisbar sind, auch wenn sich daraus bislang kein eindeutiger kognitiver oder Verhaltensvorteil ableiten lässt.
Die im Fachjournal Translational Psychiatry zur Veröffentlichung angenommene Untersuchung ist Teil der bekannten COPSAC2010-Kohorte (Copenhagen Prospective Studies on Asthma in Childhood 2010) und gehört zu den methodisch anspruchsvollsten Arbeiten, die den Zusammenhang zwischen pränataler Omega-3-Zufuhr und kindlicher Hirnfunktion bisher untersucht haben.
ÜBERSICHT
Worum es in der Studie geht
Insgesamt 700 schwangere Frauen wurden ab der 24. Schwangerschaftswoche randomisiert einer von zwei Gruppen zugeteilt: Eine Gruppe erhielt täglich 2,4 Gramm Fischöl-basierte polyungesättigte Fettsäuren (PUFAs), bestehend aus 55 Prozent Eicosapentaensäure (EPA) und 37 Prozent Docosahexaensäure (DHA); die Kontrollgruppe erhielt stattdessen ein Olivenöl-Placebo. Die Einnahme erfolgte bis eine Woche nach der Geburt.
Zehn Jahre später wurden 487 Kinder mittels 3-Tesla-MRT untersucht. Nach Bildverarbeitung und Qualitätskontrolle blieben 460 Kinder mit mindestens einem verwertbaren Stoffwechselparameter übrig, bei einem Durchschnittsalter von 10,3 Jahren. Je nach Messgröße flossen unterschiedlich viele Datensätze in die vollständig adjustierten Analysen ein: 325 Kinder für die zerebrale Durchblutung, 271 für den Sauerstoffverbrauch des Gehirns und 380 für die Laktatwerte.
Zwei zentrale Stoffwechselmarker im Fokus
Die Forschenden analysierten drei spezifische Kennwerte der Hirnfunktion:
- Zerebrale Durchblutung (CBF), gemessen mittels Phasenkontrast-MRT durch die großen Hirnarterien.
- Zerebrale Sauerstoffverwertung (CMRO2), berechnet aus Durchblutung, venöser Hämoglobinkonzentration und Sauerstoffsättigung.
- Laktatkonzentration im Precuneus, bestimmt durch Magnetresonanzspektroskopie.
Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft Fischöl erhalten hatten, zeigten im Alter von 10 Jahren signifikant niedrigere Werte bei zwei dieser drei Marker.
Die konkreten Ergebnisse im Detail
Die zerebrale Durchblutung war in der Fischölgruppe im Schnitt um 2,3 Milliliter pro 100 Gramm Hirngewebe pro Minute reduziert (adjustiertes Beta minus 2,3; 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 4,42 bis minus 0,25; p gleich 0,03).
Der zerebrale Sauerstoffverbrauch sank um 17,38 Mikromol pro 100 Gramm pro Minute (adjustiertes Beta minus 17,38; 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 33,15 bis minus 1,60; p gleich 0,03).
Die Laktatwerte im Precuneus blieben dagegen statistisch unverändert (adjustiertes Beta 0,01 mmol/L; 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,02 bis 0,04; p gleich 0,54).
Warum diese Werte überhaupt wichtig sind
Kinderhirn und Erwachsenenhirn unterscheiden sich fundamental im Energieverbrauch. Während der mittleren Kindheit benötigt das Gehirn deutlich mehr Energie, um Synapsenbildung, synaptisches Pruning und Myelinisierung zu unterstützen.
Physiologisch äußert sich dieser erhöhte Energiebedarf in einer gesteigerten zerebralen Durchblutung, einem höheren Sauerstoffverbrauch sowie einer erhöhten Laktatproduktion durch aerobe Glykolyse, einem Prozess, bei dem das Gehirn Glukose nichtoxidativ verstoffwechselt, obwohl ausreichend Sauerstoff vorhanden wäre.
Frühere Forschung zeigt, dass Durchblutung und Sauerstoffverbrauch des Gehirns typischerweise um das siebte Lebensjahr ihren Höhepunkt erreichen und danach bis ins Erwachsenenalter kontinuierlich abnehmen. Niedrigere Werte in diesem Entwicklungsfenster können daher auf eine fortgeschrittenere, eher erwachsenenähnliche Stoffwechselreife hindeuten, sind jedoch nicht automatisch mit einer besseren Hirnfunktion gleichzusetzen.
Vergleich mit erwachsenen Gehirnen
Um die Ergebnisse besser einordnen zu können, verglichen die Forschenden die kindlichen MRT-Messwerte mit denen von 248 Erwachsenen, die mit identischer Hardware und identischen Sequenzen gescannt wurden. Dabei zeigten sich bei Erwachsenen durchgehend deutlich niedrigere Werte für Durchblutung, Sauerstoffverbrauch und Laktat als bei den zehnjährigen Kindern.
Dieser Vergleich stützt die Interpretation, dass die Fischölgruppe ein tendenziell reiferes, erwachsenenähnlicheres Stoffwechselprofil aufwies. Er beweist jedoch keine beschleunigte individuelle Gehirnreifung und belegt auch keine gesteigerte Effizienz der Hirnfunktion.
Keine Verbindung zu Kognition oder Verhalten
Ein zentrales Ergebnis der Studie: Zwischen den drei gemessenen Stoffwechselmarkern und den kognitiven sowie psychopathologischen Testergebnissen der Kinder, darunter Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Autismus-Spektrum-Störungen, fand sich kein statistisch signifikanter Zusammenhang.
Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass kein Zusammenhang existiert; einige diagnostische Analysen umfassten nur wenige Fälle, wodurch die statistische Aussagekraft eingeschränkt war.
Interessant ist zudem, dass die vor der Randomisierung gemessenen mütterlichen EPA- und DHA-Ausgangswerte im Blut keine signifikante Assoziation mit den kindlichen Hirnwerten zeigten. Dieser Kontrast könnte darauf hindeuten, dass die standardisierte, hochdosierte Supplementierung einen anderen Effekt erzeugt als natürliche Schwankungen einer einzelnen Ausgangsmessung; ein Beweis für einen dosisspezifischen Effekt ist dies jedoch nicht.
Praktische Einordnung für werdende Eltern
Für Schwangere und ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte ergeben sich aus der Studie einige praxisrelevante Punkte:
- Die verwendete Dosierung von 2,4 Gramm PUFAs täglich lag deutlich über den in vielen Nahrungsergänzungsmitteln üblichen Mengen.
- Die Supplementierung begann erst in der 24. Schwangerschaftswoche und endete eine Woche nach der Geburt; frühere oder längere Einnahmezeiträume wurden nicht untersucht.
- Die beobachteten Effekte auf die Hirndurchblutung und den Sauerstoffverbrauch waren statistisch signifikant, aber klein; ein unmittelbarer klinischer Nutzen lässt sich daraus derzeit nicht ableiten.
- Werdende Eltern sollten Entscheidungen zur Nahrungsergänzung während der Schwangerschaft grundsätzlich mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt besprechen, da individuelle Risikofaktoren berücksichtigt werden müssen.
Grenzen der Studie
Die Autorinnen und Autoren benennen mehrere methodische Einschränkungen selbst. Es handelt sich um eine Einzelzentrumsstudie mit nur einer kindlichen Messzeitpunkt-Erhebung. Die Durchblutungs- und Sauerstoffverbrauchswerte wurden global gemessen und nicht regionsspezifisch, während die Laktatmessung ausschließlich auf den Precuneus beschränkt blieb.
Zudem lagen die für die adjustierten Modelle nutzbaren Stichprobengrößen (zwischen 271 und 380 Kindern) unter der ursprünglichen Kohortengröße von 700 Mutter-Kind-Paaren, was die statistische Power einschränkt. Eine beschleunigte Gehirnreifung oder ein klinischer Nutzen der Supplementierung bleiben nach Einschätzung der Forschenden daher unbewiesen.
Fazit
Diese Arbeit ist nach Angaben der Autorinnen und Autoren die erste randomisierte kontrollierte Studie, die direkt untersucht, ob eine mütterliche Fischöl-Supplementierung während der Schwangerschaft den Gehirnstoffwechsel von Kindern im Alter von etwa 10 Jahren messbar verändert. Die Ergebnisse zeigen zwei signifikant veränderte Stoffwechselmarker, ohne dass sich daraus bislang ein nachweisbarer Vorteil für Kognition oder psychische Gesundheit ableiten lässt. Weitere, größer angelegte und multizentrische Studien wären notwendig, um zu klären, ob diese subtilen Stoffwechselunterschiede langfristig relevante Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung von Kindern haben.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was ist der Unterschied zwischen EPA und DHA? EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure) sind zwei unterschiedliche Omega-3-Fettsäuren aus Fischöl; DHA ist strukturell besonders wichtig für Zellmembranen im Nervensystem, während EPA vor allem entzündungsregulierende Eigenschaften besitzt.
Warum wurde ausgerechnet der Precuneus für die Laktatmessung gewählt? Der Precuneus ist eine Hirnregion, die sich für Magnetresonanzspektroskopie technisch gut eignet und häufig als Referenzregion für Stoffwechselmessungen in neurowissenschaftlichen Studien verwendet wird.
Bedeutet ein reiferes Stoffwechselprofil automatisch eine bessere Gehirnfunktion? Nein, die Studie stellt ausdrücklich klar, dass niedrigere Werte für Durchblutung und Sauerstoffverbrauch zwar auf eine fortgeschrittenere Entwicklungsphase hindeuten können, aber kein Beweis für eine verbesserte kognitive Leistungsfähigkeit sind.
Wie unterscheidet sich diese Studie von früheren Beobachtungsstudien zu Fischöl in der Schwangerschaft? Anders als frühere Beobachtungsstudien handelt es sich hier um eine randomisierte, doppelblinde Placebokontrolle, wodurch sich Ursache und Wirkung deutlich zuverlässiger einordnen lassen als bei rein beobachtenden Kohortenanalysen.
Wurden auch andere Hirnregionen als der Precuneus untersucht? Die Laktatmessung beschränkte sich in dieser Studie ausschließlich auf den Precuneus; Durchblutung und Sauerstoffverbrauch wurden hingegen als globale Hirnwerte über die großen Hirnarterien erfasst.
Wie lange nach der Geburt wurde die Fischöl-Einnahme in der Studie fortgesetzt? Die Mütter nahmen das Fischölpräparat beziehungsweise das Olivenöl-Placebo ab der 24. Schwangerschaftswoche bis genau eine Woche nach der Entbindung ein; eine längere postnatale Fortsetzung war im Studiendesign nicht vorgesehen.
Quellen
Hernández-Lorca, M., Vestergaard, M., Ambrosen, K., Raghava, J., Lindberg, U., Jepsen, J. M., Rosenberg, J., Lemvigh, C., Mohammadzadeh, P., Glenthøj, B., Chawes, B., Vinding, R., Bønnelykke, K., Larsson, H., & Ebdrup, B. (2026). Fish oil-derived fatty acids in pregnancy and brain metabolism in middle childhood: Results from a randomized controlled trial. Translational Psychiatry. https://doi.org/10.1038/s41398-026-04173-5
Francisco de Souza, H. (2026, 19. Juli). Fish oil supplementation during pregnancy changes two childhood brain metabolic markers. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20260719/Fish-oil-supplementation-during-pregnancy-changes-two-childhood-brain-metabolic-markers.aspx






