Eine neue Studie aus Israel liefert differenzierte Erkenntnisse darüber, wie heterosexuelle Männer weibliche Körperformen visuell verarbeiten, wobei die Forschungsergebnisse zeigen, dass ein als schlank wahrgenommener Körper keineswegs automatisch als attraktiv eingestuft wird, während gleichzeitig deutlich wird, dass Wahrnehmung von Schlankheit einem klaren, nahezu einheitlichen Muster folgt, wohingegen Attraktivitätsurteile stark individuell variieren, was etablierte Annahmen der Attraktivitätsforschung sowie der Körperwahrnehmung, des sogenannten Body Image, teilweise infrage stellt.
Die im Fachjournal Journal for Person-Oriented Research veröffentlichte Untersuchung analysiert den sogenannten male gaze, also den männlichen Blick, und dessen strukturierte Herangehensweise an die Bewertung weiblicher Körperproportionen. Die Studie wurde von Revital Naor-Ziv, Yaarit Amram-Veitz und Joseph Glicksohn von der Bar-Ilan-Universität in Israel durchgeführt.
ÜBERSICHT
- 1 Hintergrund: Der Körper als Gestalt
- 2 Methodik: 64 Männer und acht Körperkompositionen
- 3 Ergebnisse: Klare Hierarchie bei Schlankheit, große Vielfalt bei Attraktivität
- 4 Wissenschaftliche Einordnung und Limitationen
- 5 Bedeutung für Forschung zu Körperbild und Attraktivität
- 6 Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Hintergrund: Der Körper als Gestalt
Die psychologische Forschung zum Körperbild behandelt den menschlichen Körper häufig als geschlossene Einheit statt als Ansammlung einzelner Körperteile. Dieses Konzept wird als Gestalt bezeichnet, ein psychologischer Begriff, der beschreibt, dass Menschen eine Gesamtstruktur wahrnehmen, anstatt einzelne Komponenten isoliert zu analysieren.
Beim Betrachten eines weiblichen Körpers entsteht demnach ein Gesamteindruck, der die visuelle Bewertung einzelner Gliedmaßen überlagert. Ein zentrales Element dieser Wahrnehmung ist das Taille-Hüft-Verhältnis, das Waist-to-Hip Ratio, welches das Verhältnis zwischen Taillen- und Hüftumfang beschreibt.
Ein niedrigeres Taille-Hüft-Verhältnis erzeugt eine sanduhrförmige Silhouette, die laut früherer Forschung von männlichen Betrachtern häufig als besonders attraktiv bewertet wird. Diese Sanduhrform fungiert in der visuellen Wahrnehmung als dominante Struktur, während Arme und Beine eher als Hintergrundelemente wirken.
Methodik: 64 Männer und acht Körperkompositionen
Für die Studie rekrutierten die Forschenden 64 männliche Studierende eines regionalen Colleges im Alter zwischen 21 und 67 Jahren, mit einem Durchschnittsalter von etwa 30 Jahren. Die Teilnehmer wurden in Einzelsitzungen befragt, wobei ihnen gedruckte Karten mit weiblichen Körperbildern vorgelegt wurden.
Als Ausgangsmaterial dienten Bilder aus der bekannten Photographic Figure Rating Scale, einem etablierten psychologischen Messinstrument zur Körperbildforschung. Die Forschenden wählten drei Basisbilder aus, die einen sehr schlanken, einen mittleren und einen großen Körperbau repräsentierten. Diese Ausgangsbilder entsprachen konkreten Body-Mass-Index-Werten von 14,72, 20,33 und 29,26.
Mittels Bildbearbeitungssoftware isolierten die Wissenschaftler anschließend Torso, Beine und Arme dieser drei Basisbilder. Durch gezielte Kombination dieser Körperteile entstanden acht einzigartige Kompositbilder, beispielsweise ein Bild mit schlankem Torso, mittleren Beinen und großen Armen. Diese bewusst inkonsistenten Kombinationen sollten die Teilnehmer zwingen, bestimmten Körperteilen bei ihrer Bewertung Priorität einzuräumen.
Zwei Sortieraufgaben
Die Teilnehmer bearbeiteten zwei unterschiedliche Ranking-Aufgaben:
- Im ersten Durchgang ordneten sie die acht Bildkarten von der schlanksten bis zur größten Körperform an.
- Im zweiten Durchgang sortierten sie dieselben Karten von der am wenigsten bis zur am meisten attraktiven Körperform.
Um Reihenfolgeeffekte auszuschließen, wurden sowohl die Abfolge der Aufgaben als auch die Sortierrichtung zwischen den Teilnehmern variiert.
Ergebnisse: Klare Hierarchie bei Schlankheit, große Vielfalt bei Attraktivität
Bei der Analyse der Schlankheitsbewertungen setzten die Forschenden ein mathematisches Verfahren ein, das komplexe Entscheidungsmuster auf einem zweidimensionalen Raster abbildet, um verborgene Strukturen sichtbar zu machen. Dabei zeigte sich ein bemerkenswert einheitliches Muster unter den männlichen Teilnehmern.
Die Männer strukturierten ihre Bewertung der Körpergröße nach einer strikten Hierarchie: zuerst der Torso, danach die Beine und schließlich die Arme. Nahezu alle Teilnehmer identifizierten das Bild mit schlankem Torso, schlanken Beinen und schlanken Armen übereinstimmend als schlankste Körperform.
Bei den Attraktivitätsbewertungen zeigte sich ein völlig anderes Bild. Von den 64 teilnehmenden Männern ergaben sich 62 vollständig unterschiedliche Rangfolgen hinsichtlich der Attraktivität, was auf eine außergewöhnlich hohe individuelle Variabilität hinweist. Die Reihenfolge der Schlankheitsbewertung sagte die Reihenfolge der Attraktivitätsbewertung nicht voraus.
Übereinstimmung nur an den Extremen
Trotz dieser großen Streuung im mittleren Bereich zeigte sich an beiden Enden der Attraktivitätsskala eine gewisse Übereinstimmung. Die Teilnehmer waren sich weitgehend einig darüber, welche Körperformen am wenigsten attraktiv wirkten, nämlich die beiden extremsten Kompositbilder: die durchgängig schlanke sowie die durchgängig große Variante.
Als am attraktivsten eingestufte Bilder zeigten tendenziell einen schlanken Torso in Kombination mit mittelgroßen Beinen sowie schlanken oder großen Armen. Diese spezifischen Kombinationen erzeugten ein niedriges Taille-Hüft-Verhältnis, was nahelegt, dass die Männer unabhängig von der Armgröße die klassische Sanduhrform bevorzugten.
Wissenschaftliche Einordnung und Limitationen
Die Studie weist mehrere methodische Einschränkungen auf, die bei der Interpretation berücksichtigt werden sollten. Die Stichprobe war mit 64 Männern aus einer einzigen geografischen Region relativ klein, sodass sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf Männer aus anderen kulturellen Hintergründen oder Altersgruppen übertragen lassen.
Zudem beschränkte das Studiendesign die Anzahl der Kompositbilder auf acht. Eine vollständige Kombination aller schlanken, mittleren und großen Körperteilvarianten für Torso, Beine und Arme hätte 27 unterschiedliche Bilder ergeben, deren Sortierung die Teilnehmer kognitiv überfordert und die Datenqualität beeinträchtigt hätte.
Eine weitere Einschränkung betrifft die Tatsache, dass die Kompositbilder aufgrund ihrer unnatürlichen Proportionen nicht vollständig realistisch wirkten. Zukünftige Studien könnten computergenerierte Modelle einsetzen, um realistischere Körperformen zu erzeugen und gleichzeitig einzelne Körperteilgrößen gezielt zu isolieren.
Bedeutung für Forschung zu Körperbild und Attraktivität
Die Ergebnisse eröffnen neue Perspektiven für die psychologische Forschung zur Verarbeitung widersprüchlicher visueller Reize. Künftige Untersuchungen könnten beispielsweise erforschen, inwiefern die eigene Körperform und Körpergröße eines Mannes seine Präferenzen für weibliche Körpertypen beeinflusst.
Die enorme Bandbreite der in dieser Studie dokumentierten Attraktivitätsrangfolgen deutet darauf hin, dass der männliche Blick weitaus individueller und vielschichtiger ist, als frühere Forschung zur Attraktivitätswahrnehmung teilweise nahelegte. Für die Körperbildforschung, die psychologische Gesundheit sowie die öffentliche Debatte über Schönheitsideale liefert dies einen wichtigen Befund: Schlankheit allein erklärt Attraktivitätsurteile nur unzureichend.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was versteht man unter dem Taille-Hüft-Verhältnis, und warum ist es relevant? Das Taille-Hüft-Verhältnis, im Englischen Waist-to-Hip Ratio, beschreibt das Verhältnis zwischen Taillen- und Hüftumfang. Ein niedriger Wert erzeugt eine sanduhrförmige Silhouette, die in zahlreichen Studien zur Attraktivitätsforschung als besonders ansprechend bewertet wurde, da sie evolutionsbiologisch mit Fruchtbarkeit und Gesundheit assoziiert wird.
Wie unterscheidet sich die Photographic Figure Rating Scale von anderen Messinstrumenten der Körperbildforschung? Die Photographic Figure Rating Scale nutzt reale Fotografien statt gezeichneter Silhouetten, wodurch realistischere und ökologisch validere Bewertungen der Körperwahrnehmung ermöglicht werden als bei rein schematischen Darstellungen.
Warum wählten die Forschenden bewusst unnatürliche Körperkombinationen? Durch die Kombination unpassender Körperteilgrößen wollten die Wissenschaftler widersprüchliche visuelle Informationen erzeugen und dadurch analysieren, welchen Körperregionen Männer bei der Beurteilung von Körpergröße und Attraktivität den größten Stellenwert einräumen.
Lässt sich aus der Studie ableiten, dass Body-Mass-Index kein guter Prädiktor für Attraktivität ist? Die Studie deutet darauf hin, dass die reine Körpergröße beziehungsweise Schlankheit, wie sie etwa der Body-Mass-Index abbildet, weniger entscheidend für Attraktivitätsurteile ist als die Körperform, insbesondere das Verhältnis zwischen Torso und Hüfte.
Welche Rolle spielt die individuelle Variabilität für die Attraktivitätsforschung insgesamt? Die hohe individuelle Variabilität von 62 unterschiedlichen Rangfolgen unter 64 Teilnehmern legt nahe, dass pauschale Aussagen über männliche Attraktivitätspräferenzen mit Vorsicht zu behandeln sind und individuelle Unterschiede stärker berücksichtigt werden sollten.
Warum wurden gerade Arme als am wenigsten einflussreich für die Schlankheitswahrnehmung eingestuft? Da Arme im Vergleich zu Torso und Beinen eine kleinere Fläche des Gesamtkörpers einnehmen und seltener im Zentrum des Blickfelds liegen, tragen sie gemäß der Gestalt-Theorie weniger zum visuellen Gesamteindruck bei; der Torso bleibt als zentrale, bedeutungstragende Struktur dominant.
Quellen
Naor-Ziv, R., Amram-Veitz, Y., & Glicksohn, J. (2025). The male gaze explored: Ranking thinness and attractiveness of female body shapes. Journal for Person-Oriented Research. https://doi.org/10.17505/jpor.2025.28095
Dolan, E. W. (2026, July 14). Being perceived as thin does not guarantee a female body will be rated as attractive by men. PsyPost. https://www.psypost.org/being-perceived-as-thin-does-not-guarantee-a-female-body-will-be-rated-as-attractive-by-men/






