Angststörungen: Genetische Unterschiede zwischen Frauen und Männern

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Dr. Amalia Michailov, Veröffentlicht am: 19.10.2026, Lesezeit: 9 Minuten

Frauen und Männer teilen den größten Teil ihres genetischen Risikos für Angststörungen, doch eine im Juni 2026 in der Fachzeitschrift Psychological Medicine veröffentlichte Analyse mit Daten von 455.487 Menschen europäischer Abstammung zeigt, dass sich die genetischen Signale in Teilen unterscheiden, was helfen könnte, Unterschiede in Häufigkeit und Erscheinungsbild der Erkrankung besser zu verstehen, auch wenn die Ergebnisse vorsichtig zu deuten sind, weil die Stichprobe der Männer kleiner war und viele der beobachteten Geschlechtsunterschiede statistisch nicht abgesichert sind.

Angststörungen: Häufigkeit und Symptome im Geschlechtervergleich

Angststörungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit. Die Lebenszeitprävalenz nähert sich einem Drittel der Bevölkerung. Dazu gehören die generalisierte Angststörung, die Panikstörung, spezifische Phobien und die Agoraphobie.

Frauen erhalten etwa doppelt so oft eine entsprechende Diagnose wie Männer. Auch die Symptome unterscheiden sich: Frauen berichten häufiger über nach innen gerichtete, sogenannte internalisierende Beschwerden und über eine begleitende Depression, Männer zeigen eher externalisierendes Verhalten und greifen häufiger zu Substanzen, um mit Belastungen umzugehen.

Genetische Faktoren tragen nach Schätzungen zwischen 30 und 50 Prozent zum Risiko bei (Craske et al., 2017). Ob das für beide Geschlechter gleichermaßen gilt, war bislang unklar: Zwillingsstudien lieferten gemischte Ergebnisse, und frühere genomweite Assoziationsstudien (GWAS) fassten Frauen und Männer meist zusammen. Dadurch können Signale untergehen, die nur ein Geschlecht betreffen.

So wurde die Studie angelegt

Ein Team um Jihua Hu und Brittany L. Mitchell vom QIMR Berghofer Medical Research Institute und der University of Queensland in Brisbane führte die nach eigenen Angaben erste geschlechtsspezifische GWAS-Metaanalyse zu Angst durch. Grundlage waren Daten der britischen UK Biobank und des US-Programms All of Us.

Insgesamt gingen 455.487 Personen europäischer Abstammung ein, darunter 121.774 Menschen mit Angststörung im bisherigen Lebensverlauf und 333.713 Kontrollpersonen. Die Frauengruppe umfasste 281.831 Personen (85.042 Fälle), die Männergruppe 173.656 (36.732 Fälle). Verglichen wurden kleine Unterschiede in der DNA-Sequenz, sogenannte Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNPs), zwischen Betroffenen und Kontrollen.

Die zentralen Ergebnisse

Weniger Treffer bei Männern, aber mit Vorbehalt

In der gemeinsamen Analyse fanden die Forschenden 56 Genorte (Lead-SNPs), die mit Angst assoziiert waren. Getrennt nach Geschlecht waren es 21 bei Frauen und fünf bei Männern; nur ein Genort auf Chromosom 19 überlappte. Das stärkste Signal lag bei Frauen in der Nähe des Gens CELF4, bei Männern in der Nähe von NEBL.

Die unterschiedliche Zahl ist allerdings mit Vorsicht zu lesen. Da weniger Männer teilnahmen, ist die statistische Aussagekraft bei ihnen geringer; weniger Treffer bedeuten daher nicht automatisch ein schwächeres genetisches Risiko. Außerdem war nach einer strengen Korrektur für Mehrfachtests (Bonferroni) keiner der geprüften Effektunterschiede zwischen den Geschlechtern bei den 26 geschlechtsspezifischen Varianten statistisch signifikant.

Weitgehend gemeinsame, aber nicht identische Genetik

Die genetische Korrelation zwischen Frauen und Männern lag bei 0,90 (95-Prozent-Konfidenzintervall: 0,82 bis 0,98). Sie ist damit hoch, unterscheidet sich aber signifikant von 1 (p = 0,016). Die Autoren schließen daraus, dass die genetische Architektur der Angst weitgehend geteilt, aber nicht vollständig identisch ist.

Vererbbarkeit hängt von der Annahme zur Häufigkeit ab

Die auf SNPs beruhende Vererbbarkeit betrug bei Frauen 0,12 und bei Männern 0,10 (beobachtete Skala). Rechnet man auf die sogenannte Liability-Skala um und unterstellt die in den USA berichteten Häufigkeiten von 30 Prozent bei Frauen und 15 Prozent bei Männern, ist sie bei Frauen signifikant höher. Bei gleicher angenommener Häufigkeit lag sie bei Männern höher, allerdings nicht signifikant (p = 0,076).

Nach Einschätzung der Autoren spiegelt das eher unterschiedliche Schwellenwerte wider als eine grundsätzlich verschiedene Bedeutung der Gene.

Andere Gene, andere biologische Prozesse

Bei der Genpriorisierung mit dem Programm FUMA wurden 843 Gene bei Frauen und 156 bei Männern hervorgehoben, 57 davon bei beiden. Im strengeren Gentest MAGMA waren es 22 Gene bei Frauen und vier bei Männern, nur eines davon gemeinsam. Von vollständig getrennten Mechanismen kann damit keine Rede sein.

Bei Frauen waren vor allem Gene der Chromatin-Regulation (19 biologische Prozesse) und der Geruchswahrnehmung, genauer der olfaktorischen Transduktion, angereichert. Chromatin-Regulation steuert, wie aktiv Gene sind; die Autoren vermuten, dass dies auf eine größere Empfindlichkeit gegenüber Umwelteinflüssen hindeuten könnte. Gerüche werden unter anderem in der Amygdala verarbeitet, einer zentralen Region der Stressreaktion, und Frauen mit Angst berichten laut früheren Studien über mehr Geruchsaufmerksamkeit als Männer.

Bei Männern waren vier Gen-Ontologie-Begriffe zur Beseitigung und zum Export von Lipoproteinen auffällig; zu den hervorgehobenen Genen zählen APOC1 und B3GALTL. Lipoproteine transportieren Fette im Blut, und Stress kann ihre Spiegel erhöhen (Brindley et al., 1993). Ob die genetischen Befunde diese Zusammenhänge erklären, ist bislang eine Hypothese.

Überschneidungen mit anderen Merkmalen

Die Forschenden verglichen das genetische Risiko für Angst mit 28 anderen Merkmalen. Sieben zeigten Geschlechtsunterschiede (p unter 0,05): Bei Frauen war die Korrelation unter anderem mit ADHS, metabolischem Syndrom, Body-Mass-Index (BMI) und niedrigerer Bildung stärker, bei Männern mit bipolarer Störung. Nach Korrektur für Mehrfachtests (FDR) blieb nur der Unterschied bei ADHS bestehen.

In geschlechtsgetrennten Analysen war die Verbindung zum BMI bei Frauen stärker (p = 0,014), die zum Taille-Hüft-Verhältnis (bereinigt um den BMI) bei Männern (p = 0,003). Der Befund zum Taille-Hüft-Verhältnis war in der gemeinsamen Analyse nicht erkennbar. Die Autoren deuten es so, dass bei Frauen eher das Gesamtkörperfett, bei Männern eher die zentrale Fettverteilung eine Rolle spielt; das ist eine Interpretation, kein Beleg. Frühere epidemiologische Studien fanden bei Frauen einen engeren Zusammenhang zwischen Adipositas und Angst (Barry et al., 2008). Zum ADHS-Befund vermuten die Autoren, dass sich ADHS bei Frauen häufiger als Angst äußert und dadurch übersehen werden kann.

Polygene Scores: Nutzen im Einzelfall begrenzt

Aus den Varianten berechneten die Forschenden polygene Scores, die die genetische Veranlagung einer Person als Zahl abschätzen, und testeten sie in drei unabhängigen Kohorten. Der Score aus der gemeinsamen Analyse erreichte in einer Bevölkerungskohorte ein Pseudo-R² von 4,5 Prozent, ein Maß für die erklärte Streuung. Nach Angleichung der Stichprobengrößen war nur ein Unterschied signifikant: Der aus Frauendaten berechnete Score sagte Angst bei Frauen besser voraus als der aus Männerdaten (1,4 gegenüber 0,64 Prozent; p = 0,044). In den beiden anderen Kohorten ergaben sich keine signifikanten Unterschiede.

Einordnung und Grenzen

Die Studie ist eine genetische Assoziationsstudie; sie zeigt statistische Zusammenhänge, keine Ursachen. Sie testet auch nicht direkt, ob genetische Unterschiede die unterschiedliche Diagnosehäufigkeit erklären.

Hinzu kommen Einschränkungen, die die Autoren selbst nennen:

  • Die Männerstichprobe ist kleiner, was die Aussagekraft für Männer mindert.
  • Es wurden ausschließlich Menschen europäischer Abstammung untersucht; die Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungen ist unklar.
  • UK Biobank und All of Us sind nicht voll repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung.
  • In der UK Biobank floss der Fragebogen GAD-7, der Symptome erfasst und keine Diagnose stellt, in die Falldefinition ein und kann die Gruppe etwas uneinheitlicher machen.
  • Auf dem X-Chromosom fanden sich keine genomweit signifikanten Assoziationen.

Die Autoren folgern, dass getrennte Analysen für Frauen und Männer Signale sichtbar machen können, die in gemeinsamen Auswertungen verborgen bleiben, wie das Beispiel des Taille-Hüft-Verhältnisses zeigt. Größere und vielfältigere Stichproben sollen klären, wie stark sich die Geschlechter tatsächlich unterscheiden.

Die Studie spricht keine Empfehlungen zu Diagnostik oder Behandlung aus. Die erklärte Streuung der polygenen Scores liegt nach Angleichung der Stichproben bei etwa 0,6 bis 1,9 Prozent, was nahelegt, dass sie im Einzelfall wenig aussagen.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was ist eine genomweite Assoziationsstudie?

Eine GWAS vergleicht sehr viele Stellen im Erbgut zwischen Menschen mit und ohne ein bestimmtes Merkmal und prüft, welche Varianten bei Betroffenen statistisch häufiger vorkommen. Sie liefert Hinweise auf beteiligte Gene, aber keinen Beweis, dass eine einzelne Variante die Erkrankung verursacht.

Wie wurde Angst in der Studie definiert?

In der UK Biobank zählten Diagnosen nach ICD-10, selbstberichtete ärztliche Diagnosen, die Kurzform des CIDI-Interviews oder ein GAD-7-Wert von mindestens 8 als Fall. Etwa 65 Prozent der Personen mit diesem Wert erfüllten zugleich mindestens eine diagnostische Definition, und die genetische Korrelation mit klinisch definierter Angst lag bei 0,89. Kontrollpersonen hatten keine selbstberichtete oder klinisch erfasste psychiatrische Diagnose.

Heißt höhere Vererbbarkeit bei Frauen, dass Gene für sie wichtiger sind?

Nach Einschätzung der Autoren nicht. Eine höhere Häufigkeit entspricht einer niedrigeren Schwelle, ab der eine Erkrankung auftritt, und erhöht damit rechnerisch die Vererbbarkeit auf der Liability-Skala. Bei Männern fanden sich zudem eine größere genetische und restliche Varianz; das passt zur Hypothese größerer männlicher Variabilität. Genetische Faktoren scheinen demnach für die Anfälligkeit bei beiden Geschlechtern ähnlich wichtig zu sein, während Umwelt- oder soziale Faktoren bei Männern stärker darüber entscheiden könnten, ob die Diagnosekriterien erreicht werden.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Barry, D., Pietrzak, R. H., & Petry, N. M. (2008). Gender differences in associations between body mass index and DSM-IV mood and anxiety disorders: Results from the National Epidemiologic Survey on Alcohol and Related Conditions. Annals of Epidemiology, 18(6), 458–466. https://doi.org/10.1016/j.annepidem.2007.12.009

Brindley, D. N., McCann, B. S., Niaura, R., Stoney, C. M., & Suarez, E. C. (1993). Stress and lipoprotein metabolism: Modulators and mechanisms. Metabolism, 42(9, Suppl. 1), 3–15. https://doi.org/10.1016/0026-0495(93)90255-M

Craske, M. G., Stein, M. B., Eley, T. C., Milad, M. R., Holmes, A., Rapee, R. M., & Wittchen, H.-U. (2017). Anxiety disorders. Nature Reviews Disease Primers, 3(1), 1–19. https://doi.org/10.1038/nrdp.2017.24

Hu, J., Lupton, M. K., Byrne, E. M., Martin, N. G., Whiteman, D. C., Olsen, C. M., Thomas, J. T., Medland, S. E., Grasby, K. L., & Mitchell, B. L. (2026). Unravelling sex differences in the genetic architecture of anxiety. Psychological Medicine, 56, Article e191. https://doi.org/10.1017/S0033291726104760

Petrova, K. (2026, 19. Oktober). Researchers identify female-specific and male-specific genetic risks for anxiety. PsyPost. https://www.psypost.org/men-and-women-show-distinct-genetic-pathways-for-anxiety/

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