Je länger Säuglinge in den ersten sechs Monaten voll gestillt werden, desto niedriger fallen ihre ADHS-Symptome im Kindesalter aus. Stillen und ADHS-Symptome bei Kindern: Was die Studie zeigt, ist das Ergebnis einer norwegischen Kohortenstudie, die im Juni 2026 in der Fachzeitschrift Biological Psychiatry erschienen ist (Solberg et al., 2026). Das Team um die Psychiaterin Berit Skretting Solberg von der Universität Bergen wertete Daten von 37.643 Kindern aus und berücksichtigte neben sozioökonomischen Faktoren auch das genetische ADHS-Risiko von Kind, Mutter und Vater. Der Zusammenhang blieb bestehen, ist pro Kind jedoch klein, und ob das Stillen selbst die Ursache ist, kann eine Beobachtungsstudie nicht abschließend klären.
Ausgangslage: ADHS, Genetik und Muttermilch
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) beginnt in der Kindheit und zeigt sich durch Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Zwillingsstudien beziffern ihre Erblichkeit im Mittel auf 74 Prozent (Faraone & Larsson, 2019). Dieser Wert beschreibt, wie stark sich Unterschiede in einer Bevölkerung auf genetische Unterschiede zurückführen lassen. Er bedeutet nicht, dass Umweltfaktoren keine Rolle spielen.
Muttermilch enthält unter anderem langkettige Fettsäuren, Aminosäuren, Antikörper und nützliche Bakterien, die als förderlich für Wachstum und Gehirnentwicklung gelten (University of Bergen, 2026). Eine Metaanalyse von elf Beobachtungsstudien ergab bereits, dass Kinder mit ADHS im Mittel etwa 2,4 Monate kürzer gestillt worden waren als Kinder ohne ADHS (Tseng et al., 2019). Solche Vergleiche können jedoch nicht klären, ob das Stillen selbst oder andere Merkmale der Familien den Unterschied erklären.
Wie die Studie aufgebaut war
Kohorte und Messung
Grundlage ist die Norwegische Mutter-, Vater- und Kind-Kohortenstudie (MoBa). Ausgewertet wurden 37.643 Kinder (49,1 Prozent Mädchen), die zwischen 1999 und 2009 geboren wurden, sowie 18.349 Mutter-Vater-Kind-Einheiten mit genetischen Daten (Solberg et al., 2026).
Die Mütter gaben sechs Monate nach der Geburt an, wie lange sie voll gestillt hatten. Die Fachpublikation fasst darunter ausschließliches und überwiegendes Stillen. Die Eltern schätzten die ADHS-Symptome ihrer Kinder im Alter von drei, fünf und acht Jahren ein.
Statistische Absicherung
Die Analysen berücksichtigten sozioökonomische und perinatale Faktoren sowie polygene Risikowerte für ADHS bei Kind, Mutter und Vater. Ein polygener Risikowert fasst viele kleine Genvarianten zu einer Schätzung der genetischen Veranlagung zusammen.
Zusätzlich glich eine Gewichtung (Inverse Probability Weighting) Ausfälle im Studienverlauf aus. Ein Geschwistervergleich untersuchte Kinder derselben Familie mit unterschiedlicher Stilldauer, um nicht gemessene Störfaktoren zu berücksichtigen (Solberg et al., 2026).
Die Ergebnisse im Überblick
Jeder zusätzliche Monat vollen Stillens ging in allen Altersstufen mit niedrigeren Symptomwerten einher. Die adjustierten Regressionskoeffizienten lauten (Solberg et al., 2026):
- Alter drei Jahre: −0,08 (95-Prozent-Konfidenzintervall −0,09 bis −0,07)
- Alter fünf Jahre: −0,07 (−0,08 bis −0,06)
- Alter acht Jahre: −0,06 (−0,07 bis −0,05)
Ähnliche Ergebnisse zeigten sich, als die Stilldauer in Kategorien eingeteilt und auch teilweises Stillen einbezogen wurde. Gewichtung und Geschwistervergleich stützten das Hauptergebnis.
Nach Angaben der Universität Bergen trat der Zusammenhang bei Jungen und Mädchen auf, war mit drei und fünf Jahren am stärksten und mit acht Jahren etwas schwächer. Am deutlichsten war er bei ausschließlichem Stillen bis zum sechsten Monat (University of Bergen, 2026).
Wie groß ist der Effekt?
Pro Monat entsprechen die Koeffizienten 0,06 bis 0,08 Punkten auf der Symptomskala. Zum Vergleich: Die mittleren Symptomwerte lagen mit drei Jahren bei 3,6 (Standardabweichung 2,1) und mit acht Jahren bei 3,4 (Standardabweichung 2,6). Die durchschnittliche Dauer vollen Stillens betrug 3,7 Monate (Psychiatry Advisor, 2026).
Rechnet man unter der Annahme eines linearen Zusammenhangs auf sechs Monate hoch, ergeben sich etwa 0,5 Punkte im Alter von drei und etwa 0,4 Punkte im Alter von acht Jahren (eigene Rechnung). Solberg bezeichnet den Effekt als klar, aber moderat (University of Bergen, 2026).
Ausgewertet wurden elternberichtete Symptomwerte. Aussagen über die Zahl diagnostizierter Kinder lassen sich daraus nicht ableiten, und ob eine so geringe Verschiebung auf Bevölkerungsebene relevant wäre, bleibt offen.
Warum die Ursache offen bleibt
Solberg weist selbst darauf hin, dass sich aus Beobachtungsstudien nur schwer belastbare Schlüsse zur Kausalität ziehen lassen (University of Bergen, 2026). Ein Teil des Zusammenhangs könnte auf andere Faktoren zurückgehen.
Mütter mit ADHS-Symptomen stillen im Durchschnitt kürzer und haben häufiger Kinder mit ADHS-Symptomen. Umgekehrt kann es schwieriger sein, Kinder mit ausgeprägten Symptomen zu stillen. Beides könnte den Zusammenhang teilweise erklären (University of Bergen, 2026).
Genetische Risikowerte und Geschwistervergleich verringern diese Verzerrungen, schließen sie aber nicht vollständig aus. Auch der Wirkmechanismus ist ungeklärt: Die Autorinnen und Autoren halten weitere Studien für nötig, um mögliche Wirkwege zu verstehen. Sie formulieren entsprechend vorsichtig, dass volles Stillen teilweise vor ADHS-Symptomen schützen könnte (Solberg et al., 2026).
Einschränkungen der Studie
- Beobachtungsdesign: Die Studie beschreibt Zusammenhänge, sie hat die Ernährung nicht experimentell zugewiesen.
- Elternberichte: Die Symptome wurden von den Eltern eingeschätzt, nicht klinisch erhoben (Solberg et al., 2026).
- Selektive Stichprobe: Die MoBa-Teilnehmenden sind im Schnitt höher gebildet und stillen häufiger und länger als die Gesamtbevölkerung. Solberg hält einen größeren Effekt in Gruppen mit selteneren Stillraten für möglich (University of Bergen, 2026).
- Selbstangaben: Die Stilldauer beruht auf den Angaben der Mütter.
- Ausfälle: Der Verlust von Teilnehmenden im Studienverlauf wurde statistisch ausgeglichen, die Ergebnisse blieben im Kern bestehen.
Einordnung für Eltern
Die Studie liefert keine Grundlage, ADHS auf Ernährungsentscheidungen im ersten Lebenshalbjahr zurückzuführen. Angesichts der hohen Erblichkeit und des kleinen Effekts pro Monat wäre das eine Fehldeutung der Daten.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt unabhängig von dieser Studie, in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen, und nennt als Gründe unter anderem den Schutz vor Infektionskrankheiten (WHO, o. J.). Eltern mit Fragen zum Stillen oder zur Entwicklung ihres Kindes können sich an Hebammen sowie Kinderärztinnen und Kinderärzte wenden.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Verursacht fehlendes Stillen ADHS?
Das lässt sich aus der Studie nicht ableiten. Sie fand einen Zusammenhang zwischen längerem vollem Stillen und niedrigeren Symptomwerten, kann als Beobachtungsstudie aber Ursache und Wirkung nicht trennen. Die Autorinnen und Autoren sprechen von einem möglichen teilweisen Schutz und fordern weitere Forschung (Solberg et al., 2026).
Was bedeutet „volles Stillen“ in der Studie?
Die Fachpublikation fasst darunter ausschließliches und überwiegendes Stillen. Die WHO versteht unter ausschließlichem Stillen, dass ein Säugling nur Muttermilch erhält, keine anderen Flüssigkeiten oder festen Speisen, nicht einmal Wasser; Ausnahmen gelten für Rehydrationslösung, Vitamin- und Mineralstofftropfen sowie Medikamente (WHO Western Pacific, o. J.). Berichte, die volles Stillen mit streng ausschließlichem Stillen gleichsetzen, vereinfachen daher.
Hilft auch teilweises Stillen?
Ähnliche Ergebnisse zeigten sich, als auch teilweises Stillen einbezogen wurde (Solberg et al., 2026). Nach Angaben der Universität Bergen war der Zusammenhang bei ausschließlichem Stillen bis zum sechsten Monat am stärksten (University of Bergen, 2026). Ob dies ursächlich ist, bleibt offen.
Wie lange empfiehlt die WHO zu stillen?
Die WHO empfiehlt, in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen und danach neben geeigneter Beikost bis zu einem Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus weiterzustillen (WHO Western Pacific, o. J.). Diese Empfehlung besteht unabhängig von der ADHS-Studie.
Lässt sich daraus das ADHS-Risiko eines einzelnen Kindes ableiten?
Nein. Die Ergebnisse beschreiben Durchschnittswerte in einer großen Gruppe. Eine ADHS-Diagnose erfordert eine fachliche Abklärung.
Wie stark beeinflusst die Genetik ADHS?
Die mittlere Erblichkeit über 37 Zwillingsstudien beträgt 74 Prozent (Faraone & Larsson, 2019). Erblichkeit ist ein Wert für Populationen und sagt nichts über den Einzelfall aus.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
Faraone, S. V., & Larsson, H. (2019). Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry. https://doi.org/10.1038/s41380-018-0070-0
Psychiatry Advisor. (2026, 13. Juli). Increased breastfeeding duration may reduce ADHD symptoms in children. https://www.psychiatryadvisor.com/news/increased-breastfeeding-duration-may-reduce-adhd-symptoms-in-children/
Solberg, B. S., Brantsæter, A. L., Kvalvik, L. G., Hartman, C. A., Xie, T., Klungsøyr, K., Li, L., Larsson, H., Gjestad, R., & Haavik, J. (2026). Breastfeeding and development of attention-deficit/hyperactivity disorder symptoms across childhood. Biological Psychiatry. Online-Vorabveröffentlichung 19. Juni 2026. https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2026.06.009
Tseng, P.-T., Yen, C.-F., Chen, Y.-W., Stubbs, B., Carvalho, A. F., Whiteley, P., Chu, C.-S., Li, D.-J., Chen, T.-Y., Yang, W.-C., Tang, C.-H., Liang, H.-Y., Yang, W.-C., Wu, C.-K., & Lin, P.-Y. (2019). Maternal breastfeeding and attention-deficit/hyperactivity disorder in children: A meta-analysis. European Child & Adolescent Psychiatry, 28(1), 19–30. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29907910/
University of Bergen. (2026, 26. Juni). Breastfeeding linked to reduced ADHD symptoms [Pressemitteilung, veröffentlicht bei Neuroscience News]. https://neurosciencenews.com/breastfeeding-duration-adhd-symptoms-30960/
World Health Organization. (o. J.). Infant and young child feeding [Faktenblatt]. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/infant-and-young-child-feeding
World Health Organization Regional Office for the Western Pacific. (o. J.). Infant and young child feeding. https://www.who.int/westernpacific/health-topics/infant-nutrition






