Wer von der Empfängnis bis zum zweiten Geburtstag unter der britischen Zuckerrationierung der Nachkriegszeit aufwuchs, wurde als Erwachsener seltener mit einer Angststörung oder Depression diagnostiziert. Das zeigt eine Auswertung von Daten der UK Biobank, die im Fachjournal Translational Psychiatry erschienen ist. Die Studie beruht auf einem natürlichen Experiment und kann nur Zusammenhänge zeigen, keine Ursachen. Sie liefert dennoch einen Hinweis darauf, dass die Ernährungsumgebung der ersten 1.000 Lebenstage mit der psychischen Gesundheit Jahrzehnte später verknüpft sein könnte.
Die ersten 1.000 Tage: Warum dieser Zeitraum im Fokus steht
Als die ersten 1.000 Tage bezeichnet die Forschung die Spanne von der Empfängnis bis zum zweiten Geburtstag. In dieser Zeit wachsen Körper und Gehirn besonders schnell. Die Ernährung in dieser Phase gilt als prägend für spätere Krankheitsrisiken.
Ein Forschungsteam um die Ernährungswissenschaftlerin Hana Navratilova und Nophar Geifman von der University of Surrey wollte wissen, ob sich das auch bei Angststörungen und Depressionen zeigt. Auslöser waren frühere Arbeiten, die einen Zusammenhang zwischen früher Zuckerrationierung und Stoffwechselerkrankungen nahelegten.
Ein natürliches Experiment: Das Ende der Zuckerrationierung 1953
Im Vereinigten Königreich war Zucker während und nach dem Zweiten Weltkrieg streng rationiert. Die Rationierung endete im September 1953. Wer davor geboren wurde, verbrachte je nach Geburtsdatum einen Teil oder die gesamte Zeit der ersten 1.000 Tage unter Rationierung. Wer danach gezeugt wurde, wuchs ohne diese Beschränkung auf.
Dieser Stichtag erlaubt einen Vergleich, der sich experimentell nicht herstellen ließe: Kinder wurden nicht zufällig Gruppen zugeteilt, doch das Geburtsdatum entschied über die Dauer der Exposition. Fachleute sprechen von einem natürlichen Experiment.
Wer untersucht wurde
Die Auswertung umfasste 46.448 Teilnehmende der UK Biobank, geboren zwischen Oktober 1951 und März 1956. Sie wurden nach der Dauer ihrer Rationierungsexposition in Gruppen eingeteilt. Diese reichten von etwa 270 Tagen bis zu rund 1.000 Tagen, also von der Empfängnis bis zum zweiten Geburtstag.
Als Vergleichsgruppe dienten Personen, die erst nach dem Ende der Rationierung gezeugt wurden. Diagnosen von Angststörungen und Depressionen stammten aus verknüpften Gesundheitsakten. Über einen mittleren Beobachtungszeitraum von etwa 15,7 Jahren wurden 2.776 Angst- und 3.147 Depressionsdiagnosen erfasst.
Die Ergebnisse im Überblick
Angststörungen
Die am längsten exponierte Gruppe hatte ein um 33 Prozent niedrigeres relatives Risiko (Hazard) für eine Angstdiagnose als die Vergleichsgruppe. Die Hazard Ratio beschreibt dabei, wie stark sich die Wahrscheinlichkeit einer Diagnose im Beobachtungszeitraum unterscheidet.
Wichtig ist die Einordnung der absoluten Zahlen: Ohne statistische Anpassung wurden 5,79 Prozent der längsten Rationierungsgruppe mit einer Angststörung diagnostiziert, in der Vergleichsgruppe waren es 6,28 Prozent. Der Unterschied beträgt rund einen halben Prozentpunkt.
Depression
Auch bei Depressionen zeigte sich ein ähnliches Muster. Die am längsten exponierte Gruppe hatte ein um 29 Prozent niedrigeres relatives Risiko. Unadjustiert lag der Anteil bei 6,69 Prozent gegenüber 7,23 Prozent.
Dieser Zusammenhang war jedoch weniger robust. Berücksichtigten die Forschenden die Zuckeraufnahme im Erwachsenenalter, wurde er statistisch nicht mehr signifikant. Beim Angstrisiko blieb er bestehen, wobei diese Analyse auf begrenzten Ernährungsdaten einer Teilstichprobe beruhte.
Dauer und Geschlecht
Gruppen mit etwa 635 und 817 Tagen Rationierung hatten ebenfalls niedrigere Risiken. Wer nur im Mutterleib oder bis zu sechs Monate nach der Geburt rationiert war, unterschied sich dagegen nicht von der Vergleichsgruppe. Das deutet darauf hin, dass eine längere Exposition nötig sein könnte, damit ein Zusammenhang sichtbar wird.
Die Muster verliefen bei Frauen und Männern in dieselbe Richtung, schienen aber bei Frauen stärker ausgeprägt.
Süßpräferenz und Gehirn
Die Zuckeraufnahme der Teilnehmenden im Erwachsenenalter unterschied sich nicht wesentlich. Die Gruppe mit der längsten Rationierung gab jedoch eine etwas geringere Vorliebe für süße Speisen an: im Mittel 5,82 auf einer Skala bis 9, gegenüber 6,04 in der Vergleichsgruppe.
Zusätzlich werteten die Forschenden Hirnscans von 5.990 Personen aus. Das Volumen der grauen Substanz unterschied sich in 80 von 139 untersuchten Regionen zwischen den Rationierungsgruppen. Im Vergleich zur Gruppe ohne Rationierung fielen nur 11 Regionen auf, vor allem im Hirnstamm und im Kleinhirn.
Diese Befunde sind explorativ. Nach Angaben der Berichterstattung stützten die Zusatzmodelle die Hirnstruktur nicht als Erklärung für das niedrigere Angstrisiko.
Wie belastbar sind die Ergebnisse?
Die Studie ist beobachtend. Sie kann nicht zeigen, dass die Zuckerbegrenzung selbst das niedrigere Risiko bewirkt hat. Geifman betont, die Arbeit beschreibe Wahrscheinlichkeiten und Risiken und unterstelle keine Kausalität.
Mehrere Einschränkungen sind bekannt:
- Die Rationierung veränderte nicht nur den Zuckerkonsum, sondern die gesamte Ernährung der Familien.
- Weitere historische Einflüsse, etwa mütterlicher Stress in der Nachkriegszeit oder Veränderungen im Gesundheitswesen, wurden nicht gemessen.
- Die Gesundheitsakten erfassen vor allem Diagnosen im höheren Alter. Psychische Erkrankungen wurden früher seltener diagnostiziert, und Symptome im jüngeren Erwachsenenalter fehlen womöglich in den Akten.
- Eine Kontrollgruppe aus Irland, wo die Rationierung früher endete, zeigte keinen Zusammenhang. Wegen der geringen Größe ist diese Prüfung laut den Autoren nicht aussagekräftig.
Als Plausibilitätsprüfung untersuchten die Forschenden außerdem Typ-1-Diabetes und posttraumatische Belastungsstörung, die kaum von früher Zuckeraufnahme abhängen dürften. Dafür fanden sie keinen Zusammenhang.
Einordnung: Was frühere Studien gezeigt haben
Das gleiche Studiendesign wurde bereits 2024 in der Fachzeitschrift Science genutzt. Die Arbeitsgruppe um Tadeja Gracner fand, dass Personen mit der längsten Rationierungsexposition ein um etwa 35 Prozent geringeres Risiko für Typ-2-Diabetes und ein um etwa 20 Prozent geringeres Risiko für Bluthochdruck hatten. Wurde eine der Erkrankungen diagnostiziert, trat sie im Schnitt vier beziehungsweise zwei Jahre später auf.
Die neue Studie überträgt diese Fragestellung auf die psychische Gesundheit. Dass mehrere Arbeiten mit demselben Datensatz in eine ähnliche Richtung weisen, ersetzt jedoch keine unabhängige Bestätigung durch andere Datenquellen oder Studiendesigns.
Was sich daraus nicht ableiten lässt
Die Ergebnisse erlauben keine Empfehlung für den Umgang mit Zucker in der Schwangerschaft oder im Säuglingsalter. Die Rationierung der 1950er-Jahre unterscheidet sich stark von der heutigen Ernährungssituation, und die Studie vergleicht keine Ernährungsweisen, sondern historische Geburtsjahrgänge.
Geifman weist zudem darauf hin, dass die ersten 1.000 Tage nicht als Schicksal verstanden werden sollten. Die Ernährung im weiteren Leben könne die Gesundheit ebenfalls beeinflussen. Die Gruppe plant Folgestudien, unter anderem mit Biomarkern und weiteren Daten aus der Primärversorgung.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Beweist die Studie, dass Zucker im Säuglingsalter Angststörungen verursacht?
Nein. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt einen statistischen Zusammenhang zwischen der Dauer der Rationierung und dokumentierten Angstdiagnosen, kann aber andere Einflüsse nicht ausschließen.
Wie groß ist der Unterschied in absoluten Zahlen?
Er ist gering. Bei Angststörungen lag der Anteil der Diagnosen bei 5,79 Prozent in der am längsten rationierten Gruppe und bei 6,28 Prozent in der Vergleichsgruppe. Die relative Reduktion von 33 Prozent wirkt deshalb größer, als es der absolute Unterschied nahelegt.
Warum ist das Ende der Rationierung für die Forschung nützlich?
Das Geburtsdatum bestimmte, wie lange ein Kind unter Rationierung stand. Weil das nicht von den Eltern gewählt wurde, lassen sich Gruppen vergleichen, ohne dass Ernährungsgewohnheiten selbst gewählt wurden. Völlig ausgeräumt sind Störfaktoren dadurch nicht.
Warum war der Zusammenhang bei Depression schwächer?
Nach Berücksichtigung der Zuckeraufnahme im Erwachsenenalter war der Zusammenhang mit Depression nicht mehr statistisch signifikant. Das könnte darauf hindeuten, dass die Ernährung im späteren Leben hier eine größere Rolle spielt, bewiesen ist das nicht. Die Ernährungsdaten stammten zudem nur von einer Teilstichprobe.
Lassen sich aus der Studie Empfehlungen für Eltern ableiten?
Nicht direkt. Die Studie testet keine Ernährungsempfehlung und betrachtet eine historische Ausnahmesituation, in der sich nicht nur der Zuckergehalt der Nahrung veränderte. Individuelle Fragen zur Ernährung in Schwangerschaft und Säuglingszeit gehören in die ärztliche Beratung.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
Dolan, E. W. (2026, 1. Oktober). Early-life sugar restriction tied to better mental health in adulthood. PsyPost. https://www.psypost.org/early-life-sugar-restriction-tied-to-better-mental-health-in-adulthood/
Gracner, T., Boone, C., & Gertler, P. J. (2024). Exposure to sugar rationing in the first 1000 days of life protected against chronic disease. Science, 386(6725), 1043–1048. https://doi.org/10.1126/science.adn5421
National Institute on Aging. (2024). Early-life sugar intake affects chronic disease risk. https://www.nia.nih.gov/news/early-life-sugar-intake-affects-chronic-disease-risk
Navratilova, H. F., Whetton, A. D., et al. (2026). Dietary sugar exposure in early life and risk of adult mental health disorders: UK Biobank cohort study. Translational Psychiatry. https://doi.org/10.1038/s41398-026-04376-w






