Eine kanadische Kohortenstudie mit knapp einer halben Million Menschen zeigt, dass chronische Beckenschmerzen im Erwachsenenalter häufiger bei Personen auftreten, die schon als Jugendliche wegen gynäkologischer oder reproduktionsmedizinischer Beschwerden medizinisch betreut wurden. Zehn Jahre nach Beginn des Erwachsenenalters waren 28 Prozent dieser Gruppe betroffen, in der Vergleichsgruppe rund 15 Prozent. Die Untersuchung beschreibt einen statistischen Zusammenhang und keinen Beweis für eine Ursache. Sie liefert aber Anhaltspunkte dafür, wie sich Risikogruppen früher erkennen lassen könnten.
Was sind chronische Beckenschmerzen?
Chronische Beckenschmerzen (englisch: chronic pelvic pain, CPP) sind anhaltende Schmerzen im Unterbauch oder im Becken, die über Monate oder Jahre bestehen. Nach Angaben der Forschenden können sie Alltag, Arbeit, Schule, Beziehungen und die psychische Gesundheit erheblich beeinträchtigen.
Die Autorinnen und Autoren der neuen Studie nennen eine Häufigkeit von bis zu einer von vier Personen, die bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen wurden, sowie geschlechtlich diverser Personen. Eine systematische Übersichtsarbeit im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fand je nach Schmerzart stark schwankende Raten. Für nichtzyklische Beckenschmerzen lagen sie zwischen 2,1 und 24 Prozent, und die Werte hingen auch von der Qualität der einzelnen Studien ab.
Die Forschenden berichten zudem, dass solche Beschwerden häufig als normaler Teil des Heranwachsens gelten, selbst wenn sie stark oder anhaltend sind.
Wie die Studie aufgebaut war
Das Team um den Doktoranden Shay Freger und den Gynäkologen Mathew Leonardi (McMaster University) wertete verknüpfte Gesundheitsdaten aus der kanadischen Provinz Ontario aus. Die Daten stammen vom Institut ICES und erfassen Kontakte mit dem Gesundheitssystem. Beteiligt waren außerdem Forschende des ICES Toronto, der University of Toronto und der McGill University.
Laut der Vorabversion der Studie umfasste die Analyse 466.560 einander zugeordnete Personen (englisch: matched). Davon hatten 155.520 als Jugendliche gynäkologische oder reproduktionsmedizinische Gesundheitsprobleme, 311.040 nicht. Beide Gruppen wurden von der Jugend bis ins Erwachsenenalter beobachtet.
Die Arbeit erschien am 6. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift The Lancet Regional Health – Americas. Finanziert wurde sie über ein Stipendium für Nachwuchsforschende der Canadian Society for the Advancement of Gynecologic Excellence (CanSAGE).
Die zentralen Ergebnisse
- Zehn-Jahres-Vergleich: Zehn Jahre nach Beginn des Erwachsenenalters hatten 28 Prozent der Personen mit früherer gynäkologischer oder reproduktionsmedizinischer Betreuung chronische Beckenschmerzen, verglichen mit etwa 15 Prozent in der Vergleichsgruppe.
- Höhere Rate nach Anpassung: Die Rate lag nach statistischer Anpassung um 41 Prozent höher (adjustierte Hazard Ratio 1,41; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,39 bis 1,43). Eine Hazard Ratio vergleicht, wie schnell ein Ereignis in zwei Gruppen im Zeitverlauf eintritt.
- Wachsender Abstand: Laut Freger war der Unterschied zwischen den Gruppen schon früh im Erwachsenenalter sichtbar und wurde mit der Zeit größer.
Nach Angaben der Forschenden blieb der Zusammenhang bestehen, auch nachdem andere Erkrankungen und die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen in der Jugend berücksichtigt worden waren. Welche Faktoren genau einbezogen wurden, geht aus den zugänglichen Zusammenfassungen nicht hervor.
Weitere Gesundheitsprobleme schon in der Jugend
Jugendliche mit gynäkologischen oder reproduktionsmedizinischen Kontakten hatten außerdem häufiger Magen-Darm-Beschwerden, psychische Erkrankungen und chronische Schmerzen an anderen Körperstellen. Laut der Vorabversion der Studie zeigte sich das so:
- Psychische Diagnosen: 46,0 gegenüber 24,7 Prozent
- Chronische Schmerzen außerhalb des Beckens: 30,2 gegenüber 17,8 Prozent
- Magen-Darm-Erkrankungen: 59,0 gegenüber 31,1 Prozent
- Krankenhausaufnahmen: 18,6 gegenüber 7,2 Prozent
Da die Vorabversion vor der Begutachtung veröffentlicht wurde, können sich einzelne Zahlen in der endgültigen Fassung unterscheiden.
Was die Studie nicht belegt
Die Forschenden betonen selbst, dass die Ergebnisse nicht beweisen, dass gesundheitliche Probleme in der Jugend chronische Beckenschmerzen verursachen. Sie deuten eher darauf hin, dass das Gesundheitssystem schon Jahre vor der Entstehung der Schmerzen erkennbare Muster einer erhöhten Anfälligkeit sieht.
Mehrere Punkte gehören zur Einordnung:
- Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Solche Studien können Zusammenhänge zeigen, aber keine Ursachen belegen.
- Die Daten erfassen Kontakte mit dem Gesundheitssystem, nicht die Beschwerden selbst. Wer keinen Arzt aufsucht, taucht nicht auf.
- Welche Diagnosen im Einzelnen als gynäkologische oder reproduktionsmedizinische Beschwerden zählten, geht aus den zugänglichen Zusammenfassungen nicht hervor.
- Die Daten stammen aus Ontario. Ob sich die Ergebnisse auf andere Länder und Gesundheitssysteme übertragen lassen, ist offen.
Die Studie sagt außerdem nichts über das Schicksal einzelner Personen. Sie vergleicht Gruppen, und die Mehrheit der Jugendlichen mit gynäkologischen Kontakten hatte im Beobachtungszeitraum keine chronischen Beckenschmerzen entwickelt.
Einordnung: Regelschmerzen bei Jugendlichen
Die Studie bezieht sich auf gynäkologische und reproduktionsmedizinische Beschwerden insgesamt, nicht allein auf Regelschmerzen. Dennoch lohnt ein Blick auf die Leitlinienlage. Nach Einschätzung des American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG) sind Regelschmerzen (Dysmenorrhö) das häufigste menstruelle Symptom bei Jugendlichen und jungen Frauen.
Meist handelt es sich um eine primäre Dysmenorrhö, also um schmerzhafte Menstruation ohne erkennbare Erkrankung im Becken. Bei der sekundären Dysmenorrhö liegt dagegen eine Beckenerkrankung oder eine andere erkennbare Ursache zugrunde. Als häufigste Ursache nennt das ACOG bei Jugendlichen die Endometriose.
Das ACOG empfiehlt, bei anhaltenden, deutlich belastenden Regelschmerzen trotz Behandlung mit hormonellen Mitteln und entzündungshemmenden Schmerzmitteln auch an eine Endometriose zu denken. Ob die McMaster-Studie Endometriose gesondert untersucht hat, geht aus den zugänglichen Angaben nicht hervor.
Was das für die Versorgung bedeuten könnte
Die Autorinnen und Autoren leiten aus ihren Daten ab, dass Beckenschmerzen und Menstruationsbeschwerden bei Jugendlichen früher erkannt und umfassender abgeklärt werden sollten, bevor sich chronische Schmerzverläufe festigen. Leonardi weist darauf hin, dass die Warnzeichen nicht auf die reproduktive Gesundheit beschränkt waren. Menstruations- und Beckengesundheit im Jugendalter könnten Teil eines größeren gesundheitlichen Gesamtbildes sein, das mehr Aufmerksamkeit und eine stärker vernetzte Versorgung verdient.
Diese Schlussfolgerung ist ein Vorschlag auf Basis eines statistischen Zusammenhangs. Ob eine frühere Abklärung chronische Beckenschmerzen tatsächlich verhindert oder abmildert, hat die Studie nicht geprüft. Dafür wären andere Studiendesigns nötig.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Bedeuten Regelschmerzen im Jugendalter, dass später chronische Beckenschmerzen entstehen?
Nein, das lässt sich aus der Studie nicht ableiten. Untersucht wurden Kontakte mit dem Gesundheitssystem wegen gynäkologischer oder reproduktionsmedizinischer Beschwerden insgesamt, nicht Regelschmerzen allein. Zudem zeigt die Studie einen Gruppenunterschied und keine individuelle Vorhersage.
Wie häufig sind chronische Beckenschmerzen?
Die Forschenden nennen bis zu eine von vier Personen, die bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen wurden, sowie geschlechtlich diverse Personen. Eine WHO-Übersichtsarbeit fand für nichtzyklische Beckenschmerzen Raten von 2,1 bis 24 Prozent. Die Spanne erklärt sich unter anderem durch unterschiedliche Definitionen und Studienqualität.
Lässt sich aus den Ergebnissen ein Test oder Screening ableiten?
Aus den verfügbaren Angaben geht nicht hervor, dass aus der Studie bereits ein Screeningverfahren oder ein Vorhersagemodell für Einzelpersonen entwickelt wurde. Die Forschenden sprechen von einer Möglichkeit, Menschen mit erhöhtem Risiko früher zu erkennen.
Spielt Endometriose bei diesen Ergebnissen eine Rolle?
Das ACOG bezeichnet Endometriose als häufigste Ursache sekundärer Regelschmerzen bei Jugendlichen. Ob und wie die McMaster-Studie Endometriose berücksichtigt hat, geht aus den zugänglichen Zusammenfassungen nicht hervor. Ich kann das daher nicht bestätigen.
Gelten die Ergebnisse auch für Deutschland?
Die Daten stammen aus Ontario, Kanada. Ob sich der Zusammenhang in anderen Gesundheitssystemen genauso zeigt, hat die Studie nicht untersucht.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
American College of Obstetricians and Gynecologists. (2018). Committee Opinion No. 760: Dysmenorrhea and endometriosis in the adolescent. Obstetrics & Gynecology. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30461694/
Freger, S. M., Bougie, O., Djerboua, M., Velez, M. P., & Leonardi, M. (2026). Gynecologic and reproductive morbidity during adolescence and subsequent chronic pelvic pain in adulthood: A population-based matched cohort study. The Lancet Regional Health – Americas. https://www.thelancet.com/journals/lanam/article/PIIS2667-193X(26)00271-1/fulltext
Freger, S. M., Bougie, O., Djerboua, M. K., Velez, M. P., & Leonardi, M. (2026). Adolescent gynecologic and reproductive morbidity and incident chronic pelvic pain in adulthood: A population-based matched cohort study [Preprint]. SSRN (Abstract-ID 7018693).
Latthe, P., Latthe, M., Say, L., Gülmezoglu, M., & Khan, K. S. (2006). WHO systematic review of prevalence of chronic pelvic pain: A neglected reproductive health morbidity. BMC Public Health, 6, Article 177. https://doi.org/10.1186/1471-2458-6-177
McMaster University. (2026, 7. Oktober). Early warning signs of chronic pelvic pain may appear in adolescence, McMaster study finds. https://healthsci.mcmaster.ca/early-warning-signs-of-chronic-pelvic-pain-may-appear-in-adolescence-mcmaster-study-finds/






