Wer eine Venenthrombose oder Lungenembolie überstanden hat, muss mit einem erneuten Gefäßverschluss rechnen. Eine norwegische Beobachtungsstudie mit 2.071 Betroffenen hat nun untersucht, ob der Kaffeekonsum vor dem ersten Ereignis mit dem Rückfallrisiko zusammenhängt. Wer täglich ein bis zwei Tassen trank, hatte ein um 51 Prozent niedrigeres geschätztes Rückfallrisiko als Menschen ohne Kaffeekonsum, am deutlichsten nach einer provozierten Thrombose. Ob Kaffee Rückfälle tatsächlich verhindert, kann die Studie jedoch nicht belegen.
Venöse Thromboembolie: Warum Rückfälle ein Problem sind
Die venöse Thromboembolie (VTE) umfasst die tiefe Beinvenenthrombose und die Lungenembolie. Den Autoren der Studie zufolge betrifft sie im Lauf des Lebens etwa einen von zwölf Menschen und tritt weltweit bei mehr als zehn Millionen Menschen pro Jahr auf. Diese Angaben stammen aus der Einleitung der Publikation und stützen sich auf frühere Arbeiten.
Etwa 30 Prozent der Betroffenen erleiden innerhalb von zehn Jahren erneut eine VTE, die meisten davon in den ersten Jahren. Ein Rückfall geht laut den Autoren mit einem höheren Risiko für schwere Komplikationen und Tod einher als das erste Ereignis.
Eine verlängerte Behandlung mit Gerinnungshemmern kann das Rückfallrisiko senken, erhöht aber das Risiko für schwere Blutungen. Deshalb suchen Forschende nach Lebensstilfaktoren, die mit einem geringeren Rückfallrisiko zusammenhängen.
So wurde die Studie durchgeführt
Die Arbeit von Melliane M. Olsen und Kolleginnen und Kollegen erschien im September 2026 in der Fachzeitschrift Research and Practice in Thrombosis and Haemostasis. Die Daten stammen aus zwei norwegischen Bevölkerungsstudien: der Tromsø-Studie (Rekrutierung 1994 bis 2008) und der dritten Erhebung der Trøndelag-Gesundheitsstudie HUNT (2006 bis 2008).
In die Analyse gingen 2.071 Personen ein, die erstmals im Leben eine symptomatische, durch Bildgebung oder Autopsie bestätigte VTE erlitten hatten. Sie wurden ab dem ersten Ereignis bis zu einem Rückfall, einem Umzug, dem Tod oder dem Ende des Beobachtungszeitraums 2020 verfolgt.
Den Kaffeekonsum erfassten die Teilnehmenden per Fragebogen, und zwar vor der ersten VTE. Berücksichtigt wurden Kochkaffee (grob gemahlener, aufgekochter Kaffee) und andere Zubereitungsarten. Die Angaben wurden in fünf Gruppen eingeteilt:
- kein Kaffee
- 1 bis 2 Tassen pro Tag
- 3 bis 4 Tassen pro Tag
- 5 bis 6 Tassen pro Tag
- mehr als 6 Tassen pro Tag
Im Median wurden die Teilnehmenden 2,8 Jahre nachbeobachtet. In dieser Zeit traten 310 Rückfälle auf. Die Forschenden verglichen die Gruppen mit Cox-Regressionsmodellen und berücksichtigten unter anderem Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index (BMI) und Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen.
Die wichtigsten Ergebnisse
Gesamtrisiko: Kein linearer Zusammenhang
Im Vergleich zu Menschen ohne Kaffeekonsum lag die Hazard Ratio (HR) für einen Rückfall bei 1 bis 2 Tassen täglich bei 0,49 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,30 bis 0,81). Das entspricht einem um 51 Prozent niedrigeren geschätzten Risiko. Die weitere Adjustierung veränderte die Schätzungen kaum.
Die Rückfallrate betrug in dieser Gruppe 2,45 Fälle pro 100 Personenjahre, bei den Nichttrinkern waren es 4,05.
Höhere Mengen zeigten keinen zusätzlichen Vorteil. Für 3 bis 4, 5 bis 6 und mehr als 6 Tassen lagen die Hazard Ratios bei 0,68, 0,80 und 0,74. Die Konfidenzintervalle schlossen jeweils den Wert 1 ein, die Unterschiede waren also statistisch nicht signifikant.
Auch wenn alle Kaffeetrinker zusammengefasst wurden, erreichte das Ergebnis keine statistische Signifikanz (HR 0,70; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,47 bis 1,04).
Provozierte und unprovozierte Thrombosen
Eine VTE gilt als provoziert, wenn ein erkennbarer Auslöser vorlag, etwa eine Operation, ein Trauma, eine akute Erkrankung, eine aktive Krebserkrankung oder eine längere Immobilisierung. Als unprovoziert gilt sie ohne einen solchen Auslöser.
Nach einer provozierten VTE war Kaffeekonsum mit einem deutlich niedrigeren Rückfallrisiko assoziiert. Bei 1 bis 2 Tassen täglich lag die HR bei 0,33 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,16 bis 0,69), das entspricht einem um 67 Prozent niedrigeren geschätzten Risiko. Beim Vergleich von Kaffeetrinkern und Nichttrinkern insgesamt lag die HR bei etwa 0,5.
Nach einer unprovozierten VTE zeigte sich dagegen kein Zusammenhang (HR etwa 1,0).
Beinvenenthrombose und Lungenembolie
Nach einer ersten Beinvenenthrombose war der Konsum von 1 bis 2 Tassen mit einem niedrigeren Rückfallrisiko assoziiert (HR 0,38; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,18 bis 0,79). Nach einer ersten Lungenembolie war die Assoziation nicht signifikant (HR 0,62; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,31 bis 1,24).
Die Autoren beschreiben für beide Gruppen ein ähnliches Muster. Dass der Zusammenhang bei Beinvenenthrombose und Lungenembolie tatsächlich verschieden ausfällt, lässt sich aus diesen Zahlen nicht ableiten.
Warum die Ergebnisse vorsichtig zu lesen sind
Die Studie ist eine Beobachtungsstudie. Sie kann Zusammenhänge zeigen, aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen. Die Autoren selbst fordern eine Bestätigung in anderen Kohorten. Zu beachten sind unter anderem diese Punkte:
- Kleine Vergleichsgruppe: Nur 140 Personen gaben an, keinen Kaffee zu trinken. Das macht die Schätzungen ungenau.
- Zeitpunkt der Erhebung: Der Kaffeekonsum wurde vor der ersten VTE erfasst. Ob ein späterer Beginn oder eine Fortsetzung des Konsums das Rückfallrisiko beeinflusst, kann die Studie nicht beantworten. Gewohnheiten können sich zudem im Lauf der Zeit ändern.
- Unterschiede zwischen den Gruppen: Die Gruppen unterschieden sich unter anderem im Alter und im Anteil der Raucher. Die Forschenden haben dafür adjustiert, andere nicht gemessene Einflussfaktoren lassen sich aber nicht ausschließen.
- Unbekannte Dauer der Gerinnungshemmung: Wie lange die Teilnehmenden Gerinnungshemmer einnahmen, war nicht erfasst. Wurde der Beobachtungsbeginn auf drei oder sechs Monate nach dem ersten Ereignis verschoben, blieben die Ergebnisse ähnlich.
- Übertragbarkeit: Die Teilnehmenden waren überwiegend weiß. Für andere Bevölkerungsgruppen gelten die Ergebnisse möglicherweise nicht in gleicher Weise.
Den Unterschied zwischen provozierter und unprovozierter VTE erklären die Autoren möglicherweise mit einem Auswahleffekt, dem sogenannten Index-Event-Bias. Bei unprovozierten Ereignissen bestehen oft dauerhafte Risikofaktoren, die ein möglicher Kaffeeeffekt womöglich nicht ausgleicht. Das ist eine Hypothese und kein Ergebnis der Studie.
Mögliche biologische Erklärungen
Früheren Untersuchungen zufolge haben Kaffeetrinker niedrigere Blutspiegel des Gerinnungsfaktors VIII und des von-Willebrand-Faktors. Beide Faktoren gelten als Risikofaktoren für erstmalige und wiederholte Thrombosen.
Zudem hemmen Kaffee und seine Inhaltsstoffe, etwa Polyphenole, in Laborversuchen die Aktivität der Blutplättchen. Die Autoren halten es für denkbar, dass beide Effekte zusammenwirken. Sie bezeichnen das selbst als Spekulation. Die aktuelle Studie hat diese Mechanismen nicht untersucht.
Einordnung: Was frühere Studien zeigen
Für das erstmalige Auftreten einer VTE gibt es bereits Hinweise. Mehrere epidemiologische Studien fanden den Autoren zufolge einen um 15 bis 33 Prozent niedrigeren Wert bei Kaffeetrinkern.
Eine Kohortenstudie mit 112.784 Teilnehmenden aus denselben norwegischen Bevölkerungsstudien kam 2025 zu einem nichtlinearen Zusammenhang. Wer täglich mindestens eine Tasse trank, hatte ein um 19 bis 23 Prozent niedrigeres Risiko für eine erste VTE. Auch diese Befunde stammen aus Beobachtungsstudien.
Zur Frage der Rückfälle liegt nach Kenntnis der Autoren keine frühere Untersuchung vor. Die neue Studie ist daher ein erster Hinweis, der noch bestätigt werden muss.
Was die Ergebnisse für Betroffene bedeuten
Die Autoren schließen aus ihren Daten, dass Kaffee nach einer VTE möglicherweise ohne Bedenken getrunken werden kann und eventuell einen günstigen Einfluss hat. Diese Einschätzung betrifft ausschließlich das Rückfallrisiko. Blutungen oder andere Gesundheitsrisiken werden in den Methoden der Studie nicht beschrieben.
Aus der Studie lässt sich keine Empfehlung ableiten, mehr Kaffee zu trinken oder damit anzufangen. Fragen zur Gerinnungshemmung und zum persönlichen Rückfallrisiko gehören in die ärztliche Beratung.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Sollten Menschen nach einer Thrombose mehr Kaffee trinken?
Die Studie liefert dafür keine Grundlage. Sie zeigt eine Assoziation zwischen dem Kaffeekonsum vor dem ersten Ereignis und dem Rückfallrisiko, belegt aber keinen Schutzeffekt. Wer unsicher ist, sollte die eigene Situation ärztlich besprechen.
Warum liegt das niedrigste Risiko bei ein bis zwei Tassen und nicht bei mehr?
Die Daten zeigen kein gleichmäßiges Muster, bei höheren Mengen waren die Schätzungen ebenfalls niedriger, aber nicht statistisch signifikant. Eine sichere Erklärung gibt es nicht. Auch die kleine Gruppe der Nichttrinker erschwert die Interpretation.
Gilt der Zusammenhang auch für Menschen ohne Thrombose in der Vorgeschichte?
Für das erstmalige Auftreten einer VTE gibt es frühere Beobachtungsstudien mit niedrigeren Risikoschätzungen bei Kaffeetrinkern. Auch sie belegen keinen ursächlichen Effekt. Die hier besprochene Studie untersuchte ausschließlich Menschen, die bereits eine VTE hatten.
Warum zeigte sich nach unprovozierten Thrombosen kein Zusammenhang?
Die Studie liefert dafür keine gesicherte Erklärung. Die Autoren vermuten einen Auswahleffekt und dauerhaft bestehende Risikofaktoren. Auch Zufall bei den vergleichsweise kleinen Gruppen kommt in Betracht.
Kann Kaffee Gerinnungshemmer ersetzen?
Die Studie hat das nicht untersucht, und die Daten geben keinen Anhaltspunkt dafür. Die Einnahme von Gerinnungshemmern sollte niemals ohne ärztliche Rücksprache verändert werden.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
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Olsen, M. M., Brækkan, S. K., Hveem, K., Grønning, K., & Hansen, J.-B. (2025). Repeated measures of coffee consumption and risk of future incident venous thromboembolism: The Trøndelag Health Study and the Tromsø study. Research and Practice in Thrombosis and Haemostasis, 9(6), 103019. https://doi.org/10.1016/j.rpth.2025.103019
Olsen, M. M., Brækkan, S. K., Hveem, K., Grønning, K., & Hansen, J.-B. (2026). Association between coffee consumption and risk of recurrent venous thromboembolism: Results from the Trøndelag Health Study and Tromsø Study. Research and Practice in Thrombosis and Haemostasis. https://doi.org/10.1016/j.rpth.2026.106966
Roach, R. E. J., Siegerink, B., le Cessie, S., Rosendaal, F. R., Cannegieter, S. C., & Lijfering, W. M. (2012). Coffee consumption is associated with a reduced risk of venous thrombosis that is mediated through hemostatic factor levels. Journal of Thrombosis and Haemostasis. (zitiert nach dem Literaturverzeichnis von Olsen et al., 2026)






