Meditation wird seit Langem als Möglichkeit untersucht, depressive Beschwerden zu lindern, doch es ist unklar, ob alle Techniken auf dieselbe Weise wirken. Eine randomisierte kontrollierte Studie in der Fachzeitschrift Mindfulness hat nun zwei Verfahren verglichen: die Meditation der fokussierten Aufmerksamkeit und die Selbstergründung (Self-Inquiry). Bei 147 Erwachsenen ohne psychiatrische Diagnose sanken die depressiven Symptome nach vier Wochen in beiden Meditationsgruppen stärker als in einer Wartelisten-Kontrollgruppe, ohne verlässlichen Unterschied zwischen den Verfahren; ob die Wege dahin verschieden sind, lässt sich nur vorsichtig beurteilen.
Worum es in der Studie ging
Das Autorenteam um Céline Stinus und Sophie Berjot stützt sich auf kognitive Modelle der Depression. Danach tragen starre, negative Überzeugungen über das Selbst sowie die Wahrnehmung, dass das eigene Selbstbild bedroht ist (Identitätsbedrohung), zu depressiven Symptomen bei.
Meditation könnte hier ansetzen, etwa über die kognitive Dezentrierung: die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle aus einer gewissen Distanz zu beobachten. Zusätzlich fragte das Team, ob das Erleben von Verbundenheit mit Menschen und mit der Natur eine Rolle spielt. Die Studie erschien im Mai 2026 in Mindfulness (Band 17, Heft 5); online war sie seit März 2026 verfügbar.
Zwei Techniken im Vergleich
Bei der Meditation der fokussierten Aufmerksamkeit richten die Übenden ihre Aufmerksamkeit auf ein gewähltes Objekt, etwa den Atem, bemerken, wann der Geist abschweift, und führen die Aufmerksamkeit zurück. In der Studie kamen Atemmeditation und Bodyscan zum Einsatz.
Die Selbstergründung gehört zu den sogenannten dekonstruktiven Verfahren, die in der Fachliteratur neben aufmerksamkeitsbasierten und konstruktiven Praktiken unterschieden werden (Dahl et al., 2015). Die Teilnehmenden erkundeten mit Leitfragen, woher ein Erleben stammt, wie es zustande kommt und welches Selbstbild es auslöst oder verstärkt. Das Programm war säkular und enthielt keine buddhistischen Lehren.
Teilnehmende und Ablauf
Ausgewertet wurden die Daten von 147 Erwachsenen, jeweils 49 pro Gruppe. Das Durchschnittsalter lag je nach Gruppe zwischen etwa 44 und 49 Jahren; nur 22 der 147 Personen waren Männer. Rekrutiert wurde über soziale Medien, Hochschulgelände und berufliche Netzwerke der Forschenden.
Ausgeschlossen waren Menschen, die Psychopharmaka einnahmen, eine Depression oder eine andere psychiatrische Erkrankung diagnostiziert bekommen hatten oder regelmäßig meditierten. Die Zuteilung zu fokussierter Aufmerksamkeit, Selbstergründung oder Warteliste erfolgte zufällig.
Beide Programme dauerten vier Wochen: fünf Online-Gruppensitzungen von je 60 Minuten sowie 20 Minuten Eigenübung an fünf Tagen pro Woche. Teilnahme und Übungshäufigkeit unterschieden sich zwischen den beiden Gruppen nicht bedeutsam. Alle Sitzungen leitete die Studienleitung selbst.
Die depressiven Symptome wurden per Selbstauskunft mit den sieben Depressions-Items der Hospital Anxiety and Depression Scale erfasst (Zigmond & Snaith, 1983), eine Woche vor Beginn und innerhalb von sieben Tagen nach Ende der Programme.
Ergebnisse: Beide Verfahren senken depressive Symptome
In beiden Meditationsgruppen gingen die depressiven Symptome stärker zurück als in der Warteliste. Die Effektstärken (Cohens d) lagen im Vergleich zur Warteliste bei 0,47 für die fokussierte Aufmerksamkeit und 0,67 für die Selbstergründung, also im mittleren Bereich. Zwischen den beiden Verfahren gab es keinen statistisch bedeutsamen Unterschied.
Ähnlich verhielt es sich bei der Identitätsbedrohung (d = 0,54 beziehungsweise 0,45) und bei der kognitiven Dezentrierung, die in beiden Gruppen stärker zunahm als in der Warteliste. Die Ausgangswerte der Gruppen unterschieden sich nicht bedeutsam; bei den depressiven Symptomen lagen sie niedrig, im nichtklinischen Bereich.
Dysfunktionale Einstellungen: Nur ein Verfahren wirkte
Bei dysfunktionalen Einstellungen, also starren Überzeugungen wie „Wenn ich bei der Arbeit scheitere, bin ich als Mensch ein Versager“, zeigte sich ein anderes Bild. Hier sank der Wert nur bei der fokussierten Aufmerksamkeit (d = 0,77 gegenüber der Warteliste, d = 0,72 gegenüber der Selbstergründung). Die Selbstergründung unterschied sich nicht von der Warteliste.
Das widersprach der Erwartung des Teams, die Selbstergründung wirke auf starre Selbstbilder direkter und liefere größere Effekte. In keinem Ergebnismaß bestätigte sich diese Annahme. Mögliche Gründe, etwa das säkulare und kurze Format oder die Grenzen von Fragebögen, nennen die Autoren als Deutungsangebote, nicht als nachgewiesene Ursachen.
Unterschiedliche Wirkwege? Ein vorsichtiger Hinweis
In sogenannten Mediationsanalysen prüfte das Team, über welche Veränderungen die Effekte laufen könnten. Bei der fokussierten Aufmerksamkeit erklärte die Zunahme der Dezentrierung statistisch den Rückgang der depressiven Symptome vollständig und den der dysfunktionalen Einstellungen teilweise.
Bei der Selbstergründung zeigte sich ein anderes Muster. Die Zunahme der Verbundenheit mit der Menschheit erklärte einen Teil des Rückgangs der Identitätsbedrohung, für den Rückgang der depressiven Symptome fand sich keine erklärende Größe. Entgegen der Erwartung ging eine stärkere Naturverbundenheit mit einem geringeren Rückgang der Identitätsbedrohung einher; die Autoren raten zu vorsichtiger Deutung.
Bei der Verbundenheit selbst waren die Gruppenunterschiede nicht signifikant. Nur in einer explorativen Analyse innerhalb der Gruppen stiegen beide Verbundenheitswerte ausschließlich bei der Selbstergründung.
Entscheidend ist die Einschränkung der Autoren: Die Analysen liefen getrennt je Gruppe und erlauben keinen direkten statistischen Vergleich der Wirkwege. Von „unterschiedlichen Mechanismen“ lässt sich daher nur im explorativen, beschreibenden Sinn sprechen. Die Vermutung, sinkende Identitätsbedrohung könnte den Weg von der Selbstergründung zu weniger depressiven Symptomen bilden, bezeichnen die Autoren selbst als spekulativ.
Was „Selbstlosigkeit“ hier bedeutet
Der Studientitel spricht von „Selbstlosigkeit“. Gemeint ist kein Verschwinden des Selbst, sondern nach dem Modell von Dambrun und Ricard (2011) eine geringere selbstzentrierte Verarbeitung und weniger starre Selbstgrenzen. Gemessen wurde sie über Dezentrierung und zwei Verbundenheitsmaße, eine nach Angaben der Autoren teilweise und pragmatische Annäherung: Der Aspekt der Vergänglichkeit blieb mangels geeigneter Messinstrumente unberücksichtigt.
Der Titel nennt auch Vorbeugung. Gemessen wurden jedoch Symptomwerte bei Menschen ohne Diagnose, nicht das spätere Auftreten von Depressionen.
Wie belastbar sind die Ergebnisse?
Es handelt sich um eine einzelne, kurze und nicht präregistrierte Studie; ihre Hypothesen stuften die Autoren selbst als theoriegeleitet und explorativ ein. Folgende Einschränkungen sind wichtig:
- Nichtklinische Stichprobe: Die Teilnehmenden hatten keine Diagnose und niedrige Ausgangswerte. Aussagen über Menschen mit einer Depression erlaubt die Studie nicht.
- Selbstauskünfte: Alle Ergebnisse stammen aus Fragebögen. Zudem wusste die Wartelistengruppe, dass sie kein Programm erhielt, sodass Erwartungseffekte nicht auszuschließen sind.
- Ausfälle: Von 204 randomisierten Personen gingen 147 in die Auswertung ein. 28 Personen brachen die Meditationsprogramme vor oder nach den ersten Sitzungen ab; zwischen den Messungen fielen in der Warteliste 20 Personen aus, in den Meditationsgruppen vier beziehungsweise fünf. Die Autoren räumen mögliche Verzerrungen ein.
- Eine Leitungsperson: Da dieselbe Person alle Sitzungen leitete, lassen sich Einflüsse der Leitung nicht von der Wirkung der Methode trennen.
- Stichprobe und Dauer: Die Teilnehmenden waren überwiegend Frauen und hatten sich für eine Meditationsstudie gemeldet. Eine Nachbeobachtung fehlt, wie lange die Effekte anhalten, ist offen.
Eingeordnet nach der Evidenzlage handelt es sich um vorläufige Hinweise. Eine einfache Rangfolge der Meditationsformen lässt sich aus den Daten nicht ableiten.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Lässt sich aus der Studie ableiten, dass Meditation Depressionen vorbeugt oder behandelt?
Nein. Die Teilnehmenden hatten keine Diagnose, untersucht wurden Symptomwerte in Fragebögen über vier Wochen ohne Nachbeobachtung. Zu achtsamkeitsbasierten Verfahren bei Menschen mit psychischen Erkrankungen existieren eigene Metaanalysen, etwa Klainin-Yobas et al. (2012), auf die auch die Studie verweist; deren Ergebnisse sind hier nicht Gegenstand. Wer unter anhaltenden depressiven Beschwerden leidet, sollte ärztlichen oder psychotherapeutischen Rat suchen.
Welche der beiden Meditationsformen ist besser?
Bei depressiven Symptomen und Identitätsbedrohung zeigte sich kein verlässlicher Unterschied. Bei dysfunktionalen Einstellungen schnitt die fokussierte Aufmerksamkeit besser ab. Die Autoren sehen darin keine einfache Hierarchie der Wirksamkeit, sondern eher überlappende Effekte.
Was ist kognitive Dezentrierung?
Gemeint ist der Wechsel aus dem unmittelbaren Erleben in eine beobachtende Perspektive, etwa sich beim Denken zuzusehen oder unangenehme Gedanken wahrzunehmen, ohne sie verändern zu wollen. In der Studie wurde sie per Fragebogen erfasst.
Warum ist der Vergleich mit einer Warteliste begrenzt?
Die Wartelistengruppe erhielt kein Programm und wusste das. Verglichen wird also Meditation mit Nichtstun, nicht mit einer anderen aktiven Maßnahme; Faktoren wie Zuwendung, Gruppenerleben oder Erwartung lassen sich von der Meditationstechnik daher nicht sicher trennen.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
Dahl, C. J., Lutz, A., & Davidson, R. J. (2015). Reconstructing and deconstructing the self: Cognitive mechanisms in meditation practice. Trends in Cognitive Sciences, 19(9), 515–523. https://doi.org/10.1016/j.tics.2015.07.001
Dambrun, M., & Ricard, M. (2011). Self-centeredness and selflessness: A theory of self-based psychological functioning and its consequences for happiness. Review of General Psychology, 15(2), 138–157. https://doi.org/10.1037/a0023059
Hedrih, V. (2026, October 17). Two styles of meditation eased depressive symptoms in a four-week trial, possibly through different routes. PsyPost. https://www.psypost.org/two-styles-of-meditation-eased-depressive-symptoms-in-a-four-week-trial-possibly-through-different-routes/
Klainin-Yobas, P., Cho, M. A. A., & Creedy, D. (2012). Efficacy of mindfulness-based interventions on depressive symptoms among people with mental disorders: A meta-analysis. International Journal of Nursing Studies, 49(1), 109–121. https://doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2011.08.014
Stinus, C., & Berjot, S. (2026). Preventing depression through selflessness: Effects and mechanisms of attentional vs. deconstructive meditation in a three-arm randomized controlled trial. Mindfulness, 17(5), 1375–1388. https://doi.org/10.1007/s12671-026-02817-7
Zigmond, A. S., & Snaith, R. P. (1983). The hospital anxiety and depression scale. Acta Psychiatrica Scandinavica, 67(6), 361–370. https://doi.org/10.1111/j.1600-0447.1983.tb09716.x






