Mit sinkenden Raucherquoten rückt Lungenkrebs bei Menschen in den Blick, die nie geraucht haben. Eine in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Studie hat nun anhand von Daten von mehr als 3,3 Millionen Menschen europäischer Abstammung untersucht, wie stark die seltene, vererbte EGFR-Variante T790M mit Lungenkrebs zusammenhängt. Träger der Variante hatten deutlich höhere Chancen auf eine Lungenkrebsdiagnose, bei Nichtrauchern war der Zusammenhang besonders stark. Ob daraus eine gezieltere Früherkennung entstehen kann, ist derzeit offen.
Was ist die EGFR-Variante T790M?
EGFR steht für den Rezeptor des epidermalen Wachstumsfaktors (epidermal growth factor receptor). Das zugehörige Gen ist an vielen Lungenkrebserkrankungen beteiligt. Veränderungen in diesem Gen entstehen meist erst im Tumor selbst.
Bei T790M kann die Veränderung jedoch auch in der Keimbahn vorliegen. Sie ist dann Teil des vererbten Erbguts, das von Geburt an in allen Körperzellen steckt. Fachleute sprechen von einer Keimbahnvariante (germline).
Wie die Variante bekannt wurde
Die Keimbahnvariante wurde erstmals 2005 in einer europäischen Familie mit mehreren Lungenkrebsfällen beschrieben. Später fand man sie in weiteren Familien mit auffällig vielen Erkrankungen.
Weil sie äußerst selten ist, blieben die bisherigen Studien klein. Das Ausmaß des Risikos ließ sich damit statistisch nicht verlässlich bestimmen. Nach Angaben der Forschenden kann die Variante vor allem ein Adenokarzinom der Lunge begünstigen, besonders wenn eine zweite krebstreibende EGFR-Mutation hinzukommt.
Wie wurde die Studie durchgeführt?
Ein Team um Jaclyn LoPiccolo vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston wertete Daten des Unternehmens 23andMe aus, das Gentests für Verbraucher anbietet. Es handelte sich um eine Fall-Kontroll-Studie. Für die Hauptanalyse standen Daten von 3.372.531 Menschen europäischer Abstammung zur Verfügung, darunter 9.799 mit Lungenkrebs und 3.362.732 ohne.
Das Ergebnis wird als Odds Ratio angegeben, also als Verhältnis der Chancen. Sie zeigt, um wie viel häufiger die Variante bei Erkrankten im Vergleich zu Nichterkrankten vorkam. Eine Odds Ratio ist nicht dasselbe wie ein absolutes Erkrankungsrisiko.
Zusätzlich untersuchten die Forschenden, wie häufig die Variante ist, wie sie sich geografisch verteilt und woher sie stammt. Dafür analysierten sie auch die Abstammung der Träger.
Die zentralen Ergebnisse
Die wichtigsten Befunde im Überblick:
- Gesamtzusammenhang: Die Variante war mit einer Odds Ratio von 25,18 mit Lungenkrebs verbunden.
- Nichtraucher: Bei Menschen, die nie geraucht hatten, lag die Odds Ratio bei 61,70.
- Raucher und Ex-Raucher: Hier betrug sie 10,59.
- Zum Vergleich: Rauchen allein war mit einer Odds Ratio von 3,79 verbunden.
- Häufigkeit: In der Studienkohorte trug etwa 1 von 15.850 Personen die Variante.
Für 17 weitere Krebsarten und für nicht krebsbedingte Lungenerkrankungen fanden die Forschenden keine signifikanten Zusammenhänge. Das bedeutet nicht, dass es dort sicher keinen Effekt gibt, sondern nur, dass die Daten keinen statistisch belastbaren Hinweis lieferten.
Außerdem prüfte das Team drei polygene Risikomodelle, die viele kleine Genvarianten zusammenfassen. Es fand keine signifikante Wechselwirkung mit T790M. Die Forschenden deuten das so, dass der Zusammenhang weitgehend unabhängig vom übrigen genetischen Hintergrund besteht.
Warum ist der Effekt bei Nichtrauchern größer?
Fachleute weisen darauf hin, dass Nichtraucher von einem deutlich niedrigeren Grundrisiko ausgehen. Dadurch fällt der Einfluss einer einzelnen Variante in relativen Zahlen stärker ins Gewicht. Die hohe Odds Ratio sagt also nichts darüber aus, wie wahrscheinlich eine Erkrankung im Einzelfall tatsächlich ist.
Absolute Erkrankungswahrscheinlichkeiten für Träger liegen in den ausgewerteten Berichten nicht vor.
Woher stammt die Variante?
Die Analyse der Abstammung ergab ein auffälliges Muster. Die Träger stammten überwiegend von einer gemeinsamen Ahnenlinie ab. Bei rund 81 Prozent der 641 untersuchten Träger waren britische und irische Vorfahren die wichtigste Herkunftsgruppe.
Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren gelangte die Variante mit britischen und irischen Siedlern in die USA. In der Region der südlichen Appalachen kam es vor etwa 200 bis 225 Jahren zu einem sogenannten Gründereffekt: Eine kleine, relativ isolierte Bevölkerung gab die Variante an viele Nachkommen weiter. Die Träger konzentrierten sich besonders auf Tennessee und Alabama.
In dieser Region liegt die Trägerhäufigkeit laut Berichten bei etwa 1 zu 2.078. Für Nichteuropäer scheint sich die Variante erst ab dem frühen 20. Jahrhundert ausgebreitet zu haben. Es handelt sich um eine populationsgenetische Rekonstruktion, nicht um eine direkt beobachtete Wanderungsgeschichte.
Was bedeutet das für die Früherkennung?
Heute richtet sich die Früherkennung von Lungenkrebs fast ausschließlich nach der Rauchgeschichte. Die Studienleiterin LoPiccolo hält es für möglich, dass künftig auch das vererbte Risiko eine Rolle spielt. Träger könnten dann per Gentest identifiziert und mit einer computertomografischen Früherkennung untersucht werden.
Diese Aussage ist eine Hypothese. Sie steht ausdrücklich unter dem Vorbehalt, dass weitere Studien einen Nutzen bestätigen. Ein belegter Vorteil einer genbasierten Früherkennung liegt bislang nicht vor.
Wegen der Seltenheit der Variante ist zudem davon auszugehen, dass sie nur einen kleinen Teil aller Lungenkrebsfälle erklärt. Wer wegen einer familiären Häufung von Lungenkrebs verunsichert ist, kann dies mit ärztlichem Fachpersonal oder in einer humangenetischen Beratung besprechen.
Grenzen der Studie
Die Ergebnisse sind aussagekräftig, aber mehrere Einschränkungen sind zu beachten:
- Assoziation: Fall-Kontroll-Studien zeigen Zusammenhänge. Sie liefern keine absoluten Risiken.
- Abstammung: Die Hauptanalyse umfasst nur Menschen europäischer Abstammung.
- Datenquelle: Die Daten stammen aus einer Verbraucher-Gentestdatenbank, nicht aus einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe.
- Regionale Häufung: Weil die Variante regional gehäuft auftritt, gelten die Schätzungen möglicherweise nicht für alle Menschen gleichermaßen.
- Einzelstudie: Die Ergebnisse müssen in unabhängigen Untersuchungen bestätigt werden.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Erkranken Träger der Variante sicher an Lungenkrebs?
Nein. Eine erhöhte Odds Ratio bedeutet nicht, dass eine Erkrankung sicher eintritt. Wie hoch das absolute Risiko für Träger ist, geht aus den ausgewerteten Berichten nicht hervor.
Ist ein Gentest auf EGFR T790M ein Teil der Lungenkrebs-Früherkennung?
Nach derzeitigem Stand nicht. Die Früherkennung richtet sich fast ausschließlich nach der Rauchgeschichte. Eine genbasierte Auswahl ist bisher nur eine Möglichkeit, die durch weitere Studien geprüft werden müsste.
Betrifft die Variante Menschen außerhalb der USA?
Die Hauptanalyse bezog sich auf Menschen europäischer Abstammung. Die Variante geht auf britische und irische Vorfahren zurück. Belastbare Angaben zur Häufigkeit und zum Risiko in anderen Regionen und Bevölkerungsgruppen kann ich nicht bestätigen.
Ist T790M dieselbe Mutation wie in manchen Tumoren?
Die Variante kann auch im Tumor auftreten. Der Unterschied liegt im Ursprung: Die Keimbahnvariante wird vererbt und ist in allen Körperzellen vorhanden, eine Tumormutation entsteht erst in der Krebszelle.
Erhöht die Variante das Risiko für andere Krebsarten?
In dieser Studie fanden sich keine signifikanten Zusammenhänge mit 17 weiteren Krebsarten oder mit nicht krebsbedingten Lungenerkrankungen. Ein fehlender signifikanter Zusammenhang schließt einen kleinen Effekt nicht aus.
Warum waren für diese Studie so viele Menschen nötig?
Die Variante ist so selten, dass frühere Studien mit einzelnen Familien oder kleinen Gruppen das damit verbundene Risiko nicht zuverlässig beziffern konnten. In der Studienkohorte trug nur etwa 1 von 15.850 Personen die Variante. Um genügend Träger für eine belastbare statistische Auswertung zu finden, braucht es deshalb sehr große Datenmengen. Erst mit mehr als 3,3 Millionen Datensätzen ließ sich der Zusammenhang mit Lungenkrebs genauer schätzen. Für die Analyse der Abstammung standen 641 Träger zur Verfügung.
Warum ist die Variante in den USA häufiger als in Großbritannien und Irland?
Nach den bisher berichteten Ergebnissen war die Variante in der US-Bevölkerung deutlich häufiger als bei Menschen britischer und irischer Abstammung. Besonders angereichert war sie bei Personen mit sogenannter südkolonialer Abstammung (Southern Colonial ancestry). Die Forschenden erklären das mit einem Gründereffekt: Eine kleine, relativ isolierte Gruppe von Siedlern in den südlichen Appalachen gab die Variante vor etwa 200 bis 225 Jahren an viele Nachkommen weiter. Wenn eine Bevölkerung nach einer solchen Verengung wieder wächst, kann eine ursprünglich seltene Variante dauerhaft häufiger vorkommen. Es handelt sich um eine populationsgenetische Rekonstruktion, nicht um eine direkt beobachtete Wanderungsgeschichte.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
American Association for the Advancement of Science. (2026, 17. September). Rare inherited genetic mutation raises lung cancer risk in non-smoker humans [Pressemitteilung]. EurekAlert!. https://www.eurekalert.org/news-releases/1143743
HealthDay News. (2026). Gene mutation identified that increases lung cancer risk. Cancer Therapy Advisor. https://www.cancertherapyadvisor.com/news/gene-mutation-identified-that-increases-lung-cancer-risk/
Healio. (2026, 22. September). EGFR mutation increases lung cancer risk 25-fold overall, 60-fold among never smokers. https://www.healio.com/news/hematology-oncology/20260922/egfr-mutation-increases-lung-cancer-risk-25fold-overall-60fold-among-never-smokers
LoPiccolo, J., et al. (2026). Germline EGFR T790M mutations and lung cancer risk in humans. Science. https://doi.org/10.1126/science.aec0473
O’Leary, K. (2026, 28. September). Biography of an inherited lung cancer risk gene. Nature Medicine. https://doi.org/10.1038/d41591-026-00048-w
The ASCO Post Staff. (2026, 23. September). Germline EGFR T790M associated with significant lung cancer risk. The ASCO Post. https://ascopost.com/news/september-2026/germline-egfr-t790m-associated-with-significant-lung-cancer-risk/






