Kreatin und Darmentzündung: Was eine Rattenstudie zum Gehirn zeigt

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 12. Oktober 2026, Lesezeit: 7 Minuten

Kreatin ist vor allem als Sportergänzung bekannt, doch eine neue Tierstudie aus Sevilla untersucht, ob die Substanz das Gehirn bei chronischer Darmentzündung schützen kann. In Ratten mit experimenteller Colitis verhinderte Kreatin Entzündungsreaktionen, Zellschäden und elektrische Veränderungen im Hippocampus, einer für das Gedächtnis wichtigen Hirnregion. Die Ergebnisse stammen jedoch ausschließlich aus dem Tiermodell; ob sie sich auf Menschen übertragen lassen, ist offen.

Darmentzündung und Gehirn: der Hintergrund

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn betreffen vor allem den Verdauungstrakt. Betroffene berichten jedoch häufig auch von Stimmungsproblemen und Konzentrations- oder Gedächtnisschwierigkeiten.

Eine mögliche Erklärung liefert die sogenannte Darm-Hirn-Achse, ein wechselseitiges Kommunikationsnetz zwischen Verdauungstrakt und zentralem Nervensystem. Entzündungssignale aus dem Darm könnten demnach im Gehirn eine zusätzliche Entzündungsreaktion auslösen. Dieser Zusammenhang gilt als Hypothese, die vor allem im Tiermodell untersucht wird.

Was die Forschenden untersucht haben

Ein Team der Universität Sevilla um Alejandro Ruiz-Calero und Pablo García-Miranda wollte klären, was bei chronischer Colitis in den Zellen des Hippocampus geschieht. Die Studie erschien 2026 in der Fachzeitschrift *Brain, Behavior, and Immunity*.

Die Colitis wurde bei Ratten beiderlei Geschlechts mit Dextransulfat-Natrium im Trinkwasser ausgelöst, einem gängigen Modell. Nach Angaben von PsyPost geschah dies in drei einwöchigen Zyklen mit Pausen, um die Schübe und Remissionen der menschlichen Colitis ulcerosa nachzuahmen. Ein Teil der Tiere erhielt zusätzlich Kreatin über das Trinkwasser, und zwar bereits vor Beginn der Entzündung.

Die wichtigsten Ergebnisse

Laut der Zusammenfassung der Studie war Kreatin in beiden Geschlechtern wirksam. Es verhinderte die Entzündung im Hippocampus, die Aktivierung der Mikroglia (der Immunzellen des Gehirns), Nervenzellschäden und Störungen der elektrischen Aktivität. Außerdem stellte es den durch die Colitis gesenkten Kreatingehalt im Hippocampus wieder her.

Die Forschenden schreiben, die Tiere ohne Kreatin hätten eine Beeinträchtigung der neuronalen Erregbarkeit gezeigt, die unter Kreatin normalisiert wurde. Damit liefern die Daten Hinweise auf einen schützenden Effekt im Modell. Einen Beleg für eine Wirkung beim Menschen stellen sie nicht dar.

Männliche Tiere stärker betroffen

Die Schäden fielen bei männlichen Ratten deutlich stärker aus. Die Autorinnen und Autoren sprechen von einer ausgeprägten Anfälligkeit des Hippocampus männlicher Tiere gegenüber chronischer Colitis.

Nach Darstellung von PsyPost behielten weibliche Tiere ihre Nervenzellstruktur trotz Entzündung weitgehend bei. Der Schutzeffekt von Kreatin war deshalb bei den Männchen am deutlichsten sichtbar. Diese Einordnung konnte ich anhand der Zusammenfassung nicht im Detail prüfen.

Kreatin: ein körpereigener Energiespeicher

Kreatin ist eine körpereigene Verbindung, die Zellen mit Energie versorgt. Sie wirkt wie eine schnell verfügbare Reserve, wenn der Energiebedarf hoch ist, auch in Nervenzellen.

Dass Kreatin im Gehirn nach der Colitis niedriger war und durch die Gabe wieder anstieg, passt zu der Idee, dass der Energiestoffwechsel eine Rolle spielt. Ob das der eigentliche Wirkmechanismus ist, haben die Forschenden nicht abschließend geklärt.

Frühere Ergebnisse derselben Arbeitsgruppe

Dieselbe Gruppe hatte 2025 in *Food & Function* eine Studie veröffentlicht, ebenfalls an Ratten. Dort verringerte Kreatin die Schwere der Colitis-Symptome und verhinderte motorische Defizite sowie angst- und depressionsähnliches Verhalten.

Zudem blieben bei den Tieren mit Kreatin die Entzündungsbotenstoffe IL-1β, IL-6 und TNF im präfrontalen und im motorischen Kortex niedriger, und die Mikroglia wurden nicht aktiviert. Die neue Studie ergänzt dieses Bild um zelluläre und elektrische Befunde im Hippocampus.

Grenzen der Studie

Die Forschenden betonen selbst, dass sich die Ergebnisse nicht direkt auf Menschen übertragen lassen. Die Studienautoren warnen ausdrücklich davor, Kreatin als Behandlung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen zu verstehen.

Weitere Einschränkungen:

– Prävention statt Therapie: Kreatin wurde vor der Colitis gegeben. Die Studie prüft nicht, ob es bereits bestehende Schäden rückgängig macht.
– Keine Verhaltensdaten: Gemessen wurden Zellen und elektrische Aktivität, nicht Gedächtnis oder Verhalten.
– Kleine Gruppen: Nach Angaben von PsyPost umfassten einzelne Messungen nur fünf bis sieben Tiere pro Gruppe. Subtile Veränderungen bei den Weibchen könnten dadurch unentdeckt geblieben sein.
– Unklarer Mechanismus: Offen bleibt, ob Kreatin vor allem die Entzündung im Darm dämpft oder direkt im Gehirn wirkt.

Hinzu kommt der Unterschied zwischen Tier und Mensch. Die Abläufe bei erkrankten Menschen können sich von dem Rattenmodell unterscheiden.

Was die Ergebnisse für Betroffene bedeuten

Aus der Studie lässt sich keine Empfehlung ableiten, bei Colitis Kreatin einzunehmen. Weder Wirksamkeit noch Verträglichkeit bei Menschen mit Darmentzündung wurden hier untersucht.

Wer eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung hat und über Nahrungsergänzungsmittel nachdenkt, sollte dies mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprechen. Die Arbeitsgruppe nennt als langfristiges Ziel, zu prüfen, ob Kreatin einmal als ergänzende Strategie untersucht werden könnte. Dafür sind Studien am Menschen nötig.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Schützt Kreatin das Gehirn bei Darmentzündungen?

Eine Tierstudie deutet darauf hin, dass Kreatin bestimmte entzündliche und zelluläre Veränderungen im Hippocampus von Ratten mit chronischer Colitis abschwächen könnte. Ob dieser Effekt auch beim Menschen auftritt, ist bislang nicht geklärt. Die Ergebnisse sind daher als vorläufige Hinweise und nicht als Nachweis einer Schutzwirkung zu verstehen.

Wie hängen Darmentzündungen und Veränderungen im Gehirn zusammen?

Darm und Gehirn kommunizieren über die sogenannte Darm-Hirn-Achse miteinander. Dabei können Immunreaktionen, Nervenbahnen, Hormone und Stoffwechselprodukte Signale zwischen beiden Organen vermitteln. Chronische Darmentzündungen könnten dadurch auch Prozesse im Gehirn beeinflussen. Die zugrunde liegenden Mechanismen und ihre Bedeutung für die menschliche Gesundheit sind jedoch noch nicht vollständig verstanden.

Sollten Menschen mit Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn Kreatin einnehmen?

Aus den bisherigen Forschungsergebnissen lässt sich keine entsprechende Empfehlung ableiten. Die untersuchte Tierstudie belegt weder eine therapeutische Wirkung von Kreatin bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen noch einen Schutz vor neurologischen Folgen beim Menschen. Betroffene sollten eine Supplementierung mit ihrem behandelnden Arzt besprechen und ihre verordnete Therapie nicht eigenständig verändern.

Ist Kreatin bei Darmerkrankungen sicher?

Die Sicherheit von Kreatin bei Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen lässt sich anhand der Tierstudie nicht beurteilen. Kreatin-Monohydrat ist bei gesunden Erwachsenen in üblichen Dosierungen vergleichsweise gut untersucht. Dennoch können individuelle Faktoren wie Nierenfunktion, Begleiterkrankungen und mögliche Magen-Darm-Beschwerden relevant sein. Bei einer bestehenden Darmerkrankung sollte die Einnahme daher ärztlich abgeklärt werden.

Was ist der Hippocampus und warum ist er für die Studie wichtig?

Der Hippocampus ist eine Hirnregion, die eine zentrale Rolle bei Lernen und Gedächtnis spielt. Er ist außerdem an der Verarbeitung von Stress und an der Regulation emotionaler Prozesse beteiligt. Entzündliche Veränderungen in dieser Region sind deshalb wissenschaftlich relevant. Die in der Studie beobachteten Veränderungen beweisen jedoch nicht, dass eine Darmentzündung beim Menschen zwangsläufig zu Gedächtnisproblemen führt.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Dolan, E. W. (2026, 13. Oktober). A popular workout supplement might protect the brain from gut inflammation. PsyPost. https://www.psypost.org/a-popular-workout-supplement-might-protect-the-brain-from-gut-inflammation/

Ruiz-Calero, A., Ortego-Domínguez, M., Vázquez-Carretero, M. D., Sotelo-Parrilla, G., Martínez-Gómez, N., Calonge, M. L., Pardillo-Díaz, R., Castro, C., Nunez-Abades, P., Peral, M. J., Carrascal, L., & García-Miranda, P. (2026). Modulating effects of creatine prevent sex-dependent hippocampal neuroinflammation, neuronal damage, and electrophysiological dysfunction induced by chronic colitis. *Brain, Behavior, and Immunity, 138*, Artikel 106929. https://doi.org/10.1016/j.bbi.2026.106929

Sotelo-Parrilla, G., Ruiz-Calero, A., García-Miranda, P., Calonge, M. L., Vázquez-Carretero, M. D., & Peral, M. J. (2025). Creatine differently prevents chronic colitis-induced motor deficits, anxiety and depressive behaviors, neuroinflammation, and microglial activation in male and female rats. *Food & Function, 16*(18). https://pubs.rsc.org/en/content/articlehtml/2025/fo/d5fo01620g

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