Fruchtbarkeitserhalt bei Kinderkrebs: Forscher aus Stockholm erzielen Fortschritt

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M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 4. Juli 2026, Lesezeit: 8 Minuten

Kinder, die wegen einer Krebserkrankung intensiv behandelt werden, überleben ihre Diagnose heute in den allermeisten Fällen, doch die Therapien selbst können langfristige Folgen für die reproduktive Gesundheit haben, wie ein internationales Forschungsteam am Karolinska Institutet in Stockholm nun in einer neuen Studie zeigt, die neue Wege zur Wiederherstellung der Fruchtbarkeit nach einer Chemotherapie oder Bestrahlung im Kindesalter eröffnen könnte.

Krebstherapie und Fruchtbarkeit: ein unterschätztes Risiko

Fortschritte in der Onkologie haben die Überlebenschancen von Kindern mit Krebs drastisch verbessert; nahezu 85 Prozent der im Kindes- und Jugendalter diagnostizierten Krebspatientinnen und -patienten überleben ihre Erkrankung. Viele dieser jungen Überlebenden sind jedoch während der Behandlung gonadotoxischen, also die Keimdrüsen schädigenden, Therapien ausgesetzt gewesen, wodurch sich später im Leben ein erhöhtes Risiko für Unfruchtbarkeit ergeben kann.

Die Größenordnung dieses Problems ist erheblich: Studien zufolge liegen die Infertilitätsraten bei erwachsenen Überlebenden einer Krebserkrankung im Kindesalter zwischen 42 und 66 Prozent bei Männern und zwischen 11 und 25 Prozent bei Frauen. Besonders betroffen sind präpubertäre Jungen, deren Hodengewebe zum Zeitpunkt der Behandlung noch keine reifen Spermien produziert. Bei ihnen lässt sich Fruchtbarkeit bislang nicht durch klassische Methoden wie das Einfrieren von Spermien sichern, weshalb Forschende seit Jahren nach alternativen Ansätzen suchen. nih

Die neue Studie aus Stockholm im Detail

Ein Team des Karolinska Institutet hat nun in Zusammenarbeit mit dem NORDFERTIL-Konsortium, der Karolinska Universitätsklinik sowie weiteren Universitäten und Kliniken in Schweden, Finnland und Belgien einen wichtigen Machbarkeitsnachweis erbracht. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Human Reproduction Open veröffentlicht.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten tiefgefrorenes Hodengewebe zweier präpubertärer Jungen, die zuvor wegen Krebs behandelt worden waren und in deren Gewebe nur noch sehr wenige Keimzellen vorhanden waren, jene Zellen also, aus denen sich später Spermien entwickeln. Da diese Zellen durch die Krebstherapie stark dezimiert waren, konzentrierte sich das Team auf die verbliebenen unterstützenden Zellen im Gewebe.

Von somatischen Zellen zu induzierten pluripotenten Stammzellen

Diese unterstützenden Zellen wurden isoliert und mithilfe eines klinisch kompatiblen Reprogrammierungsprotokolls in induzierte pluripotente Stammzellen, kurz iPS-Zellen, umgewandelt. iPS-Zellen gelten als besonders vielseitig, da sie sich grundsätzlich in nahezu jeden Zelltyp des Körpers weiterentwickeln lassen. Im nächsten Schritt gelang es dem Team, diese Stammzellen gezielt in frühe Keimzellen, sogenannte primordiale Keimzellen, umzuwandeln.

Die reprogrammierten Zellen durchliefen anschließend Standardqualitätskontrollen und wurden über zwei unterschiedliche experimentelle Verfahren mit vergleichsweise hoher Effizienz zu diesen frühen Keimzellen weiterentwickelt.

Erstautor Tiago Macedo von der Abteilung für Frauen- und Kindergesundheit am Karolinska Institutet fasst die Bedeutung des Ergebnisses so zusammen: Die Untersuchung zeige, dass sich aus tiefgefrorenem Hodengewebe induzierte pluripotente Stammzellen erzeugen lassen, aus denen wiederum frühe Keimzellen entstehen, selbst wenn die Ausgangsproben durch die Krebsbehandlung stark geschädigt waren.

Ein Machbarkeitsnachweis, keine fertige Therapie

Die Forschenden betonen ausdrücklich, dass es sich bei ihrer Arbeit um eine sogenannte Proof-of-Concept-Studie handelt. Das bedeutet, dass die grundsätzliche Machbarkeit des experimentellen Ablaufs demonstriert wurde, nicht aber, dass die Methode bereits für den klinischen Einsatz bereitsteht.

Bevor an eine Anwendung in der Patientenversorgung zu denken ist, sind nach Angaben der Studienautorinnen und -autoren mehrere weitere Schritte notwendig:

  • Die Robustheit der Ergebnisse muss in größeren Studien bestätigt werden.
  • Die gewonnenen Keimzellen müssen weiter ausreifen, um funktionsfähigen Spermien näherzukommen.
  • Die Sicherheit des Verfahrens muss umfassend validiert werden, bevor überhaupt an eine klinische Erprobung gedacht werden kann.

Diese Zurückhaltung ist in der Fruchtbarkeitsmedizin üblich und wichtig, denn Verfahren, die auf Stammzelltechnologie im Bereich der Fortpflanzung basieren, unterliegen besonders strengen ethischen und regulatorischen Anforderungen.

Langfristige Perspektive für die regenerative Medizin

Trotz der frühen Phase der Forschung sehen die Studienautorinnen und -autoren erhebliches Potenzial. Studienleiter João Pedro Alves-Lopes, ebenfalls von der Abteilung für Frauen- und Kindergesundheit am Karolinska Institutet, erklärt, dass die Erkenntnisse kurzfristig dazu beitragen könnten, besser zu verstehen, wie Krebstherapien Keimzellen schädigen und welches regenerative Potenzial das erhaltene Gewebe besitzt. Auf dieser Grundlage ließen sich gezielte Schutzstrategien für zukünftige Patientinnen und Patienten entwickeln.

Langfristig, so Alves-Lopes weiter, könnte die Methode den Weg für neue regenerative Behandlungsansätze ebnen, mit denen die Fruchtbarkeit von Krebsüberlebenden tatsächlich wiederhergestellt werden kann. Für Familien, die vor der Entscheidung stehen, ob und wie das Hodengewebe ihres Kindes vor einer Krebstherapie eingefroren werden soll, liefert die Studie damit ein zusätzliches wissenschaftliches Argument für die Kryokonservierung von Gewebe, selbst wenn dieses nur wenige intakte Keimzellen enthält.

Bedeutung für Familien und die Onkofertilität

Für Eltern und behandelnde Ärztinnen und Ärzte unterstreicht die Studie vor allem einen praktischen Punkt: Die Kryokonservierung von Hodengewebe vor Beginn einer Krebstherapie bei Jungen bleibt eine sinnvolle vorsorgliche Maßnahme, auch wenn heute noch keine Garantie für eine spätere Anwendung besteht. Kliniken, die sich auf sogenannte Onkofertilität spezialisiert haben, bieten diese Gewebeentnahme bereits vor Beginn einer Chemotherapie oder Strahlentherapie an.

Betroffene Familien sollten sich frühzeitig, idealerweise vor Therapiebeginn, über die Möglichkeiten der Fruchtbarkeitserhaltung informieren, da einige Optionen zeitkritisch sind. Ein Gespräch mit einem spezialisierten Fruchtbarkeitszentrum kann helfen, individuell abzuwägen, welche Maßnahmen im jeweiligen Fall infrage kommen.

Internationale Zusammenarbeit und Finanzierung

Die Studie wurde in enger Kooperation mehrerer nordeuropäischer Forschungseinrichtungen durchgeführt und unter anderem durch das Birgitta and Carl-Axel Rydbeck’s Research Grant for Paediatric Research, den schwedischen Forschungsrat sowie die schwedische Kinderkrebsstiftung finanziert. Auch internationale Forschungsprogramme trugen zur Finanzierung bei. Diese breite Förderstruktur spiegelt wider, wie sehr das Thema Fruchtbarkeit nach Kinderkrebs mittlerweile als eigenständiges, internationales Forschungsfeld anerkannt ist.

Fazit

Die Arbeit des Karolinska Institutet zeigt exemplarisch, wie moderne Stammzelltechnologie neue Perspektiven für ein bislang kaum lösbares medizinisches Problem eröffnen kann: den Erhalt der Fruchtbarkeit bei Jungen, die noch vor der Pubertät wegen Krebs behandelt werden müssen. Bis aus dem Labormodell eine tatsächliche Therapieoption wird, dürften jedoch noch Jahre vergehen, in denen weitere Sicherheits- und Wirksamkeitsstudien folgen müssen.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Warum sind gerade präpubertäre Jungen von Unfruchtbarkeit durch Krebstherapie besonders betroffen?
Weil ihr Hodengewebe vor der Pubertät noch keine reifen Spermien bildet, lässt sich bei ihnen im Gegensatz zu erwachsenen Patienten keine klassische Spermienkonservierung durchführen; jede Schädigung der Keimzellen durch Chemotherapie oder Bestrahlung wiegt daher besonders schwer.

Was unterscheidet primordiale Keimzellen von reifen Spermien?
Primordiale Keimzellen sind sehr frühe Vorläuferzellen der Keimbahn, die erst über mehrere weitere Entwicklungsschritte zu funktionsfähigen Spermien heranreifen müssten; die aktuelle Studie hat diesen letzten Reifungsschritt noch nicht erreicht.

Welche Rolle spielt das NORDFERTIL-Konsortium?
NORDFERTIL ist ein skandinavisches Forschungsnetzwerk, das sich auf die Kryokonservierung von reproduktivem Gewebe bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert hat und die Gewebeproben für Studien wie diese bereitstellt.

Können Eltern schon heute von diesem Verfahren profitieren?
Nein, das Verfahren befindet sich im Stadium der Grundlagenforschung; für Familien bleibt aktuell die vorsorgliche Kryokonservierung von Gewebe vor Therapiebeginn die relevante Maßnahme, nicht die in der Studie beschriebene Zellreprogrammierung selbst.

Bestehen bei iPS-Zell-basierten Fruchtbarkeitsansätzen besondere Sicherheitsrisiken?
Ja, da iPS-Zellen im Labor stark manipuliert werden, müssen mögliche genetische Veränderungen und Tumorrisiken vor jeder klinischen Anwendung umfassend untersucht werden; genau das benennen die Studienautoren als notwendigen nächsten Schritt.

Ab welchem Alter wird Hodengewebe zur Kryokonservierung typischerweise entnommen? Eine feste untere Altersgrenze gibt es nicht; die Entscheidung richtet sich nach der geplanten Krebstherapie und dem individuellen Risiko für die Keimdrüsen, weshalb die Indikation stets im Einzelfall zwischen Onkologie und spezialisiertem Fruchtbarkeitszentrum abgestimmt wird. Genaue, allgemeingültige Altersangaben kann ich dazu nicht bestätigen, da diese von Klinik zu Klinik und je nach Behandlungsprotokoll variieren.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Karolinska Institutet. (2026, 3. Juli). Hope for protecting and restoring fertility of childhood cancer survivors. https://news.ki.se/hope-for-protecting-and-restoring-fertility-of-childhood-cancer-survivors

Macedo, T., et al. (2026). Human iPSCs derived from cryopreserved testicular somatic cells enable germline regeneration in childhood cancer survivors. Human Reproduction Open. https://doi.org/10.1093/hropen/hoag054

News-Medical.net. (2026, 3. Juli). Researchers advance fertility options for childhood cancer survivors. https://www.news-medical.net/news/20260703/Researchers-advance-fertility-options-for-childhood-cancer-survivors.aspx

Interest in fertility status assessment among young adult survivors of childhood cancer. (2023). PMC. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC9844611/

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