Stillen fördert besseren Babyschlaf: Neue Studie mit 82.918 Säuglingen

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 3. Juli 2026, Lesezeit: 9 Minuten

Eine neue wissenschaftliche Untersuchung liefert überzeugende Belege dafür, dass Stillen in den ersten sechs Lebensmonaten mit einer verbesserten Schlafdauer bei Einjährigen zusammenhängt, und widerlegt damit die weitverbreitete Annahme, gestillte Babys würden grundsätzlich schlechter oder kürzer schlafen als Flaschenkinder. Die im Fachjournal European Journal of Clinical Nutrition veröffentlichte Arbeit stützt sich auf Daten von fast 83.000 Mutter-Kind-Paaren aus Japan und liefert damit eine der bislang umfangreichsten Grundlagen zu diesem Thema.

Warum Babyschlaf so wichtig ist

Ausreichender Schlaf gehört zu den zentralen Bausteinen der körperlichen und psychischen Entwicklung eines Kindes. Säuglinge, die dauerhaft zu wenig schlafen, tragen ein höheres Risiko für spätere gesundheitliche Probleme wie Übergewicht, Hyperaktivität und Verhaltensauffälligkeiten. Diese Folgen können sich langfristig negativ auf soziale Kompetenzen und kognitive Leistungsfähigkeit auswirken.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt ausschließliches Stillen für die ersten sechs Lebensmonate, da wissenschaftlich belegte Vorteile wie ein besserer Infektionsschutz und eine gesündere Langzeitentwicklung damit einhergehen. Dennoch entscheiden sich manche Eltern für Säuglingsnahrung, da sie annehmen, Muttermilch werde schneller verdaut und führe zu häufigerem Aufwachen sowie weniger Gesamtschlaf. Da sich das kindliche Schlafverhalten im ersten Lebensjahr rasch verändert, suchten die Forschenden gezielt nach frühen Einflussfaktoren, die Eltern bei ihrer Ernährungsentscheidung unterstützen können.

Die Studie: Aufbau und Methodik

Ein Forschungsteam unter der Leitung von Yuri Nakagawa, Doktorandin an der Universität Toyama in Japan, untersuchte diesen möglichen Zusammenhang anhand von Daten der Japan Environment and Children’s Study, einer der weltweit größten Geburtskohortenstudien. Ziel war es herauszufinden, ob unterschiedliche Ernährungsmuster in den ersten sechs Lebensmonaten die Schlafdauer im Alter von zwölf Monaten vorhersagen.

„Die WHO fördert Stillen intensiv, und die meisten Menschen kennen die zahlreichen gesundheitlichen Vorteile“, erklärte Nakagawa, Erstautorin der Studie. „Dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung, gestillte Säuglinge würden weniger schlafen oder Flaschenkinder länger durchschlafen. Wir wollten belastbare Belege liefern, um dieses Missverständnis auszuräumen.“

Die Forschenden werteten Angaben schwangerer Frauen aus fünfzehn japanischen Regionen aus, die zwischen Januar 2011 und März 2014 im ersten Schwangerschaftsdrittel in die Studie aufgenommen wurden. Nach Ausschluss von Mehrlingsgeburten, Fehlgeburten, Totgeburten und unvollständigen Datensätzen umfasste die finale Stichprobe 82.918 Mutter-Kind-Paare.

Erfassung der Ernährungsgewohnheiten

Sechs Monate nach der Geburt füllten die Mütter einen Fragebogen aus, in dem sie die Dauer von Stillen und Flaschennahrung in Monatsintervallen dokumentierten. Auf dieser Grundlage bildeten die Forschenden vier Gruppen:

  • Säuglinge, die sechs Monate lang ausschließlich mit Formulanahrung ernährt wurden
  • Säuglinge, die weniger als sechs Monate gestillt wurden
  • Säuglinge, die sechs Monate lang eine Kombination aus Muttermilch und Formulanahrung erhielten
  • Säuglinge, die sechs Monate lang ausschließlich gestillt wurden

Erfassung der Schlafdauer

Als Hauptergebnis dokumentierten die Eltern im ersten Lebensjahr des Kindes dessen Schlafrhythmus in Dreißig-Minuten-Intervallen über einen vollen Tag hinweg. Aus diesen Angaben berechneten die Forschenden die tägliche Gesamtschlafdauer.

Die US-amerikanische National Sleep Foundation empfiehlt für einjährige Kinder eine Schlafdauer zwischen elf und vierzehn Stunden pro Tag. Auf dieser Grundlage definierte das Forschungsteam eine Schlafdauer von unter elf Stunden als „kurze Schlafdauer“. Die statistischen Modelle berücksichtigten zahlreiche Störfaktoren, darunter mütterliches Alter, Bildungsniveau, Haushaltseinkommen, Rauchverhalten, postpartale Depression, Geburtsgewicht des Kindes, sportliche Aktivität während der Schwangerschaft, soziale Unterstützung sowie körperliche und psychische Vorerkrankungen. Auf Seiten des Säuglings flossen zudem die Schlafdauer im Alter von einem Monat, das Geschlecht, der Besuch einer Kindertagesstätte und der nächtliche Schlafort (etwa Elternbett oder eigenes Bettchen) in die Analyse ein.

Die zentralen Ergebnisse

Die Auswertung zeigte einen konsistenten Zusammenhang zwischen Stillen in den ersten sechs Monaten und einem verringerten Risiko für kurze Schlafdauer im Alter von einem Jahr.

Anteil der Kinder mit kurzer Schlafdauer nach Ernährungsgruppe:

  1. Ausschließlich formulaernährt: 12,2 Prozent
  2. Weniger als sechs Monate gestillt: 10,2 Prozent
  3. Sechs Monate lang gemischt ernährt (Muttermilch und Formula): 9,7 Prozent
  4. Sechs Monate lang ausschließlich gestillt: 8,8 Prozent

Auch nach statistischer Bereinigung um die genannten Störfaktoren blieben die Unterschiede zwischen den Gruppen signifikant. Im Vergleich zu ausschließlich formulaernährten Säuglingen hatten Kinder, die weniger als sechs Monate gestillt wurden, ein um 16 Prozent geringeres Risiko für kurze Schlafdauer. Bei gemischt ernährten Kindern lag die Risikoreduktion bei 21 Prozent.

Den stärksten Effekt zeigte die Gruppe der ausschließlich gestillten Säuglinge: Sie hatten ein um 23 Prozent geringeres Risiko für kurze Schlafdauer im Vergleich zu ausschließlich formulaernährten Kindern. Die Ergebnisse zeigten damit einen graduellen Zusammenhang: Je länger gestillt wurde, desto niedriger das Risiko für kurzen Schlaf.

„Diese Studie liefert eine Beruhigung gegenüber der verbreiteten Annahme, gestillte Babys würden schlechter schlafen, weil Muttermilch schneller verdaut wird“, so Nakagawa. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass solche Bedenken Eltern nicht vom Stillen und seinen zahlreichen belegten Vorteilen abhalten sollten.“

Mögliche biologische Erklärungsmechanismen

Die Forschenden nennen mehrere biologische Mechanismen, die den Zusammenhang zwischen Muttermilch und längerem Schlaf erklären könnten.

Melatonin in der Muttermilch

Ein zentraler Unterschied zwischen Muttermilch und Säuglingsnahrung ist das Hormon Melatonin. Melatonin reguliert die innere Uhr und fördert sowohl das Einschlafen als auch die Schlafqualität. Neugeborene können in den ersten Lebensmonaten kaum eigenes Melatonin produzieren, da die Zirbeldrüse im Gehirn noch nicht ausgereift ist. Da Säuglingsnahrung dieses Hormon nicht enthält, erhalten gestillte Kinder über die Muttermilch, die vor allem nachts vermehrt Melatonin enthält, eine direkte externe Zufuhr, die formulaernährten Kindern fehlt.

Tryptophan und der Tag-Nacht-Rhythmus

Ein weiterer Unterschied betrifft die essenzielle Aminosäure Tryptophan, aus der der Körper Melatonin bildet. Da der menschliche Organismus Tryptophan nicht selbst herstellen kann, müssen Säuglinge sie vollständig über die Nahrung aufnehmen. Während die Zusammensetzung von Formulanahrung über den Tag hinweg konstant bleibt, verändert sich Muttermilch je nach Tageszeit: Der Tryptophangehalt steigt in den Nachtstunden natürlicherweise an. Diese nächtliche Erhöhung könnte Säuglingen helfen, einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus zu entwickeln.

Die Darm-Hirn-Achse

Als dritten möglichen Mechanismus nennen die Forschenden die sogenannte Darm-Hirn-Achse, ein Kommunikationsnetzwerk zwischen Darmbakterien und Gehirnfunktion. Stillen beeinflusst maßgeblich die Zusammensetzung der kindlichen Darmflora und fördert die Entwicklung gesunder Bakterienstämme. Da Darmmikroben über chemische Signale direkt mit dem Gehirn kommunizieren, könnte ein gesünderes Darmmilieu die neurologische Entwicklung und die Schlafqualität positiv beeinflussen.

Grenzen der Studie

Trotz der aussagekräftigen Stichprobengröße weist die Studie mehrere methodische Einschränkungen auf.

  • Selbstberichtete Daten: Sowohl Ernährungs- als auch Schlafangaben stammten aus Elternfragebögen, was das Risiko von Erinnerungsverzerrungen birgt.
  • Moderater Effekt: Der maximale Unterschied in der Häufigkeit kurzer Schlafdauer zwischen ausschließlich gestillten und ausschließlich formulaernährten Kindern betrug lediglich 3,4 Prozentpunkte. Eltern, die auf Formulanahrung angewiesen sind, sollten die Ergebnisse nicht dahingehend fehlinterpretieren, dass ihr Kind zwangsläufig unter erheblichem Schlafmangel leiden wird.
  • Keine direkten biologischen Messungen: Hormonspiegel und Darmflora der Säuglinge wurden nicht direkt gemessen; die Erklärungen zu Melatonin, Tryptophan und Mikrobiom beruhen auf bestehendem biologischem Wissen, nicht auf Messungen an den Studienteilnehmenden.
  • Unberücksichtigte Umweltfaktoren: Faktoren wie Raumhelligkeit oder individuelle Einschlafrituale wurden nicht erfasst, könnten das Schlafverhalten jedoch erheblich beeinflussen.
  • Uneinheitliche Zeiträume: Die Gruppe der „weniger als sechs Monate“ gestillten Kinder umfasste sowohl Säuglinge mit fünf Monaten Stillzeit als auch solche mit nur einer Woche, was eine genaue Bestimmung der notwendigen „Stilldosis“ erschwert.

Künftige Forschung sollte diese Lücken schließen, indem biologische Marker wie Hormonspiegel und Darmflora direkt bei gestillten und formulaernährten Säuglingen gemessen werden.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Bedeutet das, mein Kind schläft schlecht, wenn ich nicht stille?
Nein. Der gemessene Unterschied zwischen den Gruppen war mit maximal 3,4 Prozentpunkten statistisch signifikant, aber klinisch moderat. Schlafqualität hängt von vielen weiteren Faktoren ab, etwa Schlafumgebung, Routinen und individueller kindlicher Veranlagung.

Ab wann zeigt sich der Effekt im Schlafverhalten?
Die Studie maß die Schlafdauer im Alter von zwölf Monaten und verglich sie mit dem Fütterungsmuster der ersten sechs Lebensmonate. Über den genauen zeitlichen Verlauf innerhalb dieses Zeitraums lässt sich anhand der Daten keine Aussage treffen.

Gilt der Zusammenhang auch für teilweises Stillen?
Ja. Bereits eine Kombination aus Muttermilch und Formulanahrung über sechs Monate war mit einem 21 Prozent geringeren Risiko für kurze Schlafdauer verbunden, verglichen mit ausschließlicher Formulaernährung. Der Effekt war graduell und stieg mit der Stilldauer.

Wurde die Schlafqualität, nicht nur die Schlafdauer, untersucht?
Nein, die Studie erfasste ausschließlich die Gesamtdauer des Schlafs über 24 Stunden, nicht die Anzahl nächtlicher Aufwachphasen oder die subjektiv empfundene Schlaftiefe.

Warum wurde ausgerechnet Japan als Studienland gewählt?
Die Japan Environment and Children’s Study zählt zu den größten Geburtskohortenstudien weltweit und bot mit über 82.000 Teilnehmenden eine besonders große und methodisch kontrollierte Datenbasis.

Quellen

Nakagawa, Y., Matsumura, K., Tsuchida, A., & Inadera, H. (2026). Breastfeeding and children’s sleep duration at 1 year of age: A nationwide birth cohort – The Japan Environment and Children’s Study. European Journal of Clinical Nutrition. https://doi.org/10.1038/s41430-026-01718-1

World Health Organization. (o. J.). Infant and young child feeding. WHO. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/infant-and-young-child-feeding

National Sleep Foundation. (o. J.). How much sleep do we really need? https://www.thensf.org/how-many-hours-of-sleep-do-you-really-need/

Dolan, E. W. (2026, 1. Juli). Breastfeeding during the first six months is linked to better sleep at one year. PsyPost. https://www.psypost.org/breastfeeding-during-the-first-six-months-is-linked-to-better-sleep-at-one-year/

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