ine umfangreiche wissenschaftliche Datenauswertung mit mehr als 1,5 Millionen Einzelbewertungen aus 76 Ländern bestätigt ein Phänomen, das Kulturwissenschaftler und Biologen seit Jahrzehnten diskutieren: Sowohl Männer als auch Frauen bewerten weibliche Gesichter im Durchschnitt als attraktiver als männliche Gesichter, unabhängig von Alter, sexueller Orientierung oder kulturellem Hintergrund der Bewertenden. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht und liefert damit erstmals eine systematische, statistisch abgesicherte Grundlage für eine These, die zuvor überwiegend auf Alltagsbeobachtungen beruhte.
ÜBERSICHT
Der wissenschaftliche Hintergrund der Studie
Geleitet wurde die Untersuchung von Eugen Wassiliwizky, Kognitionspsychologe am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main. Sein internationales Forschungsteam mit Kolleginnen und Kollegen aus Australien, Tschechien und Schweden wollte klären, ob die sogenannte Attraktivitätslücke zwischen den Geschlechtern wissenschaftlich haltbar ist und ob sie von Männern und Frauen gleichermaßen wahrgenommen wird.
Der Ausgangspunkt war biologisch motiviert. Bei vielen sich sexuell fortpflanzenden Tierarten sind es die Männchen, die auffällige körperliche Merkmale entwickeln, etwa prächtiges Federkleid oder komplexe Balzgesänge. Diese Merkmale dienen dazu, Weibchen als wählerischere Partner anzulocken. Beim Menschen scheint sich dieses Muster umzukehren: In vielen Sprachen und Kulturen gilt die Frau als das schönere Geschlecht, was Evolutionsbiologen lange vor ein Rätsel gestellt hat.
Zwei konkurrierende Erklärungsansätze
Zur Erklärung dieser menschlichen Besonderheit wurden bislang vor allem zwei Theorien diskutiert:
- Gesichtsdurchschnittlichkeit (Facial Averageness): Gesichter, die der durchschnittlichen Struktur einer Population am nächsten kommen, gelten als Signal für genetische Vielfalt und ein starkes Immunsystem. Frauen weisen im Schnitt eine höhere Gesichtsdurchschnittlichkeit auf als Männer.
- Hormonelle Prägung: Hohe Testosteronwerte formen bei Männern eine markantere Knochenstruktur, die Dominanz signalisiert, jedoch nicht zwingend als attraktiv gilt, da ausgeprägte Männlichkeit mit geringerer elterlicher Investition assoziiert wird. Weibliche Gesichter behalten dagegen häufig kindliche Züge wie große Augen, runde Konturen und eine kleinere Nase bei, ein Effekt, der als Babyfacedness bezeichnet wird.
Methodik: Auswertung von 1,5 Millionen Bewertungen
Um diese Theorien empirisch zu prüfen, führte das Forschungsteam eine mathematische Metaanalyse durch. Dabei wurden Daten aus 52 unabhängigen Studien zur Gesichtsattraktivität aus dem vergangenen Jahrzehnt zusammengeführt. Die Datenbasis im Überblick:
- Rund 28.500 Bewertende aus 76 Ländern
- Etwa 17.000 einzelne Gesichtsfotografien
- Insgesamt 1,5 Millionen Einzelbewertungen
Alle Bewertungsskalen wurden statistisch standardisiert, sodass Ergebnisse unterschiedlicher Studien direkt miteinander vergleichbar wurden. Um Verzerrungen durch besonders attraktive weibliche Fotomodelle auszuschließen, prüfte das Team zusätzlich die Verteilung der Bewertungen und stellte eine normale Verteilungskurve fest.
Die zentralen Ergebnisse der Studie
Eine durchgängige Attraktivitätslücke
Über nahezu alle untersuchten Bevölkerungsgruppen hinweg bewerteten die Teilnehmenden weibliche Gesichter höher als männliche. Dieser Unterschied blieb unabhängig von Alter, sexueller Orientierung und kulturellem Hintergrund der Bewertenden bestehen.
Frauen bewerten Frauen besonders positiv
Ein bislang wenig beachtetes Detail betrifft das Geschlecht der Bewertenden selbst: Die Attraktivitätslücke fiel bei weiblichen Bewertenden am größten aus. Frauen neigten stärker dazu, andere Frauen positiv zu bewerten, was zu einer größeren Bewertungsspanne zwischen weiblichen und männlichen Gesichtern führte. Die Forschenden vermuten dahinter gesellschaftliche Normen, die Frauen dazu ermutigen, äußere Erscheinung stärker zu gewichten, kombiniert mit einer Art solidarischer Anerkennung unter Frauen.
Männer bewerten strenger
Männliche Bewertende vergaben im Durchschnitt niedrigere Punktzahlen als weibliche Bewertende, und zwar über alle Gesichtstypen hinweg. Dieses Muster männlicher Bewertungsstrenge ähnelt Verhaltensweisen aus ganz anderen Bereichen, etwa bei Online-Bewertungen von Produkten oder Filmen, wo Männer im Schnitt ebenfalls niedrigere Sterne vergeben als Frauen. Mit zunehmendem Alter der männlichen Bewertenden verstärkte sich diese Strenge sogar noch.
Was die Gesichtsform erklärt, und was nicht
Mithilfe geometrischer Computermodelle vermaß das Team die strukturellen Unterschiede zwischen typisch männlichen und typisch weiblichen Gesichtsformen, ein Maß, das als sexueller Formdimorphismus bezeichnet wird. Nach statistischer Kontrolle von Durchschnittlichkeit und wahrgenommener Jugendlichkeit zeigte sich:
- Bei weiblichen Bewertenden erklärte die Gesichtsform etwa ein Drittel der Attraktivitätslücke.
- Bei männlichen Bewertenden erklärte sie fast die Hälfte der Lücke.
Auch nach Berücksichtigung dieser strukturellen Unterschiede bewerteten Frauen andere Frauen weiterhin höher als Männer. Das deutet darauf hin, dass ästhetische Urteile nicht allein auf biologischen Merkmalen beruhen, sondern auch auf tief verankerten gesellschaftlichen Erwartungen.
Kein Unterschied bei der Selbsteinschätzung
Besonders aufschlussreich war ein Teilbefund aus sechs der eingeschlossenen Studien, in denen Teilnehmende ihre eigene Attraktivität einschätzten. Hier verschwand die Geschlechterlücke vollständig: Männer und Frauen bewerteten sich selbst im Schnitt annähernd gleich attraktiv. Die Attraktivitätslücke scheint also ausschließlich dann aufzutreten, wenn Menschen das Aussehen anderer beurteilen, nicht das eigene.
Grenzen der Studie
Die Autorinnen und Autoren weisen selbst auf wichtige Einschränkungen hin. Die Ergebnisse sollten nicht vorschnell als Beleg für eine rein evolutionäre Erklärung interpretiert werden, da Attraktivitätsurteile in einer Laborsituation nicht automatisch etwas über realen Fortpflanzungserfolg aussagen.
Auffällig war zudem ein demografischer Sonderfall: Bei der Bewertung von Gesichtern schwarzer Menschen zeigte sich bei männlichen Bewertenden keine messbare Attraktivitätslücke. Bei weiblichen Bewertenden blieb zwar eine Präferenz für weibliche gegenüber männlichen Gesichtern bestehen, diese verschwand jedoch vollständig, sobald Unterschiede in der Gesichtsform statistisch kontrolliert wurden. Frühere anthropologische Forschung deutet darauf hin, dass bestimmte afrikanisch-stämmige Populationen einen geringeren Formdimorphismus zwischen den Geschlechtern aufweisen als europäische Populationen. Die Forschenden empfehlen daher, kulturell spezifische Schönheitsideale in künftigen Studien genauer zu untersuchen.
Schließlich beruht die gesamte Datenbasis auf zweidimensionalen Fotografien mit neutralem Gesichtsausdruck, größtenteils ohne Make-up oder Schmuck. Reale zwischenmenschliche Anziehung hängt jedoch von deutlich mehr Faktoren ab, etwa Körpersprache, Mimik, Stimme oder Gesprächsverhalten. Künftige Forschung müsste diese dynamischen Elemente stärker einbeziehen.
Praktische Einordnung für den Alltag
Für die öffentliche Wahrnehmung von Attraktivität lassen sich aus der Studie einige nüchterne Schlussfolgerungen ziehen:
- Attraktivitätsurteile über andere Menschen unterliegen messbaren, aber teils gesellschaftlich geprägten Mustern und sollten nicht als objektive Wahrheit missverstanden werden.
- Die Tatsache, dass die Geschlechterlücke bei der Selbstbewertung verschwindet, zeigt, dass Fremdurteile und Selbstbild unterschiedlichen psychologischen Mechanismen folgen.
- Kulturelle und ethnische Unterschiede in Schönheitsnormen sollten bei der Interpretation von Attraktivitätsforschung stets mitgedacht werden.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was versteht man unter der Attraktivitätslücke zwischen den Geschlechtern? Damit ist der wissenschaftlich belegte Befund gemeint, dass weibliche Gesichter im Durchschnitt höhere Attraktivitätsbewertungen erhalten als männliche Gesichter, und zwar sowohl von männlichen als auch von weiblichen Bewertenden.
Bedeutet das, Männer gelten grundsätzlich als weniger attraktiv? Nicht im individuellen Sinn. Es handelt sich um einen statistischen Durchschnittseffekt über große Stichproben hinweg, der einzelne Vorlieben oder individuelle Attraktivitätsurteile nicht aufhebt.
Warum bewerten Frauen andere Frauen besonders positiv? Die Forschenden vermuten eine Kombination aus gesellschaftlicher Sozialisation, die Frauen stärker auf äußeres Erscheinungsbild fokussiert, und einer Form solidarischer Wertschätzung unter Frauen.
Erklärt reine Biologie den gesamten Effekt? Nein. Strukturelle Gesichtsunterschiede erklären nur einen Teil der Lücke, bei Frauen etwa ein Drittel, bei Männern knapp die Hälfte. Der Rest scheint auf soziale und kulturelle Faktoren zurückzugehen.
Gilt die Attraktivitätslücke in allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen? Nein. Bei der Bewertung von Gesichtern schwarzer Menschen zeigte sich bei männlichen Bewertenden kein messbarer Unterschied, was auf populationsspezifische Unterschiede in der Gesichtsform hindeutet.
Quellen
Wassiliwizky, E., Zietsch, B. P., Kleisner, K., & Ullén, F. (2026). The gender attractiveness gap. Proceedings of the Royal Society B. https://doi.org/10.1098/rspb.2026.0362
Petrova, K. (2026, July 2). Both men and women rate female faces as more attractive. PsyPost. https://www.psypost.org/the-gender-attractiveness-gap-why-both-men-and-women-rate-female-faces-higher/






