Eine neue psychologische Studie liefert Belege dafür, dass Ehepartner in langjährigen Beziehungen nicht in allen Persönlichkeitsmerkmalen übereinstimmen müssen, sondern vor allem in zwei zentralen Eigenschaften, Ehrlichkeit-Bescheidenheit und Offenheit für Erfahrungen, deutliche Ähnlichkeiten aufweisen, während sie sich in anderen Bereichen der Persönlichkeit teils erheblich unterscheiden können, ohne dass dies der Stabilität ihrer Partnerschaft schadet.
Die im Fachjournal Journal of Research in Personality veröffentlichte Untersuchung liefert damit neue Erkenntnisse zu einer alten Frage der Beziehungspsychologie: Ziehen sich Gegensätze an, oder suchen Menschen unbewusst Partner, die ihnen ähneln. Die Antwort der Forschenden fällt differenziert aus.
ÜBERSICHT
Was die Studie untersucht hat
Ein Team um Kibeom Lee, Professor für Psychologie an der University of Calgary, sowie Michael C. Ashton und Reinout E. de Vries, analysierte die Persönlichkeitsprofile von 451 heterosexuellen Ehepaaren und Lebensgemeinschaften aus den Niederlanden. Insgesamt nahmen 902 Personen teil, die über ein zertifiziertes niederländisches Online-Panel rekrutiert wurden.
Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt etwa 55 Jahre alt. Besonders bemerkenswert ist die Dauer der untersuchten Beziehungen, sie reichte von einem Jahr bis zu über 64 Jahren, mit einem Durchschnittswert von 28 gemeinsamen Jahren. Diese Langzeitperspektive machte die Stichprobe zu einem idealen Testfeld für die Frage, wie gut sich Partner nach jahrzehntelangem Zusammenleben tatsächlich kennen.
Das HEXACO-Modell als Messinstrument
Zur Erfassung der Persönlichkeit nutzten die Forschenden das HEXACO-Modell, ein wissenschaftlich etabliertes Rahmenwerk, das menschliche Persönlichkeit in sechs übergeordnete Dimensionen unterteilt:
- Honesty-Humility (Ehrlichkeit-Bescheidenheit)
- Emotionality (Emotionalität)
- Extraversion
- Agreeableness (Verträglichkeit)
- Conscientiousness (Gewissenhaftigkeit)
- Openness to Experience (Offenheit für Erfahrungen)
Jede dieser Dimensionen gliedert sich in engere Facetten. Die Dimension Ehrlichkeit-Bescheidenheit umfasst etwa Fairness, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit, während Offenheit für Erfahrungen Facetten wie ästhetisches Empfinden, Wissbegierde, Kreativität und Unkonventionalität einschließt.
Alle Teilnehmenden füllten den Fragebogen HEXACO-100 zweimal aus, einmal zur Beschreibung der eigenen Persönlichkeit und einmal aus der Perspektive des Partners. Auf diese Weise ließen sich Selbstauskünfte direkt mit Fremdeinschätzungen vergleichen.
Drei zentrale Messgrößen der Beziehungsforschung
Um die Ergebnisse einordnen zu können, unterscheiden Persönlichkeitspsychologen üblicherweise drei Konzepte:
- Selbst-Partner-Übereinstimmung, also wie treffend die Einschätzung eines Partners mit der Selbsteinschätzung des anderen übereinstimmt.
- Tatsächliche Ähnlichkeit, also ob beide Partner auf Basis ihrer eigenen Angaben wirklich ähnliche Ausprägungen zeigen.
- Angenommene Ähnlichkeit, also die Tendenz, den Partner als ähnlicher zur eigenen Persönlichkeit wahrzunehmen, als er tatsächlich ist.
Hohe Übereinstimmung bei der Partnerwahrnehmung
Die Auswertung ergab eine bemerkenswert hohe Selbst-Partner-Übereinstimmung über nahezu alle gemessenen Merkmale hinweg, mit einer durchschnittlichen Korrelation von rund 0,70. Für psychologische Forschung gilt dieser Wert als außergewöhnlich hoch und deutet darauf hin, dass Menschen in langjährigen Beziehungen ihre Partner erstaunlich präzise einschätzen können.
Am stärksten zeigte sich diese Übereinstimmung bei Offenheit für Erfahrungen; Partner erkannten insbesondere Wissbegierde und ästhetisches Empfinden ihres Gegenübers sehr zuverlässig. Die Forschenden vermuten, dass hier möglicherweise die praktische Obergrenze dessen erreicht ist, was ein schriftlicher Persönlichkeitsfragebogen überhaupt abbilden kann.
Am niedrigsten, wenngleich insgesamt weiterhin hoch, fiel die Übereinstimmung bei Ehrlichkeit-Bescheidenheit aus. Innerhalb dieser Dimension hatten Paare besonders bei den Facetten Aufrichtigkeit und Bescheidenheit Schwierigkeiten, sich gegenseitig korrekt einzuschätzen, während Fairness und die Vermeidung von Gier deutlich zuverlässiger beurteilt wurden.
Ähnlichkeit konzentriert sich auf zwei Merkmale
Bei der tatsächlichen Ähnlichkeit zeigte sich ein klares Muster: Nur bei Ehrlichkeit-Bescheidenheit und Offenheit für Erfahrungen fanden die Forschenden eine deutliche positive Übereinstimmung zwischen den Partnern. Wer in einem dieser beiden Bereiche hohe Werte aufwies, hatte tendenziell auch einen Partner mit ähnlich hohen Werten.
Bei den übrigen vier Hauptdimensionen, Emotionalität, Extraversion, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit, lag die tatsächliche Ähnlichkeit dagegen nahe null. Ein extrovertierter Mensch war demnach genauso wahrscheinlich mit einem introvertierten Partner liiert wie mit einem anderen extrovertierten Menschen. Einzige Ausnahme bildeten die Facetten soziales Selbstwertgefühl und Lebhaftigkeit innerhalb der Extraversion, die eine leichte Ähnlichkeit zeigten.
Angenommene Ähnlichkeit übertrifft die Realität
Noch deutlicher als die tatsächliche Ähnlichkeit fiel die angenommene Ähnlichkeit aus. Paare gingen überdurchschnittlich häufig davon aus, ihrem Partner in Ehrlichkeit-Bescheidenheit und Offenheit besonders ähnlich zu sein, wobei diese Annahme bei Ehrlichkeit-Bescheidenheit die tatsächlich gemessene Ähnlichkeit deutlich überstieg.
„Studien zu sozialen Beziehungen, also Freundschaften und Partnerschaften, zeigen, dass sich Partner in genau zwei Persönlichkeitsmerkmalen ähneln, Ehrlichkeit-Bescheidenheit und Offenheit für Erfahrungen, und dass Menschen diese Ähnlichkeit häufig überschätzen, ein Phänomen, das als angenommene Ähnlichkeit bezeichnet wird“, erläuterte Studienleiter Kibeom Lee gegenüber PsyPost.
Eine mögliche Erklärung: Da innere Eigenschaften wie Aufrichtigkeit und Bescheidenheit von außen schwer zu beurteilen sind, neigen Menschen dazu, ihre eigenen moralischen Werte einfach auf den Partner zu übertragen. Wer selbst großen Wert auf Fairness legt, unterstellt dem Partner tendenziell dieselbe Haltung.
Warum gerade diese beiden Merkmale zählen
Aus Sicht der Forschenden liegt der Grund für dieses Muster in der Funktion dieser beiden Dimensionen. „Der zentrale Befund ist, dass sich soziale Partner in Ehrlichkeit-Bescheidenheit und Offenheit für Erfahrungen ähneln, weil diese Merkmale eng mit Werten und Weltanschauungen verknüpft sind, die für den Aufbau und Erhalt von Beziehungen wichtig sind“, so Lee.
Gleichzeitig warnen die Autoren vor einer Überinterpretation der Befunde für einzelne Paare. Unterschiedliche Persönlichkeiten müssen eine Partnerschaft keineswegs gefährden. „Wir sollten jedoch betonen, dass diese Ähnlichkeit nur moderat ausfällt“, ergänzte Lee. „Es gibt viele glückliche und langjährige Paare, die sich in diesen Merkmalen erheblich unterscheiden.“
Grenzen der Studie und kultureller Kontext
Die Autoren weisen selbst auf Einschränkungen ihrer Arbeit hin. Die gesamte Stichprobe stammt aus den Niederlanden und spiegelt damit einen spezifisch westlichen kulturellen Kontext wider. Partnerwahl und Beziehungsnormen unterscheiden sich weltweit erheblich, was die beobachteten Muster beeinflussen könnte.
Eine frühere Untersuchung aus Festlandchina fand demgegenüber nahezu keine Ähnlichkeit zwischen Partnern in allen HEXACO-Merkmalen, einschließlich Ehrlichkeit-Bescheidenheit und Offenheit. Ob dieser Unterschied auf kulturelle Normen in stärker kollektivistisch geprägten Gesellschaften zurückzuführen ist oder auf Unterschiede in der Übersetzung der Fragebögen, bleibt bislang ungeklärt.
Künftige Forschung, so die Autoren, sollte die beobachteten Muster in weiteren, nicht-westlichen Kulturen überprüfen und untersuchen, warum ausgerechnet Facetten wie soziales Selbstwertgefühl eine leichte Ähnlichkeit zwischen Partnern zeigen, sei es durch gegenseitige Anpassung im Laufe der Beziehung oder durch gemeinsame Lebensumstände.
Praktische Einordnung für Paare
Wer sich in einer Partnerschaft befindet, in der Interessen, Tagesrhythmus oder Geselligkeit stark auseinandergehen, muss sich den Ergebnissen zufolge keine grundsätzlichen Sorgen machen. Entscheidender scheint zu sein, ob beide Partner ein ähnliches Verständnis von Fairness, Aufrichtigkeit und Neugier auf die Welt teilen. Wer diese Übereinstimmung in der eigenen Beziehung reflektieren möchte, kann sich fragen, ob geteilte Werte tatsächlich vorhanden sind oder eher unbewusst vorausgesetzt werden.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Bedeutet die Studie, dass gegensätzliche Partner unglücklicher sind? Nein. Die Forschenden betonen ausdrücklich, dass viele langjährige Paare sich in vier von sechs Hauptmerkmalen kaum ähneln und dennoch stabile, zufriedene Beziehungen führen.
Warum wurde gerade eine ältere Stichprobe untersucht? Die Forschenden wollten prüfen, ob sich das bekannte Muster aus Studien mit Freundschaften und jüngeren Paaren bei Ehepaaren mit durchschnittlich 28 gemeinsamen Jahren verstärkt zeigt, was die Daten bestätigten.
Was unterscheidet HEXACO vom bekannteren Big-Five-Modell? Das Big-Five-Modell findet in früheren Studien kaum Ähnlichkeit zwischen Partnern, während HEXACO durch die zusätzliche Dimension Ehrlichkeit-Bescheidenheit ein feineres Bild liefert und gerade dort deutliche Zusammenhänge sichtbar macht.
Warum schätzen Partner die Bescheidenheit des anderen schlechter ein als andere Merkmale? Vermutlich, weil sowohl die Selbsteinschätzung der eigenen Bescheidenheit als auch die Fremdbeobachtung dieses Merkmals grundsätzlich schwierig sind, selbst nach jahrzehntelangem Zusammenleben.
Lässt sich aus der Studie eine Handlungsempfehlung für die Partnersuche ableiten? Die Autoren formulieren keine direkte Empfehlung, die Daten legen jedoch nahe, dass eine Übereinstimmung bei grundlegenden Werten wie Fairness und Aufgeschlossenheit wichtiger sein könnte als Übereinstimmung im Temperament.
Quellen
Lee, K., Ashton, M. C., & de Vries, R. E. (2026). Self/spouse agreement, similarity, and assumed similarity in the HEXACO personality factors. Journal of Research in Personality. https://doi.org/10.1016/j.jrp.2026.104718
Dolan, E. W. (2026, July 1). Honesty and openness are the primary personality traits that long-term couples share. PsyPost. https://www.psypost.org/honesty-and-openness-are-the-primary-personality-traits-that-long-term-couples-share/






