Homeoffice und Partnerschaft: Wenn Remote Work die Beziehung gefährdet

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 30. Juni 2026, Lesezeit: 8 Minuten

Eine neue psychologische Studie, veröffentlicht im Journal of Organizational Behavior, zeigt, dass das Arbeiten von zu Hause romantische Partnerschaften erheblich belasten kann, wenn die Vorstellungen der Partner über die Trennung von Berufs- und Privatleben grundlegend auseinandergehen, was über Einsamkeit letztlich zu ernsthaften Überlegungen über eine Trennung führen kann.

Was die Forschung über Homeoffice und Beziehungen belegt

Homeoffice gilt weithin als Gewinn an Flexibilität und Lebensqualität. Doch für Paare, die gemeinsam in einer Wohnung arbeiten, kann dieselbe Flexibilität zur Quelle anhaltender Spannungen werden. Forschende der Universität München und des Imperial College London haben erstmals systematisch untersucht, wie sich Remote Work auf die romantische Partnerschaft beider Beteiligten auswirkt, nicht nur auf den Arbeitnehmer selbst.

Die Studie mit dem Titel „Until Work From Home Do Us Apart? Couples‘ Segmentation Preferences and Relationship Dissolution in the Era of Remote Work“ wurde von Alejandro Canek Hermida Carrillo, Felix Bölingen, Russell A. Matthews und Ingo Weller verfasst. Sie ist im Juni 2026 im Journal of Organizational Behavior erschienen.

Das zentrale Konzept: Segmentierungspräferenz

Was bedeutet Segmentierungspräferenz?

Ein Schlüsselbegriff dieser Forschung ist die sogenannte Segmentierungspräferenz. Sie beschreibt das psychologische Bedürfnis einer Person, das Privatleben von beruflichen Unterbrechungen zu schützen.

  • Hohe Segmentierungspräferenz: Die Person schaltet nach Feierabend das Diensthandy stumm, spricht beim Abendessen nicht über die Arbeit und zieht klare mentale Grenzen zwischen Job und Zuhause.
  • Niedrige Segmentierungspräferenz: Die Person beantwortet berufliche Nachrichten auch während eines Films, bespricht Projektthemen beim Familienessen und empfindet diese Durchlässigkeit als völlig normal.

Probleme entstehen, wenn zwei Menschen mit entgegengesetzten Grenzziehungsstilen denselben Wohnraum teilen, und das täglich, über Monate oder Jahre hinweg.

Zwei Studien, zwei Perspektiven

Studie 1: 170 Paare in München während der Pandemie

Die erste Teilstudie umfasste 170 heterosexuelle Doppelverdiener-Paare aus München, bei denen Daten in zwei Erhebungswellen im Frühjahr und Sommer 2020 gesammelt wurden. Dieser Zeitraum ermöglichte es den Forschenden, Paare beim Navigieren im pandemiebedingten Homeoffice-Alltag zu beobachten.

Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer beantwortete Fragebögen zu folgenden Bereichen:

  • Wöchentliche Homeoffice-Stunden
  • Persönliche Segmentierungspräferenz
  • Erlebtes Work-to-Home-Konfliktpotenzial
  • Einsamkeitsgefühle (erhoben acht Wochen nach dem ersten Messpunkt)

Die Ergebnisse zeigten ein nuanciertes Bild: Bei Männern, die viele Stunden im Homeoffice arbeiteten, erhöhten unterschiedliche Grenzziehungspräferenzen gegenüber der Partnerin den erlebten Konflikt zwischen Arbeit und Privatleben.

Das Ergebnis für Frauen war unerwartet: Je mehr Frauen remote arbeiteten, desto mehr profitierten sie davon, wenn ihr Partner andere Segmentierungspräferenzen hatte. Die Forschenden vermuten, dass Frauen in Stressphasen generell offener dafür sind, von ihren Partnern zu lernen.

Studie 2: 1.561 Paare aus einer nationalen deutschen Datenbank

Die zweite Studie analysierte Daten von 1.561 zusammenlebenden Doppelverdiener-Paaren aus einer nationalen deutschen Datenbank, die einen Zeitraum von einem Jahr abdeckte, von 2019 bis 2020 oder 2021.

Hier wurden die Teilnehmenden auch gefragt, ob sie oder ihr Partner im vergangenen Jahr ernsthaft eine Trennung oder Scheidung vorgeschlagen hatten. Die Ergebnisse zeigten, dass der Work-to-Home-Konflikt einer Person nicht nur deren eigene Einsamkeit erhöhte, sondern auch die Einsamkeit des Partners. Wenn eine Person mental durch die Arbeit erschöpft ist, spüren beide Mitglieder des Paares die soziale und emotionale Abwesenheit.

Der Weg von Stress zu Einsamkeit bis zur Trennungsüberlegung

Höhere Work-to-Home-Konflikte sagten zuverlässig höhere Einsamkeitsgefühle beim Arbeitnehmer voraus. Da Arbeitsstress Zeit und mentale Energie verbraucht, fehlt Beschäftigten oft die emotionale Kapazität, um sich mit dem romantischen Partner zu verbinden.

Die Forschenden beschreiben einen kausalen Pfad, der sich wie folgt zusammenfassen lässt:

  1. Unterschiedliche Grenzziehungspräferenzen erzeugen tägliche Spannungen im gemeinsamen Arbeitsraum.
  2. Work-to-Home-Konflikt entsteht, wenn berufliche Anforderungen die Teilnahme am Privatleben einschränken.
  3. Gegenseitige Einsamkeit entwickelt sich, weil die emotionale Verbindung leidet, selbst wenn beide Partner denselben Raum bewohnen.
  4. Beziehungsinstabilität tritt auf, wenn anhaltende Einsamkeit zu ernsthaften Überlegungen über eine Trennung führt.

Die Forschenden sehen die gegenseitige Einsamkeit als Brücke zwischen Arbeitsstress und Beziehungsauflösung.

Geschlechtsspezifische Unterschiede und der Effekt gleicher Präferenzen

Ein weiterer überraschender Befund betrifft Paare, bei denen beide eine hohe Segmentierungspräferenz haben:

Wenn beide Partner strenge Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben wünschten und beide häufig im Homeoffice arbeiteten, erlebten sie ebenfalls erhöhten Work-to-Home-Konflikt. Die Autoren vermuten, dass der Versuch, starre Trennwände in einer flexiblen Umgebung aufrechtzuerhalten, unnötige Reibung erzeugt.

Das bedeutet: Nicht nur Unterschiede, sondern auch eine extreme Übereinstimmung beider Partner beim Wunsch nach strikter Trennung kann unter den Bedingungen des Homeoffice problematisch sein.

Praktische Konsequenzen für Paare und Arbeitgeber

Was Paare tun können

Hermida Carrillo bringt es auf den Punkt: „Remote Work ist eine Angelegenheit von mindestens zwei Personen. Individuen sollten nicht nur ihre eigenen, sondern auch die Präferenzen ihres Partners berücksichtigen, wenn sie entscheiden, ob und wie lange sie remote arbeiten.“

Konkret bedeutet das:

  • Offene Kommunikation über Grenzziehungsbedürfnisse, idealerweise bevor das Homeoffice zum Dauerzustand wird.
  • Gemeinsam vereinbarte Regeln für erreichbare Zeiten, stille Stunden und die Nutzung gemeinsamer Räume.
  • Regelmäßige Überprüfung der Vereinbarungen, da sich Bedürfnisse im Laufe der Zeit verändern können.
  • Bewusstsein für emotionale Erschöpfung beim Partner, auch wenn diese nicht offen geäußert wird.

Was Arbeitgeber beachten sollten

Hermida Carrillo betont, dass es unrealistisch sei, von Unternehmen zu erwarten, dass sie die Präferenzen ihrer Mitarbeitenden oder deren Partner kennen. Firmen sollten Remote Work weiterhin anbieten, wenn die Rolle es erlaubt, und es den Mitarbeitenden überlassen zu entscheiden, ob und wie viel sie davon in Anspruch nehmen.

Was Unternehmen jedoch tun könnten, sei die Überwachung des Ausmaßes, in dem Mitarbeitende negative Interferenzen von Arbeit im Privatleben erleben, also Work-to-Home-Konflikte, da dies ein entscheidender Schritt ist, der viele Arbeitspraktiken mit Schäden im häuslichen Bereich verbindet.

Einschränkungen der Studie

Die Autoren verweisen selbst auf mehrere Einschränkungen, die bei der Interpretation der Ergebnisse zu berücksichtigen sind:

  • Pandemiekontext: Die erste Studie fand während der ungewöhnlich angespannten Frühphase von COVID-19 statt. Obwohl die Forschenden pandemiespezifische Veränderungen statistisch kontrollierten, könnte der historische Kontext die Befunde beeinflusst haben.
  • Kulturelle Besonderheit: Die Daten stammen ausschließlich aus Deutschland, einem Land, das für seinen ausgeprägten Wunsch nach einer klaren Trennung von Arbeit und Privatleben bekannt ist. Dieser kulturelle Hintergrund könnte die Ergebnisse geprägt haben, weshalb eine Replikation in anderen Kulturen notwendig ist.
  • Heterosexuelle Paare: Die Stichprobe der ersten Studie umfasste ausschließlich heterosexuelle Doppelverdiener-Paare; andere Paarkonstellationen wurden nicht untersucht.

Ausblick: Positive Aspekte noch unerforscht

Hermida Carrillo weist darauf hin, dass die Studie ausschließlich auf das negative Potenzial für Beziehungen fokussiert war. Er denkt aktuell über positivere, noch unerforschte Aspekte des Remote Work nach, etwa ob Remote Worker unter bestimmten Bedingungen stärker in das Leben ihrer Kinder eingebunden sein können oder ob sie tiefere Verbindungen zu ihrer Gemeinschaft aufbauen können.

Diese Fragen bleiben für die Zukunft offen, sind jedoch angesichts der aktuellen Debatten über Rückkehr-ins-Büro-Politiken von erheblicher gesellschaftlicher Relevanz.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Gefährdet Homeoffice grundsätzlich jede Partnerschaft? Nein. Die Studie zeigt, dass vor allem ein Missverhältnis der Grenzziehungspräferenzen problematisch ist. Paare, die ähnliche Vorstellungen von der Work-Life-Trennung haben und diese offen kommunizieren, können Remote Work gut in ihre Beziehung integrieren.

Was ist Work-to-Home-Konflikt genau? Work-to-Home-Konflikt bezeichnet die Beeinträchtigung des Privatlebens durch berufliche Anforderungen. Er entsteht, wenn beispielsweise gedankliche Beschäftigung mit Arbeit, Erreichbarkeitserwartungen oder räumliche Überlappung die aktive Teilnahme am Familienleben verhindert.

Welche Rolle spielt Einsamkeit im Zusammenhang mit Homeoffice? Die Studie zeigt, dass Work-to-Home-Konflikt emotionale Ressourcen erschöpft, die für die partnerschaftliche Verbindung notwendig sind. Diese Erschöpfung erzeugt Einsamkeit, obwohl beide Partner räumlich zusammen sind, ein Phänomen, das die Forschenden als „geteilte Einsamkeit“ beschreiben.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Hermida Carrillo, A. C., Bölingen, F., Matthews, R. A., & Weller, I. (2026). Until work from home do us apart? Couples‘ segmentation preferences and relationship dissolution in the era of remote work. Journal of Organizational Behavior. https://doi.org/10.1002/job.70095

Dolan, E. W. (2026, June 29). Remote work could threaten your relationship. PsyPost. https://www.psypost.org/remote-work-could-threaten-your-relationship/

Clark, S. C. (2000). Work/family border theory: A new theory of work/family balance. Human Relations, 53(6), 747–770. https://doi.org/10.1177/0018726700536001

Gajendran, R. S., & Harrison, D. A. (2007). The good, the bad, and the unknown about telecommuting: Meta-analysis of psychological mediators and individual consequences. Journal of Applied Psychology, 92(6), 1524–1541. https://doi.org/10.1037/0021-9010.92.6.1524

Kossek, E. E., Noe, R. A., & DeMarr, B. J. (1999). Work-family role synthesis: Individual and organizational determinants. International Journal of Conflict Management, 10(2), 102–129. https://doi.org/10.1108/eb022820

Moreno-Jiménez, B., Mayo, M., Sanz-Vergel, A. I., Geurts, S., Rodríguez-Muñoz, A., & Garrosa, E. (2009). Effects of work–family conflict on employees‘ well-being: The moderating role of recovery strategies. Journal of Occupational Health Psychology, 14(4), 427–440. https://doi.org/10.1037/a0016078

Pew Research Center. (2023). About a third of U.S. workers who can work from home now do so all the time. https://www.pewresearch.org/short-reads/2023/03/30/about-a-third-of-us-workers-who-can-work-from-home-do-so-all-the-time/

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