Beckenbodensenkung: Symptome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 27. Oktober 2026, Lesezeit: 8 Minuten

Bei einer Beckenbodensenkung (medizinisch Descensus genitalis oder Beckenorganprolaps) verlieren Muskeln und Bindegewebe des Beckenbodens an Stützkraft, sodass Blase, Gebärmutter oder Enddarm in die Scheide absinken können. Beckenbodensenkung: Symptome Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten sind dabei wichtige Aspekte, die betroffene Frauen kennen sollten. Die Veränderung ist häufig und bleibt oft unbemerkt: Je nach Studie und untersuchter Gruppe lässt sie sich bei rund einem Drittel bis zur Hälfte der untersuchten Frauen nachweisen. Schwangerschaft, vaginale Geburt, höheres Alter und Übergewicht gelten als wichtige Risikofaktoren. Ob eine Behandlung nötig ist, hängt vor allem von den Beschwerden ab; Beckenbodentraining und Pessar stehen dabei vor einer Operation.

Was ist eine Beckenbodensenkung?

Der Beckenboden besteht aus Muskeln und Bindegewebe, die Gebärmutter, Blase, Harnröhre, Scheide und Enddarm von unten stützen, ähnlich einer Hängematte (Elmir & Kothari, 2026). Lässt diese Stützfunktion nach, können ein oder mehrere Organe nach unten rutschen.

Betroffen sein können die vordere Scheidenwand (Blase, Zystozele), die hintere Scheidenwand (Enddarm, Rektozele) sowie Gebärmutter und Gebärmutterhals oder, nach einer Gebärmutterentfernung, das Scheidenende. Oft sind mehrere Bereiche beteiligt. Die Senkung gilt nicht als lebensbedrohlich, kann aber die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen (Schulten et al., 2022).

Wie häufig ist sie?

Die Zahlen hängen davon ab, ob man nach dem Untersuchungsbefund oder nach Beschwerden fragt. In der US-amerikanischen Women’s Health Initiative wurden 27.342 Frauen nach den Wechseljahren untersucht. Bei Frauen mit Gebärmutter fanden sich eine Zystozele in 34,3 Prozent, eine Rektozele in 18,6 Prozent und ein Gebärmuttervorfall in 14,2 Prozent der Fälle (Hendrix et al., 2002). Ein Cochrane Review nennt für Frauen mit Geburten in der Vorgeschichte einen Anteil von etwa 50 Prozent mit irgendeinem Grad der Senkung (Hagen & Stark, 2011).

Ein Befund ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Beschwerden, viele Betroffene haben keine Symptome. Schulten et al. (2022) verweisen auf ein Lebenszeitrisiko von 12,6 Prozent, bis zum Alter von 80 Jahren wegen einer Senkung operiert zu werden.

Risikofaktoren: Was die Studien zeigen

Die umfassendste neuere Auswertung fasst 27 Studien mit insgesamt 47.429 Frauen aus westlichen Industrieländern zusammen (Schulten et al., 2022). Es handelt sich überwiegend um Beobachtungsstudien: Sie zeigen Zusammenhänge, beweisen aber keine Ursachen. Die Sicherheit der Evidenz stufen die Autorinnen und Autoren für die meisten Faktoren als niedrig ein.

Schwangerschaft und Geburt

Vaginale Geburt und die Zahl der Geburten gelten in dieser Auswertung als bestätigte Risikofaktoren. Ein höheres Geburtsgewicht des Kindes war ebenfalls mit einem höheren Risiko verbunden (Odds Ratio 1,04 je 100 Gramm); einen festen Grenzwert, etwa vier Kilogramm, liefert die Analyse nicht. Für Zangengeburten waren die Ergebnisse uneinheitlich. Ein Schaden am Beckenbodenmuskel (Levatordefekt) ging dagegen mit einem etwa vierfach erhöhten Risiko einher (Odds Ratio 3,99).

Nach Kaiserschnitt war das Risiko im Vergleich zur vaginalen Geburt deutlich geringer (gepoolte Odds Ratio 0,08; zwei Studien, moderate Evidenzsicherheit). Ein vollständiger Schutz ist das nicht: Eine Senkung kann auch nach Kaiserschnitt oder ganz ohne Geburt auftreten (Elmir & Kothari, 2026).

Alter, Gewicht und weitere Einflüsse

Höheres Alter (Odds Ratio 1,34 je zehn Jahre) und Adipositas (Body-Mass-Index ab 30 gegenüber unter 25: Odds Ratio 1,75) erhöhten das Risiko, bei niedriger Evidenzsicherheit. Meta-Analysen beschreiben zudem eine familiäre Häufung. Husten, Verstopfung und schweres Heben werden häufig als Auslöser genannt; in der Auswertung von Schulten et al. (2022) waren Lungenerkrankungen jedoch nicht mit einer erstmaligen Senkung und Verstopfung nicht mit einem Rückfall nach Operation verbunden.

Symptome: Woran Frauen eine Senkung bemerken können

Typisch ist ein Druck- oder Schweregefühl im Becken. Manche Frauen beschreiben ein Gefühl, auf einer kleinen Kugel zu sitzen. Die Beschwerden nehmen häufig im Tagesverlauf zu, vor allem nach langem Stehen, Heben oder Belastung, und lassen im Liegen oft nach (Elmir & Kothari, 2026; Healthdirect Australia, o. J.).

Weitere mögliche Anzeichen sind:

  • eine weiche, glatte Vorwölbung am Scheideneingang
  • häufiger Harndrang, unvollständige Blasenentleerung oder Urinverlust beim Husten, Lachen und Pressen
  • Schwierigkeiten beim Stuhlgang, teils mit manuellem Gegendruck
  • leichte bis mäßige Schmerzen im unteren Rücken oder Becken

Manche Frauen haben keine Beschwerden, andere erkennen sie nicht als Zeichen einer Senkung. Die Autorinnen beschreiben außerdem Ängste, Schamgefühle und ein verändertes Körperbild als mögliche Begleiterscheinungen (Elmir & Kothari, 2026). Die Symptome sind nicht spezifisch; eine Diagnose stellt nur die gynäkologische Untersuchung.

Behandlung: Von der Beobachtung bis zur Operation

Das Vorgehen richtet sich nach Beschwerden und Leidensdruck. Die deutschsprachige Leitlinie behandelt Beobachtung, Beckenbodentraining und Pessartherapie als konservative Optionen und beschreibt daneben mehrere Operationsverfahren (DGGG & OEGGG, 2026). Eine frühere Fassung sah eine Operation erst vor, wenn konservative Maßnahmen nicht helfen und der Leidensdruck die Operationsrisiken übersteigt (DGGG et al., 2016).

Beckenbodentraining

In der POPPY-Studie erhielten 447 Frauen mit neu diagnostizierter, symptomatischer Senkung (Stadium I bis III) entweder ein individuelles Training bei Physiotherapeutinnen oder nur ein Informationsblatt. Nach zwölf Monaten hatten sich die Beschwerden in der Trainingsgruppe stärker gebessert (adjustierte Differenz im Symptomwert 1,52 Punkte; 95-%-Konfidenzintervall 0,46 bis 2,59; Hagen et al., 2014). Der Effekt betrifft die Beschwerden. Ob sich die Senkung selbst zurückbildet, lässt sich anhand der geprüften Quellen nicht bestätigen. Frühere Cochrane-Auswertungen hatten noch widersprüchliche Ergebnisse gezeigt (Hagen & Stark, 2011).

Pessar

Ein Pessar ist ein meist aus Silikon gefertigtes Hilfsmittel, das in der Scheide die Organe stützt und ambulant angepasst werden kann; Reizungen und Beschwerden sind möglich (Elmir & Kothari, 2026). Der Cochrane Review von 2020 ist unsicher, ob Pessare die Beschwerden gegenüber keiner Behandlung oder Beckenbodentraining verbessern. Pessar plus Training verbessert Beschwerden und prolapsbezogene Lebensqualität wahrscheinlich (Bugge et al., 2020).

Operation

Die Leitlinie führt vaginale, abdominale und laparoskopische Verfahren auf, mit und ohne Erhalt der Gebärmutter, sowie das Verschließen der Scheide (Kolpokleisis) (DGGG & OEGGG, 2026). Nach Angaben von Elmir und Kothari (2026) wird Frauen mit unvollständiger Familienplanung meist geraten, zu warten, weil Schwangerschaften das Rückfallrisiko erhöhen können; die Leitlinie widmet diesem Thema ein eigenes Kapitel. Mögliche Komplikationen sind Blutungen, Infektionen, Schmerzen, Verletzungen benachbarter Organe und neue Beschwerden.

Rückfälle sind möglich, ihre Häufigkeit hängt von der Definition ab. In einer US-Kohorte waren 29,2 Prozent der Eingriffe wegen Senkung oder Inkontinenz Wiederholungsoperationen (Olsen et al., 1997); eine einheitliche Rückfallquote lässt sich daraus nicht ableiten. Für anatomische Rückfälle nach Operation mit körpereigenem Gewebe waren ein fortgeschrittenes Ausgangsstadium (III oder IV; Odds Ratio 2,68) und ein Alter unter 60 Jahren (Odds Ratio 3,48) mit höherem Risiko verbunden, bei niedriger Evidenzsicherheit (Schulten et al., 2022).

Warum viele Frauen keine Hilfe suchen

Elmir und Kothari (2026) nennen Scham, geringes Wissen, kulturelle Überzeugungen, Kosten und eingeschränkten Zugang als Gründe und empfehlen, Beckenbodenbeschwerden in der Schwangerschafts- und Wochenbettbetreuung sowie in der Menopause routinemäßig anzusprechen. Das ist eine Einschätzung der Autorinnen, keine Studienaussage. Wer Beschwerden bemerkt, kann sie in der Frauenarztpraxis ansprechen; auch eine Beckenbodenphysiotherapie kommt infrage. Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Bugge, C., Adams, E. J., Gopinath, D., Stewart, F., Dembinsky, M., Sobiesuo, P., & Kearney, R. (2020). Pessaries (mechanical devices) for managing pelvic organ prolapse in women. Cochrane Database of Systematic Reviews, (11). https://doi.org/10.1002/14651858.CD004010.pub4

Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe & Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. (2016). Diagnostik und Therapie des weiblichen Descensus genitalis (S2e-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015/006).

Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe & Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. (2026). Diagnostik und Therapie des Descensus genitalis der Frau (S3-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015-006, Version 6.0). https://register.awmf.org/de/leitlinie/detail/015-006

Elmir, R., & Kothari, A. (2026, 26. Oktober). Understanding the symptoms and treatments of pelvic organ prolapse. News-Medical (Quelle: The University of Queensland). https://www.news-medical.net/news/20261026/Understanding-the-symptoms-and-treatments-of-pelvic-organ-prolapse.aspx

Hagen, S., & Stark, D. (2011). Conservative prevention and management of pelvic organ prolapse in women. Cochrane Database of Systematic Reviews, (12).

Hagen, S., Stark, D., Glazener, C., Dickson, S., Barry, S., Elders, A., Frawley, H., Galea, M. P., Logan, J., McDonald, A., McPherson, G., Moore, K. H., Norrie, J., Walker, A., & Wilson, D. (2014). Individualised pelvic floor muscle training in women with pelvic organ prolapse (POPPY): A multicentre randomised controlled trial. The Lancet, 383(9919), 796–806. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(13)61977-7

Healthdirect Australia. (o. J.). Prolapsed uterus. https://www.healthdirect.gov.au/prolapsed-uterus

Hendrix, S. L., Clark, A., Nygaard, I., Aragaki, A., Barnabei, V., & McTiernan, A. (2002). Pelvic organ prolapse in the Women’s Health Initiative: Gravity and gravidity. American Journal of Obstetrics and Gynecology.

Olsen, A. L., Smith, V. J., Bergstrom, J. O., Colling, J. C., & Clark, A. L. (1997). Epidemiology of surgically managed pelvic organ prolapse and urinary incontinence. Obstetrics & Gynecology, 89(4), 501–506. https://doi.org/10.1016/S0029-7844(97)00058-6

Schulten, S. F. M., Claas-Quax, M. J., Weemhoff, M., van Eijndhoven, H. W., van Leijsen, S. A., Vergeldt, T. F., IntHout, J., & Kluivers, K. B. (2022). Risk factors for primary pelvic organ prolapse and prolapse recurrence: An updated systematic review and meta-analysis. American Journal of Obstetrics and Gynecology, 192–208. https://doi.org/10.1016/j.ajog.2022.04.046

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