Eine große Studie unter Leitung von Oxford Population Health hat Blutproben von Männern analysiert, die teils mehr als 15 Jahre vor einer Prostatakrebs-Diagnose entnommen wurden, und dabei Proteine identifiziert, deren Konzentration mit dem späteren Erkrankungsrisiko zusammenhängt. Die in der Fachzeitschrift European Urology veröffentlichte Arbeit liefert Hinweise darauf, wie sich Männer, die später an aggressivem Prostatakrebs erkranken, biologisch von anderen unterscheiden könnten. Es handelt sich jedoch um Assoziationen aus einer explorativen Beobachtungsstudie, ein Bluttest zur Risikovorhersage ist daraus bislang nicht abgeleitet.
Warum die Studie relevant ist
Prostatakrebs ist weltweit die am häufigsten diagnostizierte Krebserkrankung bei Männern. Dennoch ist vergleichsweise wenig darüber bekannt, warum manche Männer erkranken und warum sich manche Tumoren aggressiv entwickeln. Die wichtigsten etablierten Risikofaktoren, Alter und genetische Veranlagung, lassen sich nicht beeinflussen.
Hinzu kommt, dass Prostatakrebs keine einheitliche Erkrankung ist. Nach Angaben des Studienerstautors Zhe Huang wachsen viele Tumoren langsam und verursachen möglicherweise nie Beschwerden, andere hingegen sind aggressiv und lebensbedrohlich. Marker, die diese Formen früh unterscheiden helfen, wären deshalb von großem Interesse.
Wie die Studie aufgebaut war
Die Forschenden nutzten Daten und Blutproben der European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC), einer großen europäischen Kohortenstudie. Untersucht wurden 982 Männer, die später an Prostatakrebs erkrankten, sowie eine zufällig gezogene Vergleichsgruppe von 1.573 Männern aus derselben Kohorte. Die Teilnehmenden wurden im Mittel rund 16 Jahre beobachtet.
In den Blutproben bestimmten die Wissenschaftler mehr als 6.000 Proteine. Dieses Verfahren heißt Proteomik: Es erfasst viele Eiweiße gleichzeitig, ohne vorab festzulegen, welche relevant sein könnten. Die Studie ist deshalb als hypothesengenerierend einzuordnen.
Berichten zufolge flossen Faktoren wie Body-Mass-Index, Rauchen, Alkoholkonsum und Bildungsstand in die Berechnungen ein. Angaben zu Familienanamnese und Abstammung standen nicht zur Verfügung. Das ist eine relevante Einschränkung, denn beides beeinflusst das Prostatakrebsrisiko.
Die wichtigsten Ergebnisse
Zwölf Proteine bei Diagnosen nach mehr als 15 Jahren
Zwölf Proteine hingen mit Prostatakrebs zusammen, der mehr als 15 Jahre nach der Blutentnahme diagnostiziert wurde. Dazu zählt GZMK, ein Protein, das von Immunzellen gebildet wird, die auffällige Zellen erkennen und zerstören.
Die Autoren deuten dies als mögliches Indiz dafür, dass Immunprozesse die Entstehung von Prostatakrebs lange vor der Diagnose bremsen könnten. Dabei handelt es sich um eine Hypothese. Laut Berichten halten die Forschenden auch eine andere Erklärung für möglich: Niedrigere Blutspiegel könnten darauf hindeuten, dass diese Immunzellen bereits ins Prostatagewebe abgewandert sind.
Sieben Proteine bei aggressivem Prostatakrebs
Sieben Proteine standen mit aggressivem Prostatakrebs in Verbindung. Besonders hervorgehoben wird ANKRD1, das mit mehreren schweren Verlaufsformen assoziiert war, darunter Tumoren, die sich ausgebreitet hatten oder letztlich tödlich verliefen.
Weitere Befunde betreffen Prozesse, die beschreiben, wie Krebszellen mit dem umgebenden Gewebe interagieren und wie neue Blutgefäße entstehen. Ob ANKRD1 oder eines der anderen Proteine tatsächlich zur Risikoeinschätzung taugt, ist offen.
Proteine bekannter Krebsgene
Die Studie fand außerdem Zusammenhänge mit Proteinen, die von Genen gebildet werden, die bei Prostatakrebs bereits als bedeutsam gelten: ERBB3, KRAS und NRAS. Diese Proteine waren vor allem mit aggressivem Prostatakrebs verknüpft, der etwa ein Jahrzehnt später diagnostiziert wurde.
Die Autoren betonen, dass dies nicht bedeutet, dass bei der Blutentnahme bereits ein Tumor vorlag. Die Befunde könnten aber Hinweise auf biologische Veränderungen liefern, die der späteren Erkrankung vorausgehen.
Erwartete Treffer als Plausibilitätsprüfung
Erwartungsgemäß zeigten sich auch Zusammenhänge mit KLK3, dem Gen für das prostataspezifische Antigen (PSA), und mit ACP3, das die prostatische saure Phosphatase kodiert. Beide Proteine sind eng mit Prostatagewebe verbunden. Dass die Methode sie erfasst, spricht dafür, dass sie biologisch sinnvolle Signale aufnimmt.
Wie belastbar sind die Befunde?
Die Forschenden verglichen ihre Ergebnisse mit anderen großen Bevölkerungsstudien und genetischen Daten. Mehrere Befunde wurden dabei gestützt, andere nicht. Laut der Zusammenfassung von News-Medical zeigte keines der 18 vergleichbaren Proteine in der UK Biobank einen signifikanten Zusammenhang mit Prostatakrebs. Als mögliche Gründe nennen die Autoren unterschiedliche Messmethoden, Studienpopulationen und Definitionen der Krebsendpunkte.
Genetische Analysen lieferten zudem nur begrenzte Hinweise darauf, dass die Proteine ursächlich an der Entstehung beteiligt sind. Ob sie die Erkrankung mitverursachen oder lediglich Begleitsignale sind, lässt sich aus der Studie nicht ableiten.
Hinzu kommt der Beobachtungscharakter: Solche Studien können Zusammenhänge zeigen, aber keine Ursachen belegen. Die meisten gefundenen Assoziationen waren nach Angaben der Studiengruppe moderat. Die Proteine sind derzeit nicht als klinische Tests geeignet.
Was das für Männer heute bedeutet
Für den Alltag ändert sich durch die Studie zunächst nichts. Es gibt keinen Bluttest auf Basis dieser Proteine, und die Ergebnisse erlauben keine Aussage über das Risiko einzelner Personen. Ungeklärt ist auch, ob die Marker die Vorhersage über PSA und etablierte Faktoren hinaus verbessern.
Dafür sind nach Einschätzung der Autoren gezielte Vorhersagestudien nötig. Wer Fragen zur Früherkennung oder zum eigenen Risiko hat, kann diese in der ärztlichen Praxis besprechen.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was hat die Studie genau untersucht?
Das Forschungsteam um Oxford Population Health analysierte Blutproben aus der europäischen EPIC-Kohorte, die vor den Krebsdiagnosen entnommen worden waren. Verglichen wurden 982 Männer, die später an Prostatakrebs erkrankten, mit einer zufällig gezogenen Gruppe von 1.573 Männern aus derselben Kohorte. Gemessen wurden mehr als 6.000 Proteine, die Beobachtungszeit betrug im Mittel rund 16 Jahre. Weil kein Protein vorab als Kandidat ausgewählt wurde, gilt die Studie als hypothesengenerierend.
Kann ein Bluttest heute Prostatakrebs 15 Jahre im Voraus anzeigen?
Nein. Die Studie zeigt Zusammenhänge auf Gruppenebene: Zwölf Proteine hingen mit Diagnosen zusammen, die mehr als 15 Jahre nach der Blutentnahme gestellt wurden. Nach Angaben der Studiengruppe sind die Proteine derzeit nicht als klinische Tests geeignet, und die meisten Assoziationen waren moderat.
Bedeutet ein auffälliger Proteinwert, dass bereits Krebs vorliegt?
Nicht zwingend. Für die Proteine bekannter Krebsgene (ERBB3, KRAS, NRAS) betonen die Autoren ausdrücklich, dass bei der Blutentnahme nicht bereits ein Tumor vorgelegen haben muss. Die Studie liefert keine Grundlage, bei einzelnen Personen aus einem Messwert auf eine Erkrankung zu schließen.
Welche Proteine wurden besonders hervorgehoben?
Bei Diagnosen nach mehr als 15 Jahren wird GZMK genannt, ein Protein von Immunzellen, die auffällige Zellen erkennen und zerstören. Bei aggressivem Prostatakrebs steht ANKRD1 im Vordergrund, das mit mehreren schweren Verlaufsformen verknüpft war. Außerdem zeigten sich erwartbare Zusammenhänge mit KLK3 (Gen für das prostataspezifische Antigen, PSA) und ACP3, die beide eng mit Prostatagewebe verbunden sind. Dass diese bekannten Marker auftauchen, spricht dafür, dass die Methode biologisch sinnvolle Signale erfasst.
Was lässt sich über die Rolle des Immunsystems sagen?
Die Autoren sehen im Befund zu GZMK einen möglichen Hinweis darauf, dass Immunprozesse die Entstehung von Prostatakrebs lange vor der Diagnose bremsen könnten. Das ist eine Hypothese und kein Beleg. Berichten zufolge halten die Forschenden auch für möglich, dass niedrigere Blutspiegel bedeuten, dass die betreffenden Immunzellen bereits ins Prostatagewebe gewandert sind.
Verursachen diese Proteine Prostatakrebs?
Das lässt sich aus der Studie nicht ableiten. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, die Zusammenhänge, aber keine Ursachen belegen kann. Genetische Analysen lieferten laut dem Bericht von News-Medical nur begrenzte Hinweise auf eine ursächliche Beteiligung. Die Proteine könnten die Erkrankung mitbeeinflussen oder lediglich Begleitsignale sein.
Was bedeutet „aggressiver“ Prostatakrebs?
Gemeint sind Tumoren mit ungünstigem Verlauf, etwa solche, die sich im Körper ausgebreitet haben oder letztlich tödlich verlaufen. Nach Angaben des Erstautors wachsen viele Prostatakarzinome dagegen langsam und verursachen möglicherweise nie Schaden. Diese Unterscheidung früh treffen zu können, ist ein zentrales Ziel der Forschung.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
Huang, Z., Parsaeian, M., Viallon, V., et al. (2026). Circulating immune and cancer driver gene biomarkers precede prostate cancer diagnosis by over 10 yr. European Urology. https://doi.org/10.1016/j.eururo.2026.08.014
Technology Networks. (2026, 23. Oktober). Protein clues emerge years before aggressive prostate cancer diagnosis (Originalmeldung der University of Oxford). https://www.technologynetworks.com/proteomics/news/protein-clues-emerge-years-before-aggressive-prostate-cancer-diagnosis-417654
Thomas, L. (2026, 26. Oktober). Clues to prostate cancer risk in blood samples taken 15 years earlier. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20261026/Clues-to-prostate-cancer-risk-in-blood-samples-taken-15-years-earlier.aspx
University of Oxford. (2026, 21. Oktober). Study identifies blood proteins associated with aggressive prostate cancer risk. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20261021/Study-identifies-blood-proteins-associated-with-aggressive-prostate-cancer-risk.aspx






