Zucker in den ersten 1000 Tagen und das Demenzrisiko im Alter

Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 24. Oktober 2026, Lesezeit: 8 Minuten

Weniger Zucker in den ersten 1000 Lebenstagen könnte mit einem geringeren Risiko für Demenz und psychische Erkrankungen im höheren Alter zusammenhängen. Das legt eine Studie im Fachjournal npj Aging nahe, die die britische Zuckerrationierung der Nachkriegszeit als natürliches Experiment nutzt. In den Daten der UK Biobank erkrankten Menschen, die während der Rationierung gezeugt wurden, seltener an Demenz, Alzheimer, Depression und Angststörungen. Die Untersuchung ist jedoch beobachtend und kann nicht belegen, dass der geringere Zuckerkonsum die Ursache dafür war.

Ein historisches Ereignis als natürliches Experiment

Großbritannien rationierte Zucker bis September 1953. Die Rationierung begrenzte die Zuckeraufnahme auf Mengen, die heutigen Ernährungsleitlinien entsprechen. Kinder unter zwei Jahren erhielten keine Zuckerration.

Nach dem Ende der Rationierung stieg der durchschnittliche Zuckerkonsum Erwachsener beinahe auf das Doppelte. Die Aufnahme anderer wichtiger Lebensmittel blieb dagegen weitgehend stabil.

Randomisierte Studien, in denen Schwangeren und Säuglingen gezielt Zucker vorenthalten wird, wären praktisch kaum durchführbar und ethisch nicht vertretbar. Die Forschenden nutzten deshalb den abrupten Einschnitt von 1953. Sie verglichen Menschen, die noch während der Rationierung gezeugt wurden, mit solchen, die kurz danach gezeugt wurden.

Eine wichtige Einschränkung gilt von Anfang an: Der tatsächliche Zuckerkonsum einzelner Personen wurde nicht erfasst. Die Exposition ergibt sich allein aus dem Geburtsdatum.

Wie die Studie aufgebaut war

Datengrundlage

Die Gruppe um Xingji Lian vom Guangzhou First People’s Hospital und der Guangzhou Medical University wertete Daten der UK Biobank aus. Dieses Forschungsprojekt sammelt genetische, medizinische und Lebensstil-Daten sowie Bildgebung von rund einer halben Million Menschen im Vereinigten Königreich.

Die Analyse umfasste 60.394 Teilnehmende, die zwischen Oktober 1951 und März 1956 geboren wurden. Davon wurden 38.227 während der Rationierung gezeugt. Unter ihnen waren 9.963 Personen, die nur im Mutterleib exponiert waren (geboren zwischen Oktober 1953 und Juni 1954). Die Vergleichsgruppe bestand aus 22.167 Personen, die zwischen Juli 1954 und März 1956 zur Welt kamen.

Untersucht wurden Diagnosen von Demenz, Alzheimer, Parkinson, Depression und Angststörungen. Bei einer Teilgruppe von 9.053 Personen ohne Hirnerkrankung schätzten die Forschenden anhand von Magnetresonanztomografie (MRT) zudem das sogenannte Gehirnalter.

Berücksichtigte Einflussfaktoren

Die Ergebnisse wurden unter anderem um Region und Geburtsmonat, sozioökonomischen Status, Bildung, Familienanamnese und genetische Risikowerte bereinigt. Das verringert, schließt aber nicht aus, dass andere Faktoren die Unterschiede mitverursacht haben.

Die zentralen Ergebnisse

Demenz und Alzheimer

Wer sowohl im Mutterleib als auch nach der Geburt von der Rationierung betroffen war, hatte ein um 27 Prozent geringeres Demenzrisiko und ein um 46 Prozent geringeres Alzheimer-Risiko als die Vergleichsgruppe. Bei Parkinson zeigte sich kein Zusammenhang.

Diese Zahlen beruhen auf wenigen Fällen. Weil die Teilnehmenden am Ende der Nachbeobachtung erst Ende 60 oder Anfang 70 waren, wurden nur 307 Demenz- und 123 Alzheimer-Diagnosen gezählt. Bei so kleinen Fallzahlen sind die Schätzungen unsicherer als bei häufigeren Erkrankungen.

Bei Menschen, die nur im Mutterleib exponiert waren, zeigten sich für Demenz und Alzheimer keine bedeutsamen Unterschiede. Auch eine längere Rationierung nach der Geburt ging bei diesen beiden Erkrankungen nicht mit einem schrittweise sinkenden Risiko einher.

Depression und Angststörungen

Das Risiko für Depression lag in der Gruppe mit Exposition vor und nach der Geburt um 11 Prozent niedriger, das für Angststörungen um 20 Prozent. Wer nur im Mutterleib exponiert war, hatte ein um 10 Prozent geringeres Angstrisiko, bei den übrigen Erkrankungen zeigten sich keine bedeutsamen Unterschiede.

Hier zeigte sich ein Muster nach Dauer der Exposition. Je länger die Rationierung nach der Geburt anhielt, desto niedriger lagen die Risiken, besonders ab etwa sechs Monaten. Bei zwölf Monaten Rationierung nach der Geburt lag das Depressionsrisiko um 23 Prozent und das Angstrisiko um 28 Prozent niedriger. Die niedrigsten Werte traten bei 24 Monaten auf.

Die Zusammenhänge waren bei Frauen am deutlichsten: Sie hatten geringere Risiken für Alzheimer, Depression und Angststörungen. Bei Männern war nur das Angstrisiko verlässlich niedriger.

Gehirnalter in der Bildgebung

Menschen, die nach der Geburt von der Rationierung betroffen waren, wirkten im MRT im Durchschnitt um 0,39 Jahre jünger, also um etwa fünf Monate. Außerdem hatten sie tendenziell größere Volumina in tiefen Hirnstrukturen wie Hippocampus, Thalamus und Putamen.

Zudem fanden die Forschenden einen geringeren Kontrast zwischen grauer und weißer Substanz in weiten Teilen der Hirnrinde. Die Autoren betrachten diesen Befund als vorläufig, weil er verschiedene Gewebeveränderungen widerspiegeln kann. Da die Bilder nur zu einem Zeitpunkt entstanden, lässt sich zudem nicht klären, ob der Zuckerverzicht die Unterschiede verursacht hat.

Warum die Ergebnisse mit Vorsicht zu lesen sind

Die Autoren selbst weisen auf mehrere Grenzen hin. Hinzu kommen Einschränkungen, die sich aus dem Studiendesign ergeben:

  • Zusätzliche Einflüsse der Nachkriegszeit: Das Ende der Zuckerrationierung fiel mit wirtschaftlicher Erholung, besserer Mütterversorgung und veränderten Ernährungsgewohnheiten bei Säuglingen zusammen. Auch diese Faktoren können die Hirnentwicklung unabhängig vom Zucker beeinflusst haben.
  • Weitere Lebensmittel: Die Rationierung anderer Nahrungsmittel endete bis Juli 1954, wobei sich deren Verzehr nur geringfügig änderte. Unklar bleibt daher, welcher Anteil der Unterschiede auf Zucker allein zurückgeht.
  • Indirekte Messung: Die Zuckeraufnahme wurde nicht gemessen, sondern aus dem Geburtsdatum abgeleitet.
  • Diagnosen: Depression und Angststörungen stützen sich teils auf Selbstangaben und Hausarztdaten.
  • Übertragbarkeit: Die Teilnehmenden wuchsen in der Nachkriegszeit auf, überwiegend als weiße Briten. Die UK Biobank besteht zudem überwiegend aus tendenziell gesünderen Freiwilligen. Das Ergebnis lässt sich daher nicht ohne Weiteres auf heutige Kinder übertragen.

Die Autoren fordern, die Ergebnisse in aktuellen Gruppen mit detaillierten Ernährungsdaten zu bestätigen, bevor daraus klinische oder gesundheitspolitische Empfehlungen abgeleitet werden.

Mögliche Erklärungen: Hypothesen, keine Belege

Als mögliche Mechanismen nennen die Forschenden Insulinresistenz und eine chronische, niedriggradige Entzündung, die durch hohe Zuckeraufnahme in der frühen Entwicklung begünstigt werden könnten. Beides gilt als Risikofaktor für Demenz. Ob diese Prozesse den beobachteten Zusammenhang tatsächlich erklären, wurde in der Studie nicht nachgewiesen.

Die ersten 1000 Tage, von der Empfängnis bis zum zweiten Geburtstag, gelten als besonders sensible Phase der Entwicklung. Das Gehirn ist in dieser Zeit auf eine ausreichende und ausgewogene Nährstoffversorgung angewiesen. Eine nachhaltige Prägung durch die Ernährung ist daher biologisch plausibel, aber für Zucker und Demenz bislang nicht bewiesen.

Einordnung: Eine frühere Studie, aber keine unabhängige Bestätigung

Dieselbe Rationierung war bereits Grundlage einer Studie in Science. Das Team um Tadeja Gracner fand, dass die Exposition gegenüber der Rationierung in den ersten 1000 Tagen mit einem um etwa 35 Prozent geringeren Risiko für Typ-2-Diabetes und etwa 20 Prozent geringeren Risiko für Bluthochdruck verbunden war. Der Ausbruch dieser Erkrankungen verschob sich im Durchschnitt um vier beziehungsweise zwei Jahre nach hinten.

Beide Arbeiten nutzen dieselbe politische Zäsur und dieselbe Datenbank. Sie sind deshalb kein unabhängiger Beleg füreinander. Sie passen zu einem gemeinsamen Muster, das aber erst durch Studien in anderen Ländern und Zeiträumen gestützt werden müsste.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Beweist die Studie, dass Zucker im Säuglingsalter Demenz verursacht?

Nein. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie mit einem quasi-experimentellen Ansatz. Sie zeigt einen Zusammenhang, aber keinen kausalen Beweis, und sie kann andere Einflüsse der Nachkriegszeit nicht vollständig ausschließen.

Was bedeutet „27 Prozent geringeres Demenzrisiko” konkret?

Es handelt sich um eine relative Risikominderung, nicht um den absoluten Unterschied. Insgesamt erhielten 307 von 60.394 Teilnehmenden, also rund 0,5 Prozent, bis zum Ende der Nachbeobachtung eine Demenzdiagnose. Der absolute Unterschied zwischen den Gruppen fällt deshalb klein aus.

Was ist mit „Gehirnalter” gemeint?

Das Gehirnalter ist eine Schätzung, die aus MRT-Aufnahmen berechnet wird und mit dem tatsächlichen Lebensalter verglichen wird. Die exponierte Gruppe wirkte im Mittel um etwa fünf Monate jünger. Welche klinische Bedeutung das hat, ist offen.

Gilt der Befund auch für Kinder von heute?

Das ist ungewiss. Die Teilnehmenden wuchsen in den 1950er-Jahren auf, überwiegend in einem weißen, britischen Umfeld. Ernährung, Gesundheitsversorgung und Lebensumstände unterscheiden sich heute deutlich.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Gracner, T., Boone, C., & Gertler, P. J. (2024). Exposure to sugar rationing in the first 1000 days of life protected against chronic disease. Science, 386(6725), 1043–1048. https://doi.org/10.1126/science.adn5421

Hedrih, V. (2026, 23. Oktober). Sugar restriction in early life is linked to lower dementia risk and slightly slower brain aging decades later. PsyPost. https://www.psypost.org/sugar-restriction-in-early-life-is-linked-to-lower-dementia-risk-and-slightly-slower-brain-aging-decades-later/

Lian, X., Chen, A., Zhu, X., Huang, Y., Yang, C., Huang, Y., Ran, M., Yin, L., & Zhang, B. (2026). Early-life sugar rationing, brain aging, and long-term neurodegenerative and psychiatric health outcomes: a population-based natural experiment study. npj Aging. Vorab-Onlineveröffentlichung. https://doi.org/10.1038/s41514-026-00452-z

National Institutes of Health. (2024, 19. November). Early-life sugar intake affects chronic disease risk. NIH Research Matters. https://www.nih.gov/news-events/nih-research-matters/early-life-sugar-intake-affects-chronic-disease-risk

ScienceAlert. (2026). Low-sugar diet early in life linked to 46% lower Alzheimer’s risk. https://www.sciencealert.com/low-sugar-diet-early-in-life-linked-to-46-lower-alzheimers-risk

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