Menschen mit Zöliakie halten sich oft streng an eine glutenfreie Ernährung, doch die gängigen Blutwerte zeigen nicht immer zuverlässig, ob der Darm tatsächlich heilt. Ein Forschungsteam der Universität Oslo hat deshalb untersucht, ob sich Entzündungsproteine im Blut als Biomarker für die Krankheitsaktivität eignen. Die Ergebnisse, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Gastroenterology, sind vielversprechend, aber noch vorläufig: Ein einsetzbarer Test existiert bislang nicht.
Warum die Überwachung der Zöliakie schwierig ist
Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem auf Gluten reagiert. Die Aufnahme von Gluten löst Entzündungen im Darm aus, die die Darmschleimhaut schädigen und die Nährstoffaufnahme beeinträchtigen können. Behandelt wird die Erkrankung durch den vollständigen Verzicht auf Gluten.
Diagnostiziert wird Zöliakie üblicherweise mit einem Bluttest und einer Magenspiegelung, bei der Gewebeproben aus dem Dünndarm entnommen werden. Der Bluttest misst Antikörper gegen Gewebe-Transglutaminase (anti-tTG-IgA) sowie das gesamte IgA.
Nach der Diagnose wird meist derselbe Bluttest zur Verlaufskontrolle genutzt, häufig über die Hausarztpraxis. Laut Jostein Holen Ibsen, dem Erstautor der Studie, ist dieser Test jedoch weniger aussagekräftig, sobald eine glutenfreie Diät begonnen wurde. Er verweist auf Forschungsergebnisse, nach denen der Test zum Teil in die Irre führen kann, was im Darm tatsächlich geschieht.
Auch der Osloer Professor Knut E. A. Lundin betont, dass die Serologie nicht klar genug zwischen anhaltender Darmschädigung und Heilung unterscheide. Das sind Einschätzungen von Fachleuten, keine abschließend belegten Fakten.
Was die Studie untersucht hat
Studiendesign und Proben
Das Team um Ibsen analysierte Blutproben und Gewebeproben von Menschen mit Zöliakie, die vor Behandlungsbeginn und nach einem Jahr glutenfreier Ernährung entnommen wurden. Hinzu kamen Proben von Personen ohne Zöliakie. Insgesamt wurden laut Universität Oslo 264 Proben ausgewertet, die zwischen 2018 und 2024 am Rikshospitalet in Oslo gesammelt wurden.
Nach Angaben im Fachartikel umfasste die Untersuchung 161 Erwachsene mit unbehandelter Zöliakie sowie 40 Kontrollpersonen, bei denen durch Biopsien eine Zöliakie ausgeschlossen worden war. Die Blutproben wurden zum Zeitpunkt der diagnostischen Magenspiegelung entnommen. Wie sich die Gesamtzahl der Proben aus diesen Gruppen zusammensetzt, geht aus den vorliegenden Informationen nicht vollständig hervor.
Gemessen wurden die Proteine mit einem gezielten Verfahren, das Entzündungsproteine im Blutserum erfasst. Dieser Ansatz gehört zur Proteomik, einer Methode, mit der sich viele Proteine gleichzeitig analysieren lassen.
Die wichtigsten Befunde
Die Forschenden identifizierten nach Angaben der Universität Oslo 24 Proteine, die mit Zöliakie zusammenhängen. Neun davon standen demnach besonders in Verbindung mit dem Ausmaß der Darmschädigung und könnten anzeigen, wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist.
Menschen mit unbehandelter Zöliakie hatten die höchsten Spiegel an Entzündungsproteinen. Nach einem Jahr glutenfreier Ernährung lagen die Werte im Mittel niedriger, in einem Zwischenbereich zwischen den unbehandelten Patientinnen und Patienten und den Kontrollpersonen.
Zwei Proteine, CXCL9 und TNFRSF9, unterschieden im Fachartikel zwischen unbehandelter Zöliakie, behandelter Zöliakie und der Kontrollgruppe. Die Autoren schließen, dass das Entzündungsprofil im Blut bei unbehandelter Zöliakie wahrscheinlich Veränderungen im Darm widerspiegelt.
Entzündung trotz glutenfreier Ernährung?
Auffällig ist, dass einige Proteine auch unter glutenfreier Ernährung leicht erhöht blieben. Die Autoren deuten dies als Hinweis auf eine anhaltende, niedriggradige Entzündung. Ibsen formulierte es so, dass die Ergebnisse nahelegen, Betroffene hätten auch bei Einhaltung der Diät eine gewisse Entzündung im Darm.
Diese Deutung ist mit Vorsicht zu lesen. Die Proteine wurden im Blut gemessen, nicht direkt im Darm, sie sind also ein indirekter Hinweis. Ob und wie die Einhaltung der Diät in der Studie objektiv überprüft wurde, lässt sich aus den vorliegenden Informationen nicht beurteilen.
Die Ergebnisse beschreiben außerdem Gruppenunterschiede. Sie erlauben keine Aussage darüber, ob bei einer einzelnen Person der Darm geschädigt ist.
Was die Ergebnisse noch nicht aussagen
Es handelt sich um Zusammenhänge, nicht um den Nachweis, dass einzelne Proteine die Darmschädigung verursachen oder zuverlässig vorhersagen. Die Forschenden selbst betonen, dass weitere Studien mit mehr Patientinnen und Patienten nötig sind, bevor der Ansatz in der Praxis eingesetzt werden kann. Zudem müssen aus den vielen gemessenen Proteinen jene ausgewählt werden, die das größte Potenzial für vertiefte Untersuchungen haben.
Auch die Zusammensetzung der Vergleichsgruppe spielt eine Rolle. Die Pressemitteilung spricht von gesunden Personen, der Fachartikel beschreibt Kontrollen, bei denen eine Zöliakie per Biopsie ausgeschlossen wurde. Für die Interpretation ist das relevant, weil auch andere Erkrankungen Entzündungsproteine verändern können.
Hinzu kommt: Eine einzelne Studie an einem Zentrum ersetzt keine unabhängige Bestätigung durch andere Forschungsgruppen.
Mögliche Bedeutung für die Nachsorge
Die Studienautoren sehen die neuen Biomarker nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung. Nach Ibsens Worten sollten Tests auf Basis neuer Biomarker die heutigen nicht ablösen, könnten aber ein genaueres Bild des Krankheitsverlaufs liefern und eine beruhigendere Nachsorge ermöglichen. Lundin sieht Potenzial, solche Tests gemeinsam mit der heute üblichen Serologie einzusetzen.
Die Nachsorge bei Zöliakie ist auch Gegenstand aktueller Fachleitlinien. Die European Society for the Study of Coeliac Disease hat 2026 den zweiten Teil ihrer aktualisierten Leitlinie für Erwachsene veröffentlicht, der sich mit Behandlung, strukturierter Nachsorge und anhaltenden Beschwerden trotz glutenfreier Ernährung befasst. Ob und wie Proteinmarker darin künftig eine Rolle spielen, ist offen.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was sind Biomarker, und warum sind sie bei Zöliakie interessant?
Biomarker sind messbare Substanzen im Körper, die auf Gesundheit oder Krankheit hinweisen können. Bei Zöliakie wäre ein solcher Marker nützlich, wenn er zeigt, ob Entzündung oder Darmschädigung trotz glutenfreier Ernährung fortbestehen oder abheilen. Die Oslo-Studie untersuchte, ob Entzündungsproteine im Blut diese Rolle übernehmen könnten.
Wie wird Zöliakie bisher diagnostiziert und überwacht?
Die Diagnose stützt sich üblicherweise auf einen Bluttest und eine Magenspiegelung, bei der Gewebeproben aus dem Dünndarm entnommen werden. Der Bluttest misst Antikörper gegen Gewebe-Transglutaminase (anti-tTG-IgA) sowie das gesamte IgA. Nach der Diagnose erfolgt die Kontrolle in der Regel über die Hausarztpraxis, oft mit demselben Bluttest.
Warum ist der bisherige Bluttest unter glutenfreier Ernährung weniger aussagekräftig?
Nach Einschätzung von Studienleiter Jostein Holen Ibsen funktioniert der Test schlechter, sobald die Behandlung mit glutenfreier Diät begonnen hat, und kann zum Teil ein irreführendes Bild vom Geschehen im Darm vermitteln. Professor Knut E. A. Lundin ergänzt, die Serologie unterscheide nicht klar genug zwischen anhaltender Darmschädigung und Heilung. Das sind Einschätzungen der Fachleute, die in der Pressemitteilung nicht mit einzelnen Daten belegt werden.
Welche Proteine wurden untersucht, und was haben sie gezeigt?
Gemessen wurde ein Panel von Entzündungsproteinen im Blutserum. Laut Universität Oslo standen 24 Proteine mit Zöliakie in Zusammenhang, neun davon besonders mit dem Ausmaß der Darmschädigung. Im Fachartikel unterschieden zwei Proteine, CXCL9 und TNFRSF9, zwischen unbehandelter Zöliakie, behandelter Zöliakie und der Kontrollgruppe. Bei behandelter Zöliakie lagen die Werte im Mittel zwischen denen der unbehandelten Erkrankten und der Kontrollpersonen.
Was sagen die erhöhten Entzündungsproteine über die Immunreaktion aus?
Mehrere der erhöhten Proteine sind Botenstoffe des Immunsystems, darunter Interferon-γ (IFN-γ), IL12B, IL17A und IL10. Die Autoren werten das als Hinweis darauf, dass das Blutprofil eine Aktivierung von T-Zellen widerspiegelt, die zum bekannten Krankheitsgeschehen bei Zöliakie passt. Das ist eine Interpretation der Forschenden, kein eigenständig bewiesener Mechanismus.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
Al-Toma, A., Branchi, F., Zingone, F., et al. (2026). European Society for the Study of Coeliac Disease (ESsCD) 2025 updated guidelines on the diagnosis and management of coeliac disease in adults. Part 2: Management, follow-up, and complex disease courses. United European Gastroenterology Journal, 14(2), e70195. https://doi.org/10.1002/ueg2.70195
Ibsen, J. H., Stamnæs, J., Lund, S. R., Sollid, L. M., Risnes, L. F., & Lundin, K. E. A. (2026). Targeted serum proteomics reveals profiles associated with gut pathology in celiac disease. Gastroenterology. https://doi.org/10.1053/j.gastro.2026.07.033
University of Oslo, Faculty of Medicine. (2026, 10. Oktober). Blood proteins may offer new clues to gut health in coeliac disease. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20261010/Blood-proteins-may-offer-new-clues-to-gut-health-in-coeliac-disease.aspx






