TikTok-Food-Content weckt bei Jugendlichen Hunger und Essverlangen

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 20. August 2026, Lesezeit: 7 Minuten

Eine aktuelle Studie im Journal of Nutrition Education and Behavior (JNEB), veröffentlicht vom Wissenschaftsverlag Elsevier, zeigt, dass Jugendliche TikTok-Inhalte rund um Essen regelmäßig als Auslöser für Hunger, Essverlangen und den Wunsch beschreiben, neue Speisen auszuprobieren, wobei die befragten Teenager zugleich betonen, dass Eltern durch gezielte Gespräche und gemeinsame Mahlzeiten eine schützende Rolle einnehmen können. Die Untersuchung reiht sich in eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Arbeiten ein, die den Einfluss von Social Media auf das Ernährungsverhalten junger Menschen genauer beleuchten.

Was die Studie zeigt

Für die Untersuchung führten die Forschenden vier Fokusgruppen mit insgesamt 25 Jugendlichen im Alter von 15 bis 16 Jahren durch, die eine High School im mittleren Westen der USA besuchen. In den Gesprächen ging es darum, wie die Teenager TikTok nutzen, welchen Food-Inhalten sie begegnen, wie sie diese Inhalte bewerten und ob und wie ihre Eltern ihr Social-Media- und Essverhalten beeinflussen.

Leitautorin Adrianna N. Bell, PhD, RN, PHN, Senior Research Consultant bei der Delta Consulting Group, beschreibt TikTok als ein außergewöhnlich fesselndes Umfeld, in dem Food-Content sehr schnell die Aufmerksamkeit auf sich zieht und ein Verlangen nach Essen oder das Ausprobieren neuer Speisen weckt. Zwar erlebten die Jugendlichen ihre Eltern im Alltag meist als wenig eingebunden in ihre TikTok-Nutzung, doch berichteten sie auch von Momenten, in denen Eltern aktiv eingriffen, etwa indem sie die Nutzung unterbrachen oder kritische Gespräche über die gesehenen Inhalte anstießen.

Wie TikTok-Inhalte Jugendliche zum Essen animieren

Die Teilnehmenden beschrieben ein breites Spektrum an Food-Content, dem sie auf TikTok begegnen: Rezeptvideos, virale Food-Trends, Restaurantbewertungen, Produktwerbung durch Influencer, sogenannte „What I Eat in a Day“-Videos sowie klassische Werbeanzeigen. Solche Inhalte weckten häufig den Wunsch, ein bestimmtes Lebensmittel zu essen, auszuprobieren oder zu beschaffen.

Visuelle Reize, Kommentare und Influencer-Empfehlungen

Besonders ausschlaggebend für das Interesse an einem Lebensmittel waren laut den Jugendlichen drei Faktoren:

  • eine besonders ansprechende visuelle Präsentation des Essens,
  • Kommentare anderer Nutzerinnen und Nutzer unter dem Video,
  • Empfehlungen von Influencerinnen und Influencern.

Gegenüber offensichtlich gesponserten Beiträgen zeigten sich viele Teilnehmende skeptisch. Diese Skepsis schwand jedoch häufig, wenn die werbende Person als vertraut oder besonders glaubwürdig wahrgenommen wurde, ein Befund, der zu bestehender Forschung über die persuasive Wirkung von parasozialen Beziehungen zwischen jungen Nutzern und Social-Media-Persönlichkeiten passt.

Die Rolle der Eltern

Obwohl die Mehrheit der Jugendlichen ihre Eltern als kaum involviert in die tägliche TikTok-Nutzung beschrieb, zeigte sich in den Fokusgruppen ein interessantes Muster: Wenn Eltern gemeinsame Mahlzeiten, geteilte Aktivitäten oder andere Formen persönlicher Interaktion förderten, verbrachten die Jugendlichen weniger Zeit auf der Plattform.

Schutzfaktor kritische Gespräche

Eltern konnten laut der Studie zudem eine wichtige, einordnende Perspektive einbringen, indem sie die Glaubwürdigkeit von Diät- und Körperbezogenen Aussagen in Frage stellten. Ein zentraler Hinweis, den Eltern ihren Kindern vermittelten, betraf die Erinnerung daran, dass Körper, Lebensstil und sichtbare Ergebnisse einer Influencerin oder eines Influencers nicht zwangsläufig realistisch oder auf jede Person übertragbar sind.

Die Forschenden schlagen vor, dass diese Erkenntnisse künftige Programme zur Ernährungsbildung und Medienkompetenz prägen sollten, die sowohl Jugendliche als auch Eltern gemeinsam einbeziehen.

Einordnung: Wie stark nutzen Jugendliche TikTok tatsächlich?

Um die Relevanz der Studie besser einzuordnen, lohnt ein Blick auf aktuelle Nutzungsdaten. Nach Angaben des Pew Research Center aus einer 2025 durchgeführten Befragung geben 68 Prozent der US-Teenager im Alter von 13 bis 17 Jahren an, TikTok zu nutzen, ein Anteil, der in den vergangenen Jahren relativ stabil geblieben ist und die Plattform zu einer der meistgenutzten unter Jugendlichen macht. Etwa jeder fünfte US-Teenager berichtet, TikTok „fast ständig“ zu nutzen, wobei Schwarze und hispanische Jugendliche häufiger zu den nahezu durchgängigen Nutzern zählen als weiße Jugendliche.

Diese Zahlen verdeutlichen, warum Food-Content auf TikTok ein relevantes Forschungsfeld für Ernährungswissenschaft und Public Health darstellt: Die Plattform erreicht einen erheblichen Teil der jugendlichen Zielgruppe über einen algorithmisch kuratierten, stark visuellen Feed, der genau jene Mechanismen bedient, welche die Studienteilnehmenden als besonders wirksam beschrieben, nämlich ansprechende Bilder, soziale Bestätigung durch Kommentare und die Empfehlung durch vertraute Persönlichkeiten.

Grenzen der Studie und offene Fragen

Die Autorinnen und Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass weitere Forschung notwendig ist, um zu messen, wie sich die Exposition gegenüber TikTok-Food-Content tatsächlich auf die Ernährung von Jugendlichen auswirkt. Ebenso offen bleibt, welche konkreten Strategien Eltern am wirksamsten unterstützen können, um ein gesundes Verhältnis zu Social Media und Essverhalten zu fördern.

Wichtig für die Einordnung: Die Studie basiert auf vier Fokusgruppen mit 25 Jugendlichen aus einer einzigen Region der USA. Qualitative Studien dieser Art liefern wertvolle Einblicke in Erfahrungen und Wahrnehmungen, lassen jedoch keine statistisch verallgemeinerbaren Aussagen über alle Jugendlichen zu. Für belastbare Aussagen zu tatsächlichen Ernährungsveränderungen wären größere, repräsentative und längsschnittlich angelegte Untersuchungen erforderlich, die diese qualitativen Befunde ergänzen.

Praktische Ansatzpunkte für Eltern und Fachkräfte

Aus den Studienergebnissen lassen sich mehrere praxisnahe Ansätze ableiten, die Eltern, Lehrkräfte und Fachkräfte der Ernährungsbildung berücksichtigen können:

  • Gemeinsame Mahlzeiten und Familienaktivitäten als natürliche Gegengewichte zur Bildschirmzeit etablieren.
  • Offene, nicht wertende Gespräche über gesehene Food-Trends und Influencer-Inhalte führen, statt Verbote auszusprechen.
  • Gemeinsam die Glaubwürdigkeit von Diät- und Körperbildaussagen hinterfragen, ohne dabei Scham zu erzeugen.
  • Medienkompetenz als festen Bestandteil der Ernährungsbildung in Schulen verankern.
  • Jugendliche dabei unterstützen zu erkennen, wann Inhalte gesponsert oder werblich motiviert sind.

Diese Maßnahmen ersetzen keine medizinische oder ernährungswissenschaftliche Beratung im Einzelfall, bieten aber einen strukturierten Ausgangspunkt für Familien, die einen bewussteren Umgang mit Food-Content auf Social Media entwickeln möchten.

Häufig gestellte Fragen

Was genau wurde in der Studie untersucht? Die Forschenden analysierten in vier Fokusgruppen, wie 25 Jugendliche im Alter von 15 bis 16 Jahren TikTok nutzen, welchem Food-Content sie begegnen und welche Rolle ihre Eltern bei ihrem Social-Media- und Essverhalten spielen.

Warum reagieren Jugendliche so stark auf Food-Videos? Neben der ansprechenden visuellen Gestaltung spielen soziale Bestätigung durch Kommentare und Empfehlungen von als glaubwürdig wahrgenommenen Influencerinnen und Influencern eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Essverlangen.

Sind alle TikTok-Nutzenden gleichermaßen betroffen? Da es sich um eine kleine, regional begrenzte Stichprobe handelt, lassen sich keine allgemeingültigen Aussagen für alle Jugendlichen treffen; individuelle Unterschiede in Mediennutzung, familiärem Umfeld und Persönlichkeit dürften eine Rolle spielen.

Wie unterscheidet sich diese Studie von reinen Nutzungsstatistiken? Während Erhebungen wie die des Pew Research Center messen, wie viele Jugendliche TikTok nutzen, untersucht die JNEB-Studie qualitativ, welche psychologischen Mechanismen Food-Content bei Jugendlichen auslöst und wie Eltern darauf Einfluss nehmen können.

Bedeutet ein höheres Essverlangen automatisch eine ungesündere Ernährung? Das lässt sich anhand dieser Studie nicht bestätigen (ich kann das nicht bestätigen), da die Forschenden selbst betonen, dass weitere Untersuchungen nötig sind, um den Zusammenhang zwischen TikTok-Exposition und tatsächlichem Ernährungsverhalten zu klären.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Bell, A. N., et al. (2026). „I wanna try it so bad“: How TikTok influences adolescent eating and the role of parents. Journal of Nutrition Education and Behavior. https://doi.org/10.1016/j.jneb.2026.05.006

Elsevier. (2026, August 19). Teens say TikTok food content shapes what they want to eat, but parents can help them navigate its influence [Press release]. https://www.elsevier.com/about/press-releases/teens-say-tiktok-food-content-shapes-what-they-want-to-eat-but-parents-can-help-them-navigate-its-influence

News-Medical.net. (2026, August 19). TikTok food videos prompt adolescent cravings and desire to eat. https://www.news-medical.net/news/20260819/TikTok-food-videos-prompt-adolescent-cravings-and-desire-to-eat.aspx

Pew Research Center. (2026, March 2). 8 facts about Americans and TikTok. https://www.pewresearch.org/short-reads/2026/03/02/8-facts-about-americans-and-tiktok/

Pew Research Center. (2024, December 12). Teens, social media and technology 2024. https://www.pewresearch.org/internet/2024/12/12/teens-social-media-and-technology-2024/

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