Blue Zone: Bewegung senkt Gedächtnisbeschwerden im Alter

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 16. August 2026, Lesezeit: 8 Minuten

Eine neue Studie aus der sardischen Blue Zone, einer der bekanntesten Langlebigkeitsregionen der Welt, zeigt einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität im Alltag und subjektiven Gedächtnisbeschwerden bei älteren Menschen; wer sich mehr bewegt, weniger Zeit sitzend verbringt und seine körperliche Gesundheit positiver einschätzt, berichtet demnach seltener über Erinnerungslücken und Konzentrationsprobleme im Alter.

Die im Fachjournal Experimental Gerontology veröffentlichte Untersuchung liefert damit neue Anhaltspunkte dafür, wie Bewegung, Selbstwahrnehmung und kognitive Gesundheit im höheren Lebensalter zusammenhängen könnten, auch wenn die Studie selbst keine Kausalität belegen kann.

Was die Sardinien Blue Zone Studie untersucht hat

Die Forschungsgruppe um Fastame, Brandas und Pau von der Universität untersuchte, welche Faktoren subjektive Gedächtnisbeschwerden bei älteren Erwachsenen in der Blue Zone Sardiniens vorhersagen. Ziel war es, veränderbare psychologische und verhaltensbezogene Einflussfaktoren von altersbedingtem kognitivem Abbau zu unterscheiden.

An der Untersuchung nahmen 118 Personen teil, mit einem Durchschnittsalter von 82 Jahren; darunter 54 Männer und 64 Frauen. Alle Teilnehmenden lebten selbstständig in eigenen Haushalten in der Blue Zone Sardiniens und stammten aus Familien mit mindestens zwei vorangegangenen, dort ansässigen Generationen.

Menschen mit schweren kognitiven Einschränkungen, gemessen anhand des Mini-Mental-Status-Tests (MMSE), sowie Personen mit neurologischen oder muskuloskelettalen Erkrankungen, die das Gehen beeinträchtigen könnten, wurden von der Studie ausgeschlossen.

Methodik: Wie Bewegung und Gedächtnis gemessen wurden

Die Teilnehmenden trugen sieben Tage lang einen Beschleunigungsmesser am nicht dominanten Handgelenk. Ein Tag galt nur dann als auswertbar, wenn das Gerät mindestens 16 Stunden lang getragen wurde. Auf diese Weise erhoben die Forschenden objektive Daten zu:

  • täglicher Schrittzahl,
  • sitzender beziehungsweise inaktiver Zeit,
  • Schlafeffizienz.

Zusätzlich kamen standardisierte Fragebögen zum Einsatz. Die wahrgenommene körperliche Gesundheit wurde mit dem Perceived Physical Health Index erfasst. Subjektive Gedächtnisbeschwerden wurden über Item 10 der Geriatrischen Depressionsskala (GDS) abgefragt, eine einzelne Ja-Nein-Frage danach, ob die Person das Gefühl hat, mehr Gedächtnisprobleme als andere Menschen zu haben. Das Vertrauen in die eigene Gedächtnisleistung wurde mit einer sechs Punkte umfassenden Subskala des Metacognitions Questionnaire (MCQ-30) erhoben.

Mittels logistischer Regressionsmodelle bestimmten die Forschenden anschließend, welche Faktoren mit einer höheren oder niedrigeren Wahrscheinlichkeit für Gedächtnisbeschwerden verbunden waren.

Zentrale Ergebnisse der Blue Zone Langlebigkeitsstudie

Der durchschnittliche MMSE-Wert der Teilnehmenden lag bei rund 26 Punkten, was auf eine weitgehend erhaltene kognitive Leistungsfähigkeit in dieser Gruppe hindeutet. Rund 83 Prozent der Befragten gaben an, regelmäßig Freizeitaktivitäten nachzugehen, darunter Sport sowie soziale und kulturelle Aktivitäten.

Ältere Erwachsene, die ihre körperliche Gesundheit positiver einschätzten und mehr Vertrauen in ihre Gedächtnisfähigkeiten hatten, berichteten seltener über Gedächtnisbeschwerden. Dieselbe Gruppe zeichnete sich zudem durch höhere tägliche Schrittzahlen und weniger sitzende Zeit aus.

Das finale statistische Modell erklärte je nach verwendetem Maß etwa 24 bis 40 Prozent der Unterschiede in den berichteten Gedächtnisbeschwerden. Die objektiv gemessene Schlafeffizienz stand dagegen in keinem statistisch bedeutsamen Zusammenhang mit den Gedächtnisbeschwerden.

Warum Bewegung mit der Gehirngesundheit zusammenhängen könnte

Frühere Forschungsarbeiten legen nahe, dass regelmäßiges Gehen mit einem größeren Volumen der grauen Substanz und des Hippocampus sowie mit einer höheren Produktion des vom Gehirn stammenden neurotrophen Faktors (BDNF) verbunden ist. Körperlich aktive Menschen weisen zudem häufig günstigere Blutzuckerwerte, eine bessere Gefäßfunktion und eine verbesserte Sauerstoffversorgung des Gehirns auf als inaktive Personen.

Ein aktiver Lebensstil geht häufig auch mit mehr sozialen Kontakten und stärkerer Umweltstimulation einher, was sich positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirken kann. Soziale Aktivitäten können zudem die Stimmungsregulation verbessern und emotionale Prozesse anregen, die der subjektiven Wahrnehmung eines nachlassenden Gedächtnisses entgegenwirken, indem sie die Aufmerksamkeit stärker binden.

Praktische Einordnung für den Alltag älterer Menschen

Auch wenn die Studie keine Kausalität nachweist, liefert sie Hinweise darauf, welche Faktoren in der klinischen Praxis und im Alltag Beachtung finden könnten.

  • Tägliche Schrittzahl im Blick behalten: Die Schrittzahl gilt als einfache und leicht zugängliche Kennzahl, um die eigene Aktivität über die Zeit nachzuvollziehen.
  • Sitzzeit bewusst reduzieren: Kurze Bewegungspausen im Tagesverlauf können helfen, lange sitzende Phasen zu unterbrechen.
  • Soziale und kulturelle Aktivitäten pflegen: Regelmäßige gesellige Aktivitäten waren in der untersuchten Gruppe weit verbreitet und könnten kognitive sowie emotionale Vorteile bieten.
  • Selbstwahrnehmung der eigenen Gesundheit ernst nehmen: Da die wahrgenommene körperliche Gesundheit eng mit Gedächtnisbeschwerden verknüpft war, könnte eine realistische, aber positive Selbsteinschätzung eine unterstützende Rolle spielen.

Die Autorinnen und Autoren schlagen vor, dass medizinisches Fachpersonal objektive Untersuchungen künftig stärker mit subjektiven Einschätzungen und Überzeugungen der Patientinnen und Patienten kombinieren könnte, um Personen mit erhöhtem Risiko für Gedächtnisbeschwerden besser zu identifizieren.

Grenzen der Studie zur Blue Zone und zum Gedächtnis

Wie bei jeder Beobachtungsstudie gibt es wichtige Einschränkungen, die bei der Einordnung der Ergebnisse berücksichtigt werden sollten.

Da es sich um eine Querschnittsstudie handelt, lässt sich keine Aussage darüber treffen, ob mehr Bewegung tatsächlich weniger Gedächtnisbeschwerden verursacht oder ob umgekehrt Menschen mit weniger Beschwerden eher aktiv bleiben. Die Stichprobe war zudem klein und stark selektiert, da alle Teilnehmenden aus derselben, für ihre Langlebigkeit bekannten Region stammten.

Die Erfassung der Gedächtnisbeschwerden erfolgte über eine einzige Ja-Nein-Frage, was die Aussagekraft begrenzt. Die objektive kognitive Leistungsfähigkeit wurde ausschließlich über den MMSE erfasst, ohne differenziertere Tests etwa zu episodischem oder Arbeitsgedächtnis. Auch die Handgelenk-Aktivitätsmessung kann Schrittzahlen überschätzen oder sitzende Tätigkeiten fehlerhaft einordnen.

Die Forschenden empfehlen für künftige Studien größere und stärker durchmischte Stichproben, längsschnittliche Erhebungen über mehrere Jahre sowie eine breitere Palette kognitiver und psychologischer Messinstrumente, einschließlich Aufmerksamkeit, psychischem Wohlbefinden und Metakognition.

Fazit

Die Untersuchung aus der Blue Zone Sardiniens deutet darauf hin, dass mehr tägliche Bewegung, weniger sitzende Zeit sowie eine positivere Wahrnehmung der eigenen körperlichen und geistigen Gesundheit bei selbstständig lebenden älteren Menschen mit weniger subjektiven Gedächtnisbeschwerden einhergehen. Ein aktiver Lebensstil bleibt damit ein zentraler, gut belegter Baustein gesunden Alterns, auch wenn diese spezifische Studie keine direkte Ursache-Wirkung-Beziehung nachweisen kann.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was genau ist eine Blue Zone? Als Blue Zones werden Regionen der Welt bezeichnet, in denen ungewöhnlich viele Menschen ein hohes Alter bei vergleichsweise guter körperlicher und geistiger Gesundheit erreichen. Der Begriff wurde ursprünglich von Demografen und Journalisten geprägt, die auf Landkarten blaue Kreise um diese Gebiete zogen, daher der Name. Sardinien, insbesondere die Bergregion Ogliastra, zählt neben Regionen wie Okinawa in Japan, Ikaria in Griechenland, der Nicoya-Halbinsel in Costa Rica und Loma Linda in Kalifornien zu den fünf am häufigsten untersuchten Blue Zones weltweit. Gemeinsame Merkmale dieser Regionen sind traditionell unter anderem eine pflanzenbetonte Ernährung, enge soziale Bindungen, ein Alltag mit natürlicher, kontinuierlicher Bewegung sowie ein ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl zur Gemeinschaft.

Wie viele Schritte pro Tag wurden in der Studie konkret erfasst? Der Artikel und die zugrunde liegende Publikation nennen keine exakte durchschnittliche Schrittzahl in absoluten Werten. Berichtet wird lediglich, dass Personen mit einer höheren täglichen Schrittzahl und weniger sitzender Zeit seltener Gedächtnisbeschwerden angaben; die Schrittzahl wurde als eines von mehreren objektiven Bewegungsmaßen über den Beschleunigungsmesser am Handgelenk erfasst. Eine genaue Zahl, etwa in Form eines Tagesdurchschnitts oder eines Schwellenwerts, kann ich nicht bestätigen, da sie in der zugänglichen Quelle nicht angegeben wird.

Bedeutet die Studie, dass Bewegung Demenz verhindert? Nein, diese Schlussfolgerung lässt sich aus den Daten nicht ziehen. Die Studie untersucht ausschließlich subjektive Gedächtnisbeschwerden, also die persönliche Wahrnehmung der Teilnehmenden, ob sie mehr Erinnerungsprobleme haben als andere Menschen ihres Alters, nicht eine klinisch diagnostizierte Demenz oder eine andere neurokognitive Störung. Zudem handelt es sich um eine Querschnittsstudie, bei der alle Daten zu einem einzigen Zeitpunkt erhoben wurden. Solche Studiendesigns können Zusammenhänge aufzeigen, aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen; es bleibt offen, ob Bewegung die Gedächtniswahrnehmung verbessert oder ob Menschen mit weniger Beschwerden von vornherein aktiver sind.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Fastame, M. C., Brandas, B., & Pau, M. (2026). What predicts memory complaints of older individuals living in the Sardinian Blue Zone? An exploratory interdisciplinary approach. Experimental Gerontology, 218, 113133. https://doi.org/10.1016/j.exger.2026.113133

News-Medical.Net. (2026, August 13). In a famous Blue Zone, daily movement was tied to fewer memory complaints. Retrieved August 16, 2026, from https://www.news-medical.net/news/20260813/In-a-famous-Blue-Zone-daily-movement-was-tied-to-fewer-memory-complaints.aspx

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