In einer Zeit, in der Mensch und Tier immer stärker dieselben Lebensräume und Umweltbedingungen teilen, beobachten Wissenschaftler weltweit einen alarmierenden Trend: Haustiere, Nutztiere und sogar Wildtiere entwickeln in steigendem Maße chronische Erkrankungen, die bisher vor allem als typisch menschlich galten – darunter Krebs, Diabetes, Adipositas, Arthritis, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Autoimmunleiden.
ÜBERSICHT
- 1 Ein globaler Trend mit vielen Gesichtern
- 2 Genetik als versteckter Risikofaktor
- 3 Umweltgifte wirken über Artengrenzen hinweg
- 4 Ernährung als gemeinsamer Nenner
- 5 Stress – der unterschätzte Krankmacher
- 6 Ein neuer Ansatz: One Health in der Praxis
- 7 Was jeder Einzelne tun kann
- 8 Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Ein globaler Trend mit vielen Gesichtern
Die Parallelen sind nicht zu übersehen. In Industrieländern leiden inzwischen mehr als die Hälfte aller Hunde und Katzen unter Übergewicht, mit allen daraus resultierenden Folgeerkrankungen. Milchkühe in intensiver Haltung entwickeln häufig degenerative Gelenkerkrankungen, die denen der menschlichen Arthrose ähneln. Selbst Wale und Delfine zeigen zunehmend Tumore, die mit der Aufnahme von Mikroplastik und Schwermetallen in Verbindung gebracht werden.
Forscher der Agraruniversität Athen haben diesen Trend nun systematisch untersucht und kommen zu dem Schluss, dass die Ursachen in vier großen Bereichen liegen: genetische Prädisposition durch selektive Züchtung, Umweltverschmutzung, ungesunde Ernährung und chronischer Stress.
Genetik als versteckter Risikofaktor
Jahrzehntelange Zucht auf extreme Merkmale – kurze Nasen bei Möpsen und Bulldoggen, übermäßige Milchleistung bei Kühen oder besonders schnelles Wachstum bei Mastschweinen – hat bei vielen Tierarten die Anfälligkeit für chronische Krankheiten massiv erhöht. Flachgesichtige Hunderassen leiden häufig unter chronischer Atemnot, die wiederum zu Herz und Gefäße belastet. Hochleistungskühe entwickeln durch die enorme Stoffwechselbelastung häufig Stoffwechselstörungen, die denen des menschlichen Typ-2-Diabetes ähneln.
Umweltgifte wirken über Artengrenzen hinweg
Schadstoffe machen vor keiner Spezies Halt. Belastungen durch Pestizide, Schwermetalle, Dioxine und endokrine Disruptoren finden sich inzwischen in der gesamten Nahrungskette wieder. Besonders dramatisch zeigt sich dies bei Meeresbewohnern: In stark belasteten Regionen weisen bis zu 30 Prozent der untersuchten Wale Tumore auf, die histologisch denen beim Menschen entsprechen. Auch Haustiere in Ballungsräumen sind betroffen – Studien aus London und Los Angeles belegen deutlich höhere Krebsraten bei Hunde, die in der Nähe von Hauptverkehrsstraßen leben.
Ernährung als gemeinsamer Nenner
Die Industrialisierung der Tierfütterung hat Parallelen zur menschlichen Ernährungswende. Hochverarbeitetes Trockenfutter für Katzen und Hunde enthält oft große Mengen an Zucker und Stärke, die den Blutzuckerspiegel chronisch erhöhen. Das Ergebnis: In westlichen Ländern ist jede zweite Katze übergewichtig, jede zehnte leidet bereits an Diabetes mellitus – Zahlen, die vor 30 Jahren noch undenkbar waren.
Stress – der unterschätzte Krankmacher
Chronischer Stress schwächt das Immunsystem und fördert Entzündungen, und das nicht nur beim Menschen. Engehaltung in der Massentierhaltung, ständiger Lärm in städtischen Wohnungen oder die Trennung von Artgenossen führen bei Tieren zu dauerhaft erhöhten Cortisolwerten. Die Folge sind Herz-Kreislauf-Probleme, geschwächte Abwehrkräfte und eine höhere Anfälligkeit für Krebserkrankungen.
Ein neuer Ansatz: One Health in der Praxis
Die Studie aus Athen schlägt ein integriertes Überwachungssystem vor, das Daten aus Humanmedizin, Veterinärmedizin und Umweltwissenschaften zusammenführt. Nur so lassen sich Frühwarnsignale erkennen – wenn etwa bestimmte Krebsarten bei Hunden in einer Region plötzlich zunehmen, könnte das ein Hinweis auf neue Umweltbelastungen sein, die bald auch den Menschen betreffen.
Erste Erfolge gibt es bereits: In Skandinavien konnten durch strengere Futtermittelrichtlinien und bessere Haltungsbedingungen die Diabetesraten bei Hunden innerhalb von zehn Jahren um fast 40 Prozent gesenkt werden. In Kalifornien werden Hunde inzwischen systematisch als „Sentinelle“ für Umweltgifte eingesetzt – ihre Tumore liefern oft früher belastbare Daten als menschliche Studien.
Was jeder Einzelne tun kann
Tierbesitzer können viel bewirken. Regelmäßige Gewichtskontrolle, artgerechte Ernährung mit hohem Fleischanteil und wenig Getreide, ausreichend Bewegung und der Verzicht auf Rauchen in Gegenwart von Tieren sind einfache, aber wirksame Maßnahmen. In der Landwirtschaft lohnt sich der Blick auf extensive Haltungsformen: Kühe, die regelmäßig auf die Weide dürfen, haben nachweislich weniger Gelenkprobleme und eine längere Lebenserwartung.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Sind die chronischen Krankheiten bei Tieren ansteckend für Menschen? Nein. Krebs, Diabetes oder Arthrose sind keine Infektionskrankheiten. Allerdings können gemeinsame Ursachen – etwa Schadstoffe in Luft, Wasser und Nahrung – beide Spezies gleichzeitig treffen. Tiere dienen daher oft als frühe Indikatoren für Gefahren, die später auch den Menschen erreichen.
Warum steigen die Krankheitsraten bei Tieren so stark an, obwohl sie doch „natürlicher“ leben als wir? Viele Tiere leben heute alles andere als natürlich. Haustiere essen hochverarbeitetes Fertigfutter, atmen dieselbe Stadtluft wie wir und leiden unter Bewegungsmangel. Nutztiere werden auf Maximalleistung gezüchtet, Wildtiere verlieren Lebensraum und nehmen Schadstoffe auf. Die Lebensbedingungen haben sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert.
Kann man Diabetes bei Katzen und Hunden heilen? Bei Katzen ist eine Heilung in bis zu 70 Prozent der Fälle möglich, wenn frühzeitig auf eine kohlenhydratarme, proteinreiche Ernährung umgestellt wird und das Tier abnimmt. Bei Hunden ist Diabetes meist lebenslang behandlungsbedürftig, kann aber mit Insulin und Diät sehr gut kontrolliert werden.
Spielen Impfungen eine Rolle bei der Zunahme von Krebs bei Tieren? Große Langzeitstudien (u. a. an über 1,2 Millionen Hunden) haben keinen Zusammenhang zwischen regulären Impfungen und Krebsrisiko gefunden. Das Risiko durch nicht geimpfte Infektionskrankheiten ist deutlich höher.
Sind bestimmte Hunderassen besonders gefährdet? Ja. Rassen mit extremer Körperform – Brachyzephale (Kurznasen) wie Mops, Französische Bulldogge oder Perserkatzen – haben ein vielfach erhöhtes Risiko für Atemwegserkrankungen, Herzprobleme und Tumore. Auch sehr große Rassen wie Bernhardiner oder Deutsche Doggen neigen zu Gelenk- und Krebserkrankungen.
Hilft biologisches Futter wirklich gegen chronische Krankheiten? Es reduziert nachweislich die Belastung mit Pestizidrückständen und Schwermetallen. Ob es allein chronische Krankheiten verhindert, hängt von vielen Faktoren ab – entscheidend sind vor allem die Zusammensetzung (wenig Kohlenhydrate, viel tierisches Protein) und die richtige Portionsgröße.
Können Wildtiere von diesen Entwicklungen wieder genesen, wenn wir die Umweltbelastung senken? Ja, es gibt ermutigende Beispiele. In der Nordsee ging die Zahl der Tumorerkrankungen bei Plattfischen nach der Reduzierung von Schadstoffeinträgen deutlich zurück. In Kalifornien erholten sich Seeotter-Populationen, nachdem PCB-Belastungen gesenkt wurden. Die Natur zeigt erstaunliche Regenerationsfähigkeit – wenn wir ihr die Chance geben.
Gibt es Unterschiede zwischen Stadt- und Landtieren bei chronischen Erkrankungen? Ja, und sie sind deutlich. Hunde und Katzen in Großstädten haben nachweislich höhere Raten an Allergien, Atemwegserkrankungen und bestimmten Krebsarten (z. B. Lymphomen), vor allem durch Feinstaub, Abgase und Ozon. Tiere auf dem Land leiden dagegen häufiger unter Parasiten-bedingten chronischen Entzündungen und durch Pestizide ausgelösten Leber- und Nierenschäden. Beide Umgebungen bergen also spezifische Risiken.
Kann Übergewicht bei Tieren rückgängig gemacht werden, ohne dass Gelenke oder Organe dauerhaft geschädigt bleiben? Ja, in den meisten Fällen. Bei kontrollierter, langsamer Gewichtsreduktion (maximal 1–2 % des Körpergewichts pro Woche) verbessern sich Gelenkbeschwerden, Blutzuckerwerte und Herzfunktion oft dramatisch. Studien zeigen, dass bereits 10–15 % Gewichtsverlust bei übergewichtigen Hunden die Lebenserwartung um bis zu zwei Jahre verlängern und Medikamente teilweise überflüssig machen kann.
Spiegeln die Krankheiten bei Haustieren wirklich unsere eigenen Gesundheitsprobleme wider? Ja, teilweise sogar sehr genau. Golden Retriever in den USA entwickeln etwa dieselben Krebsarten von Osteosarkomen wie menschliche Teenager, und die geografische Verteilung stimmt weitgehend überein. Auch die Zunahme von Schilddrüsenunterfunktion bei Katzen verläuft parallel zur Hashimoto-Thyreoiditis beim Menschen. Deshalb werden Hunde und Katzen inzwischen gezielt als „Modellorganismen“ für die Erforschung menschlicher Therapien eingesetzt.
Was können Züchter aktiv tun, um chronische Krankheiten in ihren Linien zu reduzieren? Serious Züchter lassen heute nicht nur auf Hüfte und Ellenbogen röntgen, sondern auch genetische Tests auf erbliche Krebsanfälligkeit, Nierenkrankheiten (PKD bei Katzen), DCM (Herzmuskelerkrankung bei Dobermännern und Boxern) und Diabetes-Risiko durchführen. Wer Tiere mit beiderlei Geschlechts nur dann zur Zucht einsetzt, wenn sie diese Tests bestehen, kann das Auftreten vieler chronischer Erkrankungen innerhalb weniger Generationen massiv senken.
Ist rohes Futter (BARF) automatisch gesünder und schützt es vor chronischen Krankheiten? Nicht automatisch. Rohes Futter kann sehr gesund sein, wenn es ausgewogen und hygienisch einwandfrei ist, aber falsch zusammengesetzt führt es schnell zu Nährstoffmängeln (z. B. Kalzium oder Taurin), die wiederum Herz- und Skeletterkrankungen begünstigen. Entscheidend ist nicht „roh oder gekocht“, sondern die richtige Zusammensetzung und Qualität der Zutaten – idealerweise unter tierärztlicher oder ernährungswissenschaftlicher Begleitung.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen:
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SSBCrack News. (2025, November 17). Study reveals rising chronic diseases in animals linked to environmental changes and genetics. https://news.ssbcrack.com/study-reveals-rising-chronic-diseases-in-animals-linked-to-environmental-changes-and-genetics/
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