Tabakrisiken: Warum das Wissen weltweit kaum wächst

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Dr. Amalia Michailov, Veröffentlicht am: 06.08.2026, Lesezeit: 7 Minuten

Eine neue Analyse von mehr als 240.000 Erwachsenen aus 46 Ländern zeigt, dass Raucherinnen und Raucher zwar seit Jahrzehnten wissen, dass Tabakkonsum Lungenkrebs verursacht, das Wissen über Herz-Kreislauf-Risiken und die Gefahren von Passivrauchen jedoch über zwei Jahrzehnte hinweg kaum zugenommen hat, obwohl Herz-Kreislauf-Erkrankungen weltweit zu den häufigsten Todesursachen zählen.

Die im Fachjournal BMJ Open veröffentlichte Studie kombiniert Daten aus zwei großen internationalen Erhebungsprogrammen: dem International Tobacco Control (ITC) Project, das 26 Länder zwischen 2002 und 2022 begleitete, sowie dem Global Adult Tobacco Survey (GATS), der zwischen 2008 und 2020 in 32 Ländern durchgeführt wurde. Insgesamt flossen Angaben von 133.410 Personen aus den ITC-Kohorten und 110.537 Personen aus den GATS-Erhebungen in die Auswertung ein.

Was die Studie untersucht hat

Die Forschenden um Chung-Hall, Fong und Meng werteten aus, wie gut erwachsene Raucherinnen und Raucher über die gesundheitlichen Folgen von Tabakkonsum und Passivrauchen Bescheid wissen. Im Zentrum standen fünf Wissensindikatoren:

  • Kenntnis, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht
  • Kenntnis, dass Rauchen Herzkrankheiten auslösen kann
  • Kenntnis, dass Rauchen Herzinfarkte verursacht
  • Kenntnis, dass Rauchen Schlaganfälle begünstigt
  • Kenntnis, dass Passivrauchen bei Nichtrauchenden Lungenkrebs sowie Herzerkrankungen auslösen kann

Eingeschlossen wurden Erwachsene ab 18 Jahren, die regelmäßig Zigaretten rauchten; in Bangladesch, Indien und Sambia auch Bidi-Raucherinnen und -Raucher. Die GATS-Stichprobe umfasste zusätzlich Konsumierende anderer brennbarer Tabakprodukte. Mittels verallgemeinerter Schätzgleichungen und gewichteter multinomialer Regressionsmodelle berechnete das Team länderspezifische Trends über die jeweiligen Erhebungszeiträume.

Die zentralen Ergebnisse im Überblick

Auf Basis der jeweils aktuellsten verfügbaren Erhebung pro Land zeigte sich ein klares Muster: Das Bewusstsein für Lungenkrebs als Folge des Rauchens war hoch, während das Wissen über Herz-Kreislauf-Risiken deutlich zurückblieb.

Aktives Rauchen

  • Lungenkrebsrisiko bekannt: 92,2 Prozent (ITC) und 91,9 Prozent (GATS)
  • Herzkrankheiten als Folge bekannt: 84,7 Prozent (ITC)
  • Herzinfarktrisiko bekannt: 80,0 Prozent (GATS)
  • Schlaganfallrisiko bekannt: nur 75,0 Prozent (ITC) beziehungsweise 66,1 Prozent (GATS)

Passivrauchen

  • Lungenkrebsrisiko für Nichtrauchende bekannt: 77,3 Prozent (ITC) und 82,1 Prozent (GATS)
  • Herzinfarktrisiko durch Passivrauchen bekannt: nur 61,8 Prozent (ITC)
  • Herzkrankheitsrisiko durch Passivrauchen bekannt: 72,5 Prozent (GATS)

Über beide Ländergruppen hinweg lag die durchschnittliche jährliche Veränderung des Wissensstands über alle fünf Indikatoren bei lediglich 0,14 Prozentpunkten; das entspricht faktisch einer Stagnation. Interessant: Das Wissen um das Schlaganfallrisiko war der einzige Indikator, der in beiden Datensätzen im Mittel leicht anstieg, während das Wissen über den Zusammenhang von Rauchen und Lungenkrebs in beiden Gruppen sogar geringfügig zurückging.

Große Unterschiede zwischen einzelnen Ländern

Auch wenn der globale Durchschnitt kaum Bewegung zeigt, verbergen sich dahinter sehr unterschiedliche nationale Entwicklungen.

Wissenszuwachs beim Lungenkrebsrisiko

In China, den Niederlanden, Bangladesch und Indien stieg das Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs signifikant an. In Japan, Deutschland, Frankreich, Rumänien, Russland und der Türkei war hingegen ein rückläufiger Trend zu beobachten.

Wissen über Passivrauchen

Bei der Kenntnis, dass Passivrauchen bei Nichtrauchenden Lungenkrebs auslösen kann, verzeichneten Australien, China, Indien, Bangladesch und Thailand signifikante Zuwächse. In Deutschland, Neuseeland, Frankreich und Uruguay nahm das entsprechende Wissen dagegen ab.

Beim Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Herzinfarkt stieg das Wissen in Bangladesch, Indien, den Niederlanden, Kenia und China signifikant, während es in Australien, Malaysia, Japan und Neuseeland zurückging. Unter den GATS-Ländern war Vietnam das einzige Land, in dem beide erfassten Passivrauch-Indikatoren gleichzeitig deutlich zunahmen.

Korrelation zwischen den Erhebungssystemen

In den zwölf Ländern, die sowohl an ITC- als auch an GATS-Erhebungen teilnahmen, korrelierten die Schätzungen für die drei Indikatoren des aktiven Rauchens stark und statistisch signifikant. Für die beiden Passivrauch-Indikatoren fiel die Korrelation moderater aus und erreichte keine statistische Signifikanz, was teilweise daran liegt, dass hierfür nur sieben Länder direkt vergleichbar waren.

Warum Wissen allein nicht ausreicht

Die Autorinnen und Autoren betonen, dass Wissen über Gesundheitsrisiken eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für eine Verhaltensänderung ist. Ohne Selbstwirksamkeit und unterstützende, rauchfreie Umgebungen bleibt reine Aufklärung häufig wirkungslos. Wer zusätzlich das Gefühl hat, den Ausstieg tatsächlich schaffen zu können, und in einem Umfeld lebt, das rauchfreies Verhalten erleichtert, ist eher bereit, einen Rauchstopp zu wagen.

Praktische Konsequenzen für die Tabakprävention

Aus den Ergebnissen lassen sich mehrere konkrete Handlungsfelder für Gesundheitsbehörden und politische Entscheidungsträger ableiten:

  1. Deutlichere und regelmäßig erneuerte Warnhinweise auf Tabakverpackungen, die gezielt Herz-Kreislauf-Risiken thematisieren
  2. Massenmediale Aufklärungskampagnen, die über Lungenkrebs hinaus auch Herzinfarkt und Schlaganfall in den Mittelpunkt rücken
  3. Konsequent durchgesetzte Rauchverbote in öffentlichen Räumen, um Passivrauchen wirksam einzudämmen
  4. Gezielte Ansprache jener Länder, in denen das Risikobewusstsein nachweislich zurückgeht, etwa durch angepasste, kultursensible Kommunikationsstrategien

Grenzen der Studie

Die Ergebnisse beziehen sich ausschließlich auf Personen, die zum Zeitpunkt der Befragung aktiv Tabak konsumierten, und lassen sich nicht ohne Weiteres auf die Gesamtbevölkerung übertragen. Zudem beruhen die Angaben auf Selbstauskünften, die durch Erinnerungsfehler oder sozial erwünschtes Antwortverhalten verzerrt sein können. Einige ITC-Erhebungen wiesen zudem niedrige Rücklaufquoten auf, und nur eine begrenzte Zahl von Ländern erlaubte einen direkten Vergleich zwischen den beiden Erhebungssystemen.

Für künftige Forschung schlagen die Autorinnen und Autoren vor, systematisch zu untersuchen, wie Inhalt, Größe und Platzierung von Warnhinweisen sowie andere tabakpolitische Maßnahmen mit dem tatsächlichen Wissensstand der Bevölkerung zusammenhängen.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Warum ist das Wissen über Herzrisiken geringer als über Lungenkrebs, obwohl beide durch Rauchen verursacht werden? Lungenkrebs wird seit Jahrzehnten als das zentrale Symbolbild der Tabakprävention genutzt, sodass der Zusammenhang kulturell tief verankert ist. Herzinfarkt und Schlaganfall gelten in der öffentlichen Wahrnehmung oft eher als Folgen von Ernährung, Bewegungsmangel oder genetischer Veranlagung, weshalb der Bezug zum Rauchen seltener hergestellt wird.

Welche Rolle spielt Passivrauchen für Menschen, die selbst nicht rauchen? Passivrauchen erhöht nachweislich das Risiko für Lungenkrebs, Herzinfarkt und weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Menschen, die selbst keinen Tabak konsumieren, insbesondere bei regelmäßigem Kontakt in Innenräumen wie Wohnungen, Fahrzeugen oder Arbeitsplätzen ohne konsequente Rauchverbote.

Bedeutet ein Rückgang des Wissens in Ländern wie Deutschland oder Frankreich, dass die Tabakprävention dort versagt hat? Ein rückläufiger Trend kann verschiedene Ursachen haben, etwa nachlassende mediale Aufmerksamkeit für das Thema, veränderte Kampagnenschwerpunkte oder eine Verschiebung hin zu neueren Produkten wie E-Zigaretten, die das Risikobewusstsein für klassische Zigaretten unbeabsichtigt verwässern können.

Kann individuelles Wissen über Risiken allein zum Rauchstopp motivieren? Studien zeigen, dass Wissen ein wichtiger, aber kein ausreichender Faktor ist. Entscheidend sind zusätzlich das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, mit dem Rauchen aufzuhören, sowie ein unterstützendes Umfeld mit rauchfreien öffentlichen Räumen und Zugang zu Entwöhnungsprogrammen.

Welche Länder zeigen die positivsten Entwicklungen beim Risikobewusstsein? Bangladesch, Indien und China gehören zu den wenigen Ländern, in denen das Wissen über mehrere Indikatoren hinweg gleichzeitig zunahm, sowohl bei den Risiken des aktiven Rauchens als auch beim Passivrauchen; in allen drei Ländern stieg beispielsweise sowohl das Wissen über das Lungenkrebsrisiko durch aktives Rauchen als auch über das Lungenkrebsrisiko durch Passivrauchen signifikant an. Auch die Niederlande verzeichneten einen deutlichen Zuwachs beim Wissen über den Zusammenhang zwischen aktivem Rauchen und Lungenkrebs sowie beim Passivrauch-Herzinfarktrisiko. Unter den GATS-Ländern war Vietnam das einzige Land mit signifikanten Zuwächsen bei beiden erfassten Passivrauch-Indikatoren gleichzeitig, was auf besonders wirksame nationale Aufklärungsmaßnahmen im untersuchten Zeitraum hindeuten könnte. Bemerkenswert ist, dass diese positiven Entwicklungen überwiegend in Ländern mit vergleichsweise jungen, umfassenden Tabakkontrollprogrammen auftraten, während etablierte Industrienationen mit historisch früher eingeführten Maßnahmen eher stagnierende oder rückläufige Trends zeigten.

Quellen

Chung-Hall, J., Fong, G. T., Meng, G., et al. (2026). Changes in knowledge of the major harms of tobacco smoking and secondhand smoke exposure among adults who smoke: Findings from 26 countries of the International Tobacco Control (ITC) Project (2002-2022) and 32 countries of the Global Adult Tobacco Survey (GATS) (2008-2020). BMJ Open, 16, e107667. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2025-107667

Toshniwal Paharia, P. (2026, August 5). Global surveys reveal little progress in tobacco risk awareness over two decades. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20260805/Global-surveys-reveal-little-progress-in-tobacco-risk-awareness-over-two-decades.aspx

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