In einer großangelegten, erstmals bundesweiten multizentrischen Phase-III-Studie, die in der März-Ausgabe 2026 des Journal of the National Comprehensive Cancer Network veröffentlicht wurde, hat sich gezeigt, dass ein individuell angepasstes, strukturiertes Bewegungsprogramm mit Gehen und einfachen Widerstandsband-Übungen Patientinnen und Patienten, die eine Chemotherapie in zweiwöchigen Zyklen erhalten, dabei unterstützt, kognitive Beeinträchtigungen zu reduzieren, geistige Klarheit zu bewahren und alltägliche Aufgaben, berufliche Tätigkeiten sowie soziale Interaktionen besser zu meistern, ohne die häufig berichteten Einschränkungen durch sogenanntes Chemobrain.
ÜBERSICHT
- 1 Hintergrund und Studiendesign
- 2 Die EXCAP-Methode im Detail
- 3 Wichtige Ergebnisse der Studie
- 4 Expertenkommentare und klinische Bedeutung
- 5 Implikationen für die onkologische Praxis
- 6 Unterschiede zwischen Chemotherapie-Zyklen
- 7 Praktische Umsetzungshinweise aus der Studie
- 8 Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Hintergrund und Studiendesign
Die Untersuchung umfasste 687 Patientinnen und Patienten aus 20 onkologischen Gemeinschaftspraxen in den USA, die Teil des University of Rochester Cancer Center NCI Community Oncology Research Program (NCORP) waren. Alle Teilnehmenden hatten keine Fernmetastasen, die Mehrheit waren Frauen, hatten bereits eine Operation hinter sich und litten überwiegend an Brustkrebs; sie erhielten zum ersten Mal eine Chemotherapie und wurden zwischen 2009 und 2014 in die Studie aufgenommen.
Das randomisierte kontrollierte Design teilte die Probanden in zwei Gruppen: eine Interventionsgruppe, die zusätzlich zum üblichen Chemotherapie-Regime das Exercise for Cancer Patients (EXCAP ©®)-Programm erhielt, und eine Kontrollgruppe unter Standardversorgung. Die EXCAP-Methode bestand aus individuell zugeschnittenen Geh- und Widerstandsband-Übungen, die Patientinnen und Patienten in einer Teach-back-Methode erlernten, um korrekte Ausführung zu gewährleisten.
Die EXCAP-Methode im Detail
Teilnehmende der Interventionsgruppe protokollierten täglich ihre Schritte mit einem Pedometer und führten ein Tagebuch über die Dauer der Widerstandsband-Aktivitäten. Dieses niedrigschwellige, heim-basierte Programm war so konzipiert, dass es auch bei bestehender Erschöpfung oder Nebenwirkungen der Chemotherapie umsetzbar blieb und keine zusätzlichen Kosten oder Klinikbesuche erforderte.
Die Forscher betonten, dass Patientinnen und Patienten ohne strukturiertes Bewegungsprogramm ihre tägliche Gehaktivität während der Chemotherapie um 53 Prozent reduzierten. Dies führte zu messbar stärkeren Einschränkungen in Denken, Gedächtnis und mentaler Ausdauer.
Wichtige Ergebnisse der Studie
Bei Patientinnen und Patienten mit zweiwöchigen Chemotherapie-Zyklen zeigte die EXCAP-Gruppe signifikant weniger Gesamtkognitive Beeinträchtigung, geringere wahrgenommene kognitive Einschränkungen und weniger mentale Erschöpfung im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die Effekte blieben in Gruppen mit drei- bis vierwöchigen Zyklen hingegen nicht signifikant.
Die Autoren führen dies darauf zurück, dass zweiwöchige Zyklen offenbar den optimalen Erholungszeitraum bieten, um regelmäßige Bewegung aufrechtzuerhalten, während längere Intervalle durch kumulative Nebenwirkungen wie extreme Müdigkeit, Muskelschwäche oder Übelkeit die Teilnahme erschweren. Die Studie ist die erste ihrer Art, die diesen Zusammenhang in einer Phase-III-Designs landesweit untersucht hat.
Expertenkommentare und klinische Bedeutung
Karen M. Mustian, PhD, MPH, Co-Erstautorin vom Wilmot Cancer Institute am University of Rochester Medical Center, fasste zusammen: „Das bedeutet, dass ein sicheres, einfaches Bewegungsprogramm ein wichtiger Bestandteil der supportiven Versorgung für Menschen unter Chemotherapie sein kann. Krebsversorger sollten strukturierte, heim-basierte Bewegungsverschreibungen wie Gehen und Widerstandsband-Übungen in die routinemäßige Chemotherapie-Behandlung integrieren.“
Ihr Kollege Po-Ju Lin, PhD, MPH, RD, ergänzte: „Es war auffällig zu sehen, dass Patientinnen und Patienten ohne strukturiertes Bewegungsprogramm ihre tägliche Gehaktivität oft um die Hälfte reduzieren und deutliche Zunahmen von Problemen beim Denken, Gedächtnis und mentaler Erschöpfung erleben.“ Nicht-pharmakologische Interventionen wie Bewegung seien sicher, zugänglich und kostengünstig.
Lindsay L. Peterson, MD, MSCR, Onkologin an der Washington University School of Medicine in St. Louis und nicht an der Studie beteiligt, hob hervor: „Viele Patientinnen und Patienten, die eine Chemotherapie benötigen, sorgen sich um Chemobrain. Diese Studie bietet ermutigende Nachrichten: Es gibt etwas, das Patientinnen und Patienten tun können, um ihr Risiko für kognitive Beeinträchtigungen während der Chemotherapie zu senken – Bewegung!“
Sie verwies zudem auf die NCCN-Leitlinien zur Survivorship, die routinemäßige körperliche Aktivität bei krebsbedingten kognitiven Dysfunktionen empfehlen und detaillierte Sicherheitsinformationen für Bewegung enthalten.
Implikationen für die onkologische Praxis
Die Ergebnisse unterstreichen, dass strukturierte Bewegung nicht nur langfristig das Überleben fördert, sondern bereits während der aktiven Behandlung die kognitive Resilienz stärkt. Dies ist besonders relevant für die Erhaltung von Unabhängigkeit, Berufstätigkeit und familiärer Verantwortung.
Onkologische Teams sollten kognitive und Erschöpfungssymptome regelmäßig überwachen und bei Bedarf an spezialisierte Exercise-Oncology-Experten verweisen, um individuelle Anpassungen vorzunehmen. Die Studie liefert damit eine evidenzbasierte Grundlage für die Integration niedrigschwelliger, heim-basierter Programme in die Standardversorgung.
Unterschiede zwischen Chemotherapie-Zyklen
Die Analyse zeigte klar, dass der Nutzen der Bewegung stark vom Chemotherapie-Rhythmus abhängt. Während zweiwöchige Zyklen Patientinnen und Patienten ausreichend Erholungszeit ließen, um Gehen und Widerstandsübungen fortzusetzen, führten längere Zyklen zu stärkeren kumulativen Nebenwirkungen, die eine konsequente Teilnahme erschwerten.
Zukünftige Forschungen sollen die Erkenntnisse auf breitere Patientengruppen ausdehnen. Dennoch bietet die aktuelle Evidenz bereits jetzt konkrete Handlungsoptionen für die Mehrheit der Betroffenen mit häufigen Brustkrebs-Behandlungsregimen.
Praktische Umsetzungshinweise aus der Studie
Im Rahmen der EXCAP-Intervention lernten Teilnehmende durch Rückmeldungstechniken die korrekte Ausführung von Geh- und Bandübungen. Tägliche Schrittzählung und Aktivitätsprotokolle halfen, die Adhärenz zu sichern und Fortschritte sichtbar zu machen.
Solche Maßnahmen erfordern keine teuren Geräte und können parallel zur medikamentösen Therapie erfolgen. Die Studie belegt damit, dass bereits moderate, strukturierte Aktivität ausreicht, um kognitive Funktion bei Chemotherapie-Patienten signifikant zu stabilisieren.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was versteht man unter Chemobrain und wie äußert es sich? Chemobrain bezeichnet die von Patientinnen und Patienten häufig berichteten kognitiven Veränderungen wie Gedächtnisprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten und mentale Erschöpfung während oder nach einer Chemotherapie. Diese Beeinträchtigungen können die Lebensqualität erheblich mindern, sind jedoch nicht bei allen Betroffenen gleich stark ausgeprägt und lassen sich durch nicht-medikamentöse Ansätze wie Bewegung teilweise mildern.
Gilt die positive Wirkung der Bewegung auch für andere Krebsarten? Die Studie konzentrierte sich vorwiegend auf Brustkrebs-Patientinnen und -Patienten ohne Fernmetastasen, liefert jedoch erste Hinweise, dass strukturierte Programme grundsätzlich bei soliden Tumoren mit ähnlichen Chemotherapie-Regimen hilfreich sein können. Weitere Forschung zu anderen Entitäten ist notwendig, um die Generalisierbarkeit zu bestätigen.
Wie unterscheidet sich EXCAP von allgemeiner Empfehlung zu Sport? EXCAP ist ein standardisiertes, individualisiertes Rezept mit spezifischen Geh- und Widerstandsband-Komponenten, täglicher Dokumentation und Teach-back-Schulung. Im Gegensatz zu pauschalen Sportempfehlungen gewährleistet es messbare Adhärenz und wurde in einer randomisierten Phase-III-Studie auf Wirksamkeit geprüft.
Welche Rolle spielen die NCCN-Leitlinien bei kognitiven Beschwerden? Die NCCN-Leitlinien zur Survivorship empfehlen explizit routinemäßige körperliche Aktivität bei krebsbedingten kognitiven Dysfunktionen und enthalten zugleich Sicherheitsaspekte für die Umsetzung. Sie unterstreichen, dass zugängliche Interventionen wie EXCAP nicht nur langfristig, sondern bereits während der Behandlung die mentale Resilienz fördern können.
Können Patientinnen und Patienten mit starken Nebenwirkungen trotzdem profitieren? Die Studie zeigte, dass selbst bei bestehender Erschöpfung und Nebenwirkungen die strukturierte, niedrigschwellige Form der Bewegung machbar blieb und vor allem in zweiwöchigen Zyklen kognitive Vorteile brachte. Individuelle Anpassung durch Fachkräfte ist hier entscheidend, um Überlastung zu vermeiden.
Ist Bewegung während der Chemotherapie sicher, auch bei starken Nebenwirkungen wie Übelkeit oder starker Erschöpfung? Ja, die EXCAP-Intervention wurde bewusst niedrigschwellig und heim-basiert gestaltet, um auch bei typischen Chemotherapie-Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Muskelschwäche oder Übelkeit machbar zu bleiben. Individuelle Anpassung durch Onkologen oder Exercise-Oncology-Spezialisten ist entscheidend; viele Patientinnen und Patienten konnten moderate Aktivität (z. B. kürzere Spaziergänge) fortsetzen, ohne die Sicherheit zu gefährden. Die NCCN-Leitlinien enthalten explizite Sicherheitsempfehlungen für körperliche Aktivität während der Behandlung.
Wie lange sollte man das Bewegungsprogramm idealerweise durchführen, um kognitive Vorteile zu erzielen? Die Studie zeigte klare Vorteile bereits während der aktiven Chemotherapie-Phase, insbesondere bei zweiwöchigen Zyklen. Die tägliche Integration von Gehen und Widerstandsübungen über die gesamte Behandlungsdauer (oft mehrere Monate) half, kognitive Beeinträchtigungen zu minimieren. Langfristig unterstützen die NCCN-Survivorship-Leitlinien kontinuierliche moderate Aktivität auch nach Abschluss der Therapie, um kognitive Funktion und Lebensqualität nachhaltig zu erhalten.
Gibt es Alternativen oder Ergänzungen zur Bewegung, die bei Chemobrain ebenfalls helfen können? Neben Bewegung zeigen evidenzbasierte nicht-medikamentöse Ansätze wie kognitive Trainingsprogramme (z. B. computergestützte Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsübungen), Achtsamkeits- oder Entspannungstechniken sowie organisatorische Hilfsmittel (Kalender, Notizen) positive Effekte auf kognitive Symptome. Diese Methoden können Bewegung ergänzen; Studien deuten darauf hin, dass eine Kombination aus körperlicher Aktivität und kognitiver Stimulation besonders wirksam sein kann, wobei Bewegung derzeit die stärkste Evidenz als supportive Maßnahme während der Chemotherapie aufweist.
Quellen
Mustian, K. M., Lin, P.-J., et al. (2026). Effects of exercise on cognitive impairment in patients receiving chemotherapy: A multicenter phase III randomized controlled trial. Journal of the National Comprehensive Cancer Network, 24(3). https://doi.org/10.6004/jnccn.2025.7118
National Comprehensive Cancer Network. (2026). Structured exercise helps chemotherapy patients maintain cognitive function and mental clarity [Pressemitteilung]. https://www.nccn.org/
News-Medical.net. (2026, 12. März). Structured exercise helps chemotherapy patients maintain cognitive function and mental clarity. https://www.news-medical.net/news/20260312/Structured-exercise-helps-chemotherapy-patients-maintain-cognitive-function-and-mental-clarity.aspx






