Eine große internationale Übersichtsarbeit legt nahe, dass ein höherer Body-Mass-Index, kurz BMI, mit einem erhöhten Krebsrisiko bei deutlich mehr Tumorarten verbunden ist als bisher in großen Konsensberichten anerkannt wurde, und sie zeigt zugleich, warum Adipositas, Bauchfett und langfristige Gewichtszunahme stärker als Teil der Krebsprävention verstanden werden müssen.
ÜBERSICHT
- 1 Was die neue Analyse zeigt
- 2 Die stärksten Zusammenhänge
- 3 Nicht jede Zahl bedeutet Kausalität
- 4 Warum Adipositas Krebs fördern kann
- 5 Region und Geschlecht verändern das Bild
- 6 BMI oder Bauchumfang?
- 7 Was das für Prävention bedeutet
- 8 Was die Studie nicht beantworten kann
- 9 Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was die neue Analyse zeigt
Die in Nature Metabolism veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse bündelte Daten aus 226 prospektiven Studien, die bis zum 23. April 2025 in PubMed, Embase und Scopus identifiziert wurden. Insgesamt flossen 1.520.512 neu aufgetretene Krebsfälle ein.
Die Forschenden untersuchten 25 häufige Krebsarten und standardisierten die Ergebnisse auf eine BMI-Zunahme von 5 kg/m². Das ist etwa der Unterschied zwischen einem BMI von 25 und 30, also zwischen der Schwelle zu Übergewicht und der Schwelle zu Adipositas.
Das zentrale Ergebnis ist deutlich: Ein höherer BMI war mit einem höheren Krebsrisiko bei 19 Krebsarten verbunden. Frühere Berichte von WCRF und IARC hatten den Zusammenhang zwischen Übergewicht, Adipositas und Krebs vor allem für 13 Krebsarten als gesichert eingeordnet.
Die stärksten Zusammenhänge
Am stärksten war die Assoziation beim Gebärmutterkörperkrebs. Pro 5 kg/m² höherem BMI stieg das relative Risiko um 58 Prozent. Beim Adenokarzinom der Speiseröhre lag der Anstieg bei 47 Prozent.
Weitere klare Zusammenhänge betrafen unter anderem Nierenkrebs, Gallenblasenkrebs, Leberkrebs, Magenkrebs im Bereich der Kardia, Darmkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs, Schilddrüsenkrebs, Eierstockkrebs, Meningeome, multiples Myelom und Brustkrebs nach der Menopause.
Neu besonders relevant sind vier Krebsarten, die in früheren großen Konsensberichten nicht als eindeutig BMI-assoziiert galten: Leukämie, Non-Hodgkin-Lymphom, Blasenkrebs bei lebenslangen Nichtrauchern und Gliom. Die Effekte waren hier kleiner, aber statistisch nachweisbar: etwa 9 Prozent höheres Risiko für Leukämie, 5 Prozent für Non-Hodgkin-Lymphom, 4 Prozent für Blasenkrebs und 3 Prozent für Gliom pro 5 kg/m² höherem BMI.
Nicht jede Zahl bedeutet Kausalität
Die Studie ist stark, weil sie prospektive Kohorten zusammenführt, also Menschen über Zeit beobachtet, statt Erkrankte rückblickend zu befragen. Dennoch bleibt ein Großteil der Daten beobachtend. Das bedeutet: Sie zeigen robuste Zusammenhänge, beweisen aber nicht für jede Krebsart allein, dass höheres Körpergewicht direkt die Ursache ist.
Um die kausale Deutung zu stärken, werteten die Autorinnen und Autoren auch Mendelsche Randomisierungsstudien aus. Diese genetischen Analysen nutzten Varianten, die mit lebenslang höherem BMI zusammenhängen. Die genetische Evidenz stützte viele, aber nicht alle beobachteten Beziehungen; besonders belastbar war sie unter anderem für Gebärmutterkörperkrebs, Speiseröhren-Adenokarzinom, Nierenkrebs, Gallenblasenkrebs, Leberkrebs, Meningeom, Darmkrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Einige Ergebnisse bleiben vorsichtig zu lesen. Für Brustkrebs vor der Menopause, Lungenkrebs bei Nichtrauchern und Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre wurden inverse Assoziationen beschrieben. Das sollte nicht als Schutzwirkung von Übergewicht interpretiert werden, sondern als Hinweis auf komplexe biologische und methodische Zusammenhänge, etwa Lebensphasen des Gewichts, Tumorsubtypen oder Restverzerrungen.
Warum Adipositas Krebs fördern kann
Biologisch ist der Zusammenhang zwischen Adipositas und Krebs plausibel. Fettgewebe ist nicht nur Energiespeicher, sondern ein aktives hormonelles und entzündliches Organ.
Mehr Körperfett kann chronische Entzündung fördern, Insulin- und IGF-Signalwege verändern und die Verfügbarkeit von Sexualhormonen beeinflussen. Nach der Menopause produziert Fettgewebe über Aromatisierung zusätzliche Östrogene, was für Brustkrebs und Gebärmutterkörperkrebs relevant sein kann.
Bei anderen Krebsarten kommen organspezifische Mechanismen hinzu. Beim Speiseröhren-Adenokarzinom kann höheres Gewicht Reflux begünstigen. Bei Leberkrebs spielt nichtalkoholische Fettlebererkrankung eine Rolle. Bei Gallenblasenkrebs können Gallensteine und entzündliche Prozesse beteiligt sein.
Region und Geschlecht verändern das Bild
Die Analyse zeigt, dass Krebsrisiko durch BMI nicht überall gleich aussieht. Für postmenopausalen Brustkrebs war das relative Risiko pro 5 kg/m² BMI-Zunahme in Ostasien höher als in Europa: 1,25 gegenüber 1,11. Auch bei Eierstockkrebs und Schilddrüsenkrebs wurden stärkere Zusammenhänge in ostasiatischen Kohorten beobachtet.
Bei Gallenblasenkrebs war das Muster anders: Die Assoziation war in Ostasien schwächer als in Europa und Nordamerika. Die Forschenden nennen Unterschiede bei Gallensteinformen, hormonellen Faktoren, Tumorsubtypen und Hintergrundrisiken als mögliche Erklärungen.
Auch das Geschlecht spielte eine Rolle. Beim Darmkrebs war der Zusammenhang bei Männern stärker: relatives Risiko 1,17 pro 5 kg/m² höherem BMI, verglichen mit 1,06 bei Frauen. Bei Gallenblasenkrebs war die Assoziation dagegen bei Frauen stärker als bei Männern.
BMI oder Bauchumfang?
Der BMI ist einfach zu erheben, aber ungenau. Er unterscheidet nicht zwischen Fettmasse, Muskelmasse und Fettverteilung. Der Bauchumfang gilt oft als besserer Hinweis auf viszerales Fett, also Fett in der Bauchhöhle.
Die Metaanalyse fand jedoch, dass BMI und Bauchumfang auf Bevölkerungsebene sehr ähnliche Aussagen zum Krebsrisiko liefern. In acht Studien mit bis zu 2,2 Millionen Teilnehmenden und 122.000 Krebsfällen lagen die Unterschiede der Risikoschätzungen meist gering.
Für die Praxis heißt das: BMI und Bauchumfang sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Zusammen mit Blutdruck, Blutzucker, Blutfetten, Familiengeschichte und Lebensstil ergeben sie ein nützlicheres Risikobild.
Was das für Prävention bedeutet
Die Studie macht Adipositas nicht zum einzigen oder wichtigsten Krebsfaktor. Rauchen, Alkohol, Infektionen, UV-Strahlung, Umweltfaktoren, Genetik und Alter bleiben entscheidend. Aber Übergewicht und Adipositas gehören zu den veränderbaren Risikofaktoren, die in vielen Ländern zunehmen.
Weltweit lebten 2022 nach Angaben der WHO 2,5 Milliarden Erwachsene mit Übergewicht, darunter 890 Millionen mit Adipositas. Im selben Jahr wurden nach IARC-Schätzungen rund 20 Millionen neue Krebsfälle und 9,7 Millionen Krebstodesfälle registriert. Schon kleine Verschiebungen in veränderbaren Risiken können deshalb auf Bevölkerungsebene große Wirkung haben.
Praktisch sinnvoll sind keine extremen Programme, sondern dauerhafte, medizinisch vertretbare Veränderungen:
- Gewichtsentwicklung regelmäßig beobachten, besonders im Erwachsenenalter.
- Bauchumfang zusätzlich zum BMI erfassen.
- 150 bis 300 Minuten moderate Bewegung pro Woche anstreben, ergänzt durch Muskeltraining.
- Ballaststoffreiche Ernährung mit Vollkorn, Gemüse, Hülsenfrüchten, Obst, Nüssen und Samen bevorzugen.
- Zuckerreiche Getränke, stark verarbeitete Lebensmittel, Alkohol sowie rotes und verarbeitetes Fleisch begrenzen.
- Vorsorgeuntersuchungen alters- und risikogerecht wahrnehmen.
- Bei Adipositas, Diabetes, Fettleber oder starkem Bauchfett ärztlich beraten lassen.
Was die Studie nicht beantworten kann
Die Datenlage ist trotz ihrer Größe ungleich verteilt. Keine prospektiven Krebsinzidenzstudien in der Analyse stammten aus Afrika, Süd- oder Zentralamerika, Osteuropa, Süd- oder Zentralasien, der Karibik oder den pazifischen Inseln. Auch die genetischen Daten kamen überwiegend aus Populationen europäischer Abstammung.
Damit bleibt offen, wie gut sich alle Risikoschätzungen auf unterrepräsentierte Regionen, soziale Gruppen und ethnische Hintergründe übertragen lassen. Die Autorinnen und Autoren fordern daher mehr langfristige Kohorten in bislang wenig untersuchten Bevölkerungen.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Bedeutet ein höherer BMI automatisch, dass man Krebs bekommt?
Nein. Ein höherer BMI erhöht bei mehreren Krebsarten das statistische Risiko, ist aber keine individuelle Vorhersage. Viele Menschen mit Adipositas bekommen keinen Krebs, und viele Krebsfälle entstehen bei Menschen ohne Adipositas.
Welche Krebsarten zeigten die stärksten BMI-Zusammenhänge?
Die stärksten relativen Anstiege wurden für Gebärmutterkörperkrebs und Speiseröhren-Adenokarzinom berichtet. Ebenfalls deutlich waren die Zusammenhänge bei Nieren-, Gallenblasen-, Leber- und Magenkardiakrebs.
Ist Bauchfett wichtiger als BMI?
Bauchfett ist metabolisch relevant, aber in dieser Metaanalyse lieferten BMI und Bauchumfang insgesamt ähnliche Risikoschätzungen. In der ärztlichen Praxis ist die Kombination beider Werte hilfreicher als ein einzelner Messwert.
Kann Gewichtsverlust das Krebsrisiko senken?
Für einige Risikofaktoren spricht viel dafür, dass ein gesünderes Gewicht günstig ist. Wie stark Gewichtsverlust das Risiko einzelner Krebsarten senkt, hängt jedoch von Alter, Dauer der Adipositas, Stoffwechselgesundheit und Krebsart ab; für manche Fragen fehlen noch Langzeitdaten.
Was ist der wichtigste praktische Schritt?
Der wichtigste Schritt ist, Gewichtszunahme im Erwachsenenalter zu vermeiden oder früh zu begrenzen. Bewegung, ballaststoffreiche Ernährung, weniger Alkohol und regelmäßige Vorsorge wirken zusammen stärker als eine einzelne Maßnahme.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
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