Donald Trump wandte sich in seiner martialischen Fernsehansprache vom 2. April 2026 an die Weltöffentlichkeit: Man sei „auf Kurs“, die militärischen Ziele „sehr bald“ zu erreichen. Der Iran werde „auf das Niveau der Steinzeit zurückgebombt“. Die Wirtschaft sei stark, Amerika gewinne. Ein Präsident, der Sieg verkündet, tut das gewöhnlich dann, wenn der Sieg noch aussteht. Zur selben Zeit trat Verteidigungsminister Pete Hegseth mit einer Doktrin an die Öffentlichkeit, die er „Greater North America“ nannte: eine amerikanische Sicherheitszone, die von Grönland über den Panamakanal bis Venezuela reicht.
Beides zusammen – der stockende Luftkrieg im Iran und die imperiale Expansion in die westliche Hemisphäre – könnte wie das Bild eines überforderten Präsidenten wirken, der zu viele Fronten gleichzeitig eröffnet. Diese Lesart ist weit verbreitet. Sie ist möglicherweise falsch. Die folgende Analyse entwickelt eine Gegenposition: dass Trump’s Handeln eine innere Logik besitzt, die über spontanes Chaos hinausgeht. Ob diese Logik bewusst oder strukturell ist – ob Trump als genialischer Stratege agiert oder als nützliches Werkzeug dient – bleibt dabei bewusst offen. Fest steht: Die Folgen seiner Politik begünstigen bestimmte Interessengruppen in einer Weise, die es lohnt, genauer zu betrachten.
„Ein Präsident, der Sieg verkündet, verkündet ihn gewöhnlich dann, wenn der Sieg noch aussteht. “
John J. Mearsheimer, The Great Delusion (2018)
ÜBERSICHT
- 1 Die Geographie des Scheiterns
- 2 Die Kernfrage lautet nicht, ob dieser Krieg militärisch gewonnen werden kann. Die Kernfrage lautet: Wer profitiert, wenn er verloren wird?
- 3 Die Straße von Hormus – Ein Engpass mit globaler Wirkung
- 4 Das Petrodollar-System und seine Risse
- 5 Trump als Katalysator – Die Rolle der Tech-Milliardäre
- 6 Zwei Szenarien im Vergleich
- 7 Das Modell: Nordamerika als autarke Festung
- 8 Die menschlichen Kosten und die Frage der Verantwortung
Die Geographie des Scheiterns
Ein Bodenkrieg gegen den Iran ist geografisch eine der anspruchsvollsten militärischen Operationen. Der Iran ist viermal so groß wie der Irak, hat 90 Millionen Einwohner. Im Westen erheben sich die Zagros-Gebirge, die optimale Bedingungen für Guerillakriegführung bieten. Drohnenangriffe aus Höhlenstellungen, das Verschwinden ganzer Einheiten im Gelände, die systematische Zerstörung von Nachschublinien – die Topografie begünstigt die Verteidiger massiv.
Die Zahlen verdeutlichen das strukturelle Missverhältnis: Die USA verfügen über etwa 50.000 Soldaten in der gesamten Nahost-Region. Schätzungen zufolge wären für die Einnahme und Kontrolle des Iran drei bis vier Millionen Soldaten erforderlich – bei einer Gesamtstärke des US-Militärs von rund 1,3 Millionen eine arithmetisch unmögliche Gleichung.
Hinzu kommt: Iran bereitet sich seit 25 Jahren spezifisch auf dieses Szenario vor. Unterirdische Raketenstützpunkte in Bergmassiven, Waffensysteme zur Bekämpfung von Hubschraubern und Konvois, dezentral gelagerte Munitionsdepots – von denen im bisherigen Luftkrieg nur ein Bruchteil aktiviert wurde. Was jetzt gezeigt wird, ist nicht der volle Umfang des iranischen Arsenals.
Die Kernfrage lautet nicht, ob dieser Krieg militärisch gewonnen werden kann. Die Kernfrage lautet: Wer profitiert, wenn er verloren wird?
Die naheliegende Antwort – Rüstungskonzerne wie Lockheed Martin oder Raytheon, deren Aktienkurse bei jeder Eskalation steigen – ist zu simpel. Sie erklärt nicht die Tiefe der Eskalation. Aber sie verweist auf eine Dynamik, die über individuelle Profite hinausgeht: Ein dauerhafter Konflikt im Nahen Osten verändert die globale Ressourcenverteilung grundlegend.
Die Straße von Hormus – Ein Engpass mit globaler Wirkung
Im Falle eines iranischen Gegenschlags würde die Straße von Hormus vermint, Tanker angegriffen, Ölanlagen der Golfstaaten beschossen. Die Islamische Republik hat bereits offiziell erklärt, im Eskalationsfall auf einen Ölpreis von 200 Dollar pro Barrel zu zielen – das Doppelte des aktuellen Niveaus.
Doch Öl ist nur der sichtbarste Teil. Durch die Straße von Hormus fließen auch Phosphate, Ammoniak und Schwefel – die Grundbestandteile weltweiter Düngemittelproduktion. Ein Stopp dieser Lieferketten bedeutet nicht nur teure Tankfüllungen, sondern Nahrungsmittelknappheit in Ländern des globalen Südens. Darüber hinaus passieren Helium und Schwefelsäure diese Wasserstraße – essenzielle Rohstoffe für die Halbleiterproduktion.
Die Internationale Energieagentur schätzt den Anteil der Straße von Hormus am globalen Ölhandel auf 20 bis 25 Prozent. Bei einer vollständigen Sperrung wären Ölknappheit und drastische Preisanstiege innerhalb weniger Wochen zu erwarten.
Und hier beginnt die Verbindung zur US-Innenpolitik: Höhere Energiepreise machen nordamerikanisches Öl – aus den USA, aus Kanada, aus Venezuela – plötzlich konkurrenzfähig. Was bei niedrigen Ölpreisen unprofitabel war, wird bei 150 oder 200 Dollar pro Barrel zur Goldgrube. Die größten Ölsandvorkommen Kanadas, die gewaltigen Reserven Venezuelas, die unkonventionellen Vorkommen in Texas und North Dakota – sie alle werden bei anhaltender Nahost-Instabilität unverzichtbar für die globale Versorgung.
Das Petrodollar-System und seine Risse
Um zu verstehen, warum diese Zusammenhänge strategische Relevanz besitzen, lohnt ein Blick auf das Petrodollar-System. Seit 1973 wird Öl weltweit in US-Dollar gehandelt. Die Golfstaaten verpflichteten sich, ihre Exporteinnahmen in Dollar abzurechnen; Amerika garantierte im Gegenzug deren Sicherheit. Da jedes Land Dollar benötigt, um Energie zu kaufen, entsteht permanente globale Nachfrage nach der amerikanischen Währung. Diese Nachfrage erlaubt es Washington, 39 Billionen Dollar Staatsschulden zu finanzieren, ohne dass das System kollabiert.
Die größten Halter amerikanischer Staatsanleihen sind Japan, China, Südkorea, Taiwan und Europa – Länder, die ihren Energiebedarf primär aus dem Nahen Osten decken. Wenn diese Länder kein sicheres Öl mehr in Dollar kaufen können, verlieren sie den Anreiz, Dollar zu halten. Wenn sie aufhören, Dollars zu halten, hören sie auf, amerikanische Staatsanleihen zu kaufen. Wenn das passiert, kollabiert das Finanzierungsmodell der Vereinigten Staaten.
Barry Eichengreen beschreibt in „Exorbitant Privilege” (2022) diese Dynamik präzise: Der Zusammenbruch des Petrodollar-Systems wäre nicht eine Rezession. Es wäre das Ende der Nachkriegsfinanzordnung.
Die Frage ist nun: Wer bereitet sich auf dieses Ende vor?
Trump als Katalysator – Die Rolle der Tech-Milliardäre
Hier beginnt der spekulativste Teil dieser Analyse. Die Frage, die er stellt, lautet nicht: Ist Trump ein genialischer Stratege? Die Frage lautet: Welche Interessen profitierten von seinen Handlungen – und handeln diese Interessen bewusst durch ihn?
Betrachtet man die Profiteure der bisherigen Politik, fällt eine Parallele auf: Elon Musks SpaceX erhält Aufträge, die ohne Trumps Deregulierungspolitik nicht möglich wären. Peter Thiels Palantir expandiert in Bereiche der Überwachung und Datenanalyse, die unter einem regulierteren Staat undenkbar wären. Beide haben massiv in Krypto investiert – eine Währung, die vom Vertrauensverlust des Dollars direkt profitiert.
Die These lautet nicht, dass diese Milliardäre Trump orchestrieren. Die These lautet: Ihre Investitionen sind konsistent mit einer Strategie, die auf die Destabilisierung des bestehenden globalen Systems setzt – und auf die Errichtung eines neuen, in dem sie die zentralen Akteure sind.
„Make America Great Again“ – als ökonomisches Projekt gelesen – bedeutet in dieser Lesart: Rückzug aus der globalen Verantwortung, um die Ressourcen Nordamerikas zu monopolisieren. Die Idee hinter Hegseths „Greater North America“ wäre dann nicht imperialistische Expansion, sondern strategischer Rückzug mit maximaler Verhandlungsposition.
Das ist eine Interpretation. Es ist nicht die einzige. Aber es ist eine, die mit den Fakten kompatibel ist.
Zwei Szenarien im Vergleich
| Szenario | Wahrscheinlichkeit | Auswirkungen |
| A: Amerika verliert den Konflikt | Hoch | Rückzug aus dem Nahen Osten, Petrodollar unter Druck, Nordamerika als zentraler Lieferant für Öl und Nahrungsmittel zu Höchstpreisen |
| B: Langer Abnutzungskrieg | Mittel | Jahrelange Destabilisierung des Nahen Ostens, Rohstoffpreise dauerhaft erhöht, Autarkie-Ausbau in Nordamerika beschleunigt |
Die Tabelle zeigt: In beiden Szenarien gewinnt Nordamerika – insbesondere jene Sektoren, in die Musk, Thiel und vergleichbare Akteure investiert haben. Die Frage ist nicht, ob ein Szenario eintritt, sondern welches eintritt. Und wer es kontrolliert.
Das Modell: Nordamerika als autarke Festung
Die strukturelle Logik hinter dieser Politik wäre folgende: Das globale System, das 1991 nach dem Ende des Kalten Krieges als „Neue Weltordnung“ ausgerufen wurde, ist an seine Grenzen gestoßen. Amerika hat seine Industrieproduktion ausgelagert. Die Staatsverschuldung ist auf 39 Billionen Dollar gestiegen. Das System der liberalen Globalisierung hat Amerika ausgehöhlt – nicht durch Verschwörung, sondern durch seine eigene Dynamik.
Dieses System ist mit konventionellen Mitteln nicht mehr zu retten. Die Optionen, die bleiben, sind: den Kollaps unkontrolliert geschehen zu lassen – oder ihn kontrolliert herbeizuführen.
Eine kontrollierte Transformation würde so aussehen: Destabilisierung des Nahen Ostens, um Nordamerika als unverzichtbaren Ressourcenlieferanten zu positionieren. Aufbau einer autarken Wirtschaftszone, die ihre Rohstoffe zu Höchstpreisen an eine abhängige Welt verkauft.
Technologiekonzerne übernehmen die Infrastruktur – Kommunikation, Überwachung, Logistik –, die vormals staatlich war.
Ob dies ein bewusster Plan ist oder eine emergente Dynamik, die verschiedene Akteure in dieselbe Richtung treibt, lässt sich aus der Distanz nicht eindeutig beantworten. Fest steht: Die Handlungen der Trump-Administration sind mit dieser Logik konsistent.
Die menschlichen Kosten und die Frage der Verantwortung
Jede geopolitische Analyse verführt dazu, die menschlichen Kosten zu abstrahieren. Diese Analyse widersteht dem nicht immer – aber sie versucht, sie zu benennen.
Ein vollständiger Krieg gegen den Iran, mit Sperrung der Straße von Hormus und Destabilisierung der Golfregion, würde Nahrungsmittelpreise in Ländern ansteigen lassen, die bereits heute unter chronischer Unterernährung leiden. Er würde amerikanische Reservisten mobilisieren, die in einem Gebirgsland kämpfen, auf das sie nicht vorbereitet sind. Er würde die iranische Zivilbevölkerung unter Bombardements bringen, die – wie alle vorherigen Kriege des 21. Jahrhunderts – keine saubere Trennung zwischen militärischer Infrastruktur und dem Leben von Menschen kennen.
Die Ironie jeder Imperialkalkulation besteht darin, dass jene, die über sie entscheiden, selten in ihr sterben. Die Kosten trägt, wer am wenigsten dafür kann.
Wer trägt die Verantwortung, wenn nicht die Strategen?
Diese Frage bleibt unbeantwortet – auch in dieser Analyse. Was sie beantworten kann: die Frage, ob hinter dem Chaos eine Logik steckt. Die Antwort lautet: Ja. Ob diese Logik gewollt oder emergent ist, ob sie gelingt oder scheitert – das sind andere Fragen.
Quellen
- Mearsheimer, John J. (2018): The Great Delusion: Liberal Dreams and International Realities. Yale University Press.
- Eichengreen, Barry (2022): Exorbitant Privilege: The Rise and Fall of the Dollar and the Future of the International Monetary System. Oxford University Press.
- International Energy Agency (2026): Oil Market Report Q1 2026. IEA Publications, Paris.
- Cordesman, Anthony H. / Kleiber, Martin (2007): Iran’s Military Forces and Warfighting Capabilities. CSIS Press, Washington D.C.
- Brzezinski, Zbigniew (1997): The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives. Basic Books.
- Pos en, Barry R. (2014): Restraint: A New Foundation for U.S. Grand Strategy. Cornell University Press.
- Kinzer, Stephen (2003): All the Shah’s Men: An American Coup and the Roots of Middle East Terror. Wiley.
- U.S. Energy Information Administration (2025): How much petroleum does the United States import and export? eia.gov
- U.S. Department of Defense (2026): Posture Statement: U.S. Forces Middle East Command. Washington D.C.
Hinweis: Szenarien sind analytische Werkzeuge, keine Prognosen. Der Text entwickelt eine Hypothese, die zur Debatte steht.






