Eine neue Längsschnittstudie, die im Fachjournal Appetite veröffentlicht wurde, liefert wissenschaftliche Hinweise darauf, dass Säuglinge, die gestillt werden, durch das tägliche Erkennen eigener Sättigungssignale ein frühes und regelmäßiges Training der Selbstregulation erhalten, das messbar mit einer besseren Impulskontrolle im Vorschulalter zusammenhängt.
ÜBERSICHT
- 1 Selbstregulation beginnt in den ersten Lebensmonaten
- 2 Stillen als tägliches Training der Selbststeuerung
- 3 Die Testergebnisse im Alter von dreieinhalb Jahren
- 4 Kernergebnis: Stilldauer sagt Inhibitionskontrolle voraus
- 5 Wichtige Einschränkungen: Kein Kausalitätsnachweis
- 6 Ausblick: Selbstregulation lässt sich auf vielen Wegen üben
- 7 Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Selbstregulation beginnt in den ersten Lebensmonaten
Exekutive Funktionen, also die kognitiven Prozesse, die es Menschen ermöglichen, Gedanken, Handlungen und Emotionen zielgerichtet zu steuern, entwickeln sich besonders intensiv zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr. Eine zentrale Komponente dieser Funktionen ist die sogenannte Inhibitionskontrolle: die Fähigkeit, impulsive Reaktionen zu hemmen und stattdessen angemessener zu handeln.
Forschende der Dalhousie University in Kanada verfolgten über mehrere Jahre die Frage, welche frühen Lebenserfahrungen diese kognitiven Fähigkeiten beeinflussen. Sophie Jacques, außerordentliche Professorin für Psychologie und Neurowissenschaften, erklärte: Seit mehr als 30 Jahren beschäftige sich ihre Forschungsgruppe mit der Entwicklung der Selbstregulation bei Kindern, einschließlich ihrer wachsenden Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Verhalten zu steuern. Da diese Fähigkeit über die gesamte Lebensspanne bedeutsam sei, sei es wichtig, frühe Einflussfaktoren zu identifizieren.
Stillen als tägliches Training der Selbststeuerung
Die Hypothese: Hunger- und Sättigungssignale als Übungsfeld
Die Studiengruppe entwickelte eine spezifische Hypothese: Das Stillen könnte Säuglingen mehrmals täglich Gelegenheit bieten, auf ihre eigenen internen Körpersignale zu hören, anstatt auf externe Reize zu reagieren. Dieser Prozess, so die Annahme, könnte über die reine Nahrungsaufnahme hinaus als Training für breitere Selbstregulationsfähigkeiten wirken.
Der entscheidende Unterschied zwischen Stillen und Flaschenfütterung liegt in der Sichtbarkeit der Nahrungsmenge. Bei der Flaschenfütterung können Eltern genau sehen, wie viel Milch noch enthalten ist, was dazu führen kann, dass das Kind unbewusst zum Austrinken animiert wird, selbst wenn es bereits satt ist. Beim direkten Stillen hingegen ist die konsumierte Menge für die Mutter nicht sichtbar; das Kind steuert die Nahrungsaufnahme eigenständig nach seinen inneren Signalen.
Die Stichprobe: Québec Longitudinal Study of Child Development
Die Forschenden analysierten Daten aus der Québec Longitudinal Study of Child Development, einem repräsentativen Langzeitprojekt, das Kinder von der frühen Kindheit bis ins Schulalter begleitet. Die Ausgangsstichprobe umfasste 572 Säuglinge. Da die Kinder in dieser Kohorte geboren wurden, bevor Milchpumpen weit verbreitet waren, bot sich laut Jacques eine einzigartige Gelegenheit, den Zusammenhang zwischen Stillen am Körper und der Selbstregulationsentwicklung zu untersuchen.
Mütter berichteten, wenn die Kinder fünf und erneut 17 Monate alt waren, ob und wie lange sie stillten. Auf dieser Grundlage wurden die Säuglinge in vier Gruppen eingeteilt:
- Nie gestillt
- Weniger als drei Monate gestillt
- Drei bis sechs Monate gestillt
- Sechs Monate oder länger gestillt
Die Testergebnisse im Alter von dreieinhalb Jahren
Direkte kognitive Messungen im Hausbesuch
Als die Kinder dreieinhalb Jahre alt waren, führten Forschende Hausbesuche durch, um ihre exekutiven Funktionen direkt zu messen. Zu diesem Zeitpunkt nahmen noch 491 Kinder an den Verhaltenstests teil.
Zwei zentrale Aufgaben zur Messung der Inhibitionskontrolle kamen zum Einsatz:
Lurias Handspiel: Das Kind wird gebeten, genau das Gegenteil der Handgeste zu zeigen, die die testende Person vorführt, also bei einer Faust die flache Hand zu zeigen und umgekehrt. Diese Aufgabe verlangt, die automatische Imitationsreaktion aktiv zu unterdrücken.
Sonne-Mond-Aufgabe: Beim Anblick einer Sonne muss das Kind das Wort „Nacht“ sagen, beim Anblick eines Mondes das Wort „Tag“. Auch hier muss die spontane, naheliegende Antwort bewusst gehemmt werden.
Zusätzlich füllten Mütter Fragebögen aus, in denen sie angaben, wie häufig ihr Kind in den vergangenen sechs Monaten Zeichen von Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsschwäche zeigte.
Statistische Kontrolle störender Variablen
Die Analyse berücksichtigte eine Vielzahl von Kontrollvariablen, darunter:
- Familiäres Einkommen und Bildungsniveau der Mutter
- Rauchen und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft
- Gewichtszunahme der Mutter vor der Geburt
- Geburtsgewicht und Gestationsalter des Kindes
- Allgemeine Intelligenz des Kindes mit drei Jahren
Kernergebnis: Stilldauer sagt Inhibitionskontrolle voraus
Bessere Ergebnisse bei Kindern, die mindestens drei Monate gestillt wurden
Die Auswertung zeigte einen klaren Zusammenhang: Säuglinge, die mindestens drei bis sechs Monate gestillt wurden, erzielten im Alter von dreieinhalb Jahren bessere Ergebnisse in Lurias Handspiel als Kinder, die nie gestillt worden waren. Kinder, die sechs Monate oder länger gestillt wurden, zeigten zudem weniger hyperaktives und unaufmerksames Verhalten im Alltag, wie die Mütter berichteten. Mütter länger gestillter Kinder nannten seltener Symptome wie Zappeligkeit, Impulsivität oder mangelnde Konzentration.
Spezifischer Effekt nur bei Impulskontrolle
Bemerkenswert ist, dass Stillen ausschließlich mit der Inhibitionskontrolle zusammenhing, nicht jedoch mit anderen exekutiven Funktionen wie dem Arbeitsgedächtnis oder der kognitiven Flexibilität. Das Arbeitsgedächtnis bezeichnet die Fähigkeit, Informationen kurzfristig zu speichern und zu aktualisieren; kognitive Flexibilität meint die Kapazität, Perspektiven zu wechseln und sich anzupassen.
Dieses selektive Muster unterstützt die Hypothese der Forschenden: Stillen scheint kein genereller Booster für Intelligenz zu sein, sondern bietet spezifisches Training für Verhaltenshemmung.
Wichtige Einschränkungen: Kein Kausalitätsnachweis
Korrelation, nicht Kausalität
Jacques betonte ausdrücklich, dass die Studie keinen Kausalzusammenhang belegt. Es sei auch denkbar, dass Mütter früher aufhören zu stillen, wenn ihre Säuglinge bereits früh Schwierigkeiten mit der Selbstregulation zeigen, also dass die Richtung des Effekts umgekehrt verlaufen könnte.
Die Autorinnen und Autoren sprachen sich klar dagegen aus, ihre Ergebnisse als Schuldgefühle auslösende Botschaft zu verstehen. Stillen sei für viele Familien aus medizinischen, praktischen oder persönlichen Gründen nicht möglich oder durchführbar.
Auch Flaschenfütterung kann Sättigungssignale respektieren
Laut Jacques gehe es nicht darum, Flaschenfütterung als problematisch darzustellen. Entscheidend sei, dass Eltern, unabhängig von der Fütterungsmethode, auf die Hunger- und Sättigungssignale ihres Kindes achten. Auch bei der Flaschenfütterung könnten Kinder die Selbstregulation ihrer Nahrungsaufnahme erlernen, wenn Bezugspersonen einfühlsam auf diese Signale reagieren.
Ausblick: Selbstregulation lässt sich auf vielen Wegen üben
Die Forschenden sehen Stillen als einen möglichen, aber nicht einzigen frühen Erfahrungskontext für Selbstregulation. Weitere alltägliche Situationen, die Kindern Übung in Impulskontrolle bieten, umfassen:
- Erlernen des Selbstberuhigens und Aufbau von Schlafgewohnheiten
- Töpfchentraining und damit verbundene Körperwahrnehmung
- Warten auf Belohnungen in strukturierten Spielsituationen
- Teilnahme an Mannschaftssportarten und das Befolgen von Regeln
- Erlernen eines Musikinstruments mit regelmäßiger Übungsdisziplin
- Strukturierter Schulalltag mit klaren Verhaltenserwartungen
Das übergeordnete Prinzip, so Jacques, laute: Übung ist entscheidend. Je mehr Gelegenheiten Kinder haben, Selbstkontrolle aktiv auszuüben, desto stärker entwickeln sich diese Fähigkeiten. Langfristiges Ziel der Forschungsgruppe sei es, weiter zu untersuchen, wie psychologische, körperliche und gesundheitsbezogene Faktoren sich gegenseitig über die Entwicklung hinweg beeinflussen.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Wie lange sollte idealerweise gestillt werden, um einen Effekt auf die Selbstregulation zu erzielen? Die Studie zeigte Unterschiede ab einer Stilldauer von mindestens drei bis sechs Monaten. Die stärksten Effekte wurden bei Kindern beobachtet, die sechs Monate oder länger gestillt wurden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt ohnehin ausschließliches Stillen für die ersten sechs Lebensmonate.
Bedeutet dieses Ergebnis, dass gestillte Kinder insgesamt intelligenter sind? Nein. Die Studie fand einen spezifischen Zusammenhang nur mit der Inhibitionskontrolle, nicht mit dem Arbeitsgedächtnis oder der kognitiven Flexibilität. Dies deutet darauf hin, dass Stillen kein genereller Intelligenzbooster ist, sondern einen spezifischen Aspekt der Selbstregulation begünstigt.
Können Eltern, die nicht stillen, ähnliche Effekte erzielen? Ja, prinzipiell. Die Kernbotschaft der Studie lautet, dass das Respektieren kindlicher Hunger- und Sättigungssignale entscheidend ist, unabhängig von der Fütterungsmethode. Eltern, die bei der Flaschenfütterung einfühlsam auf die Körpersignale ihres Kindes reagieren, fördern ebenfalls die Selbstregulationsfähigkeit.
Welche Rolle spielen Nährstoffe der Muttermilch im Vergleich zum Fütterungsvorgang selbst? Das kann diese Studie nicht abschließend klären. Muttermilch enthält spezifische Fettsäuren, Hormone und Spurenelemente, die die Hirnentwicklung unterstützen. Die Forschenden vermuten jedoch, dass der Verhaltensaspekt des Stillens, also das Training der Selbstregulation durch wiederholtes Erkennen von Sättigungssignalen, für die gefundenen Effekte entscheidend ist.
Ab wann entwickeln Kinder die für diese Tests relevante Impulskontrolle? Inhibitionskontrolle beginnt sich bereits im Säuglingsalter rudimentär zu entwickeln, macht aber zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr die größten Fortschritte. Genau deshalb wurden die Kinder dieser Studie im Alter von dreieinhalb Jahren getestet.
Gibt es andere Alltagssituationen, die Impulskontrolle bei Kleinkindern gezielt fördern? Ja. Forschende nennen unter anderem strukturierte Warteübungen, das Erlernen von Schlafgewohnheiten, Mannschaftssport, Musikübungen und regelgeleitete Gruppenaktivitäten als wirksame Kontexte, in denen Kinder Selbstregulation einüben können.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
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