In einer Zeit, in der Früherkennung von Krebs als Meilenstein der modernen Medizin gefeiert wird, entfacht die Debatte um die Bezeichnung bestimmter niedrigriskanter Erkrankungen wie dem duktalen Carcinoma in situ (DCIS) intensive Diskussionen unter Onkologen, da das Wort „Krebs“ nicht nur medizinische Konsequenzen hat, sondern auch tiefe emotionale und psychologische Auswirkungen auf Patienten ausübt, die zu Überbehandlungen und unnötigem Leid führen können.
ÜBERSICHT
Die Komplexität des Begriffs „Krebs“
Der Begriff „Krebs“ umfasst eine breite Palette von Erkrankungen, die durch unkontrolliertes Zellwachstum gekennzeichnet sind. Er dient als Schirmbegriff, der jedoch keine einheitliche Definition besitzt.
Nicht alle so bezeichneten Zustände sind gleichermaßen bedrohlich; einige bleiben harmlos und würden nie zu Symptomen oder Tod führen, wenn sie unbehandelt blieben.
Linguistin Jessica Rett von der UCLA betont, dass Patienten das Wort „Krebs“ mit einer akuten Bedrohung assoziieren, was zu übermäßiger Angst und der Forderung nach aggressiver Therapie führt.
Der emotionale Einfluss des C-Worts
Das Wort „Krebs“ löst seit Jahrzehnten eine kampfähnliche Reaktion aus. Historisch wurde es 1971 durch das National Cancer Act unter Präsident Nixon als „Krieg gegen den Krebs“ gerahmt, was Milliarden in die Forschung pumpte.
Heute assoziieren Betroffene es mit Tod und Leid. Eine Umfrage von Rett und Kollegen mit 1600 englischsprachigen Erwachsenen ergab, dass über 25 Prozent „Krebs“ mit Begriffen wie „Tod“ oder „tödlich“ verknüpfen.
Im Vergleich erzeugten Termini wie „Tumor“ oder „abnorme Zellen“ weniger Furcht; „abnorme Zellen“ wies die geringste Assoziation mit Schmerz oder Schwere auf. Die Studie schließt: „Änderungen in der Nomenklatur wären extrem vorteilhaft für Patienten und könnten Überbehandlungen bekämpfen.“
Praktische Tipps für Patienten
- Sprechen Sie frühzeitig mit Ihrem Onkologen über Risikoprognosen; fordern Sie Erklärungen, warum eine Beobachtung ausreichen könnte.
- Führen Sie ein Gesprächsprotokoll, um Missverständnisse zu vermeiden.
- Ziehen Sie eine Zweitmeinung in Betracht, wie es Laura Esserman für eine Patientin mit DCIS tat, die so eine unnötige Operation umging.
DCIS: Ein Paradebeispiel für Überdiagnose
DCIS, oft als Stadium-0-Brustkrebs bezeichnet, betrifft etwa 20 Prozent der neu diagnostizierten Brustkrebsfälle. Es handelt sich um nicht-invasive Zellveränderungen in den Milchgängen, die selten fortschreiten.
Laura Esserman, Direktorin des UCSF Breast Care Center, beschreibt den Fall einer Frau in den Fünfzigern: Nach der Diagnose riet ein Arzt zu sofortiger Operation; Esserman verschrieb stattdessen endokrine Therapie und eine MRT, die keine Progression zeigte. Fünf Jahre später ist keine Operation nötig.
Esserman hat Hunderte solcher niedrigriskanter Fälle ähnlich betreut und argumentiert: „Es enthält das Wort Carcinoma, aber es ist kein Krebs.“
Daten zur Progression von DCIS
- Die COMET-Studie, eine randomisierte klinische Prüfung mit 995 Frauen mit niedrigriskantem DCIS, verglich aktive Überwachung (mit oder ohne endokrine Therapie) mit Standardoperation (mit oder ohne Bestrahlung).
- Nach zwei Jahren zeigten sich ähnliche Raten invasiver Krebs im gleichen Brustbereich: 5,9 Prozent bei Operation versus 4,2 Prozent bei Überwachung; mit endokriner Therapie sanken sie auf 3,21 Prozent.
- Die Autoren schlussfolgern: „Für Frauen mit niedrigem Invasionsrisiko bietet leitliniengerechte Behandlung wenig klinischen Nutzen und birgt Überbehandlungsrisiken.“
Diese Ergebnisse, präsentiert auf dem San Antonio Breast Cancer Symposium 2024, unterstreichen, dass DCIS kein Notfall ist. Esserman plant eine laufende Studie, die endokrine Therapie für sechs Monate testet, um Eignung für Überwachung zu bestimmen.
Überdiagnose in anderen Krebsarten
Die Debatte erstreckt sich auf Prostatakrebs. David Penson von der Vanderbilt University rät niedrigriskanten Patienten oft von aggressiver Therapie ab; stattdessen empfehlen die American Urological Association-Richtlinien aktive Überwachung für die meisten Fälle, die 60 Prozent der Betroffenen wählen.
Eine Studie zeigte eine behandlungsfreie Wahrscheinlichkeit von 76 Prozent nach fünf Jahren, 64 Prozent nach zehn und 58 Prozent nach 15 Jahren für Grad-Gruppe-1-Prostatakrebs; eine Analyse von über 1800 Männern ergab ein Metastasen- oder Sterberisiko unter 1 Prozent.
Penson schlägt vor, solche Fälle als „Präkrebs“ oder „Tumor“ umzubenennen, um Überreaktionen zu mindern. Dennoch warnen Kritiker: Etwa 10 Prozent der Überwachten brechen die Nachsorge ab, was durch Umbenennung verschärft werden könnte.
Risikostufen im Prostatakrebs
- Niedrigriskant: 1,3 Prozent krebsbedingte Mortalität nach zehn Jahren.
- Hochriskiogruppen: Bis zu 4,7 Prozent, mit Hazard Ratios von 1,6 bis 3,58.
Pathologe Ming Zhou von Mount Sinai plädiert für fortschrittliche Diagnostik wie molekulare Tests oder KI, um harmlose von aggressiven Fällen zu trennen.
Argumente für und gegen die Umbenennung
Befürworter wie Esserman sehen in der Umbenennung einen Weg, Angst und Überbehandlung zu reduzieren. „Frühe Läsionen können risikoreich oder harmlos sein, viele gehen nirgendwohin“, sagt sie.
Gegner wie Allen Kibel vom Brigham and Women’s Hospital fürchten Unterbehandlung; Benjamin Chin-Yee argumentiert, dass das Vermeiden des Wortes seinen Tabu-Charakter verstärkt.
Zhou hebt Variabilität in der Pathologie hervor: Nicht alle niedrigriskanten Fälle sind benign. Es fehlt an Konsens, doch Kommunikationsverbesserungen sind machbar.
Kommunikationsstrategien für Onkologen
- Beginnen Sie mit der Prognose: „Wir haben atypische Zellen gefunden; dieser Typ hat eine 0,1-prozentige Sterblichkeitsrate.“
- Erklären Sie: „Nicht jeder Krebs wächst oder streut rasch.“
- Teilen Sie Erfolgsgeschichten von Überwachungspatienten, um Realismus zu vermitteln.
Diese Ansätze, empfohlen von Penson, helfen, Erwartungen auszugleichen.
Die Rolle fortschrittlicher Diagnostik
Zukünftige Lösungen liegen in präziseren Werkzeugen. Molekulare Profile und KI könnten Risiken besser stratifizieren, wie Zhou vorschlägt.
Eine Analyse von über 117.000 Grad-Gruppe-1-Fällen zeigte unterschiedliche Mortalitätsrisiken, was personalisierte Ansätze unterstreicht.
Esserman betont: Zeit ermöglicht maßgeschneiderte Strategien, da viele Läsionen nie fortschreiten.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was ist der Unterschied zwischen DCIS und invasivem Brustkrebs? DCIS ist vorinvasiv und beschränkt sich auf die Milchgänge; invasiver Krebs durchdringt Gewebe und kann streuen, was ein höheres Risiko birgt, während DCIS bei 80 Prozent der Fälle nicht progrediert.
Kann aktive Überwachung bei Prostatakrebs sicher sein? Ja, bei niedrigriskanten Fällen sinkt das Fortschreitungsrisiko auf unter 1 Prozent in Studien; regelmäßige PSA-Tests und Biopsien gewährleisten Sicherheit, ohne sofortige Intervention.
Wie wirkt sich die Krebsbenennung auf die Psyche aus? Sie erhöht Angstlevel um bis zu 25 Prozent, wie Umfragen zeigen; alternative Begriffe wie „Neoplasma“ reduzieren Panik und fördern rationale Entscheidungen.
Sollte ich endokrine Therapie bei niedrigriskantem DCIS einnehmen? Bei geeigneten Kandidaten halbiert sie das Invasionsrisiko in zwei Jahren; besprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob es zu Ihrem Profil passt, basierend auf Hormonrezeptor-Status.
Gibt es globale Richtlinien zur Umbenennung? Noch nicht, aber Initiativen wie die von Esserman gewinnen an Fahrt; die WHO überprüft Terminologie, um Überdiagnose in Screening-Programmen zu adressieren.
Warum führt die Früherkennung von Krebs manchmal zu mehr Schaden als Nutzen? Früherkennungsprogramme wie Mammographie oder PSA-Tests entdecken viele niedrigriskante Veränderungen, die nie symptomatisch geworden wären; dies führt zu Überdiagnose und Überbehandlung, ohne die Gesamtmortalität signifikant zu senken, wie Studien zur Überdiagnose bei Brust- und Prostatakrebs zeigen.
Welche Alternativen zur Bezeichnung „Krebs“ werden derzeit diskutiert? Vorschläge reichen von „duktale intraepitheliale Neoplasie“ statt DCIS über „indolente Läsion mit niedrigem malignem Potenzial“ (IDLE) bis hin zu neutralen Begriffen wie „abnorme Zellen“ oder „Präkanzerose“, um die emotionale Belastung zu mindern.
Beeinflusst die Wortwahl „Krebs“ die Entscheidung für eine aktive Überwachung? Ja, Studien zeigen, dass Patienten bei Verwendung des Wortes „Krebs“ deutlich seltener eine aktive Überwachung wählen und stattdessen invasive Therapien fordern, selbst bei identischem medizinischen Risiko.
Gibt es Länder, die bereits niedrigriskante Krebsarten umbenannt haben? Ja, beispielsweise hat Japan bei papillärem Schilddrüsenkarzinom unter 1 cm die Bezeichnung „Karzinom“ gestrichen und stattdessen „papilläre Läsion“ eingeführt; seitdem sank die Operationsrate drastisch, ohne dass die Mortalität stieg.
Könnte eine Umbenennung dazu führen, dass Patienten ihre Nachsorge vernachlässigen? Dies ist eine berechtigte Sorge von Kritikern; Studien zur aktiven Überwachung beim Prostatakrebs zeigen jedoch, dass etwa 10 Prozent der Patienten bereits jetzt die Kontrollen abbrechen – eine gute Aufklärung und Kommunikation ist entscheidender als die Wortwahl allein.
Spielen kulturelle Unterschiede eine Rolle bei der Wahrnehmung des Wortes „Krebs“? Ja, in manchen Kulturen ist „Krebs“ stärker tabuisiert oder mit Scham verbunden, was die Offenheit für konservative Therapieansätze weiter erschwert; linguistische Studien deuten darauf hin, dass neutrale Begriffe international besser akzeptiert werden könnten.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
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