Schallwellen könnten die Prostatakrebs-Diagnose revolutionieren

Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 16. März 2026, Lesezeit: 7 Minuten

Während die herkömmliche Prostatakrebs-Diagnose noch immer stark auf dem unspezifischen PSA-Bluttest und anschließenden invasiven Gewebeproben beruht, die bei vielen Männern zu unnötigen Belastungen und Risiken führen, entwickelt ein Team der Cardiff University unter Leitung von Professor Aled Clayton eine innovative Methode, bei der gezielte Schallwellen winzige Vesikel aus Blut- oder Urinproben isolieren, um präzisere molekulare Informationen über mögliche Krebszellen zu gewinnen und so die Zahl der erforderlichen Biopsien deutlich zu senken.

Die Grenzen der aktuellen Prostatakrebs-Diagnose

Prostatakrebs bleibt in Großbritannien die häufigste Krebsart bei Männern mit rund 55.300 Neuerkrankungen pro Jahr. Viele Betroffene erhalten die Diagnose erst, wenn der Tumor bereits fortgeschritten ist, obwohl eine frühe Erkennung die Heilungschancen erheblich verbessern könnte. Derzeitige Screening-Ansätze stoßen jedoch schnell an Grenzen.

Der PSA-Test misst das prostataspezifische Antigen im Blut, das sowohl von gesunden als auch von krebskranken Zellen produziert wird. Erhöhte Werte können daher zahlreiche Ursachen haben – darunter gutartige Vergrößerungen, Entzündungen oder das normale Altern. Dadurch entstehen viele falsch-positive Ergebnisse, die zu weiteren Untersuchungen führen.

Invasive Biopsien als Standard – mit erheblichen Nachteilen

Eine Prostatabiopsie gilt als Goldstandard zur Bestätigung einer Krebsdiagnose. Dabei werden Gewebeproben direkt aus der Prostata entnommen, oft unter örtlicher Betäubung oder Vollnarkose. Der Eingriff ist jedoch nicht risikofrei: Infektionen, Blutungen und Schmerzen treten bei einem Teil der Patienten auf.

Zudem erhalten viele Männer nach der Biopsie die Nachricht, dass kein Krebs vorliegt oder lediglich eine langsam wachsende Variante, die keine Behandlung erfordert. Diese Überdiagnosen belasten das Gesundheitssystem und die Betroffenen unnötig. Experten suchen daher seit Jahren nach nicht-invasiven Alternativen, die gezielter entscheiden können, wer wirklich eine Biopsie benötigt.

Schallwellen als innovative Lösung für Liquid Biopsies

Das Forschungsteam um Professor Aled Clayton an der Cardiff University nutzt nun die physikalische Kraft von Schallwellen, um extrazelluläre Vesikel – kleine, membranumhüllte Pakete, die Zellen zur Signalübertragung aussenden – aus Blut- oder Urinproben zu konzentrieren. Diese Vesikel stammen aus verschiedenen Organen und enthalten molekulare Informationen, die bei Prostatakrebs spezifische genetische Veränderungen widerspiegeln können.

Das Gerät erzeugt sanfte akustische Kräfte in einem Flüssigkeitstropfen. Dadurch wandern die Vesikel in die Mitte der Probe, wo sie sauber und konzentriert gesammelt werden können. Im Prototyp gelingt dies bei salzhaltigen Lösungen innerhalb von 30 bis 40 Sekunden. Die Forscher arbeiten derzeit daran, die Technik für echte Blutserum-Proben zu optimieren, die viele weitere Partikel enthalten.

Präzisere Entscheidungen durch Kombination mit bestehenden Methoden

Die Schallwellen-Methode soll nicht allein stehen, sondern den PSA-Test, MRT-Aufnahmen und Angaben zu Harnbeschwerden ergänzen. So könnten Ärzte künftig besser einschätzen, welche Patienten tatsächlich eine Biopsie brauchen und welche nicht.

Besonders vielversprechend ist die Analyse der Vesikel, weil sie Krebs-spezifische Moleküle transportieren – im Gegensatz zum unspezifischen PSA-Wert. Frühere Studien zu extrazellulären Vesikeln in der Krebsdiagnostik haben bereits gezeigt, dass diese Biomarker das Potenzial besitzen, aggressiven Prostatakrebs von harmlosen Veränderungen zu unterscheiden. Die neue akustische Trennung könnte diese Analyse beschleunigen und automatisieren.

Fortschritte beim nationalen Screening in Großbritannien

Die Diagnostik von Prostatakrebs verändert sich bereits. Im November 2025 empfahl das UK National Screening Committee ein gezieltes Screening-Programm für Männer mit BRCA1- oder BRCA2-Mutationen. Betroffene im Alter von 45 bis 61 Jahren sollen alle zwei Jahre einen PSA-Test erhalten. Die Konsultationsphase zu diesem Vorschlag ist abgeschlossen; eine finale Entscheidung steht noch aus.

Ein solches risikoadaptiertes Programm könnte aggressive Tumore früher erkennen und Leben retten – vor allem bei genetisch belasteten Männern. Dennoch reichen der PSA-Test und die heutigen Werkzeuge für ein flächendeckendes Screening nicht aus. Hier setzt die Schallwellen-Technologie an und könnte die Genauigkeit weiter steigern.

Wissenschaftliche Grundlage und aktuelle Forschungslage

Extrazelluläre Vesikel sind seit Jahren Gegenstand intensiver Forschung in der Onkologie. Sie dienen als Botenstoffe zwischen Zellen und übertragen RNA, Proteine und andere Signalmoleküle. Bei Prostatakrebs enthalten sie oft veränderte miRNAs oder andere Marker, die auf Tumorwachstum hinweisen.

Ähnliche akustische Verfahren zur Isolierung von Vesikeln wurden bereits in Laborstudien erfolgreich getestet und zeigten Potenzial für die Identifikation diagnostisch relevanter Biomarker. Die Arbeit in Cardiff ist jedoch einer der ersten Ansätze, der speziell auf eine schnelle, skalierbare Anwendung in der klinischen Routine abzielt. Noch befindet sich das Gerät im Prototypenstadium; klinische Studien zur Validierung stehen aus.

Vorteile für Patienten und Gesundheitssystem

Eine verbesserte Liquid-Biopsy-Methode mit Schallwellen könnte die Zahl unnötiger Biopsien reduzieren und gleichzeitig aggressive Tumore früher erkennen. Männer mit erhöhtem Risiko – etwa durch familiäre Belastung oder genetische Mutationen – profitieren besonders.

Das Verfahren ist nicht-invasiv, schnell und könnte in Zukunft direkt in Arztpraxen oder Labors eingesetzt werden. Langfristig würde es die Belastung für Patienten mindern und Ressourcen im Gesundheitswesen schonen. Die Forscher betonen, dass die Technik in Kombination mit bestehenden Verfahren die Entscheidungsgrundlage für Ärzte erheblich verbessern kann.

Ausblick auf die Zukunft der Prostatakrebs-Früherkennung

Die Entwicklungen in Cardiff zeigen, wie physikalische Prinzipien aus der Akustik mit modernster Molekularbiologie verschmelzen können. Wenn die Methode die klinische Reife erreicht, könnte sie einen Paradigmenwechsel in der Diagnostik einleiten – weg von invasiven Eingriffen hin zu präzisen, blutbasierten Tests.

Bis dahin bleibt es entscheidend, dass Männer mit Risikofaktoren regelmäßig mit ihrem Arzt sprechen und die Vor- und Nachteile des PSA-Tests abwägen. Die laufenden Verbesserungen in der Liquid-Biopsy-Technologie geben Anlass zur Hoffnung, dass künftig mehr Männer frühzeitig und schonend behandelt werden können.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was sind extrazelluläre Vesikel genau und warum sind sie für die Krebsdiagnose relevant? Extrazelluläre Vesikel sind winzige, von einer Lipidmembran umhüllte Partikel, die Zellen kontinuierlich aussenden. Sie transportieren spezifische Moleküle wie RNA und Proteine, die Rückschlüsse auf den Zustand des Ursprungsgewebes zulassen – bei Prostatakrebs können sie tumor-spezifische Veränderungen enthalten, die herkömmliche Bluttests nicht erfassen.

Kann die Schallwellen-Technologie bereits in der Praxis eingesetzt werden? Nein, das Verfahren befindet sich noch im Prototypenstadium. Klinische Studien zur Validierung an großen Patientengruppen sind notwendig, bevor eine Zulassung oder Routineanwendung möglich ist. Erste Laborergebnisse sind jedoch vielversprechend.

Welche Rolle spielen BRCA-Mutationen bei der Prostatakrebs-Früherkennung? Männer mit BRCA1- oder BRCA2-Veränderungen haben ein deutlich erhöhtes Risiko für aggressive Tumore. Das geplante gezielte Screening-Programm in Großbritannien richtet sich genau an diese Gruppe und könnte durch Kombination mit verbesserten Liquid-Biopsy-Methoden noch präziser werden.

Gibt es ähnliche akustische Verfahren bereits in der Forschung? Ja, akustische Trennmethoden für Vesikel werden international erforscht. Sie ermöglichen eine schonende Isolation ohne chemische Zusätze und wurden in Studien bereits zur Entdeckung von miRNA-Biomarkern bei Prostatakrebs eingesetzt.

Wie können Männer ihr individuelles Risiko besser einschätzen? Neben Alter und familiärer Belastung spielen ethnische Faktoren und Lebensstil eine Rolle. Genetische Tests auf BRCA-Varianten sowie regelmäßige Gespräche mit Urologen helfen, personalisierte Vorsorgestrategien zu entwickeln – unabhängig von neuen Technologien.

Quellen

Cancer Research UK. (2026, 26. Februar). Good vibrations: how sound waves could help detect prostate cancer. https://news.cancerresearchuk.org/2026/02/26/could-sound-waves-help-doctors-diagnose-prostate-cancer-blood-test/

Cancer Research UK. (o. J.). Prostate cancer statistics. Abgerufen am 16. März 2026 von https://www.cancerresearchuk.org/health-professional/cancer-statistics/statistics-by-cancer-type/prostate-cancer

Prostate Cancer UK. (2025, 29. November). BRCA genes and prostate cancer: what the screening decision means for men. https://prostatecanceruk.org/about-us/news-and-views/2025/11/brca-genes-and-prostate-cancer

UK National Screening Committee. (2025). Prostate cancer screening evidence review. https://nationalscreening.blog.gov.uk/wp-content/uploads/sites/254/2025/11/Prostate-cancer-screening-evidence-review-2025-coversheet_Final.pdf

Robert Koch-Institut. (2025). Krebs in Deutschland 2021–2023. https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/kid_2025/kid_2025_c61_prostata.pdf

Ku, A., et al. (2021). High-throughput and automated acoustic trapping of extracellular vesicles to identify microRNAs with diagnostic potential for prostate cancer. Frontiers in Oncology, 11, 631021.

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