Psychose verändert Hirnrinde: Langzeitstudie enthüllt Muster

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 21. Februar 2026, Lesezeit: 8 Minuten

In einer umfassenden Langzeituntersuchung der Universität Sevilla haben Forscher Veränderungen in der Hirnrinde bei Menschen mit Psychose analysiert und festgestellt, dass die Erkrankung keine einheitliche Entwicklung zeigt, sondern von einer komplexen Wechselwirkung zwischen Hirnentwicklung, Symptomen, Kognition und Behandlung abhängt, was die Notwendigkeit personalisierter Ansätze unterstreicht, um die Krankheit besser zu verstehen und langfristige therapeutische Strategien zu optimieren.

Was ist Psychose?

Psychose umfasst eine Gruppe von Symptomen wie Halluzinationen und Wahnvorstellungen, die häufig bei Schizophrenie auftreten und zu einem Verlust des Realitätsbezugs führen. Von der ersten Manifestation, dem ersten psychotischen Episode, können diese Symptome sich bei verschiedenen Individuen stark unterschiedlich entwickeln, was Schizophrenie zu einer besonders komplexen Störung macht.

Die Erkrankung betrifft weltweit etwa 0,3 bis 0,7 Prozent der Bevölkerung, mit einem typischen Beginn im jungen Erwachsenenalter. Frühe Erkennung ist entscheidend, da unbehandelte Psychosen zu langfristigen Beeinträchtigungen führen können.

Die Studie im Überblick

Die Untersuchung, geleitet von Claudio Alemán Morillo und Rafael Romero García am Neuroimaging and Brain Networks Laboratory der Universität Sevilla, analysierte Magnetresonanzbilder (MRI) von 357 Patienten mit Schizophrenie und 195 gesunden Kontrollpersonen. Die Daten wurden über einen Zeitraum von zehn Jahren gesammelt, um Veränderungen im Volumen verschiedener Regionen der Hirnrinde zu berechnen.

Erstmals wurde eine prozentilbasierte Analyse angewendet, ähnlich wie in der Pädiatrie zur Erkennung von Abweichungen in Gewicht oder Größe, um atypische Volumina in bestimmten Hirnregionen zu identifizieren. Die Studie wurde in der British Journal of Psychiatry veröffentlicht und berücksichtigte auch klinische Symptome, kognitive Leistungen und mögliche Schwierigkeiten in Aufmerksamkeit, Gedächtnis oder Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Wichtige Ergebnisse zu Hirnveränderungen

Bei der ersten psychotischen Episode zeigten Betroffene eine Reduktion des kortikalen Volumens, die besonders in Regionen mit hoher Dichte an Serotonin- und Dopamin-Rezeptoren ausgeprägt war, Schlüsselmoleküle in der Pathophysiologie der Psychose und im Wirkmechanismus von Antipsychotika. Die Daten deuten darauf hin, dass sowohl Neuronen als auch andere Hirnzellen, die an entzündlichen und immunologischen Prozessen beteiligt sind, eine wichtige Rolle in der Erkrankung spielen.

Diese strukturellen Unterschiede nahmen während der Behandlung ab, was auf eine Verlangsamung der Hirndegeneration durch klinische Intervention hinweist. Allerdings blieben markantere Unterschiede bei Personen bestehen, die über die Zeit höhere Dosen an Antipsychotika erhielten; dies impliziert nicht zwangsläufig, dass die Medikation Volumenverluste verursacht, sondern dass Patienten mit schwereren Symptomen oft intensivere Behandlungen benötigen.

  • Globale Volumenreduktion: Die durchschnittliche jährliche Reduktion des gesamten Hirnvolumens betrug 0,69 Prozent bei Schizophrenie-Patienten im Vergleich zu 0,49 Prozent bei Kontrollpersonen (p = 0,003, angepasst für Geschlecht, Bildungsniveau, Alkoholkonsum und Gewichtszunahme).
  • Regionale Effekte: Besonders betroffen waren der Temporallappen und periventrikuläre Bereiche.
  • Langzeitverlauf: Über zehn Jahre hinweg zeigten viele Individuen eine Verbesserung in Symptomen und Kognition, was auf eine teilweise Erholung hinweist, wenngleich diese bei hochdosierten Behandlungen weniger ausgeprägt war.

Auswirkungen auf Kognition und Symptome

Die Studie bestätigt kognitive Beeinträchtigungen bereits in frühen Stadien der Psychose. Während des Follow-ups verbesserten sich Symptome und Kognition bei vielen Betroffenen, was auf eine Stabilisierung durch Behandlung hindeutet.

Positive Symptome wie Halluzinationen korrelierten negativ mit regionalen Prozentilen, wobei Individuen mit höheren Prozentilen am meisten von der Therapie profitierten. Negative Symptome zeigten schwächere Assoziationen.

Kognitive Defizite in Bereichen wie verbalem Gedächtnis (gemessen mit dem Rey Auditory Verbal Learning Test) verschlechterten sich langfristig bei intensiver Medikation, mit einem negativen Effekt auf die Kognition (β = -0,08 für Zeit × hohe Medikation).

Rolle der Antipsychotika in Hirnveränderungen

Antipsychotika, umgerechnet in Chlorpromazin-Äquivalente (CPZ), sagten Hirnvolumenverluste voraus (p = 0,003, angepasst für Symptomniveau, Alkoholkonsum und Gewichtszunahme). Hohe Dosen reduzierten die Konvergenz zu normalen Maturationstrajektorien.

Dieser Befund stimmt mit Meta-Analysen überein, die eine progressive Graumaterie-Reduktion bei Schizophrenie zeigen, die mit der kumulativen Exposition gegenüber Antipsychotika korreliert. Dennoch kontrollieren diese Medikamente Symptome effektiv, insbesondere positive Symptome.

  • Medikationsabhängige Effekte: In hochmedizierten Individuen war die Konvergenz zu normativen Werten abgeschwächt.
  • Zweifache Rolle: Medikation reduziert positive Symptome, erhöht aber negative und beeinträchtigt langfristig die Kognition.
  • Mediationsanalyse: Die Insula vermittelte teilweise den Zusammenhang zwischen Medikation und Symptomen.

Vergleich mit anderen Studien

Meta-Analysen von 246 Studien zu 14 Hirnstrukturen zeigen bei Schizophrenie verkleinerte Graumaterie-Volumina (Cohen’s d = -0,377, p < 0,001) und vergrößerte Ventrikel (d = 0,443 für laterale Ventrikel, p < 0,001). Diese Veränderungen sind progressiv und betreffen frontal, temporal und parietale Lappen.

Eine weitere Meta-Analyse von longitudinalen MRI-Studien (1046 Patienten, 780 Kontrollen, median 72,4 Wochen Follow-up) bestätigt progressive Graumaterie-Reduktionen, invers korreliert mit Antipsychotika-Exposition. Bei ersten Episoden sind Volumenreduktionen in der bilateralen Frontalregion und im linken parahippocampalen Kortex ausgeprägt.

In Hochrisikogruppen wie beim 22q11.2-Deletionssyndrom zeigen sich erhöhte dopaminerge Alterationen vor dem Übergang zur Psychose. Cytoarchitektonische Analysen verknüpfen Symptome mit paralimbischen Regionen und neurobiologischen Merkmalen wie Serotonin- (5-HT1B, 5-HT2A) und Dopamin-Rezeptordichten.

Diese Befunde unterstreichen, dass Hirnveränderungen vor dem Ausbruch vorliegen und durch Behandlung moduliert werden können.

Implikationen für die Behandlung

Die Ergebnisse betonen die Wichtigkeit früher Interventionen, um Hirndegeneration zu verlangsamen. Personalisierte Therapien, die individuelle Unterschiede berücksichtigen, könnten langfristig bessere Ergebnisse erzielen.

Praktische Ansätze umfassen regelmäßige MRI-Überwachung, um Volumenveränderungen zu tracken, und kognitive Trainingsprogramme, die Defizite in Aufmerksamkeit und Gedächtnis adressieren. Eine ausgewogene Medikationsstrategie minimiert Risiken, während Symptome kontrolliert werden.

Interdisziplinäre Teams sollten Symptome, Kognition und Hirnstruktur integriert bewerten, um Therapien anzupassen. Frühe Erkennung in Hochrisikogruppen könnte präventive Maßnahmen ermöglichen.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen

Welche neurobiologischen Faktoren könnten die Hirnveränderungen bei Psychose beeinflussen? Neben Serotonin- und Dopamin-Rezeptoren spielen NMDA-Rezeptoren und GABAerge Interneurone eine Rolle, da sie die exzitatorisch-inhibitorische Balance im Kortex stören und zu synaptischer Plastizitätsdefiziten führen können.

Können Lebensstilfaktoren den Verlauf von Hirnveränderungen bei Psychose mildern? Regelmäßige körperliche Aktivität und eine mediterrane Ernährung könnten neuroprotektiv wirken, indem sie Entzündungsprozesse reduzieren und die Hirnplastizität fördern, obwohl direkte Evidenz für Psychose noch begrenzt ist.

Wie unterscheiden sich Hirnveränderungen bei Psychose von denen bei anderen Erkrankungen wie Bipolarstörung? Bei Bipolarstörung sind Volumenreduktionen oft episodisch und weniger progressiv, während bei Psychose eine stabile Reduktion in temporolimbischen Regionen dominiert, was auf unterschiedliche neurodevelopmentale Ursprünge hindeutet.

Welche Rolle spielen genetische Faktoren in den beobachteten Hirnveränderungen? Genetische Varianten, wie im 22q11.2-Deletionssyndrom, erhöhen das Risiko für dopaminerge Dysfunktionen und kortikale Volumenverluste, was eine erbliche Komponente unterstreicht, die mit Umweltfaktoren interagiert.

Können bildgebende Verfahren wie MRI zur Früherkennung von Psychose genutzt werden? MRI kann Muster wie reduzierte Graumaterie in Hochrisikogruppen identifizieren, doch die Vorhersagekraft ist derzeit moderat; kombinierte Ansätze mit klinischen Markern verbessern die Genauigkeit.

Quellen

Alemán-Morillo, C., Romero-García, R., Ruiz-Veguilla, M., & Alemán-Gómez, Y. (2025). Medication and atypical brain maturation in psychosis associated with long-term cognitive decline and symptom progression. The British Journal of Psychiatry. https://doi.org/10.1192/bjp.2025.10482

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