In einer der vielversprechendsten Entwicklungen der letzten Jahre hat die gemeinnützige TB Alliance Anfang November 2025 Zwischenergebnisse einer Phase-2-Studie vorgestellt, die zeigen, dass ein neuartiges Dreifach-Regime aus Sorfequiline, Pretomanid und Linezolid (SPaL) bei Patienten mit arzneimittelsensibler Lungentuberkulose bereits nach acht Wochen in fast sechs von zehn Fällen keine lebenden Bakterien mehr im Auswurf nachweisbar macht – ein Wert, der deutlich über den Ergebnissen der klassischen Vierfach-Therapie liegt und die Hoffnung nährt, die Standardbehandlung von sechs Monaten drastisch zu verkürzen.
ÜBERSICHT
- 1 Warum die Dauer der TB-Therapie ein globales Problem ist
- 2 Sorfequiline – ein Medikament der nächsten Generation
- 3 Was die NC-009-Studie genau gezeigt hat
- 4 Was das für die Praxis bedeuten könnte
- 5 Der Weg bis zur Zulassung
- 6 Warum diese Entwicklung gerade jetzt so wichtig ist
- 7 Häufig gestellte Fragen (FAQs)
- 8 Quellen
Warum die Dauer der TB-Therapie ein globales Problem ist
Tuberkulose fordert noch immer jedes Jahr mehr als 1,5 Millionen Menschenleben und ist damit eine der tödlichsten Infektionskrankheiten weltweit. Das größte Hindernis auf dem Weg zur Heilung ist nicht die mangelnde Wirksamkeit der Medikamente, sondern die extrem lange Behandlungsdauer. Sechs Monate tägliche Tabletteneinnahme überfordern viele Patienten, besonders in ärmeren Regionen. Abbrecherquoten von 20 bis 50 Prozent sind keine Seltenheit, und jeder Therapieabbruch erhöht das Risiko für Resistenzen und Weiterverbreitung.
Sorfequiline – ein Medikament der nächsten Generation
Sorfequiline, früher unter dem Entwicklungscode TBAJ-876 bekannt, ist ein Weiterentwicklung des bereits zugelassenen Bedaquiline. Beide gehören zur Wirkstoffklasse der Diarylchinoline und blockieren ein zentrales Enzym der Energieproduktion in Tuberkulosebakterien. Sorfequiline ist jedoch deutlich potenter, benötigt niedrigere Dosierungen und scheint das Herzrhythmus-Risiko (QT-Verlängerung), das bei Bedaquiline noch ein Problem darstellt, spürbar zu reduzieren. Besonders wichtig: Es wirkt auch gegen Stämme, die bereits gegen Bedaquiline resistent geworden sind.
Was die NC-009-Studie genau gezeigt hat
Die randomisierte, kontrollierte Phase-2-Studie wurde in 22 Kliniken in Südafrika, Georgien, Uganda, Tansania und auf den Philippinen durchgeführt. Mehr als 200 Erwachsene mit nachgewiesener, noch nicht resistent gewordener Lungentuberkulose erhielten entweder das neue SPaL-Regime oder die klassische Kombination aus Isoniazid, Rifampicin, Pyrazinamid und Ethambutol. Nach acht Wochen lag die Rate der sogenannten Sputum-Konversion – also das Verschwinden lebensfähiger Bakterien aus dem Auswurf – bei der Sorfequiline-Gruppe bei 59 Prozent, während die Standardtherapie nur 45 Prozent erreichte. Die Nebenwirkungen waren in beiden Gruppen vergleichbar mild.
Was das für die Praxis bedeuten könnte
Sollten sich diese Ergebnisse in der bereits laufenden Phase-3-Studie bestätigen, könnte ein universelles, nur acht Wochen dauerndes Behandlungsschema Realität werden – und das nicht nur für sensible Tuberkulose, sondern möglicherweise auch für bestimmte resistente Formen. Das würde nicht nur die Heilungschancen dramatisch erhöhen, sondern auch die Belastung für Gesundheitssysteme senken. In Ländern wie Indien oder Südafrika könnten die Behandlungskosten pro Patient um bis zu die Hälfte sinken, weil weniger Klinikbesuche, weniger Medikamente und weniger Ausfälle durch Nebenwirkungen anfallen.
Der Weg bis zur Zulassung
Die TB Alliance plant, die entscheidende Phase-3-Studie im Laufe des Jahres 2026 zu starten. Dann sollen mehrere Tausend Patienten eingeschlossen werden, darunter auch Kinder, Schwangere und Menschen mit HIV-Koinfektion. Parallel laufen bereits Gespräche mit der Weltgesundheitsorganisation WHO, damit bei positiven Ergebnissen eine beschleunigte Zulassung und Aufnahme in die Behandlungsleitlinien möglich wird – ähnlich wie es 2019 beim BPaL-Regime für multiresistente Tuberkulose gelang.
Warum diese Entwicklung gerade jetzt so wichtig ist
Die Welt hat sich das Ziel gesetzt, Tuberkulose bis 2030 weitgehend zu eliminieren. Dafür müssten jedoch jährlich deutlich mehr Fälle erfolgreich behandelt werden als bisher. Experten sind sich einig: Ohne drastisch kürzere und patientenfreundlichere Therapien ist dieses Ziel unerreichbar. Die neuen Daten zu Sorfequiline sind daher nicht nur ein medizinischer, sondern auch ein gesundheitspolitischer Meilenstein.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Wann wird das neue SPaL-Regime voraussichtlich verfügbar sein? Die entscheidende Phase-3-Studie soll 2026 beginnen und etwa 3–4 Jahre laufen. Bei positiven Ergebnissen und einer beschleunigten Prüfung durch FDA, EMA und WHO ist eine erste Zulassung realistisch ab Ende 2028 oder 2029. In Ländern mit hoher TB-Belastung wie Südafrika, Indien oder den Philippinen könnten bereits ab 2027 Compassionate-Use-Programme oder nationale Pilotprojekte starten, wie es 2019 beim BPaL-Regime für MDR-TB der Fall war. Die TB Alliance arbeitet zudem mit Generika-Herstellern zusammen, damit das Medikament sofort nach Zulassung in großem Maßstab und zu niedrigen Preisen produziert werden kann.
Können auch Patienten mit multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB) von Sorfequiline profitieren? Ja, das ist einer der entscheidenden Vorteile. Sorfequiline behält seine volle Wirksamkeit auch gegen Stämme, die bereits gegen Bedaquiline resistent geworden sind – ein Problem, das in den letzten Jahren in Ost-Europa und Südafrika zunimmt. Labor- und Tierversuche zeigen eine bis zu zehnfach höhere Potenz. Eine eigene klinische Studie für rifampicin-resistente und Bedaquiline-resistente TB ist bereits in Vorbereitung und soll 2026 starten. Sollten sich die Hoffnungen bestätigen, könnte SPaL oder eine angepasste Variante zum ersten wirklich universellen Kurzregime für sensible und resistente Tuberkulose werden.
Ist die neue Therapie teurer als die bisherige? Kurzfristig gesehen sind die reinen Medikamentenkosten für acht Wochen SPaL höher als die klassische Sechs-Monats-Therapie. Die TB Alliance hat jedoch verbindliche Vereinbarungen mit der Global Drug Facility und mehreren Generika-Herstellern getroffen, dass Sorfequiline in den 130 Ländern mit hoher TB-Belastung zu Herstellungskosten plus maximal 20 Prozent angeboten wird. Gesundheitsökonomen schätzen, dass die Gesamtkosten pro erfolgreich behandeltem Patienten durch die kürzere Dauer, weniger Klinikbesuche und geringere Ausfallquoten um 40 bis 60 Prozent sinken werden – ähnlich wie beim Übergang auf BPaL bei MDR-TB.
Muss man während der acht Wochen stationär behandelt werden? Nein, das Regime ist von Anfang an als vollständig ambulante Therapie konzipiert. Die ersten zwei Wochen finden in der Regel engmaschige Kontrollen statt (wegen möglicher Nebenwirkungen von Linezolid), danach reichen wöchentliche oder vierzehntägige Abholungen der Medikamente in der TB-Klinik. Viele Länder setzen bereits erfolgreich Video-Observed-Therapy (per Smartphone) oder Gemeindemitarbeiter ein, die die Tabletteneinnahme begleiten. Erste Erfahrungen aus Südafrika zeigen, dass die Therapietreue bei solchen Kurzregimen deutlich höher liegt als bei den klassischen sechs Monaten.
Was passiert, wenn nach acht Wochen noch Bakterien nachweisbar sind? Das Ziel ist, dass bei etwa 85–90 Prozent der Patienten mit leichter bis mittelschwerer Erkrankung nach acht Wochen keine lebenden Bakterien mehr nachweisbar sind. Bei den verbleibenden 10–15 Prozent würde die Behandlung nicht abgebrochen, sondern nahtlos mit einem angepassten Regime fortgesetzt – entweder weitere vier bis acht Wochen SPaL oder ein Wechsel auf das bewährte Standardregime. Dieser individualisierte Ansatz („treat-to-success“ statt „one-size-fits-all“) wird bereits bei Hepatitis C und manchen Krebsbehandlungen erfolgreich eingesetzt und soll verhindern, dass Patienten unnötig lange oder zu kurz behandelt werden.
Können Kinder und Schwangere das neue Regime bereits bekommen? Noch nicht, denn die Phase-2-Studie NC-009 schloss ausschließlich Erwachsene ein. Die TB Alliance hat jedoch bereits kindgerechte, geschmacksneutrale Tabletten und Suspensionen entwickelt. Eine eigene pädiatrische Studie soll 2026 starten, parallel dazu eine Studie bei Schwangeren (die bei Tuberkulose ein besonders hohes Risiko für Mutter und Kind haben). Bis dahin profitieren Kinder indirekt: Wenn Erwachsene schneller geheilt werden, sinkt die Ansteckungsgefahr in Familien deutlich. Erste Modellrechnungen zeigen, dass eine flächendeckende Einführung von SPaL bei Erwachsenen die TB-Inzidenz bei Kindern unter fünf Jahren um bis zu 40 Prozent senken könnte.
Quellen
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The Guardian. (2025, November 19). New drug could be a breakthrough in treatment for killer TB, trial suggests. https://www.theguardian.com/global-development/2025/nov/19/new-drug-could-be-breakthrough-killer-tb-tuberculosis-sorfequiline
Medical Xpress. (2025, November 19). Phase II clinical trial results show potential to shorten TB treatment time. https://medicalxpress.com/news/2025-11-phase-ii-clinical-trial-results.html
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Saukkonen, J. J., et al. (2025). Updates on the treatment of drug-susceptible and drug-resistant tuberculosis: An official ATS/CDC/ERS/IDSA clinical practice guideline. American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, 211(1), 15-33. https://doi.org/10.1164/rccm.202407-1346ST
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Guglielmetti, L., et al. (2025). Shorter regimens for pre-XDR tuberculosis: Results from the endTB-Q phase 3 trial. The Lancet Respiratory Medicine, 13(8), 678-689. https://doi.org/10.1016/S2213-2600(25)00123-4






