Libido-Sorgen: Mehr als die Hälfte macht sich Gedanken

Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 8. Juli 2026, Lesezeit: 7 Minuten

Eine neue Studie im Fachjournal Journal of Sex & Marital Therapy zeigt, dass mehr als die Hälfte der befragten Erwachsenen sich Sorgen um ihre Libido macht, wobei die meisten Bedenken sich darum drehen, dass das eigene sexuelle Verlangen zu niedrig erscheint oder nicht mit dem Verlangen des Partners oder der Partnerin übereinstimmt; die Ergebnisse liefern zugleich Hinweise darauf, wie stark Alltagsstress, psychische Belastungen und Beziehungsdynamiken die Wahrnehmung der eigenen sexuellen Lust prägen.

Sexuelles Verlangen, oft auch als Libido oder Sexualtrieb bezeichnet, beschreibt die innere Motivation eines Menschen, sexuelle Erfahrungen oder Lust zu suchen. Diese Motivation kann sich als Interesse an sexuellen Handlungen mit anderen Personen zeigen, als Interesse an Masturbation oder schlicht als sexuelle Fantasie. Der Grad dieses Verlangens schwankt bei jedem Menschen im Zeitverlauf, von Tag zu Tag ebenso wie über verschiedene Lebensphasen hinweg.

Was die Studie konkret zeigt

Fachleute aus Psychologie und Medizin bemühen sich zunehmend darum, Schwankungen der Libido als normalen Teil des menschlichen Erlebens zu verstehen, statt sie vorschnell als medizinisches Problem einzustufen. Dennoch zählen unterschiedliche Vorstellungen von sexuellem Verlangen zwischen Partnern weiterhin zu den häufigsten Gründen, aus denen Paare eine Therapie aufsuchen; solche Diskrepanzen werden in der Forschung regelmäßig mit geringerer Beziehungszufriedenheit und spürbaren Spannungen in Verbindung gebracht.

Bisherige Forschung konzentrierte sich vor allem auf ausgeprägt niedriges Verlangen oder auf Situationen, in denen sich das Verlangen zweier Partner deutlich unterscheidet. Dabei blieb weitgehend offen, wie Menschen außerhalb einer klinischen Situation ihre eigene Libido im Alltag wahrnehmen und welche Sorgen sie damit verbinden.

Genau diese Lücke wollte das Forschungsteam um Caroline F. Pukall schließen. Pukall ist Professorin für Psychologie und Inhaberin des Canada Research Chair in Sexual Health an der Queen’s University in Kingston, Ontario; sie leitet zudem das Sexual Health Research Lab und ist Mitherausgeberin eines Lehrbuchs zur menschlichen Sexualität. Gemeinsam mit ihrem Team wollte sie verstehen, was Menschen an ihrer eigenen Libido beunruhigt und wie sich diese Sorgen je nach Beziehungsstatus, Geschlecht und sexueller Orientierung unterscheiden.

Methodik der Untersuchung

Für die Untersuchung setzte das Team auf eine gemischt-methodische Online-Befragung, die sowohl standardisierte Auswahlfragen als auch offene Textantworten kombinierte. Die Rekrutierung erfolgte über die Social-Media-Kanäle des populärwissenschaftlichen Podcasts Science Vs, wodurch insgesamt 1.317 erwachsene Personen an der Befragung teilnahmen. Die Stichprobe deckte ein breites Altersspektrum ab, wobei die Mehrheit der Teilnehmenden jünger als 40 Jahre war.

Rund 55 Prozent der Befragten identifizierten sich als Frauen, etwa 40 Prozent als Männer, die übrigen Teilnehmenden als nichtbinär oder agender. Bei der sexuellen Orientierung gaben etwa 70 Prozent an, heterosexuell zu sein; die restlichen Personen bezeichneten sich als bisexuell, pansexuell, queer, homosexuell oder asexuell. Fast 80 Prozent der Teilnehmenden befanden sich zum Zeitpunkt der Befragung in einer festen Beziehung.

Kernzahlen im Überblick

Die Auswertung ergab mehrere zentrale Befunde zur Libido und zu den damit verbundenen Sorgen:

  • 57,1 Prozent der Gesamtstichprobe gaben an, sich bereits einmal Sorgen um ihre Libido gemacht zu haben.
  • Unter den besorgten Personen berichteten 47,5 Prozent, dass ihre Libido ihnen zu niedrig erscheine.
  • 42,4 Prozent sorgten sich, weil ihre Libido nicht zum Verlangen des Partners oder der Partnerin passte.
  • Nur 7,6 Prozent der besorgten Teilnehmenden gaben an, ihr Verlangen sei ihnen zu hoch.
  • 44,3 Prozent führten ihre niedrige Libido auf psychische Belastungen zurück.
  • Als weitere häufige Gründe nannten die Teilnehmenden Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper sowie Nebenwirkungen von Medikamenten.

Auf die Frage, was sie an einer niedrigen Libido am meisten belaste, nannten die Teilnehmenden am häufigsten das Gefühl, den Partner oder die Partnerin nicht ausreichend sexuell zufriedenzustellen. Fast die Hälfte gab zudem an, das frühere Ausmaß der eigenen sexuellen Lust zu vermissen.

Warum sich so viele Menschen Sorgen machen

Pukall erklärte, dass die Sorgen der Teilnehmenden sich auffällig oft nicht nur auf die eigene Person, sondern auf die Auswirkungen der Libido auf die Partnerschaft bezogen, etwa auf die Sorge, den anderen nicht zufriedenzustellen oder mit unterschiedlichem Verlangen umgehen zu müssen. Viele Teilnehmende brachten ihre niedrige Libido zudem mit psychischer Belastung, Stress, Erschöpfung und elterlichen Pflichten in Verbindung, was laut der Forscherin zeigt, wie eng sexuelles Wohlbefinden mit dem allgemeinen Wohlbefinden verknüpft ist.

In den offenen Antworten beschrieben einige Teilnehmende ihre Libido als stark schwankend, teils über Wochen hinweg verschwunden, bevor sie zurückkehrte. Andere berichteten, dass Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit ihr sexuelles Verlangen deutlich reduziert hätten. Manche Teilnehmende schilderten außerdem, dass eine niedrige Libido ihr sexuelles Selbstwertgefühl beeinträchtigte und sie sich dadurch weniger begehrenswert fühlten. Einige berichteten sogar von der Sorge, aus Angst vor Konflikten in der Beziehung zu sexuellen Handlungen gedrängt zu werden, obwohl sie selbst kein Verlangen verspürten. Andere führten ihre Schwierigkeiten auf religiös geprägte Erziehung zurück, die Enthaltsamkeit betonte und es später erschwerte, Intimität unbeschwert zu erleben.

Geschlecht, sexuelle Orientierung und Beziehungsstatus

Die Studie fand mehrere demografische Unterschiede in der Wahrnehmung der eigenen Libido:

Geschlechtsunterschiede

Männer berichteten häufiger von einer hohen Libido, während Frauen häufiger eine niedrige Libido angaben. Frauen zeigten sich zudem deutlich häufiger besorgt über ihr sexuelles Verlangen als Männer.

Beziehungsstatus

Personen in einer festen Beziehung, insbesondere solche mit einer Beziehungsdauer zwischen einem und fünfzehn Jahren, berichteten häufiger von niedriger Libido und äußerten häufiger entsprechende Sorgen als Personen ohne feste Partnerschaft.

Alter und sexuelle Orientierung

Das Alter der Teilnehmenden zeigte keinen erkennbaren Zusammenhang mit der Bewertung der eigenen Libido oder dem Ausmaß der Sorgen. Bemerkenswert ist, dass sich das tatsächliche Niveau der Libido zwischen heterosexuellen und sexuell nicht heteronormativen Teilnehmenden nicht unterschied, letztere jedoch ein höheres Maß an Sorge berichteten.

Pukall betonte, dass viele der beobachteten Gruppenunterschiede statistisch eher klein ausfielen, was darauf hindeutet, dass individuelle Erfahrungen und Lebensumstände eine größere Rolle spielen als breite demografische Kategorien allein.

Grenzen der Studie

Die Forscherinnen und Forscher weisen selbst auf mehrere methodische Einschränkungen hin. Da die Teilnehmenden über die Social-Media-Kanäle eines Podcasts rekrutiert wurden und freiwillig an einer Umfrage zum Thema Libido teilnahmen, lässt sich die Stichprobe nicht ohne Weiteres auf die Gesamtbevölkerung übertragen. Die Studie sollte daher nicht als Beleg dafür verstanden werden, wie verbreitet Libido-Sorgen in der Allgemeinbevölkerung tatsächlich sind.

Zudem verwendeten die Forschenden die Begriffe Sexualtrieb und Libido austauschbar, ohne den Teilnehmenden eine feste Definition vorzugeben, wodurch individuelle Interpretationsunterschiede möglich sind. Die Studie unterschied außerdem nicht zwischen spontanem Verlangen, das ohne erkennbaren Auslöser auftritt, und reaktivem Verlangen, das erst als Reaktion auf eine sexuelle Situation entsteht. Da eigens entwickelte statt etablierter, validierter Fragebögen verwendet wurden, lassen sich die Ergebnisse zudem nur eingeschränkt mit älteren Studien vergleichen. Soziale Erwünschtheit, etwa gesellschaftlicher Druck auf Männer, ein hohes sexuelles Verlangen zu berichten, könnte die Antworten zusätzlich beeinflusst haben.

Praktische Hinweise für den Alltag

Auf Grundlage der Studienergebnisse lassen sich einige Ansatzpunkte für den Umgang mit Sorgen rund um die eigene Libido ableiten:

  1. Schwankendes sexuelles Verlangen über Tage, Wochen oder Lebensphasen hinweg gilt in der Forschung als normaler Bestandteil menschlicher Sexualität, nicht automatisch als Störung.
  2. Stress, Erschöpfung, psychische Belastung und familiäre Verpflichtungen zählen zu den am häufigsten genannten Einflussfaktoren auf die Libido und lohnen daher besondere Aufmerksamkeit.
  3. Offene Kommunikation mit dem Partner oder der Partnerin über unterschiedliches Verlangen kann helfen, Druck und Missverständnisse zu verringern.
  4. Bei anhaltender Belastung durch Libido-Sorgen kann der Austausch mit einer Fachperson für Sexualtherapie oder Paartherapie sinnvoll sein, insbesondere wenn Scham- oder Schuldgefühle im Vordergrund stehen.
  5. Medikamentennebenwirkungen als möglicher Einflussfaktor auf die Libido sollten im Zweifel ärztlich abgeklärt werden, statt sie vorschnell allein psychisch zu erklären.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Park, J. T., Levang, S. L., Garas, M., Terrell, B., Zukerman, W., & Pukall, C. F. (2026). Worrying about low libido: A mixed-method evaluation of sexual desire across gender, sexual orientation, and relationship status. Journal of Sex & Marital Therapy. https://doi.org/10.1080/0092623X.2026.2666147

Dolan, E. W. (2026, July 5). More than 50 percent of adults worry about their libido, new study finds. PsyPost. https://www.psypost.org/more-than-50-percent-of-adults-worry-about-their-libido-new-study-finds/

Queen’s University. (n.d.). Sexual Health Research Lab. https://www.sexlab.ca/

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