Während künstliche Süßstoffe seit Jahrzehnten als kalorienarme Alternative zu Zucker in der Ernährung eingesetzt werden, um Gewichtsmanagement zu unterstützen und den Konsum von zuckergesüßten Getränken zu reduzieren, hat die langjährige Debatte darüber, ob sie das Appetitgefühl steigern, die Nahrungsaufnahme erhöhen oder sogar zu kompensatorischem Essen führen könnten, die wissenschaftliche Gemeinschaft und Verbraucher gleichermaßen beschäftigt; nun liefert eine kontrollierte Sub-Studie im Rahmen des europäischen Horizon-2020-Projekts SWEET, durchgeführt an der Universität Kopenhagen, evidenzbasierte Erkenntnisse, die zeigen, dass eine Mischung aus Acesulfam-Kalium und Cyclamat weder den Appetit klinisch relevant beeinflusst noch zu einer höheren Energieaufnahme führt – im Gegenteil reduziert sie das Verlangen nach süßen Speisen, ohne negative Auswirkungen auf das Sättigungsempfinden während Phasen der Gewichtsabnahme und -erhaltung bei übergewichtigen Erwachsenen.
ÜBERSICHT
- 1 Hintergrund: Metabolische und appetitive Effekte von Süßstoffen
- 2 Studiendesign der SWEET-Sub-Studie
- 3 Ergebnisse: Kein klinisch relevanter Effekt auf Appetit oder Energieaufnahme
- 4 Weitere Erkenntnisse aus dem übergeordneten SWEET-Projekt
- 5 Vergleich mit bisheriger Forschung
- 6 Praktische Implikationen für Ernährung und Gesundheit
- 7 Limitationen und Ausblick
- 8 Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Hintergrund: Metabolische und appetitive Effekte von Süßstoffen
Nicht-kalorische Süßstoffe (NCS) und kalorienarme Süßstoffe (LCS) werden als Süßstoffe und Süßungsverstärker (S&SEs) zusammengefasst. Sie verleihen Lebensmitteln intensive Süße bei minimalem oder keinem Energiebeitrag und verbessern die Schmackhaftigkeit ohne entsprechende glykämische oder kalorische Belastung.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt bedingt, NCS nicht für das Gewichtsmanagement zu nutzen, da Langzeitdaten zu einer Reduktion der Adipositas unzureichend seien und potenzielle Risiken für nicht übertragbare Krankheiten bestünden. Im Gegensatz dazu kam ein Expertenkonsens aus dem Jahr 2020 zu dem Schluss, dass keine negativen Effekte auf Gewicht oder Glukoseregulation vorlägen.
Diese widersprüchlichen Empfehlungen beruhen vor allem auf unterschiedlicher Gewichtung von Beobachtungsstudien versus randomisierten kontrollierten Studien (RCTs). Mögliche Mechanismen, durch die S&SEs die Appetitregulation stören könnten, umfassen die Aktivierung von Süßrezeptoren jenseits der wahrgenommenen Süße, Veränderungen der Darmmikrobiota oder entkoppelte cephale Phasenreaktionen.
Frühere Untersuchungen deuteten an, dass einige NCS die Blut-Hirn-Schranke passieren könnten; die Belege stammen jedoch überwiegend aus Tier- und In-vitro-Modellen, während humane RCT-Daten rar und meist nicht bestätigend sind.
Studiendesign der SWEET-Sub-Studie
Die vorliegende Sub-Studie wurde am Department of Nutrition, Exercise and Sports der Universität Kopenhagen durchgeführt und bildet einen Teil des umfassenden SWEET-Projekts. Sie testete die akuten Effekte einer Acesulfam-Kalium/Cyclamat-Mischung (Ace-K/Cyc) im Vergleich zu Wasser auf Appetitsensationen und Energieaufnahme.
Teilnehmer waren Erwachsene im Alter von 18 bis 60 Jahren mit einem Body-Mass-Index über 25 kg/m² und regelmäßigem Konsum zuckerhaltiger Produkte. Ausschlusskriterien umfassten chronische Erkrankungen oder Medikamente, die die Ergebnisse beeinflussen könnten.
Die Hauptstudie umfasste vier Untersuchungstage über zwölf Monate. Während einer zweimonatigen Gewichtsverlustphase folgten die Probanden einer energiereduzierten Diät mit 3347 bis 4186 kJ pro Tag. Anschließend erfolgte eine vier- bis zehnmonatige Erhaltungsphase mit randomisierter Zuweisung zu einer Gruppe, die S&SEs konsumierte, oder einer Zucker-Vermeidungsgruppe.
In der Sub-Studie nahmen 30 Personen an drei Testtagen teil (Monat 0, 2 und 6). Nach standardisiertem Frühstück und mindestens zehnstündigem Fasten erhielten sie entweder das Ace-K/Cyc-Getränk oder Wasser. Appetit und Schmackhaftigkeit wurden zehnmal pro Testtag mittels 100-mm-elektronischer visueller Analogskalen (eVAS) erfasst.
Ergebnisse: Kein klinisch relevanter Effekt auf Appetit oder Energieaufnahme
Von 30 rekrutierten Teilnehmern schlossen 26, 22 und 16 die Testtage 1, 2 und 3 ab. Die Abbruchrate lag an Studienbelastung und persönlichen Gründen. Nüchtern-Appetitwerte waren zwischen den Gruppen weitgehend vergleichbar; eine isolierte geringere Hungerangabe in der S&SE-Gruppe am ersten Tag hielt nicht an.
Sättigung und Völlegefühl zeigten keine signifikanten Unterschiede in Interaktionen, Mahlzeiteffekten oder netAUC-Werten über alle Zeitfenster. Für Hunger ergab sich eine signifikante Zeit-Mahlzeit-Interaktion, jedoch keine dreifache Interaktion.
Post-hoc-Analysen wiesen zu bestimmten Zeitpunkten (130 und 160 Minuten nach dem Getränk) niedrigeren Hunger in der S&SE-Gruppe aus; dieser Unterschied verschwand jedoch bei Berücksichtigung des Geschmacks als Kovariate. Die netto-AUC für Hunger unterschied sich zu keinem Zeitpunkt signifikant.
Das standardisierte Frühstück wurde von beiden Gruppen gleich bewertet. Das Ace-K/Cyc-Getränk erhielt durchgängig niedrigere Geschmacks- und Optikbewertungen als das Wasser-Placebo.
Trotz der geringeren Schmackhaftigkeit kompensierten die Teilnehmer nicht mit höherer Nahrungsaufnahme: Die ad-libitum-Energieaufnahme blieb in beiden Gruppen identisch. Dies deutet auf keine kompensatorische Überkompensation in der kontrollierten Umgebung hin.
Zusätzlich reduzierte Ace-K/Cyc das Verlangen nach etwas Süßem konsistent – auch nach Korrektur für Geschmacksunterschiede – sowohl akut als auch über die Gewichtsverlust- und Erhaltungsphasen hinweg.
Weitere Erkenntnisse aus dem übergeordneten SWEET-Projekt
Die Sub-Studie ergänzt die Hauptergebnisse des SWEET-Projekts, in dem übergewichtige Personen nach einem Jahr Gewichtsmanagement mit S&SEs eine um 1,6 kg stärkere Gewichtsreduktion erzielten als die Vergleichsgruppe. Der Zuckerreduktion war in der S&SE-Gruppe doppelt so hoch.
Diese Daten unterstreichen, dass der Ersatz von Zucker durch Süßstoffe und Süßungsverstärker das Gewichtsmanagement unterstützt, ohne die Appetitregulation negativ zu beeinflussen. Die Studie war jedoch nicht primär auf Appetit-Endpunkte ausgelegt; größere Kohorten wären für statistisch robustere Nachweise erforderlich.
Vergleich mit bisheriger Forschung
Frühere Meta-Analysen randomisierter Studien bestätigen weitgehend, dass künstliche Süßstoffe die Energieaufnahme nicht erhöhen oder sogar senken. Eine Übersicht aus dem Jahr 1991 zeigte, dass Aspartam weder Hunger steigert noch die Nahrungsaufnahme erhöht.
Aktuelle Umbrella-Meta-Analysen interventioneller Studien belegen eine signifikante Reduktion des Body-Mass-Index und des Körpergewichts bei Verwendung von Süßstoffen. Beobachtungsstudien hingegen assoziieren den Konsum mit höherem Adipositasrisiko – ein Effekt, der durch umgekehrte Kausalität und Confounder erklärbar sein dürfte.
Systematische Reviews zu künstlich gesüßten Getränken fanden keine signifikanten Unterschiede zu ungesüßten Varianten bei Gewicht, Taillenumfang oder metabolischen Markern. Dies untermauert die RCT-Evidenz der aktuellen Studie.
Praktische Implikationen für Ernährung und Gesundheit
Die Ergebnisse legen nahe, dass künstliche Süßstoffe wie Ace-K/Cyc in einer ausgewogenen Ernährung eingesetzt werden können, ohne das Risiko erhöhter Nahrungsaufnahme zu bergen. Besonders in Phasen der Gewichtsabnahme können sie das Verlangen nach Süßem dämpfen und die Compliance mit kalorienreduzierten Plänen erleichtern.
Ernährungsfachkräfte empfehlen, Süßstoffe gezielt und in Maßen zu verwenden, kombiniert mit einer insgesamt nährstoffreichen Kost. Individuelle Toleranz und langfristige Gewohnheiten sollten ärztlich oder ernährungstherapeutisch begleitet werden.
Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit weiterer großer, langfristiger RCTs, um Effekte bei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Süßstoffkombinationen zu prüfen.
Limitationen und Ausblick
Die Stichprobengröße war begrenzt, sodass die Studie nicht für Appetit-Parameter gepowert war. Attrition und palatabilitätsbedingte Unterschiede wurden statistisch berücksichtigt, doch größere Folgestudien sind essenziell.
Zukünftige Forschung sollte Dosierungen, Kombinationen und Langzeiteffekte auf Mikrobiota sowie metabolische Gesundheit stärker beleuchten. Bis dahin bieten die vorliegenden Daten eine solide Grundlage für eine nuancierte Betrachtung künstlicher Süßstoffe.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Beeinflussen künstliche Süßstoffe das langfristige Körpergewicht positiv? Interventionelle Studien des SWEET-Projekts zeigen, dass der Ersatz von Zucker durch Süßstoffe zu einer zusätzlichen Gewichtsreduktion von 1,6 kg nach einem Jahr führen kann, bei gleichzeitig doppelt so starker Zuckerreduktion; dies übertrifft die durchschnittlichen Effekte früherer Meta-Analysen.
Sind alle Süßstoffe gleich in ihrer Wirkung auf den Appetit? Nicht alle Substanzen wirken identisch; während Ace-K/Cyc das Verlangen nach Süßem gezielt senkt, deuten Meta-Analysen auf substanzspezifische Unterschiede hin, etwa bei Sucralose oder Stevia, die in manchen Reviews keine Appetitsteigerung auslösen.
Können künstliche Süßstoffe die Darmmikrobiota verändern? Aktuelle Daten aus humanen Studien zeigen keine konsistenten negativen Effekte auf die Mikrobiota-Zusammensetzung bei moderater Dosierung; Tierstudien sind hierbei nur bedingt übertragbar und erfordern weitere Bestätigung in größeren Kohorten.
Ersetzen künstlich gesüßte Getränke zuckerhaltige Varianten ohne Risiko? Systematische Reviews bestätigen keine signifikanten Unterschiede zu ungesüßten Getränken bei metabolischen Risikofaktoren; der Ersatz einer Portion zuckerhaltiger Getränke pro Tag durch künstlich gesüßte Varianten senkt sogar das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse um 4 bis 6 Prozent.
Welche Rolle spielt die Schmackhaftigkeit bei der Appetitregulation? Die vorliegende Studie belegt, dass trotz geringerer Geschmacksbewertung des Süßstoffgetränks keine kompensatorische Mehraufnahme erfolgt; dies widerlegt die Hypothese, dass schlechter Geschmack automatisch zu höherem Verzehr führe.
Quellen
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