Eine im Journal of Affective Disorders veröffentlichte Kohortenstudie mit Daten von 368.756 Teilnehmenden der UK Biobank untersucht, wie das Körpergewicht in Kindheit und Erwachsenenalter mit dem späteren Risiko für Depressionen und Angststörungen zusammenhängt. Sowohl ein im Rückblick als dünner oder fülliger als der Durchschnitt erinnerter Körperbau im Alter von zehn Jahren als auch ein Body-Mass-Index (BMI) außerhalb des Normbereichs im Erwachsenenalter gingen mit höheren Raten neu diagnostizierter Erkrankungen einher, wobei der Zusammenhang für das Erwachsenengewicht am stärksten war. Wer sich als fülliges Kind erinnerte, im Erwachsenenalter aber normalgewichtig war, zeigte kein statistisch signifikant erhöhtes Risiko. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lässt sich daraus jedoch keine Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten.
So wurde die Studie durchgeführt
Das Autorenteam um Qi-Jun Wu nutzte Daten der UK Biobank, einer großen britischen Langzeitstudie. Nach Angaben der Berichterstattung von PsyPost waren die Teilnehmenden bei der Aufnahme zwischen 40 und 69 Jahre alt. Wer bereits eine Depression oder Angststörung diagnostiziert bekommen hatte, wurde ausgeschlossen, damit nur neue Fälle gezählt wurden.
Die Teilnehmenden gaben bei der Aufnahme rückblickend an, ob sie im Alter von zehn Jahren dünner, durchschnittlich oder fülliger als Gleichaltrige gewesen waren. Das Gewicht im Erwachsenenalter wurde dagegen gemessen: Der BMI, der das Körpergewicht ins Verhältnis zum Quadrat der Körpergröße setzt, wurde bei der Rekrutierung erfasst.
Im Median wurden die Teilnehmenden 13,2 Jahre lang beobachtet. In dieser Zeit traten 11.546 Fälle von Depression und 15.780 Fälle von Angststörungen auf. Das entspricht rechnerisch etwa 3 beziehungsweise 4 Prozent aller Teilnehmenden.
Ausgewertet wurden die Daten mit Cox-Regressionsmodellen, die sogenannte Hazard Ratios (HR) berechnen. Eine HR von 1,19 bedeutet, dass die Rate neuer Diagnosen im Beobachtungszeitraum in der Vergleichsgruppe um 19 Prozent höher lag als in der Referenzgruppe. Sie ist kein absolutes Risiko.
Ergebnisse der Studie
Körperbau im Alter von zehn Jahren
Im Vergleich zu Kindern mit durchschnittlichem Körperbau waren beide Abweichungen mit höheren Raten verbunden:
- Dünner als der Durchschnitt: Depression HR 1,09 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,04 bis 1,13), Angststörung HR 1,13 (1,09 bis 1,17)
- Fülliger als der Durchschnitt: Depression HR 1,19 (1,13 bis 1,25), Angststörung HR 1,11 (1,06 bis 1,16)
Die Zusammenhänge sind statistisch erkennbar, aber moderat. Bemerkenswert ist, dass nicht nur ein höheres, sondern auch ein niedrigeres Körpergewicht in der Kindheit mit erhöhten Werten einherging.
BMI im Erwachsenenalter
Der Zusammenhang zwischen dem BMI im Erwachsenenalter und beiden Erkrankungen war U-förmig (P für Nichtlinearität unter 0,001). Die niedrigsten Raten zeigten sich bei einem BMI von etwa 23 bis 24 kg/m². Höhere Raten gab es somit an beiden Enden der Skala. Die Studie spricht daher nicht für die Annahme, ein möglichst niedriges Gewicht sei am günstigsten.
Nach der Berichterstattung von PsyPost lag die Rate neuer Depressionsdiagnosen bei Übergewicht um 18 Prozent und bei Adipositas um 52 Prozent höher als bei Normalgewicht. Für Angststörungen nennt der Bericht bei Adipositas einen Wert von 15 Prozent. Diese Zahlen stehen nicht in der frei zugänglichen Kurzfassung der Studie und konnten dort nicht unabhängig bestätigt werden.
Verläufe von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter
Die Forschenden kombinierten den erinnerten Körperbau mit dem gemessenen BMI zu Verlaufsgruppen. Nach dem Bericht von PsyPost waren es neun Gruppen, als Vergleichsgruppe dienten Menschen mit durchschnittlichem Körperbau in der Kindheit und Normalgewicht im Erwachsenenalter.
Das höchste Risiko zeigte der Verlauf von einem dünneren Körperbau in der Kindheit zu Adipositas im Erwachsenenalter: Für Depression lag die HR bei 1,73 (1,59 bis 1,87), für Angststörungen bei 1,33 (1,23 bis 1,42).
Der Verlauf von einem fülligeren Körperbau in der Kindheit zu Normalgewicht im Erwachsenenalter zeigte dagegen keinen signifikanten Anstieg. Nach dem Bericht war das Risiko dieser Gruppe mit dem der Vergleichsgruppe vergleichbar.
Zudem nennt der Bericht eine statistische Mediationsanalyse: Der Erwachsenen-BMI erkläre rund 45 Prozent des Zusammenhangs zwischen kindlicher Fülligkeit und späterer Depression sowie rund 31 Prozent bei Angststörungen. Eine solche statistische Erklärung ist kein Nachweis einer kausalen Kette.
Was die Studie nicht belegt
Die Autorinnen und Autoren schließen, dass ein normaler BMI im Erwachsenenalter mit einer Abschwächung des mit kindlicher Fülligkeit verbundenen Risikos einhergehen könnte. Mehrere Einschränkungen verhindern stärkere Aussagen:
- Keine Kausalität: Als Beobachtungsstudie kann sie nicht zeigen, dass das Körpergewicht Depressionen oder Angststörungen verursacht. Nicht erfasste biologische, soziale oder Umweltfaktoren können Gewicht und psychische Gesundheit gleichzeitig beeinflussen, und auch eine umgekehrte Wirkrichtung lässt sich bei diesem Design nicht ausschließen.
- Keine beobachtete Gewichtsabnahme: Die Studie verglich Gruppen anhand einer Erinnerung und einer einmaligen BMI-Messung. Einzelne Personen, die im Lauf ihres Lebens tatsächlich abnahmen, wurden nicht wiederholt gemessen.
- Erinnerung und Selbsteinschätzung: Der Körperbau mit zehn Jahren wurde Jahrzehnte später aus dem Gedächtnis angegeben; die Kategorien dünner, durchschnittlich und fülliger sind subjektiv.
- Stichprobe: Nach dem Bericht besteht die UK Biobank überwiegend aus Freiwilligen europäischer Abstammung, die oft gesünder sind als die Gesamtbevölkerung. Das schränkt die Übertragbarkeit ein.
- Zusammengefasste Diagnosen: Laut Bericht wurden Depressionen und Angststörungen ohne Unterscheidung von Untergruppen ausgewertet, die möglicherweise unterschiedlich mit dem Gewicht zusammenhängen.
Einordnung: Was andere Forschung nahelegt
Eine kleinere Kohortenstudie aus Tasmanien mit 2.416 Teilnehmenden untersuchte BMI-Verläufe vom fünften bis zum 45. Lebensjahr und erfasste Depression und Angst mit 53 Jahren. Dauerhaft hohe Verläufe sowie Verläufe mit durchschnittlichem Kindes-BMI und anschließendem Anstieg gingen dort mit höheren Odds für eine Depression einher (Odds Ratio 2,64 beziehungsweise 2,24).
Für aktuelle Angst fand sich kein Zusammenhang mit den BMI-Verläufen; Kinder mit hohem, später sinkendem BMI hatten jedoch weniger schwere Angstsymptome (Odds Ratio 0,68). Das Bild ist also bei Depression ähnlich, bei Angst nicht deckungsgleich. Zudem unterscheiden sich Stichprobe, Methodik und Zielgröße.
Als mögliche Erklärungen für Zusammenhänge zwischen Körpergewicht und psychischer Gesundheit werden biologische Faktoren wie Entzündungsprozesse und eine veränderte Stressregulation sowie soziale Faktoren wie Stigmatisierung diskutiert. Welche davon in der besprochenen Studie eine Rolle spielen, wurde nach den vorliegenden Angaben nicht geklärt.
Der Schluss, eine Gewichtsoptimierung im Erwachsenenalter bringe seelische Vorteile, bleibt damit eine Hypothese. Um sie zu prüfen, wären Interventionsstudien oder wiederholte Gewichtsmessungen über das Leben hinweg nötig. Wer sich Sorgen um die eigene seelische Gesundheit oder das Gewicht macht, kann dies mit einer Hausärztin oder einem Hausarzt besprechen.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Haben fülligere Kinder ein hohes Risiko, später depressiv zu werden?
Die Studie fand bei Menschen, die sich als fülligeres Kind erinnerten, eine um 19 Prozent höhere Rate neuer Depressionsdiagnosen (HR 1,19) als bei durchschnittlich gebauten Kindern. Das ist ein relatives Maß. Insgesamt erkrankten im Beobachtungszeitraum rechnerisch nur etwa 3 Prozent aller Teilnehmenden neu an einer Depression.
Kann Abnehmen im Erwachsenenalter eine Depression verhindern?
Das kann diese Studie nicht beantworten. Sie testete keine Intervention und verfolgte keine Gewichtsveränderungen einzelner Personen. Die Autorinnen und Autoren halten einen Nutzen für möglich; belegen lässt er sich mit diesem Studiendesign nicht.
Warum ist auch ein dünnerer Körperbau in der Kindheit mit höheren Raten verbunden?
Nach den vorliegenden Angaben liefert die Studie dafür keine gesicherte Erklärung. Auch der U-förmige Verlauf beim Erwachsenen-BMI zeigt, dass nicht nur hohe Werte auffielen. Die Ursachen sind offen.
Wie verlässlich ist die Erinnerung an den Körperbau mit zehn Jahren?
Erinnerungen über mehrere Jahrzehnte können ungenau sein, und die Einteilung ist subjektiv. Nach dem Bericht von PsyPost verweisen die Forschenden darauf, dass Menschen meist ein grobes Gefühl für ihre relative Größe behalten. Eine Messung ersetzt das nicht.
Gelten die Ergebnisse für alle Bevölkerungsgruppen?
Nicht gesichert. Die UK Biobank besteht nach dem Bericht überwiegend aus Freiwilligen europäischer Abstammung. Ob sich die Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen lassen, müssen weitere Studien zeigen.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
Gallagher, C., Pirkis, J., Lambert, K. A., & Perret, J. L. (2023). Life course BMI trajectories from childhood to mid-adulthood are differentially associated with anxiety and depression outcomes in middle age. International Journal of Obesity. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10359183
Li, D.-R., Li, K.-R., Liu, B.-Q., Liu, J.-C., Zheng, W.-R., Gong, T.-T., Gao, S.-Y., & Wu, Q.-J. (2026). Life-course trajectories of body size from childhood to adulthood and risk of incident depression and anxiety: A prospective cohort study. Journal of Affective Disorders. https://doi.org/10.1016/j.jad.2026.122042
Petrova, K. (2026, 5. November). Losing childhood weight by adulthood might erase later depression risks. PsyPost. https://www.psypost.org/adulthood-weight-management-may-reverse-childhood-mental-health-risks/






