Wachteleier gegen Histamin: Was die Wissenschaft tatsächlich belegt

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 2. November 2026, Lesezeit: 10 Minuten

Wachteleier enthalten bioaktive Proteine, die nach experimentellen Untersuchungen die Freisetzung von Histamin aus Mastzellen hemmen könnten; ob der regelmäßige Verzehr jedoch auch beim Menschen den Histaminspiegel senkt oder eine Histaminintoleranz lindert, ist bislang wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Histamin und Mastzellen: Zwei unterschiedliche Mechanismen

Histamin ist ein körpereigener Botenstoff, der zahlreiche physiologische Funktionen erfüllt. Er ist an Immunreaktionen, Entzündungsprozessen, der Regulation der Magensäureproduktion und der Steuerung bestimmter Gefäßfunktionen beteiligt. Bei allergischen Reaktionen wird Histamin unter anderem aus Mastzellen freigesetzt, die zu den zentralen Zellen des menschlichen Immunsystems gehören.

Eine übermäßige Histaminfreisetzung kann verschiedene Beschwerden auslösen, darunter Juckreiz, Hautrötungen, Schwellungen, Niesen und eine vermehrte Schleimproduktion. Auch Kopfschmerzen und Magen-Darm-Beschwerden werden häufig mit einer vermuteten Histaminunverträglichkeit in Verbindung gebracht. Diese Symptome sind allerdings unspezifisch und können zahlreiche andere Ursachen haben.

Wissenschaftlich ist es wichtig, zwischen allergischen Reaktionen und einer vermuteten Unverträglichkeit gegenüber oral aufgenommenem Histamin zu unterscheiden. Während bei klassischen allergischen Reaktionen häufig eine IgE-vermittelte Aktivierung von Mastzellen vorliegt, wird bei der Histaminunverträglichkeit eine mögliche Störung der Verarbeitung und des Abbaus von aufgenommenem Histamin diskutiert.

Diese Unterscheidung ist entscheidend für die Bewertung der Forschung zu Wachteleiern: Eine Substanz, die möglicherweise die Freisetzung von Histamin aus Mastzellen hemmt, muss nicht zwangsläufig die Aufnahme oder den Abbau von Histamin im Verdauungstrakt beeinflussen.

Die entscheidende Forschungsfrage: Können Wachteleier die Histaminfreisetzung hemmen?

Ein besonders relevantes Forschungsergebnis wurde 2018 in der Fachzeitschrift Food & Nutrition Research veröffentlicht. Die Studie untersuchte, ob Bestandteile von Wachteleiern die Aktivierung und Degranulation von Mastzellen beeinflussen können.

Bei der sogenannten Degranulation setzen Mastzellen gespeicherte Botenstoffe frei. Dazu gehören Histamin, Tryptase und weitere entzündungsfördernde Substanzen. Dieser Vorgang spielt eine zentrale Rolle bei allergischen Reaktionen.

Die Studie von Lianto und Kollegen aus dem Jahr 2018

Die Forschungsgruppe um Priscilia Lianto untersuchte ganze Wachteleier sowie deren Eiweiß und Eigelb. Zum Einsatz kamen eine menschliche mastzellähnliche Zelllinie und ein experimentelles Mausmodell einer allergischen Reaktion.

Die Ergebnisse zeigten, dass insbesondere das Wachteleiweiß unter den untersuchten Laborbedingungen die Freisetzung mehrerer Entzündungsmediatoren beeinflussen konnte.

Bei einer Versuchskonzentration von 70 Mikrogramm pro Milliliter wurde eine Reduktion der Freisetzung von Histamin, Tryptase und β-Hexosaminidase beobachtet. Die Hemmung verschiedener untersuchter Mediatoren lag je nach Messgröße bei ungefähr 30 bis 50 Prozent.

Darüber hinaus beobachteten die Forscher eine Zunahme des entzündungsregulierenden Botenstoffs Interleukin-10 (IL-10). Die gemessene Steigerung betrug in einem Versuchsansatz bis zu 58,3 Prozent.

Die molekularbiologischen Untersuchungen deuteten darauf hin, dass Wachteleiweiß bestimmte Signalwege beeinflusst, die an der Mastzellaktivierung beteiligt sind. Dazu zählen insbesondere PAR-2 sowie die nachgeschalteten MAPK- und NF-κB-Signalwege.

Die Ergebnisse liefern einen experimentellen Hinweis auf eine mögliche mastzellregulierende Wirkung von Wachteleiproteinen. Sie beweisen jedoch nicht, dass der Verzehr gewöhnlicher Wachteleier beim Menschen dieselben Effekte hervorruft.

Weitere tierexperimentelle Ergebnisse: Hinweise auf niedrigere Histaminwerte

Eine zweite wichtige Untersuchung wurde ebenfalls 2018 in Scientific Reports veröffentlicht. Die Forscher untersuchten die Wirkung von Wachteleihomogenat in einem Mausmodell einer durch Erdnuss sensibilisierten allergischen Reaktion.

Die Tiere erhielten Wachteleihomogenat über den Verdauungstrakt. Anschließend analysierten die Wissenschaftler verschiedene immunologische und entzündungsbezogene Parameter.

Dabei wurden unter anderem Veränderungen bei folgenden Messgrößen festgestellt:

  • Histamin im Blutplasma.
  • Tryptase, ein weiterer Marker der Mastzellaktivierung.
  • Eosinophiles kationisches Protein (ECP).
  • Allergiespezifische Immunglobuline.
  • Entzündungsbezogene Zytokine.

Die Behandlung mit Wachteleihomogenat ging im allergischen Versuchsmodell mit einer Verringerung mehrerer allergischer Entzündungsmarker einher. Auch die Histaminwerte im Plasma wurden untersucht und zeigten eine entsprechende Veränderung.

Die Ergebnisse sind relevant, weil sie über reine Zellversuche hinausgehen und die Wirkung einer oral verabreichten Substanz in einem lebenden Organismus untersuchen.

Allerdings handelt es sich um ein Tiermodell. Die Ergebnisse lassen sich nicht unmittelbar auf Menschen übertragen. Insbesondere ist nicht geklärt, welche Menge an Wachteleiproteinen beim Menschen erforderlich wäre, um eine vergleichbare biologische Wirkung zu erreichen.

Was zeigen die klinischen Studien am Menschen?

Während die experimentellen Untersuchungen Hinweise auf mögliche biologische Mechanismen liefern, ist die klinische Forschung deutlich begrenzter. Die bisherigen Humanstudien konzentrieren sich überwiegend auf allergische Rhinitis, also allergisch bedingte Beschwerden der Nasenschleimhäute.

Sie untersuchen vor allem Symptome und Atemwegsfunktionen. Eine systematische Messung des Histaminspiegels im Blut oder eine Untersuchung der Diaminoxidase-Aktivität war dabei nicht das zentrale Studienziel.

Randomisierte Studie aus dem Jahr 2014

Eine 2014 in Food Science & Nutrition veröffentlichte Untersuchung analysierte die Wirkung eines Wachtelei-Präparats bei einer standardisierten Allergenbelastung.

Die randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie umfasste 43 auswertbare Teilnehmer. Die Forscher untersuchten unter anderem den nasalen Inspirationsfluss und die subjektive Intensität allergischer Beschwerden.

Die Ergebnisse zeigten in der Interventionsgruppe günstigere Messwerte des nasalen Inspirationsflusses sowie Verbesserungen bei mehreren selbst eingeschätzten Symptomen.

Die Untersuchung liefert einen ersten klinischen Hinweis auf eine mögliche Wirkung bei allergischen Nasenbeschwerden. Sie belegt jedoch keine Senkung des systemischen Histaminspiegels und keine Behandlung einer Histaminintoleranz.

Untersuchung mit 77 Erwachsenen

Eine weitere klinische Untersuchung wurde 2021 im Journal of Dietary Supplements veröffentlicht. Daran nahmen 77 Erwachsene zwischen 18 und 60 Jahren mit leichter, intermittierender allergischer Rhinitis teil.

Untersucht wurde ein Nahrungsergänzungsmittel mit bioaktiven Bestandteilen aus Wachteleiern und Zink. Die Teilnehmer erhielten das Präparat über sieben Tage.

Die Forscher berichteten über Verbesserungen des nasalen Inspirationsflusses und eine Verringerung verschiedener allergischer Beschwerden, darunter Niesen, Nasenjucken und tränende Augen.

Die Aussagekraft bleibt allerdings eingeschränkt: Es handelte sich um eine offene Studie ohne Placebogruppe. Veränderungen der Symptome können deshalb nicht eindeutig dem untersuchten Präparat zugeschrieben werden.

Randomisierte Studie aus dem Jahr 2023

Eine weitere Untersuchung erschien 2023 im Journal of Laryngology & Otology. Sie umfasste 40 Patienten mit saisonaler allergischer Rhinitis.

Die Teilnehmer erhielten entweder Mometason-Nasenspray allein oder die gleiche Behandlung in Kombination mit Wachteleihomogenat und Zink.

Die kombinierte Behandlung war mit einer stärkeren Verbesserung bestimmter Nasensymptome verbunden. Dazu gehörten Juckreiz, Niesen und die Gesamtbewertung der allergischen Beschwerden.

Die Autoren betonten allerdings, dass größere Studien erforderlich sind, um die Ergebnisse zu bestätigen.

Auch diese Untersuchung liefert keine direkte Evidenz dafür, dass Wachteleier den Histaminspiegel im Blut senken.

Was sagt die systematische Übersichtsarbeit von 2025?

Eine im Februar 2025 in der Fachzeitschrift Nutrients veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit untersuchte die klinische Forschung zu Wachtelei-basierten Nahrungsergänzungsmitteln bei allergischer Rhinitis.

Die Autoren durchsuchten fünf wissenschaftliche Datenbanken, darunter PubMed, Scopus, EMBASE, die Cochrane Library und Google Scholar. Von ursprünglich 294 identifizierten Veröffentlichungen erfüllten fünf klinische Berichte die Einschlusskriterien.

Die ausgewerteten Untersuchungen deuteten darauf hin, dass Wachtelei-basierte Präparate, teilweise in Kombination mit Zink, bestimmte Beschwerden einer allergischen Rhinitis lindern könnten.

Zu den untersuchten Ergebnissen gehörten:

  • Verbesserungen des nasalen Inspirationsflusses.
  • Veränderungen der mukoziliären Transportzeit.
  • Weniger Nasenjucken und Niesen.
  • Verbesserungen bei Nasenverstopfung und Rhinorrhö.
  • Eine mögliche Verringerung des Bedarfs an zusätzlichen Medikamenten.

Die Übersichtsarbeit unterstreicht zugleich die Grenzen der verfügbaren Daten. Die Zahl der klinischen Untersuchungen ist klein, die Studien unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Methodik und der untersuchten Präparate, und die Teilnehmerzahlen sind begrenzt.

Entscheidend ist, dass die Übersichtsarbeit allergische Rhinitis untersucht und keine klinische Wirksamkeit bei Histaminintoleranz nachweist.

Histaminintoleranz und DAO: Wo die wissenschaftliche Evidenz fehlt

Bei der Verarbeitung von Histamin aus Lebensmitteln spielt das Enzym Diaminoxidase (DAO) eine wichtige Rolle. Es ist insbesondere an der Abbauleistung gegenüber extrazellulärem Histamin beteiligt.

Bei Menschen mit vermuteter Histaminunverträglichkeit werden deshalb häufig Veränderungen der DAO-Aktivität diskutiert. Die wissenschaftliche Bewertung dieses Krankheitsbildes ist jedoch komplex.

Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) und weiterer Fachgesellschaften aus dem Jahr 2021 weist darauf hin, dass die Diagnose einer Unverträglichkeit gegenüber oral aufgenommenem Histamin schwierig ist. Auch die Bestimmung der DAO-Aktivität im Serum gilt nicht als zuverlässiger alleiniger diagnostischer Test.

Für Wachteleier ergeben sich daraus drei zentrale offene Fragen:

  1. Können Wachteleiproteine die Aktivität oder Produktion von DAO beeinflussen?
  2. Verändern sie den Abbau von Histamin im menschlichen Verdauungstrakt?
  3. Können sie bei Menschen mit vermuteter Histaminintoleranz tatsächlich Beschwerden reduzieren?

Für keine dieser Fragen liegt bislang ein überzeugender klinischer Wirksamkeitsnachweis vor.

Die bisher veröffentlichten Wachtelei-Studien liefern insbesondere keine ausreichenden Daten, um eine Steigerung der DAO-Aktivität oder eine Verbesserung der intestinalen Histaminverarbeitung zu bestätigen.

Welche Bestandteile der Wachteleier könnten eine Rolle spielen?

Das Eiweiß von Wachteleiern enthält verschiedene Proteine mit biologisch interessanten Eigenschaften. Dazu gehören Ovomucoid und weitere proteasehemmende Proteine.

In der Forschung wird diskutiert, ob solche Proteine bestimmte Enzyme und Signalwege beeinflussen können, die an allergischen Entzündungsreaktionen beteiligt sind.

Die 2018 veröffentlichten Laboruntersuchungen liefern Hinweise darauf, dass die Wirkung von Wachteleiern nicht ausschließlich einem einzelnen Bestandteil zugeschrieben werden kann. Sowohl Eiweiß als auch Eigelb zeigten in bestimmten Versuchsanordnungen immunologisch relevante Effekte.

Welche Proteine tatsächlich für die beobachtete Hemmung der Mastzelldegranulation verantwortlich sind und wie sie nach dem Verzehr im menschlichen Körper wirken, ist jedoch nicht abschließend geklärt.

Insbesondere lässt sich aus den bisherigen Ergebnissen keine wissenschaftlich begründete Verzehrmenge ableiten.

Sicherheit: Können Wachteleier selbst allergische Reaktionen auslösen?

Wachteleier sind Lebensmittel und enthalten Proteine, die bei entsprechend sensibilisierten Personen allergische Reaktionen auslösen können.

Eine mögliche antiallergische Wirkung einzelner Bestandteile bedeutet nicht, dass das gesamte Lebensmittel hypoallergen ist. Auch eine bestehende Hühnereiallergie sollte bei der Beurteilung einer möglichen Reaktion auf Wachteleier berücksichtigt werden.

Menschen mit einer bekannten Ei-Allergie sollten Wachteleier deshalb nicht eigenständig als mögliche Behandlung ausprobieren.

Darüber hinaus sollten Wachteleier nicht als Ersatz für eine medizinisch notwendige Allergiebehandlung oder eine ärztlich begleitete Abklärung wiederkehrender Beschwerden betrachtet werden.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

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