Joghurt & Probiotika: Weniger Darmkrebs-Risiko?

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 9. Juli 2026, Lesezeit: 7 Minuten

Eine aktuelle Analyse auf Basis der US-amerikanischen Gesundheitsstudie NHANES (National Health and Nutrition Examination Survey) legt nahe, dass der regelmäßige Konsum von Joghurt, Präbiotika oder Probiotika mit deutlich geringeren Chancen für eine Darmkrebserkrankung (kolorektales Karzinom, CRC) verbunden sein könnte, wobei die Autoren gleichzeitig betonen, dass weitere Langzeitstudien notwendig sind, um einen tatsächlichen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zu bestätigen.

Worum es in der Studie geht

Die im Fachjournal Nutrition & Diabetes veröffentlichte Untersuchung wertete Daten von 9.405 Teilnehmenden aus, die im Rahmen von NHANES zwischen 2001 und 2020 erhoben wurden. Eingeschlossen wurden Erwachsene ab 50 Jahren, bei denen sowohl Nüchternblutzuckerwerte (FPG) vorlagen als auch Angaben zur persönlichen Krebsvorgeschichte erfasst worden waren.

Darmkrebs zählt zu den häufigsten Ursachen für Krebserkrankungen und krebsbedingte Todesfälle weltweit. Neben genetischen und umweltbedingten Faktoren spielt die Ernährung eine zentrale Rolle: Ein hoher Konsum von verarbeitetem Fleisch und rotem Fleisch gilt als risikoerhöhend, während eine ballaststoffreiche Kost als schützend eingestuft wird. Im Zentrum der aktuellen Analyse stand die Frage, ob eine ausgeglichene Darmmikrobiota, die durch fermentierte Lebensmittel, Probiotika und Präbiotika gefördert werden kann, ebenfalls vor Darmkrebs schützt.

Methodik: Wie die Forschenden vorgingen

Um den Zusammenhang zwischen Joghurt-, Präbiotika- und Probiotikakonsum und Darmkrebs zu untersuchen, kombinierten die Autoren mehrere Datenquellen:

  • Der Joghurtkonsum wurde über einen Ernährungshäufigkeits-Fragebogen (Food Frequency Questionnaire) erfasst.
  • Präbiotika- und Probiotikakonsum wurden vor allem über Nahrungsergänzungsmittel- und Verschreibungsdaten identifiziert, ergänzt durch Textanalysen von Produktnamen und Inhaltsstoffen.
  • Zusätzlich erhoben die Forschenden Angaben zu Alter, Geschlecht, Einkommens-Armuts-Verhältnis, Bildungsstand, ethnischer Zugehörigkeit, Alkoholkonsum und Rauchstatus.
  • Klinische Parameter wie Gesamtcholesterin, LDL- und HDL-Cholesterin, glykiertes Hämoglobin (HbA1c), Serumkreatinin und Albuminwerte flossen ebenfalls in die Auswertung ein.

Die Krebsvorgeschichte wurde anhand der Selbstauskunft der Teilnehmenden im Fragebogen ermittelt. Für die statistische Auswertung kamen der Rao-Scott-Chi-Quadrat-Test für kategoriale Variablen sowie gewichtete Mittelwertvergleiche für kontinuierliche Variablen zum Einsatz, die Stichprobengewichte, Clusterbildung und Stratifizierung berücksichtigten.

Um Verzerrungen durch Begleitfaktoren zu minimieren, entwickelten die Forschenden vier unterschiedlich adjustierte logistische Regressionsmodelle:

  1. Modell 1 blieb unadjustiert.
  2. Modell 2 wurde für Body-Mass-Index (BMI), Geschlecht, Alter und ethnische Zugehörigkeit angepasst.
  3. Modell 3 berücksichtigte zusätzlich Ballaststoffaufnahme, Rauchstatus, Konsum von rotem Fleisch, Nüchternblutzucker, Diabetes mellitus und kardiovaskuläre Erkrankungen.
  4. Modell 4 passte für Variablen mit statistisch signifikantem Einfluss (p < 0,05) an, darunter Alter, Ballaststoffaufnahme, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Nierenerkrankung, Albumin und Nüchternblutzucker.

Zentrale Ergebnisse im Überblick

Von den 9.405 eingeschlossenen Teilnehmenden waren im Durchschnitt 62,8 Jahre alt, 73,7 Prozent nicht-hispanischer weißer Herkunft und 53,4 Prozent weiblich. Insgesamt wurden 151 Fälle von Darmkrebs registriert.

Ein deutlicher Unterschied zeigte sich zwischen den Gruppen: Unter den Konsumierenden von Joghurt, Präbiotika oder Probiotika lag die Darmkrebsrate bei 1,2 Prozent, während sie bei Nicht-Konsumierenden 2,1 Prozent betrug.

Weitere Unterschiede zwischen den Gruppen:

  • Konsumierende hatten häufiger einen High-School-Abschluss, ein normales Körpergewicht und lebten seltener unterhalb der Armutsgrenze.
  • Sie nahmen im Schnitt mehr Ballaststoffe und Gesamtenergie zu sich, wobei die tägliche Menge an rotem Fleisch (in Gramm) zwischen den Gruppen nicht signifikant variierte.
  • Unter den Konsumierenden gab es weniger Raucherinnen und Raucher sowie niedrigere Raten chronischer Atemwegserkrankungen und Diabetes mellitus.
  • Es zeigten sich zudem signifikante Unterschiede bei Nüchternblutzucker, HbA1c, Albumin und HDL-Cholesterin zwischen beiden Gruppen.

Am wichtigsten für die Fragestellung der Studie: Nach Adjustierung für die relevanten Störfaktoren zeigte sich bei Konsumierenden von Joghurt, Präbiotika oder Probiotika ein deutlich reduziertes Risiko für Darmkrebs. Die adjustierten Odds Ratios lagen bei 0,48 in Modell 2, 0,47 in Modell 3 und 0,50 in Modell 4, was einer ungefähr 50-prozentigen Verringerung der Erkrankungschancen entspricht.

Mögliche biologische Erklärungen

Joghurt enthält lebende Bakterienkulturen wie Bifidobacterium und Lactobacillus, die entzündungshemmend wirken und die Darmgesundheit unterstützen können. Probiotika, definiert als lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge gesundheitliche Vorteile bieten, sollen die Immunantwort modulieren und die Darmbarrierefunktion verbessern.

Präbiotika hingegen sind Substrate, die selektiv von der Wirtsmikrobiota genutzt werden, um gesundheitliche Effekte zu erzielen. Sie kommen unter anderem in Ballaststoffen aus Bananen, Zwiebeln und Knoblauch vor. Die Autoren der Studie vermuten, dass der beobachtete Zusammenhang zwischen Konsum dieser Produkte und niedrigeren Darmkrebsraten über Mechanismen vermittelt werden könnte, die sowohl die systemische Stoffwechselgesundheit als auch die Zusammensetzung der Darmmikrobiota betreffen.

Grenzen der Studie

Die Forschenden weisen ausdrücklich auf mehrere methodische Einschränkungen hin, die bei der Interpretation der Ergebnisse zu berücksichtigen sind:

  • Da es sich um eine Querschnittsstudie handelt, lässt sich keine kausale Beziehung zwischen dem Konsum von Joghurt, Präbiotika oder Probiotika und einem geringeren Darmkrebsrisiko nachweisen.
  • Die Krebsvorgeschichte sowie die Ernährungsangaben basierten auf Selbstauskünften der Teilnehmenden, was Erinnerungs- und Berichtsfehler nicht ausschließt.
  • Lebensmittelbasierte Quellen von Präbiotika und Probiotika wurden nicht vollständig erfasst.
  • Es fehlten Angaben zu Dosierung, Einnahmedauer und spezifischem Bakterienstamm der verwendeten Probiotika oder Präbiotika.

Trotz dieser Einschränkungen bewerten die Autoren die Ergebnisse als relevanten Hinweis darauf, dass ernährungs- und mikrobiotabezogene Strategien einen Beitrag zur Prävention von Darmkrebs leisten könnten. Sie fordern weiterführende, idealerweise prospektive Studien, um die Befunde zu bestätigen und in konkrete Ernährungsempfehlungen für die öffentliche Gesundheit zu übersetzen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Auch wenn die Studie keinen ursächlichen Zusammenhang beweisen kann, passen die Ergebnisse zu einem wachsenden Forschungskorpus, der die Rolle der Darmmikrobiota bei der Entstehung von Darmkrebs betont. Menschen, die ihre Ernährung mikrobiomfreundlicher gestalten möchten, können dabei etwa auf ballaststoffreiche Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Zwiebeln und Bananen sowie auf fermentierte Milchprodukte wie Naturjoghurt setzen. Wichtig bleibt dabei, individuelle Ernährungsentscheidungen stets mit einer Ärztin oder einem Arzt abzustimmen, insbesondere bei bestehenden Vorerkrankungen oder familiärer Vorbelastung für Darmkrebs.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was genau versteht man unter Präbiotika im Unterschied zu Probiotika? Präbiotika sind unverdauliche Nahrungsbestandteile, meist Ballaststoffe, die als Nahrung für nützliche Darmbakterien dienen. Probiotika hingegen sind selbst lebende Mikroorganismen, die dem Körper direkt zugeführt werden und bei ausreichender Menge gesundheitsfördernd wirken können.

Ab welchem Alter ist ein Screening auf Darmkrebs sinnvoll, unabhängig von der Ernährung? In vielen westlichen Ländern wird ein reguläres Darmkrebs-Screening ab einem Alter von 50 Jahren empfohlen, in einigen Ländern mittlerweile bereits ab 45 Jahren, insbesondere bei familiärer Vorbelastung.

Kann der alleinige Verzehr von Joghurt das Darmkrebsrisiko signifikant senken? Die vorliegende Studie betrachtete Joghurt, Präbiotika und Probiotika gemeinsam als eine kombinierte Expositionsgruppe. Ein isolierter Effekt von Joghurt allein lässt sich aus diesen Daten nicht ableiten.

Welche Rolle spielt roter Fleischkonsum in dieser Studie? Obwohl Konsumierende von Joghurt, Präbiotika oder Probiotika tendenziell häufiger angaben, rotes Fleisch zu essen, unterschied sich die tatsächliche verzehrte Menge in Gramm pro Tag nicht signifikant zwischen den Gruppen.

Warum ist eine Querschnittsstudie wie NHANES nicht ausreichend, um Kausalität zu belegen? Querschnittsstudien erfassen Expositionen und Gesundheitszustände zu einem einzigen Zeitpunkt. Dadurch lässt sich nicht feststellen, ob die untersuchte Ernährungsweise dem Auftreten von Darmkrebs zeitlich vorausging oder ob andere, nicht erfasste Faktoren die Beobachtung erklären.

Gibt es Unterschiede zwischen Naturjoghurt und gesüßtem Joghurt hinsichtlich der Wirkung auf die Darmgesundheit?
Die Studie unterschied nicht systematisch zwischen Joghurtsorten. Allgemein gilt jedoch, dass Naturjoghurt ohne Zuckerzusatz aus ernährungswissenschaftlicher Sicht vorzuziehen ist, da ein hoher Zuckerkonsum mit anderen gesundheitlichen Risiken, etwa für Stoffwechselerkrankungen, in Verbindung gebracht wird, die ihrerseits das Darmkrebsrisiko beeinflussen können.

Quellen

Tu, C. W., & Wang, H. L. (2026). Association between probiotic, prebiotic, and yogurt consumption and colorectal cancer: Real-world evidence from the US NHANES. Nutrition & Diabetes. https://doi.org/10.1038/s41387-026-00432-y

Sai Lomte, T. (2026, July 8). Yogurt, prebiotics, and probiotics link to lower colorectal cancer odds in U.S. adults. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20260708/Yogurt-prebiotics-and-probiotics-link-to-lower-colorectal-cancer-odds-in-US-adults.aspx

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