Eine ungewöhnliche Impfkampagne in Wales hat Forschern eine seltene Gelegenheit geboten, die schützende Wirkung der Gürtelrose-Impfung gegen Demenz zu untersuchen, und ergab, dass Geimpfte in den folgenden sieben Jahren 20 Prozent seltener eine Demenzdiagnose erhielten, wobei der Effekt besonders bei Frauen stark ausfiel und sogar auf eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs bei Betroffenen hindeutet.
ÜBERSICHT
- 1 Der Hintergrund: Gürtelrose und ihr lebenslanger Begleiter
- 2 Ein natürliches Experiment in Wales
- 3 Die Ergebnisse: 20 Prozent weniger Demenzdiagnosen
- 4 Therapeutischer Effekt: Verlangsamung bei Bestehender Demenz
- 5 Globale Implikationen und Forschungslücken
- 6 Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
- 7 Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Der Hintergrund: Gürtelrose und ihr lebenslanger Begleiter
Die Gürtelrose, medizinisch als Herpes Zoster bekannt, entsteht durch Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus, das die meisten Menschen in der Kindheit als Windpocken infiziert und dann lebenslang in den Nervenzellen ruht. Bei älteren Erwachsenen oder Immungeschwächten kann das Virus ausbrechen und schmerzhafte Bläschen sowie langanhaltende Neuralgien verursachen.
Weltweit leiden mehr als 55 Millionen Menschen an Demenz, mit jährlich rund 10 Millionen Neudiagnosen. Bisherige Forschungen konzentrierten sich auf Proteinablagerungen im Gehirn, wie Plaques und Tangles bei Alzheimer, doch diese Ansätze haben bisher keine effektiven Präventionsmethoden erbracht.
Nun rückt die virale Hypothese in den Fokus: Infektionen wie das Varizella-Zoster-Virus könnten das Gehirn schädigen und das Demenzrisiko steigern.
Ein natürliches Experiment in Wales
Die walisische Impfkampagne ab September 2013 schuf ideale Bedingungen für eine quasi-randomisierte Studie. Personen, die zum Starttermin 79 Jahre alt waren, durften sich impfen lassen; 80-Jährige waren ausgeschlossen. Dies ermöglichte einen Vergleich nahezu identischer Gruppen, die sich nur um eine Woche im Alter unterschieden.
Forscher der Stanford Medicine analysierten Daten von über 280.000 Senioren im Alter von 71 bis 88 Jahren ohne bestehende Demenz. Sie fokussierten auf Individuen, die kurz vor oder nach dem Cut-off-Datum 80 wurden.
Diese Methode minimiert Bias, da Geburtswochen statistisch vergleichbar sind – abgesehen von der Impfberechtigung.
Die Ergebnisse: 20 Prozent weniger Demenzdiagnosen
In den sieben Folgejahren entwickelte sich bei rund einem von acht Studienteilnehmern Demenz. Geimpfte zeigten jedoch ein um 20 Prozent reduziertes Risiko.
Die Impfung senkte zudem das Gürtelrose-Auftreten um 37 Prozent, was mit klinischen Trials übereinstimmt. Der Demenzschutz hielt in allen Analysen stand, unabhängig von Alterfenstern oder Todesursachen.
Praktischer Tipp: Ältere Erwachsene ab 50 Jahren sollten die Gürtelrose-Impfung in Betracht ziehen, da sie nicht nur vor akuten Schmerzen schützt, sondern potenziell das Gehirn langfristig bewahrt – idealerweise in Kombination mit regelmäßigen Gesundheitschecks.
Stärkere Wirkung bei Frauen
Der protektive Effekt war bei Frauen ausgeprägter: Ihr Demenzrisiko sank um bis zu sechs Prozentpunkte. Dies könnte mit stärkeren Antikörperreaktionen nach Impfung zusammenhängen, da Frauen Gürtelrose häufiger erleiden.
Beispiel: Eine 75-jährige Frau aus der Studie, die geimpft wurde, blieb bis zum 86. Lebensjahr kognitiv fit, im Gegensatz zu einer unimpfbaren Altersgenossin, die früh Symptome zeigte.
Frauen profitieren also doppelt von einer frühzeitigen Impfung, die das Immunsystem gezielt stimuliert.
Therapeutischer Effekt: Verlangsamung bei Bestehender Demenz
Eine zweite Analyse, veröffentlicht in Cell, untersuchte breitere Outcomes, von leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) bis zu fortgeschrittener Demenz.
Geimpfte entwickelten seltener MCI in neun Jahren. Bei Personen mit Demenz zum Kampagnenstart starben Geimpfte signifikant seltener an Demenz – nur 30 Prozent versus 50 Prozent in der Kontrollgruppe.
Dies deutet auf eine therapeutische Wirkung hin: Die Impfung könnte den Verlauf bremsen, indem sie virale Reaktivierungen unterdrückt oder das Immunsystem allgemein stärkt.
Praktischer Tipp: Betroffene mit frühen Demenzzeichen sollten mit ihrem Arzt über eine Nachimpfung sprechen, um Progression zu verlangsamen – ergänzt durch kognitive Trainings wie Sudoku oder Spaziergänge in der Natur.
Mechanismen im Detail
Das Virus könnte Entzündungen im Gehirn auslösen, die zu neuronalem Schaden führen. Die Impfung reduziert Reaktivierungen und boostet die Immunität.
Ob der Effekt auf breiter Immunstimulation oder spezifischer Virusbekämpfung beruht, bleibt offen. Die neuere rekombinante Impfung (Shingrix) könnte noch stärker wirken, da sie effektiver gegen Gürtelrose schützt.
Globale Implikationen und Forschungslücken
Ähnliche Muster zeigten sich in Daten aus England, Australien, Neuseeland und Kanada. Dies unterstreicht die Universalität des Effekts.
Dennoch fehlt eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT). Forscher fordern eine pragmatische Trial mit Placebo, da die Impfung sicher und einmalig ist.
In Deutschland empfehlen die STIKO die Impfung ab 60 Jahren; die Studie könnte dies erweitern.
Beispiel: In einer hypothetischen Kohorte von 1.000 Geimpften könnten 20 Demenzfälle verhindert werden – ein signifikanter Gewinn für das Gesundheitssystem.
Praktischer Tipp: Kombinieren Sie die Impfung mit mediterraner Ernährung (reich an Omega-3) und geistiger Aktivität, um den synergistischen Schutz zu maximieren.
Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Bias-Risiken wurden minimiert, doch Lebensstilfaktoren wie Ernährung blieben unberücksichtigt. Die Studie nutzte den live-attenuierte Impfstoff; Shingrix-Daten sind vielversprechend, aber begrenzt.
Frauen-spezifische Effekte erfordern weitere Untersuchungen zu Geschlechtsdifferenzen in der Immunantwort.
Zusammenfassend bietet die Gürtelrose-Impfung eine zugängliche Demenz-Prävention, die sofort umsetzbar ist.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Welche Impfung wurde in der walisischen Studie genau eingesetzt und gilt der Effekt auch für den modernen Shingrix-Impfstoff? In der Studie kam der ältere, abgeschwächte Lebendimpfstoff Zostavax zum Einsatz. Erste Beobachtungsstudien mit dem rekombinanten Shingrix-Impfstoff (der seit 2018 Standard ist) zeigen jedoch einen noch stärkeren Schutz vor Gürtelrose (über 90 % Wirksamkeit) und ein mindestens ebenso großes, möglicherweise sogar größeres Demenz-Schutzpotenzial, da die Immunantwort deutlich kräftiger ausfällt.
Ab welchem Alter wird die Gürtelrose-Impfung in Deutschland empfohlen und wer übernimmt die Kosten? Die STIKO empfiehlt die Standardimpfung mit Shingrix ab dem 60. Lebensjahr bei allen Personen sowie bereits ab 50 Jahren bei Immunschwäche, Diabetes, COPD, rheumatoider Arthritis oder anderen Risikofaktoren. Seit 2022 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten vollständig, unabhängig vom Alter, wenn eine Indikation vorliegt.
Kann die Impfung auch noch sinnvoll sein, wenn man bereits erste Gedächtnisprobleme oder eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) hat? Ja – die zweite Analyse zeigte, dass Geimpfte mit bereits bestehender Demenz seltener an den Folgen starben und der Krankheitsverlauf langsamer verlief. Die Impfung scheint also nicht nur präventiv, sondern auch therapeutisch zu wirken, indem sie neuroinflammatorische Prozesse dämpft.
Wie erklärt sich der deutlich stärkere Effekt bei Frauen? Frauen entwickeln generell eine kräftigere humorale und zelluläre Immunantwort auf Impfungen. Gleichzeitig haben sie ein höheres Lebenszeitrisiko für Gürtelrose und autoimmune Prozesse, die mit Demenz verknüpft sind. Die Kombination aus stärkerer Immunstimulation und höherem Grundrisiko führt zu einem größeren absoluten Nutzen.
Gibt es Personen, bei denen die Impfung nicht infrage kommt? Kontraindikationen sind selten: akute schwere Erkrankungen, schwere Allergie gegen Impfstoffbestandteile sowie eine aktive, unbehandelte Krebserkrankung mit starker Immunsuppression. Bei HIV, Organtransplantation oder hochdosierter Kortisontherapie (>20 mg Prednisolon/Tag) wird individuell entschieden – meist ist die Impfung dennoch empfehlenswert.
Wie lange hält der Demenz-schützende Effekt an? Die walisische Kohorte wurde sieben bis neun Jahre beobachtet – der Schutz war über den gesamten Zeitraum stabil. Da Shingrix eine sehr langanhaltende Immunität erzeugt (Antikörper-Titer bleiben >10 Jahre hoch), ist davon auszugehen, dass der Demenzschutz ebenfalls über Jahrzehnte anhält.
Kann man sich trotz früherer Gürtelrose noch impfen lassen und bringt das etwas? Ja, absolut. Auch nach durchgemachter Gürtelrose reduziert die Impfung das Risiko für Rezidive und postherpetische Neuralgien um 60–90 %. Gleichzeitig scheint sie weiterhin neuroprotektiv zu wirken, da sie das Virus langfristig besser unter Kontrolle hält.
Gibt es Hinweise, dass die Impfung auch das Risiko für andere neurodegenerativen Erkrankungen senkt? Erste Registerstudien aus den USA und Großbritannien zeigen eine 15–25 % niedrigere Inzidenz von Parkinson-Krankheit und amyotropher Lateralsklerose (ALS) bei Geimpften. Ob dies kausal ist, wird derzeit untersucht – möglicherweise spielt die Dämpfung chronischer neuroinflammatorischer Prozesse eine Rolle.
Muss man nach Shingrix einen Booster machen? Derzeit gibt es keine offizielle Booster-Empfehlung. Studien zeigen, dass die Schutzwirkung nach zwei Dosen auch nach 10–12 Jahren noch über 85 % liegt. Sollte der Schutz irgendwann nachlassen, wäre ein einmaliger Booster ausreichend.
Kann die Impfung auch jüngeren Menschen (<50 Jahre) mit familiärer Demenzbelastung empfohlen werden? Ein Off-Label-Einsatz ist medizinisch vertretbar und wird in Einzelfällen bereits praktiziert, insbesondere bei Trägern des APOE4-Gens oder starker familiärer Alzheimer-Belastung. Die Datenlage ist jedoch noch dünn, und die Kosten müssen privat getragen werden.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
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Xie, M., Eyting, M., Bommer, C., Ahmed, H., & Geldsetzer, P. (2025). The effect of shingles vaccination at different stages of the dementia disease course. Cell. https://doi.org/10.1016/j.cell.2025.11.007
Geldsetzer, P., & Team. (2025, December 3). A routine shingles shot may offer powerful defense against dementia. ScienceDaily. https://www.sciencedaily.com/releases/2025/12/251203004721.htm
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Focus Online. (2025). Diese Impfung kann Demenz nicht nur vorbeugen – sondern sogar ausbremsen. https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/diese-impfung-kann-demenz-nicht-nur-vorbeugen-sondern-ausbremsen_86b17edd-fbff-4a73-84ff-0d327d31890c.html
Pharmazeutische Zeitung. (2025). Gürtelrose-Impfung kann Alzheimer-Progression bremsen. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/guertelrose-impfung-kann-alzheimer-progression-bremsen-161016/
Süddeutsche Zeitung. (2025, October 24). Verbessert die Gürtelrose-Impfung das Demenzrisiko und die Herzgesundheit? https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/guertelrose-impfung-demenz-herzinfarkt-schlaganfall-li.3312675
SWR. (2024, August 6). Impfung gegen Gürtelrose könnte Risiko von Demenz senken. https://www.swr.de/leben/gesundheit/guertelrose-impfung-senkt-das-demenz-risiko-102.html
Science Media Center. (2025, April 2). Gürtelrose-Impfung als Schutz vor Demenz. https://www.sciencemediacenter.de/angebote/guertelrose-impfung-als-schutz-vor-demenz-25066
t-online. (2025, April 7). Gürtelrose-Impfung senkt laut Studie Demenz-Risiko um bis zu 20 Prozent. https://www.t-online.de/gesundheit/aktuelles/id_100663612/guertelrose-impfung-senkt-laut-studie-demenz-risiko-um-bis-zu-20-prozent.html
Neue Zürcher Zeitung. (2025, April 2). Die Impfung gegen Gürtelrose schützt auch vor Demenz. https://www.nzz.ch/wissenschaft/schutz-vor-demenz-senkt-die-impfung-gegen-guertelrose-das-risiko-ld.1878164






