Forscher entdecken schützende Hirnzellen gegen Alzheimer

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 13. November 2025, Lesezeit: 7 Minuten

In einer wegweisenden Studie haben Wissenschaftler der Icahn School of Medicine am Mount Sinai in New York in enger Zusammenarbeit mit internationalen Partnern eine seltene Untergruppe von Mikroglia entdeckt, die als neuroprotektive Mikroglia wirken, Entzündungen im Gehirn effektiv dämpfen, die Ausbreitung toxischer Proteine hemmen und Gedächtnisverlust bei Alzheimer verhindern können – ein vielversprechender neuer Ansatz für Immuntherapien gegen Demenz.

Die ambivalente Rolle der Mikroglia bei Alzheimer

Mikroglia sind die Immunzellen des Gehirns und übernehmen eine zentrale Funktion bei der Abwehr von Schäden. In der Alzheimer-Krankheit zeigen sie jedoch ein zwiespältiges Verhalten: Einerseits beseitigen sie schädliche Ablagerungen, andererseits können sie unter bestimmten Bedingungen Entzündungen verstärken und zur Krankheitsprogression beitragen. Die aktuelle Forschung legt nun dar, dass eine spezifische Population von Mikroglia mit niedriger Expression des Transkriptionsfaktors PU.1 und erhöhter Präsenz des Rezeptors CD28 einen klar schützenden Effekt entfaltet. Diese Zellen reduzieren nicht nur die Bildung von Amyloid-Plaques, sondern hemmen auch die Ausbreitung toxischer Tau-Proteine, die beide als zentrale pathologische Merkmale der Alzheimer-Erkrankung gelten.

Funktionsweise der neuroprotektiven Mikroglia

Die Wissenschaftler setzten sowohl Mausmodelle der Alzheimer-Krankheit als auch menschliche Gehirnzellen und Gewebeproben ein, um die Mechanismen zu entschlüsseln. Eine Reduktion des PU.1-Spiegels führt dazu, dass Mikroglia Rezeptoren exprimieren, die normalerweise in lymphoiden Immunzellen vorkommen. Obwohl diese schützenden Mikroglia nur einen kleinen Anteil der gesamten Mikroglia-Population ausmachen, entfalten sie eine weitreichende Wirkung: Sie unterdrücken Entzündungsprozesse im gesamten Gehirn und tragen dazu bei, dass Mäuse ihr Gedächtnis und ihre Überlebenschancen erhalten. Wird der CD28-Rezeptor gezielt aus dieser Mikroglia-Subpopulation entfernt, verschärfen sich Entzündungen und das Plaque-Wachstum nimmt zu – ein klarer Beleg dafür, dass CD28 eine unverzichtbare Rolle bei der Aufrechterhaltung der Schutzfunktion spielt.

Genetische Faktoren und reduziertes Alzheimer-Risiko

Bereits frühere genetische Untersuchungen hatten eine häufige Variante im SPI1-Gen identifiziert, das für die Produktion von PU.1 verantwortlich ist und mit einem geringeren Risiko für Alzheimer assoziiert wird. Die aktuelle Studie liefert nun die mechanistische Erklärung: Niedrigere PU.1-Spiegel aktivieren genau jene neuroprotektiven Mikroglia, die Entzündungen und Proteinablagerungen entgegenwirken. Dieser Befund verknüpft genetische Prädisposition direkt mit zellulären Schutzmechanismen und unterstreicht die Bedeutung individueller genetischer Profile für das Krankheitsrisiko.

Perspektiven für eine Alzheimer-Immuntherapie

Die Entdeckung der PU.1-CD28-Achse schafft ein neues molekulares Verständnis dafür, wie Mikroglia das Gehirn schützen können. Sie eröffnet zugleich konkrete Ansätze für immunbasierte Therapien, die den Krankheitsverlauf von Alzheimer gezielt verändern könnten. Forscher diskutieren bereits Strategien zur Modulation von Mikroglia-Zuständen, etwa durch pharmakologische Senkung von PU.1 oder Aktivierung von CD28, um die schützende Subpopulation zu fördern. Solche Ansätze könnten in Zukunft mit bestehenden Anti-Amyloid-Therapien kombiniert werden und synergistische Effekte erzielen.

Die internationale Kooperation umfasst das Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns in Köln, die Rockefeller University sowie die City University of New York. Anne Schaefer, die leitende Autorin der Studie, betont: „Mikroglia sind nicht allein zerstörerische Akteure bei Alzheimer – sie können zu echten Beschützern des Gehirns werden.“ Alexander Tarakhovsky hebt Parallelen zu regulatorischen T-Zellen hervor und spricht von einer geteilten Logik der Immunregulation über verschiedene Zelltypen hinweg.

Finanzierung und Veröffentlichung

Die Forschung wurde durch Mittel des National Institutes of Health, des European Research Council, der Stavros Niarchos Foundation, des Cure Alzheimer’s Fund sowie weiterer Stiftungen und Institutionen ermöglicht. Die Ergebnisse erschienen am 5. November 2025 in der Fachzeitschrift Nature unter dem DOI 10.1038/s41586-025-09662-z.

Bedeutung für Patienten und präventive Maßnahmen

Noch steht keine direkte Therapie zur Verfügung, doch die Erkenntnisse nähren die Hoffnung, die Progression von Alzheimer künftig zu verlangsamen oder sogar zu stoppen. Bis dahin bleiben regelmäßige kognitive Überprüfungen und ein gesunder Lebensstil zentrale Empfehlungen. Tägliche körperliche Aktivität, eine mediterrane Ernährung mit hohem Anteil an Omega-3-Fettsäuren und ausreichender Schlaf unterstützen nachweislich die Mikroglia-Gesundheit und reduzieren systemische Entzündungen. Neue diagnostische Verfahren könnten künftig PU.1- und CD28-Spiegel im Gehirn messen, um individuelle Risiken frühzeitig zu erkennen und gezielte Interventionen einzuleiten.

Zukünftige Forschungsrichtungen

Die Entwicklung von Biomarkern für neuroprotective Mikroglia steht im Mittelpunkt kommender Studien. Personalisierte Therapien, die auf genetischen Profilen basieren, könnten die Behandlung revolutionieren. Klinische Phase-I-Studien mit Substanzen, die CD28 modulieren, werden in den nächsten drei bis fünf Jahren erwartet – vorausgesetzt, präklinische Daten bestätigen Sicherheit und Wirksamkeit. Die Plastizität der Mikroglia, die in früheren Arbeiten bereits beschrieben wurde, erhält durch diese Forschung eine neue Dimension und unterstreicht die Notwendigkeit globaler Zusammenarbeit in den Neurowissenschaften.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was genau sind Mikroglia und welche Aufgaben erfüllen sie im gesunden Gehirn? Mikroglia machen etwa 10 bis 15 Prozent aller Zellen im zentralen Nervensystem aus und überwachen kontinuierlich das Gehirngewebe. Sie entfernen abgestorbene Zellen, beseitigen Proteinaggregate und modulieren synaptische Verbindungen, wodurch sie maßgeblich zur neuronalen Homöostase und Plastizität beitragen.

Können bereits zugelassene Medikamente die PU.1-Expression beeinflussen? Einige Immunmodulatoren, darunter bestimmte Glukokortikoide und JAK-Inhibitoren, zeigen indirekte Effekte auf PU.1, jedoch ohne ausreichende Spezifität. Gezielte PU.1-Hemmer befinden sich derzeit in der präklinischen Entwicklungsphase und könnten in spezialisierten Alzheimer-Modellen getestet werden.

Tritt die schützende Mikroglia-Subpopulation auch bei gesunden Menschen auf? Ja, diese Zellen sind physiologisch vorhanden und tragen zur Aufrechterhaltung der Gehirngesundheit bei. Bei Alzheimer verschiebt sich das Gleichgewicht zugunsten entzündlicher Phänotypen, was die neuroprotective Population in den Hintergrund drängt.

Welche Rolle spielt der Lebensstil bei der Aktivierung schützender Mikroglia? Regelmäßige aerobe Bewegung stimuliert die Freisetzung anti-inflammatorischer Zytokine und fördert den Übergang zu neuroprotektiven Mikroglia-Zuständen. Eine Ernährung reich an Omega-3-Fettsäuren, Polyphenolen und Antioxidantien reduziert systemische Entzündungen und unterstützt die Mikroglia-Funktion, wie Tierstudien und epidemiologische Daten nahelegen.

Wann könnten erste klinische Therapien auf Basis dieser Entdeckung verfügbar sein? Optimistische Schätzungen gehen von ersten Phase-I-Studien mit CD28-Agonisten oder PU.1-modulierenden Substanzen in drei bis fünf Jahren aus. Die Translation in die Klinik hängt von der erfolgreichen Validierung in primaten Modellen und der Etablierung sicherer Verabreichungswege ab, etwa durch nasale oder intrathekale Applikation.

Gibt es Unterschiede in der Mikroglia-Reaktion zwischen frühem und spätem Alzheimer? In frühen Stadien dominieren oft noch kompensatorische Mechanismen mit erhöhter neuroprotektiver Aktivität, während im fortgeschrittenen Alzheimer chronische Entzündung und Mikroglia-Erschöpfung überwiegen. Bildgebende Verfahren wie PET mit TSPO-Liganden könnten diese Dynamik künftig differenzieren.

Könnte diese Entdeckung auch andere neurodegenerative Erkrankungen betreffen? Ja, ähnliche Mikroglia-Mechanismen spielen bei Parkinson, ALS und frontotemporaler Demenz eine Rolle. Die PU.1-CD28-Achse könnte ein gemeinsamer Regulator sein; erste Daten aus Parkinson-Modellen deuten auf übertragbare Prinzipien hin.

Wie zuverlässig lassen sich die Maus-Ergebnisse auf den Menschen übertragen? Mausmodelle replizieren zentrale Alzheimer-Pathologien, doch menschliche Mikroglia zeigen komplexere Genexpressionsmuster. Die Studie validierte Befunde zusätzlich in humanen iPSC-abgeleiteten Mikroglia und post-mortem-Gewebe, was die Relevanz stark erhöht.

Gibt es Risiken bei einer Aktivierung von CD28 auf Mikroglia? Übermäßige CD28-Stimulation könnte systemische Immunaktivierung auslösen. Präklinische Studien testen derzeit selektive, gehirnspezifische Agonisten, um periphere Effekte zu minimieren.

Können Bluttests künftig den Status schützender Mikroglia anzeigen? Indirekt möglich: Zirkulierende Zytokine und Exosomen aus dem Gehirn könnten PU.1- oder CD28-assoziierte Signaturen tragen. Erste Prototyp-Assays befinden sich in der Validierung.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen:

  • Ayata, P., Crowley, J. M., Challman, M. F., Sahasrabuddhe, V., Gratuze, M., Werneburg, S., Ribeiro, D., Hays, E. C., Durán-Laforet, V., Faust, T. E., Hwang, P., Lopes, F. M., Nikopoulou, C., Buchholz, S., Murphy, R. E., Mei, T., Pimenova, A. A., Romero-Molina, C., Garretti, F., … Schaefer, A. (2025). Lymphoid gene expression supports neuroprotective microglia function. Nature. https://doi.org/10.1038/s41586-025-09662-z
  • The Mount Sinai Hospital / Mount Sinai School of Medicine. (2025, November 8). Scientists find brain cells that could stop Alzheimer’s. ScienceDaily. https://www.sciencedaily.com/releases/2025/11/251108083902.htm

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