Adipositas-Risiken: Männer und Frauen sind unterschiedlich gefährdet

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Stephanie Rataj, Ernährungs- und Diabetesberaterin (DDG), aktualisiert am 14. April 2026, Lesezeit: 8 Minuten

Neue Forschungsergebnisse, die beim Europäischen Kongress für Adipositas (ECO) in Istanbul vorgestellt werden, zeigen erstmals in einer klinischen Kohortenstudie mit 1.134 Teilnehmenden, dass Männer und Frauen mit Adipositas grundlegend unterschiedliche kardiovaskuläre, metabolische und entzündliche Risikoprofile aufweisen, was weitreichende Konsequenzen für die künftige Gestaltung geschlechtsspezifischer Therapieansätze haben könnte.

Hintergrund: Adipositas als globale Herausforderung

Adipositas ist längst keine rein individuelle Erkrankung mehr, sondern ein globales Gesundheitsproblem mit systemischen Folgen. Im Jahr 2023 lebten schätzungsweise 1,54 Milliarden Erwachsene weltweit mit dem Metabolischen Syndrom, einem gefährlichen Cluster aus abdominaler Adipositas, erhöhtem Cholesterin, Bluthochdruck und erhöhtem Nüchternblutzucker, was etwa einer von drei Frauen und einem von vier Männern entspricht.

Trotz dieser Dimension fehlt es bislang an klinisch validierten Daten darüber, wie sich das Geschlecht auf die pathophysiologischen Mechanismen der Adipositas auswirkt. Adipositas ist eine komplexe chronische Erkrankung, die durch unterschiedliche metabolische und entzündliche Reaktionen gekennzeichnet ist, wobei das biologische Geschlecht die Fettgewebeverteilung, den hepatischen Stoffwechsel und die systemische Entzündungsaktivität beeinflusst.

Die Studie: Methodik und Studiendesign

Um diese Wissenslücke zu schließen, analysierten Forschende der Dokuz Eylül Universität in der Türkei Daten von 886 Frauen (Durchschnittsalter 45 Jahre) und 248 Männern (Durchschnittsalter 41 Jahre) mit Adipositas, die zwischen 2024 und 2025 die Adipositas-Ambulanz der internistischen Universitätsklinik aufsuchten.

Erfasste Messparameter

Alle Teilnehmenden wurden körperlich vermessen, darunter Körpergröße, Gewicht, Body-Mass-Index (BMI) und Blutdruck, und es wurden umfangreiche Blutfettprofile erhoben, einschließlich Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Triglyzeride und Nüchternblutzucker. Zusätzlich wurden biochemische Marker der Leber- und Nierenfunktion sowie Entzündungsparameter wie C-reaktives Protein, Erythrozytensedimentationsrate und Thrombozytenzahl bestimmt.

Ergebnisse: Klare geschlechtsspezifische Muster

Männer: Viszerales Fett und Leberbelastung im Fokus

Die Analyse ergab, dass Männer im Durchschnitt einen leicht höheren BMI aufwiesen als Frauen (37,5 gegenüber 36 kg/m²), jedoch einen deutlich größeren Bauchumfang (120 gegenüber 108 cm) sowie einen höheren systolischen Blutdruck (128 gegenüber 122 mmHg), beides Faktoren, die mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes assoziiert sind.

Darüber hinaus waren Leberenzyme (ALT und GGT) sowie Triglyzeridspiegel und Kreatininwerte bei Männern signifikant erhöht, was auf eine stärkere Belastung der Leber und ein erhöhtes Risiko für Lebererkrankungen hindeutet.

Frauen: Cholesterin und systemische Entzündung dominieren

Bei Frauen hingegen lagen der Gesamtcholesterinspiegel (215 gegenüber 203 mg/dl) und das LDL-Cholesterin (130 gegenüber 123 mg/dl) signifikant höher als bei Männern. Zudem waren Entzündungsmarker wie die Erythrozytensedimentationsrate, das C-reaktive Protein und die Thrombozytenzahl bei Frauen signifikant erhöht.

In nahe, dass Frauen mit Adipositas stärker von systemischen Entzündungsprozessen betroffen sind, während bei Männern metabolische Komplikationen durch viszerales Fett im Vordergrund stehen.

Biologische Erklärungsansätze

Die Rolle der Hormone

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in Hormonen, Immunreaktion und Fettverteilung erklären die beobachteten Muster: Östrogene beeinflussen, wie Fett gespeichert wird und wie der Körper auf Entzündungen reagiert. Frauen tendieren dazu, mehr Fett subkutan zu speichern und zeigen ein anderes Entzündungsprofil, das sich in höheren Werten für C-reaktives Protein und Erythrozytensedimentationsrate widerspiegelt.

Immunsystem und Genetik

Frauen verfügen generell über eine stärkere Immunantwort, die teilweise auf genetische Faktoren wie das X-Chromosom zurückzuführen ist. Männer hingegen neigen dazu, Fett bevorzugt um innere Organe herum anzusammeln, was eng mit metabolischen Komplikationen verbunden ist.

Klinische Bedeutung: Warum geschlechtsspezifische Therapien notwendig sind

Die Ergebnisse sind klinisch relevant, da standardisierte Behandlungsansätze bei Adipositas bislang kaum zwischen den Geschlechtern differenzieren. Dabei zeigt die Studie deutlich:

  • Männer mit Adipositas sollten bevorzugt auf Lebergesundheit, viszerale Fettmasse und kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Hypertonie und Hypertriglyzeridämie untersucht werden.
  • Frauen mit Adipositas sollten intensiver auf Cholesterin, LDL-Werte und chronische Entzündungsmarker gescreent werden.
  • Geschlechtsspezifische Biomarker-Profile könnten helfen, Risikopatientinnen und -patienten früher zu identifizieren und gezielter zu behandeln.

„Unsere Ergebnisse zeigen faszinierende Unterschiede darin, wie Männer und Frauen auf Adipositas reagieren“, erklärte Studienleiterin Dr. Zeynep Pekel von der Dokuz Eylül Universität in Izmir. „Sie verdeutlichen, wie wichtig geschlechtsspezifische Forschung ist, und deuten darauf hin, dass solche Unterschiede ein Ausgangspunkt für die Entwicklung zielgerichteter, geschlechtsbasierter Therapien sein könnten.“

Einschränkungen der Studie

Die Forschenden selbst weisen auf methodische Grenzen hin, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen.

Die Studie ist querschnittlich angelegt und kann daher keine Kausalzusammenhänge belegen. Sie ist zudem anfällig für Confounding-Effekte und umfasst überwiegend Teilnehmende türkischer Herkunft, was die Übertragbarkeit der Befunde auf andere ethnische Gruppen einschränkt. Eine größere Folgestudie sei notwendig, um die Ergebnisse zu bestätigen und zu erweitern.

Ausblick: Personalisierte Medizin bei Adipositas

Die Studie fügt sich in einen wachsenden wissenschaftlichen Konsens ein, dass eine geschlechtssensible Medizin bei der Behandlung chronischer Erkrankungen wie Adipositas nicht optional, sondern notwendig ist. Zukünftige Forschung sollte folgende Fragen adressieren:

  • Wie genau modulieren Sexualhormone die Fettgewebeverteilung im Verlauf des Lebens?
  • Welche diagnostischen Schwellenwerte gelten geschlechtsspezifisch für Entzündungsmarker?
  • Können individualisierte Ernährungs- und Bewegungsinterventionen gezielt auf diese Profile abgestimmt werden?

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Warum ist der Bauchumfang ein so wichtiger Marker bei Adipositas? Der Bauchumfang gilt als Maßstab für viszerales Fett, also Fett, das sich um die inneren Organe ansammelt. Dieses Fett ist metabolisch besonders aktiv und produziert entzündungsfördernde Substanzen, die das Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lebererkrankungen erhöhen, unabhängig vom Gesamtgewicht.

Was bedeutet ein erhöhter LDL-Cholesterinwert bei Frauen mit Adipositas konkret? Erhöhtes LDL-Cholesterin, das sogenannte „schlechte“ Cholesterin, lagert sich in den Arterienwänden ab und fördert die Entstehung von Arteriosklerose. Bei Frauen mit Adipositas erhöht dies langfristig das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, besonders nach den Wechseljahren, wenn der schützende Einfluss des Östrogens nachlässt.

Sollten Frauen und Männer mit Adipositas unterschiedlich behandelt werden? Die vorliegende Studie legt nahe, dass ein einheitliches Behandlungsschema nicht ausreicht. Klinische Leitlinien könnten in Zukunft geschlechtsspezifische Biomarker-Screenings und darauf abgestimmte Therapiestrategien empfehlen, doch für eine breite Implementierung bedarf es zunächst weiterer groß angelegter Studien.

Was ist das Metabolische Syndrom und wie hängt es mit Adipositas zusammen? Das Metabolische Syndrom bezeichnet das gleichzeitige Auftreten von abdominaler Adipositas, erhöhtem Blutdruck, erhöhten Blutzuckerwerten, erhöhten Triglyzeriden und niedrigem HDL-Cholesterin. Es ist eng mit Adipositas verknüpft und gilt als Hauptrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes.

Sind die Ergebnisse auf europäische Patienten übertragbar? Die Studie wurde überwiegend mit Teilnehmenden türkischer Herkunft durchgeführt. Grundlegende biologische Mechanismen, wie die Rolle von Östrogen oder viszeralem Fett, gelten zwar geschlechtsübergreifend und ethnienunabhängig, doch spezifische Schwellenwerte und Prävalenzen können je nach Population variieren. Weitere Studien mit diverseren Kohorten sind erforderlich.

Welche Rolle spielen Leberenzyme wie ALT und GGT bei der Adipositas-Diagnostik? Alanin-Aminotransferase (ALT) und Gamma-Glutamyl-Transferase (GGT) sind Marker für Leberzellschäden. Erhöhte Werte bei Männern mit Adipositas deuten auf eine nicht-alkoholische Fettleber hin, eine häufige Komorbidität, die unbehandelt in Leberzirrhose übergehen kann.

Kann regelmäßige körperliche Aktivität die geschlechtsspezifischen Risikoprofile bei Adipositas gezielt verbessern? Ja, allerdings mit unterschiedlichem Schwerpunkt je nach Geschlecht. Ausdauertraining reduziert nachweislich viszerales Fett und senkt Leberwerte wie ALT und GGT, was besonders Männern zugutekommt. Bei Frauen zeigen kombinierte Trainingsformen aus Kraft- und Ausdauersport eine stärkere Wirkung auf Entzündungsmarker wie das C-reaktive Protein und den LDL-Cholesterinspiegel. Entscheidend ist dabei die Regelmäßigkeit: Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens 150 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche für Erwachsene.

Verändert sich das Risikoprofil von Frauen mit Adipositas nach den Wechseljahren? Deutlich. Mit dem Rückgang des Östrogenspiegels in den Wechseljahren verlieren Frauen einen wesentlichen biologischen Schutzfaktor: Östrogen begünstigt die subkutane Fettspeicherung und wirkt entzündungshemmend. Nach der Menopause verschiebt sich die Fettverteilung zunehmend in Richtung viszeraler Depots, ähnlich dem männlichen Muster, während gleichzeitig LDL-Cholesterin und Entzündungsmarker weiter ansteigen können. Postmenopausale Frauen mit Adipositas tragen daher ein kombiniertes Risikoprofil, das eine engmaschigere kardiometabolische Überwachung erfordert.

Quellen

European Association for the Study of Obesity. (2026, April 13). Obesity health risks differ significantly between men and women. News-Medical.net. https://www.news-medical.net/news/20260413/Obesity-health-risks-differ-significantly-between-men-and-women.aspx

Pekel, Z., et al. (2025–2026). Sex-specific cardiometabolic and inflammatory profiles in adults with obesity: A cross-sectional analysis [Abstract, European Congress on Obesity 2026]. Dokuz Eylül University, Izmir, Turkey.

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Després, J. P., & Lemieux, I. (2006). Abdominal obesity and metabolic syndrome. Nature, 444(7121), 881–887. https://doi.org/10.1038/nature05488

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